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Sendung vom 16. Januar 2012
RFID-Chips: Gläserne Kunden?
Sie sind klein und unscheinbar: sogenannte RFID-Chips in Kleidungsstücken. Datenschützer schlagen Alarm: Die Funkchips können auch aus einiger Entfernung ausgelesen werden.
Inzwischen stecken sie auch in Pullovern oder Jacken: Elektronische Chips, die mit Radio-Frequenz-Identifikation (RFID) arbeiten. Diese Technik hilft Unternehmen, Abläufe im Lager oder bei der Inventur zu vereinfachen. Doch Datenschützer warnen: Jeder Chip enthält eine weltweit einmalige Nummer – und die lässt sich berührungslos erfassen und speichern. Das ermöglicht, Bewegungsprofile von Menschen zu erstellen. Wie sich RFID-Nummern in der Kleidung von Passanten selbst aus einiger Entfernung auslesen lassen, demonstrierten jetzt Aktivisten des Bielefelder Vereins Foebud.
„Ich kriege richtig Angst
“,
entfährt es der blonden Frau. Erschrocken schaut sie auf den
Laptop. Dort steht die Nummer des RFID-Chips, der in ihrer
Winterjacke der italienischen Marke Peuterey steckt. Sie habe von
dieser Technik nichts gewusst, erklärt sie. „Und jetzt weiß jeder, dass das meine Jacke
ist?
“ - „Wir sagen es nicht
weiter
“, lacht Padeluun, Aktivist des Bielefelder
Datenschutzvereins Foebud.
Padeluun und weitere Foebud-Demonstranten stehen in der
Bielefelder Fußgängerzone. „RFID-Stop“
heißt die Parole auf ihrem Protestschild. Daneben, montiert
auf einer Sackkarre, befindet sich ein weißer Kasten.
„Ein handelsübliches RFID-Lesegerät im
Industriestandard
“, erklärt Padeluun. „Der liest jedes RFID-Etikett, das hier vorbeikommt, bis
zu einer Entfernung von acht Metern
“, ergänzt Rena
Tangens, ebenfalls bei Foebud aktiv. Das Lesegerät ist mit
einem Laptop verbunden und mit einem Beamer, der die
ausgespähte RFID-Nummer auf ein großes Display in
Sprechblasenform wirft. Eine ältere Dame mit Einkaufstüte
bleibt stehen. Auch bei ihr schlägt das RFID-Lesegerät
an, die Nummer wird sichtbar. „Wenn ich da
hinten mein Gerät aufstelle und Sie kommen vorbei, erkenne ich
Sie wieder
“, erklärt Padeluun. „Das muss aber nicht sein
“, entgegnet die
Dame.
Die RFID-Kritiker präsentieren das Lesegerät vor dem
Bielefelder Geschäft des Modehauses Gerry Weber. Das
Unternehmen mit Sitz im ostwestfälischen Halle betreibt 430
eigene Läden, auch in Dubai und Moskau. Hinzu kommen 2.000
Verkaufstellen in Kaufhäusern oder Modegeschäften. Gerry
Weber produziert Damenbekleidung, mehr als 26 Millionen Teile pro
Jahr. Sämtliche Gerry-Weber-Produkte enthalten inzwischen
einen RFID-Funkchip, der mit Ultrahochfrequenz arbeitet (868
Megahertz). Ähnliche Chips finden sich an Paletten,
Tiefkühlbehältern oder Maschinenteilen, die in
Lagerhallen und Fabriken bewegt werden. Die winzige Elektronik
steckt, zusammen mit einer flachen Antenne, im Textilpflegeetikett.
„Mit dem Chip können wir alle Zähl-
und Erfassungsvorgänge unserer Ware wesentlich
beschleunigen
“, erklärt Christian von Grone, bei
Gerry Weber für RFID zuständig. Im Geschäft in der
Düsseldorfer Innenstadt zeigt uns von Grone ein
Lesegerät, kaum größer als ein Funkgerät.
Langsam führt er das Gerät an einer Reihe von
Kleidungsstücken vorbei. „210 Teile werden
jetzt in 30 Sekunden gezählt
“, sagt er. Die Inventur
gehe viel schneller von der Hand. „Für ein
Geschäft dieser Größe haben wir früher 15
Mitarbeiter das Wochenende durchzählen lassen
“, sagt
von Grone. „Jetzt erfassen wir mit drei
Mitarbeitern in einer halben Stunde den gesamten
Laden.
“
Dass Unternehmen die RFID-Technik für Logistik, Inventur
und zur Diebstahlsicherung nutzen, stößt bei den
Foebud-Leuten nicht auf Kritik. „Wir verlangen,
dass der Chip nach dem Bezahlen an der Kasse entfernt
wird
“, fordert Rena Tangens. Doch genau das macht Gerry
Weber nicht. Das Abschneiden kostet zu viel Zeit, bindet zu viel
Personal, vermuten Fachleute. „Wir entfernen das
Pflegeetikett an der Kasse, wenn die Kundin dies
wünscht
“, erläutert Christian von Grone. Die
meisten Frauen würden das Etikett lieber zu Hause selbst
abschneiden. Er betont, dass man die Kundschaft über RFID
informiere. In den Gerry-Weber-Läden liegen Handzettel an der
Kasse. Auf jedem Pflegeetikett steht „RFID inside“ und
„remove before
wearing“, also vor dem Tragen entfernen. Und kein
Kunde müsse fürchten, dass sein Name mit einer
RFID-Nummer verknüpft werde. „Wir speichern
keine personenbezogenen Daten zusammen mit den Daten vom
Chip
“, versichert Christian von Grone.
Das stellt die Foebud-Mitglieder nicht zufrieden. „Das Problem ist, dass die Nummer auf dem Chip in der
Kleidung der Kundin aktiv bleibt
“, entgegnet Rena
Tangens. „Wenn ich mit meinem woanders gekauften
Jacket an der Kasse stehe und zeige eine EC-Karte oder wenn ich per
Bilderkennung von einer Videoüberwachung erkannt werde und
gleichzeitig der Chip ausgelesen wird
“, dann, so Rena
Tangens, könnten Bewegungsprofile erstellt werden, ohne dass
der Bürger davon erfährt.
RFID-Chips, auch Transponder oder Tags genannt, befinden sich
zudem in Bibliotheksausweisen, Studentenausweisen,
Mitarbeiterausweisen vieler Firmen oder in den Monatstickets
für Busse und Bahnen. Diese elektronischen Winzlinge arbeiten
mit einer schwächeren Frequenz als die Gerry-Weber-Chips. Sie
lassen sich nur aus wenigen Zentimetern Entfernung (max. 20 cm)
auslesen, erklärt Rena Tangens. Die Sparkassen haben
angekündigt, im Laufe des Jahres neue EC-Karten
einzuführen, die bargeldloses Bezahlen ermöglichen. Auch
diese Karten arbeiten mit RFID. Deren Ausleseentfernung betrage
etwa 50 Zentimeter, schätzt der Verein Foebud. Im
elektronischen Personalausweis steckt ebenfalls Technik zur
Radio-Frequenz-Identifikation. „Auf einen Meter
Entfernung auslesbar
“, weiß Rena Tangens.
Im Visier von Foebud befindet sich auch das italienische
Modelabel Peuterey, das nach eigenen Angaben rund 50.000 Jacken pro
Jahr in Deutschland verkauft. Der Hersteller verwendet RFID-Chips
mit Ultrahochfrequenz (849 Megahertz) vor allem, um Markenpiraterie
zu bekämpfen. Motto: „Nur echt, wenn mit
Chip.
“ Der Endverbraucher sei über den Gebrauch der
RFID-Technik informiert worden, „durch die Medien der
verschiedenen nationalen und internationalen Fachpresse“,
schreibt Peuterey an den WDR. „Auch im Internet
wurden Pressemitteilungen und Videos in dieser Hinsicht
verbreitet.
“ Davon weiß die blonde Frau in der
Bielefelder Fußgängerzone jedoch nichts. Und wo in ihrer
Jacke steckt der Funkchip? Etwa innen, im eingenähten Etikett?
„Nein
“, entgegnet Peuterey, „der RFID-Chip befindet sich immer an verschiedenen
Stellen in der Jacke
“. „Nicht so toll!
Schön wäre, ich könnte das abschneiden und in den
Mülleimer schmeißen
“, meint die Bielefelder
Kundin.
Matthias Holland-Letz
Stand: 16.01.2012
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