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Sendung vom 30. Mai 2011
Internet: Spielboom
Spiele im Internet erleben derzeit einen echten Boom. Jeder kann sie überall spielen. Der Zugang ist einfach und kostenlos. Doch Suchtexperten warnen vor den Gefahren exzessiven Spielens. So kann es etwa die Spieler eine Menge Geld kosten.
Am Tag fährt Dirk Hendorf Gabelstapler, in der Nacht
befehligte er auf dem virtuellen Schlachtfeld in einem sogenannten
Browsergame eine ganze
Truppe. Oft hat er 18 Stunden durchgehend gespielt und dabei viel
Geld ausgegeben: 5.000 Euro insgesamt.
Browsergames sind Spiele,
die man sofort spielen kann: anmelden und los. Man benötigt
keine Software und keine
Spielkonsole. Wer will, kann das Spiel kostenlos spielen. Aber Dirk
Hendorf machte das keinen Spaß. Er kaufte
„Rohstoffe“ ein, um seinen Militärstützpunkt
aufzubauen und dann so schnell wie möglich angreifen zu
können. Für Beträge von 1,99 Euro bis 99 Euro
können sich die Spieler eindecken und ihre Figuren
ausstatten.
Dirk Hendorf ist jetzt in einer Therapie. Die Diagnose:
„pathologischer Internetgebrauch“ - Onlinesucht. In der Fachklinik
Münchwies im Saarland gibt es keine Computer. Hier sind
Menschen, die süchtig sind nach Internetspielen. Die Browsergames, sagt Holger
Feindel, Arzt für Psychosomatik, bergen ein sehr großes
Gefährdungspotenzial. Mittlerweile ist jeder Zweite, der wegen
Onlinesucht in der
Fachklinik eine Therapie beginnt, ein Browsergame-Spieler.
Das Angebot der Browsergames wächst täglich. Für
jeden Geschmack ist etwas dabei. Es sind nicht mehr allein die
Ballerspiele für Jungs. Es gibt Bauernhofspiele für
Hobbygärtner, Fantasyspiele oder sogar Spiele, in denen sich
kleine Mädchen um ihr Pony kümmern können. Keine
Zielgruppe wird ausgelassen. Der Boom der Browsergames ist messbar: Die Umsätze in
Deutschland stiegen von 53 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 73
Millionen Euro in 2010. Das ist ein Umsatzplus von 38 Prozent.
Regine Pfeiffer und Daniel Klinkhammer vom Kriminologischen
Forschungsinstitut Niedersachsen beobachten die Entwicklung
kritisch. Sie arbeiten derzeit an einer Studie über Browsergames. Regine Pfeiffer
beobachtet eine eigene Dynamik: Erst macht es den Spielern
Spaß, dann kommen sie in eine Phase von „Pech“,
so das Ergebnis ihrer Studie. Dann kaufen Spieler „virtuelle
Items“, also
Fähigkeiten, die das Pech ihrer Figuren minimieren oder deren
Stärke erhöhen. Und wenn dann die Spieler Geld ausgegeben
haben, so die Wissenschaftlerin, dann soll es sich auch lohnen und
sie investieren wieder.
Ist es Zufall, dass immer häufiger Spieler nicht vom Spielen
lassen können? Oder gibt es eine Strategie, die Spieler
bewusst animiert, immer mehr Geld auszugeben? Regine Pfeiffer ist
bei ihrer Recherche auf ein Interview mit dem amerikanischen
Brancheninvestor Tim Chang gestoßen. Er sagte 2009 im Rahmen
einer Konferenz für virtuelle Güter: „Man muss
erreichen, dass sie (die Spieler, d. R.) genervt sind, weil es so
lange dauert, bis sie was erreichen. Das provoziert
Impulskäufe von Gütern, die helfen, Zeit zu sparen. Das
ist der Kern einer guten Zwangsschleife.“
Mittlerweile zahlen laut Bundesverband der digitalen Wirtschaft 36
Prozent der Spieler von Browsergames. Monatlich geben sie im Schnitt 28
Euro aus. Einer der nach eigenen Angaben weltweit
größten Anbieter von Browsergames ist das deutsche Unternehmen Bigpoint. Die Firma gibt an, dass
nur etwa zehn Prozent der eigenen Spieler zahlen. Auf unsere Frage,
welches Ziel Bigpoint mit
seinen Spielen verfolge, antwortet das Unternehmen: „Wie
jedes freie wirtschaftliche Unternehmen will Bigpoint Gewinn machen und seinen Gewinn
vermehren. Dieses Ziel wollen wir aber auf keinen Fall erreichen,
indem wir Nutzer in die Abhängigkeit treiben.“
Außerdem arbeite Bigpoint mit psychologisch geschultem Personal
zusammen, um in Fällen von exzessivem Spiel
einzugreifen.
Dirk Hendorf wird noch einige Wochen in der Klinik bleiben. Das
Ziel der Therapie ist es, seine Figur im Spiel zu löschen. Ob
er es schafft, weiß er noch nicht. Zu sehr hat das Spiel sein
Leben in den vergangenen Jahren bestimmt. Davon loszukommen ist ein
langer Weg.
Ingrid Bertram
Stand: 30.05.2011
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