
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
markt
Sendung vom 06. Februar 2012
Lkw-Unfälle: Wackelkandidaten
Schwere Lkw-Unfälle gehören zur täglichen Bilanz in den Verkehrsmeldungen. Häufig ist schlecht gesicherte Fracht eines der größten Probleme. markt fragt, was dagegen unternommen wird.
Auf der A2 in Richtung Oberhausen ist ein Lkw umgekippt. Wir
begleiten die Experten für Ladungssicherheit von der
Autobahnpolizei Dortmund. Sie suchen nach der Unfallursache. Zeugen
sahen, wie der Lkw auf einmal anfing zu schwanken. Für
Wolfgang Jaspers von der Autobahnpolizei ein deutliches Indiz:
„Das wird wahrscheinlich mit der Ladung zu tun
haben, nämlich dass sich die Bigpacks auf der Ladefläche
bewegt haben und dadurch das Fahrzeug nicht mehr vernünftig
lenkbar gemacht haben. Das heißt, der Schwerpunkt
verändert sich. Das Fahrzeug kippt dann ab einem bestimmten
Punkt um.
“ Nach Angaben der Versicherer sind 40 Prozent
der Lkw-Ladungen schlecht gesichert.
Kommt die Ladung ins Rutschen, bedeutet das nicht selten Lebensgefahr für die Autofahrer hinter und neben dem Lkw. Und es kann jeden treffen, so wie Norbert Lembke. Weit vor ihm verlor ein Lkw eine Planke. Mehrere Autofahrer hatten Glück und konnten darüber hinweg fahren. Dann wurde die Planke hochgeschleudert und traf frontal den Wagen von Norbert Lembke. Nur wenige Zentimeter trennten ihn vom Tod.
In Finnentrop verunglückte im vergangenen Juli Sebastian
Schulte tödlich. Er war erst 300 Meter gefahren. Seine
trauernden Eltern wissen, dass ihr Sohn keine Chance hatte.
Probleme mit ungesicherten Lkw-Ladungen auf der Straße waren
lange bekannt. Doch erst nach dem Unglück hat sich das
geändert, wie Vater Friedhelm berichtet: „Vorher waren 80 Prozent mindestens – das würde
ich sogar beeiden vor jedem Gericht – nicht gesichert.
Danach, schon zwei Tage später, waren alle Ladungen doppelt
gesichert, sogar mit Ketten, was man früher überhaupt
nicht kannte.
“
Willy Schnieders, Vorsitzender der Kraftfahrergewerkschaft,
bemängelt, dass die Fahrer in Sachen Ladungssicherung fast
alle schlecht ausgebildet seien: „Die Lkw-Fahrer
laden zu 80 Prozent ihre Fahrzeuge selbst, genauso wie sie ihre
Fahrzeuge selbst entladen. Und wenn er kein guter Staplerfahrer
oder Verlader ist, dann dauert das etwas länger. Aber er hat
auch den Termin, dass er am anderen Morgen um eine gewisse Zeit
irgendwo sein muss. Und da wird die Ladung nicht oder nur
unzureichend gesichert.
“ Der Fehler liege im System,
meint der Gewerkschafter: schlecht ausgebildete Fahrer mit zu wenig
Zeit.
Beim Thema Zeit stimmen die Spediteure im Bundesverband für
Güterkraftverkehr zu: „Dass Lkw-Fahrer
immer wieder für vertraglich nicht vereinbarte
Ladetätigkeiten - vor allem bei Handelsunternehmen –
herangezogen werden, ist ein nicht hinnehmbarer
Tatbestand.
“ Ein Ausbildungsproblem sehen die Spediteure
aber nicht.
Sind vielleicht auch manche Vorschriften für die
Ladungssicherheit zu lasch? Uwe-Peter Schieder hat für den
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die bestehenden
Richtlinien nachrechnen lassen: „Im Extremfall
hält die Ladung nicht, wenn sie genau, haargenau, nach der
Richtlinie gesichert ist. Die Ladung muss sich erst einmal bewegen
und diese Dynamik ist nicht berücksichtigt. Dann kann es dazu
kommen, dass die Ladung auch mal nicht hält.
“
Die Berechnungen der Versicherungswirtschaft und die Aussage, dass 40 Prozent der Ladungen schlecht gesichert seien, werden von den Spediteuren angezweifelt. Der Bundesverband für Güterkraftverkehr spricht von zehn Prozent schlecht gesicherter Ladung und beschwichtigt: „Längst nicht in jedem Falle liegt dabei auch automatisch eine konkrete Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer vor.“
Der Gutachterstreit zwischen Spediteuren und Versicherern
beeindruckt die Polizisten von der Dortmunder Autobahnpolizei
nicht. Wolfgang Jaspers meint: „Wenn die Physik
nicht da wäre, würde nichts passieren. Und vor allen
Dingen: Die Physik hat Kraft ohne Ende und die wirkt postwendend
und nicht erst, wenn man ein Gutachten missachtet.
“
Michael Lang
Stand: 06.02.2012
Seite teilen