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Der Aldi-Check

Teil 4: Fairness

  • SendeterminMontag, 22. August 2011, 21.00 - 21.45 Uhr.

Georg Heitlinger ist Eierproduzent aus dem Kraichgau und einer von Aldis ehemaligen Lieferanten. Als er im Sommer 2000 für Aldi zu liefern begann, war es mit dem beschaulichen Hofleben vorbei: Heitlinger investierte in neue Maschinen und Personal. Denn ein Kunde wie Aldi braucht Masse - vor allem in der Eier-Hochsaison vor Weihnachten oder Ostern. Die Preise mit Aldi seien damals allerdings nicht in der Hochsaison ausgehandelt worden, sondern im Sommer, erinnert sich Heitlinger: „Da ist generell weniger los im Eierbereich. Da sind die Lieferanten dann immer zu mehr Zugeständnissen bereit. Und das richtige Eiergeschäft fängt dann immer erst im September/Oktober an, dann zieht auch der Preis wieder an. Aldi hat aber im Sommer schon verhandelt und dadurch haben die ziemlich günstige Einkaufskonditionen.“ Dennoch habe er im ersten Jahr mit Aldi ein gutes Geschäft gemacht, sagt er. Dann habe Aldi immer weniger gezahlt und plötzlich sah Georg Heitlinger die Existenz seines Hofes in Gefahr. Er zog die Notbremse und stieg aus dem Geschäft mit dem Discounter aus.

Was Aldi zahlt, gilt oft als Messlatte. Als 2008 viel Milch auf dem Markt war, senkte Aldi den Preis. Auch deshalb kippten die Bauern ihre Milch vor den Aldi-Läden aus. Sie ahnten: Senkt Aldi die Preise, zieht die Konkurrenz bald nach.

Irgendwer zahlt immer den Preis. Das sollte eine Aktion der Christlichen Initiative Romero im vergangenen Herbst deutlich machen: Sie verteilte ein dem Aldi-Prospekt „Aldi informiert ...“ nachempfundenes Flugblatt. Wer genau hinsah, las bei den Jeans zu 9,99 Euro aus der Türkei: „Auf Kosten der Arbeiterinnen billig produziert“, und die T-Shirts für Kinder auf Seite vier wurden demnach für „33 Euro Monatslohn bei 80 Stunden pro Woche“ gefertigt. Die Initiative verteilte von diesem nachgemachten Prospekt 30.000 Stück - ungestraft. Sie wollte auf die Arbeitsbedingungen bei Aldi-Zulieferern im Ausland aufmerksam machen.

In Billiglohnländern wie China produzieren Wanderarbeiter - häufig Frauen - Kleidung bis zum Umfallen. Sie machen nach Recherchen des Siegburger Südwind-Instituts bis zu 130 Überstunden im Monat und können trotzdem kaum von ihrer Arbeit leben. Mehrfach prangerte Südwind die Arbeitsbedingungen in solchen Fabriken und mit ihnen die Abnehmer der Waren an, darunter auch Aldi-Süd. Das Unternehmen räumte im vergangenen Jahr in einer schriftlichen Stellungnahme „Missstände (…) in zahlreichen Fertigungsstätten“ ein, stellte aber fest, dass „[wir] nicht für die vollumfängliche Einhaltung“ der „nach unserer Auffassung einzuhaltenden Regeln und Werte (…) entlang der Lieferkette verantwortlich gemacht werden können.“ Um volle Verantwortung für sie zu übernehmen, sind chinesische Arbeiter angeblich zu weit weg. Doch andere Arbeitnehmer sind es nicht: die in den eigenen Filialen. Unser vierter Check:

Wie fair ist Aldi?

Langjährige Verkäuferinnen bei Aldi-Nord bekommen in Nordrhein-Westfalen den Tariflohn von gut 13,50 Euro brutto, außerdem eine monatliche Prämie und ein volles 13. Monatsgehalt. Doch Aldi-Nord zahlt nicht einfach so mehr Geld, sondern verlangt Mehrarbeit. Eine Vollzeitverkäuferin muss bis zu drei Stunden pro Woche mehr arbeiten als im Tarifvertrag steht. Aber nicht mal diese sogenannten „Bis-zu-Zeiten“ reichen Insidern zufolge, um die tägliche Arbeit zu schaffen. Oft seien die Verkaufsstellen nur mit zwei Beschäftigten besetzt, sagt Aldi-Experte Manfred Birkhahn von der Gewerkschaft Verdi: „Der eigentlich materielle Nachteil beginnt jenseits dieser ,Bis-zu-Zeiten’, in dem die Leute halt noch früher kommen und noch länger bleiben und noch weniger Pause machen, weil sie es eben zu zweit nicht schaffen, die Arbeit zu erledigen, die von ihnen verlangt wird.“ Das hieße, Beschäftigte bei Aldi-Nord würden zeitweise umsonst arbeiten. Kann das sein? Eine Mitarbeiterin von Aldi-Nord, die nicht erkannt werden will, berichtet: „Man schafft seine Arbeit nicht mehr in der angegebenen Zeit, weil es vom Volumen her viel mehr geworden ist. Man ist teilweise gezwungen, morgens um sechs schon in der Filiale zu sein, um dann da wirklich umsonst zu arbeiten, damit man sein Tagespensum schafft und hängt dann natürlich am Ende auch noch ein Stündchen dran“. Das sagt die Mitarbeitern. Aldi-Nord spricht von Einzelfällen. Das Unternehmen stellt uns gegenüber schriftlich fest, „dass das Arbeitsvolumen in unseren Verkaufsstellen durchaus mit den vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten (...) zu schaffen ist.“ Tatsächlich?

Wir machen einen Check und fahren früh morgens zu einer zufällig ausgesuchten Aldi-Filiale nach Solingen. Es ist kurz vor sechs Uhr. Regulärer Arbeitsbeginn ist in knapp zwei Stunden. Bereits um 6.10 Uhr kommt der erste Mitarbeiter. Angeblich ist er so früh wegen der schlechten Busverbindung. Um 6.50 Uhr kommt seine Kollegin. Sie erzählen uns, jetzt erst mal Kaffee zu trinken, geben aber beide zu, mit der regulären Arbeitszeit sei der Laden nicht vorbereitet, wenn die Kunden kämen. Gewerkschafter fordern deshalb eine Arbeitszeiterfassung: „Ich muss festhalten, wann ich komme, und muss festhalten, wann ich gehe. Eigentlich müsste man am Wochenende, am Samstag, so einen Strich machen und gucken, was ist denn angefallen? Und dann müsste man verrechnen.“ Doch an solcher Klarheit scheint Aldi nicht interessiert: Zweimal haben wir Aldi-Nord schriftlich gefragt, ob die Arbeitszeiten exakt erfasst werden. Wir bekamen keine Antwort.

Von Problemen bei der Zeiterfassung hören wir bei Aldi-Süd nichts. Dafür gibt es laut Gewerkschaft fast nirgendwo im Aldi-Süd-Gebiet einen Betriebsrat - und das bei mehr als 30.000 Mitarbeitern. Warum nicht? Aldi-Süd begründet das mit der großen Mitarbeiterzufriedenheit, die sich in regelmäßigen Umfragen zeige. Zitat: „Innerbetriebliche Fragestellungen werden auf der Basis einer zuverlässigen Gesprächskultur regelmäßig einvernehmlich gelöst. Wohl aufgrund dieses sehr partnerschaftlichen Umgangs mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind Betriebsräte in unserer Unternehmensgruppe nur ausnahmsweise vertreten.“

Wenn das so ist: Was war damals in München los? In einem Hotel in der Münchner Innenstadt versammelten sich Ende April 2004 nach Teilnehmerangaben rund 50 Aldi-Süd-Beschäftigte. Ziel des Abends war die Gründung eines Betriebsrats. Doch der Abend wurde für die Initiatorinnen zu einem Desaster: Die Wahl des Betriebsrates sei mit großer Mehrheit abgelehnt worden, obwohl es vorher eine deutliche Stimmung dafür gegeben habe, sagt Orhan Akman, Handelsexperte bei Verdi in München. Aldi habe im Vorfeld offenbar massiv Druck auf die Beschäftigten ausgeübt, vermutet Akman. Leitende Angestellte hätten mit den Beschäftigten Einzelgespräche geführt. Und noch etwas sei an diesem Abend ungewöhnlich gewesen: „Ich habe es noch nie erlebt, dass fast 100 Prozent der Beschäftigten bei einer Wahlversammlung dabei sind. Bei Aldi war es damals so, dass 50 von 54 Beschäftigten hier anwesend waren und dann nur drei von denen sich für eine Betriebsratswahl ausgesprochen haben, was ja sehr seltsam und sehr merkwürdig ist. Und hinzu kommt, dass das Unternehmen etwa 40 der Beschäftigten mit Taxis hier rübergefahren hat. Auch das kommt nie vor.“

Stimmt es, dass leitende Angestellte Druck ausgeübt haben? Stimmt es, dass die Unternehmensleitung 40 Mitarbeiter in Taxis zu der Wahlversammlung bringen ließ? Aldi-Süd könnte das alles bestreiten, doch Aldi-Süd gibt auf diese Fragen keine Antwort.

Laut Orhan Akman habe Aldi-Süd 2009 in München einen weiteren Versuch einer Betriebsratsgründung vereitelt. Der Discounter schweigt auch dazu. Akman erklärt, er kenne kein anderes Unternehmen, das so hartnäckig Betriebsräte verhindere wie Aldi-Süd.

Viertes Checkurteil: Die Fairness bei Aldi ist unzureichend.

 

Autoren:

Nicole Kohnert, Herbert Kordes

Stand: 22.08.2011


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