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Beinbruch: Folgenschwere Operation

  • SendeterminMontag, 16. Januar 2012, 21.00 - 21.45 Uhr.

Ein Ausrutscher im Türkei-Urlaub führte zu einem Bruch des Oberschenkels. Bei der Operation in einer türkischen Privatklinik wurde das komplette Kniegelenk entfernt und durch eine Prothese ersetzt – mit schwerwiegenden Folgen.

Es passierte im Türkeiurlaub 2010: Auf einem Fußweg der Hotelanlage rutschte der 54-jährige Hartmut Wolk aus und brach sich den Oberschenkel. Er kam ins Krankenhaus. Nach der Untersuchung äußerten die Ärzte den Verdacht, dass der Oberschenkel nicht nur gebrochen sei. „Man hat entdeckt, dass in dem Knochen wohl ein Tumor war, der dafür gesorgt hat, dass diese Verletzung so schwer war, dass man mich in dem ersten Krankenhaus nicht behandeln konnte und mich dann in eine Spezialklinik verbracht hat einige Orte weiter.

Das Kemer Medical Center in Antalya nahm ihn auf. Es gehört zur Klinikkette Anadolu Hastanesi. Wolk sagt, die Ärzte hätten erklärt, der Tumor sei wohl gutartig, er müsse aber trotzdem operiert werden. Der Patient hatte Zweifel und wollte zurück nach Deutschland. Zusammen mit seiner Ehefrau kontaktierte er Rettungsdienste und Airlines. Doch aus der Rückkehr wurde nichts, wie Gabriele Wolk berichtet: „Weil dieses ‚Fit for Fly‘ vom Krankenhaus nicht erteilt wurde.

Diese Genehmigung hätte Hartmut Wolk für seine Rückreise haben müssen. Ohne das Papier nehmen Airlines Kranke und Verletzte nicht mit. Wolk sagt, er habe am Ende keine Wahl gehabt und deshalb der Operation zugestimmt. Die Klinik widerspricht seiner Darstellung. Auf Anfrage schreibt uns der deutsche Anwalt: „Eine entsprechende Fluggenehmigung wäre jederzeit erteilt worden.

Folgenschwerer Eingriff

Es steht also Aussage gegen Aussage. Tatsache ist: Hartmut Wolk blieb in der Türkei und wurde dort operiert. Der Eingriff war aufwändig. Die Chirurgen entfernten das Kniegelenk. Dabei werden auch Teile des Oberschenkelknochens und des Schienbeins herausgenommen. Ersetzt wird alles durch eine sogenannte Tumor-Endoprothese. Es ist einer der kompliziertesten Eingriffe, die es im Bereich der Gelenkchirurgie gibt - und einer der folgenreichsten. Hartmut Wolk wirft der Klinik vor, ihn nicht richtig aufgeklärt zu haben: „Man hat mir gesagt, dass ich nach dieser Operation in relativ kurzer Zeit, in wenigen Wochen, wieder komplett am sozialen Leben teilhaben kann. Aufgrund dieser Äußerung habe ich gesagt, okay, das wird eine Geschichte sein, die nötig ist, aber mich jetzt nicht für den Rest meines Lebens einschränkt.

Aber Hartmut Wolk hat in der Klinik unterschrieben, dass er vor der Operation über alle Risiken aufgeklärt worden sei. Dies betont der Anwalt der Klinik ausdrücklich. Die Folgen heute sind für Hartmut Wolk hart: „Ich habe Probleme beim Laufen. Das operierte Bein ist drei Zentimeter länger als das gesunde Bein, das heißt, ich muss Schuhprothesen tragen. Ich muss jeden Schuh, den ich mir neu anschaffe oder den ich hatte, zum orthopädischen Schuhmacher bringen. Meine Ärzte sagten schon, ich werde auf beiden Seiten Hüftprobleme bekommen, die ich auch teilweise schon spüre.

Prothese überflüssig?

War die komplizierte Operation überhaupt nötig, fragt sich nun Hartmut Wolk. Was sagt der Spezialist für Gelenkchirurgie, Professor Peter Könings? „Es ist ein sehr komplexer Eingriff, der auch technisch sehr anspruchsvoll ist und operativ sehr anspruchsvoll ist. Und der auch extrem teuer ist. (…) Bei uns wird ein Eingriff dann gemacht, wenn bösartige Knochenerkrankungen vorliegen, wo man, um das Leben zu retten, große Teile des Knochens entfernen muss. Um dann die Lebensqualität wiederherzustellen, setzt man dann eine solche Prothese ein.

In Wolks Knie ist eine Prothese, die in der Regel nur Patienten mit Knochenkrebs bekommen, so der Spezialist. Aber Hartmut Wolk hatte keinen Krebs. Das geht sogar aus der Gewebeuntersuchung der türkischen Klinik hervor. Es war eine gutartige Knochenzyste.

Wolks Arzt, Stefan Cymorek, versteht das Vorgehen der türkischen Chirurgen nicht: „Unter diesem histologischen Gewebeergebnis ist dieser Eingriff für meine Augen grotesk, weil es sich bei dieser Versorgung um die annähernd letzte Möglichkeit handeln kann, mit der ein Mensch überhaupt versorgt werden kann. Es ist keine Versorgung für einen Menschen der im Leben steht, der weiter arbeiten muss, eventuell noch Sport betreiben will. Das Ganze hat für ihn auf lange Sicht einen deutlichen Verlust an Lebensqualität.

Arzt zieht OP-Handschuhe an
Ein medizinisches Gutachten spricht von einem "groben Behandlungsfehler".

Nach Meinung der deutschen Ärzte war die Prothese also überflüssig. Im türkischen Kemer sieht man das anders. Wir nehmen Kontakt zum deutschen Anwalt der Klinikkette auf. Er teilt uns schriftlich mit: „Sämtliche durchgeführten Untersuchungen und Diagnosestellungen sind aus Sicht des Krankenhauses indiziert und der ärztlichen Kunst entsprechend durchgeführt worden.

Ein medizinisches Gutachten kommt zu einem anderen Ergebnis: Von einem Eingriff mit „katastrophalen“ Konsequenzen ist darin die Rede und von einem „groben Behandlungsfehler“. Demnach hätte Hartmut Wolks Kniegelenk erhalten werden können.

Der Einsatz der Prothese hat für Hartmut Wolk weitreichende Folgen. „Die Halbwertzeit dieser eingebauten Prothese liegt bei zehn Jahren. Ich hoffe, dass sie länger hält. Auf alle Fälle meinten meine Ärzte: Sollte vorher etwas passieren, dann wüssten sie nicht, was sie machen könnten. Dann würde höchstwahrscheinlich die Amputation des Beines nur noch die Möglichkeit sein oder eine komplette Versteifung, irgendwas in der Richtung.

Weitere Beschwerden gegen Klinikkette

Von schlechten Erfahrungen mit der Klinikkette berichtet auch Hans Joachim Begaß. Er arbeitet bei der Gothaer-Versicherung und ist dort der Fachmann für die Türkei. Sein Job ist es, Touristen vor Ort zu helfen und am Ende die Arztrechnungen zu prüfen. Allein 2011 musste er neun Beschwerden gegen Anadolu Hastanesi einleiten. „In der Weise, dass sehr viele Rechnungen überhöht ausgestellt worden sind, dass Behandlungsmethoden gemacht worden sind, die nicht zur Diagnose passten, dass übermäßige Laboruntersuchungen oder Röntgenaufnahmen gemacht worden sind.

Die Folgen der Operation werden Hartmut Wolk sein Leben lang begleiten. Zahlen muss er trotzdem: Vertrag ist Vertrag, sagte ein Gericht und sprach der türkischen Privatklinik die Operationskosten von rund 50.000 Euro zu. Medizinische Fragen waren dabei vor Gericht nicht Verhandlungsgegenstand. Hartmut Wolk will sich das nicht gefallen lassen. Er überlegt jetzt, die Klinik auf Schmerzensgeld zu verklagen.

Autor:

Norman Laryea

Stand: 16.01.2012


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