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Sendung vom 06. Februar 2012
Städtebau: Luxussanierungen
Ehemals einfache Stadtviertel werden luxussaniert und für eine gut verdienende Klientel herausgeputzt – aber damit auch unbezahlbar für viel Bewohner, die dort keinen Platz mehr finden.
Der Stadthafen in Münster ist eine Kreativmeile für Künstler und Vergnügungssüchtige. In den alten Speicherhäusern haben Maler und Designer ihre Ateliers, Architekten und Werber arbeiten in modernen Lofts. Kneipen und Cafés haben sich angesiedelt, und auch ein Verlag arbeitet hinter denkmalgeschützter Fassade.
Früher war der Hafen Güterumschlagplatz für Holz und Getreide. Arbeiter hatten ihre Jobs. Doch mit dem Strukturwandel kam die wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit, in den 1980er-Jahren dann das endgültige Aus.
Heute ist wieder Leben im Hafen und im ehemaligen
Arbeiterviertel nebenan. Heike Jägers lebt dort seit 15
Jahren. Das Haus, in dem sie wohnt, wurde kürzlich an einen
Investor verkauft. Der will modernisieren und kündigt an, die
Miete zu erhöhen - um knapp 530 Euro im Monat. „Das hat mich natürlich sehr erschrocken, weil ich
alleinerziehend bin mit zwei jungen Heranwachsenden. Mein Einkommen
geht durch drei, das heißt, ich werde mir im
Innenstadtbereich eine Wohnung zusammen mit meinen Kindern hier
nicht mehr leisten können.
“ Dabei verdient die
50-jährige Software-Beraterin nicht mal schlecht. Dass sie
für eine Modernisierung so viel mehr bezahlen soll,
verunsichert sie. Die Mieter unter ihr sind bereits ausgezogen und
die Mieter darüber haben es vor.
Der Stadthafen in Münster ist kein Einzelfall und die Entwicklung verläuft fast immer gleich: Ein Stadtteil mit denkmalgeschützter Bausubstanz wird von jungen Kreativen entdeckt. Sie ziehen in die bezahlbaren Wohnungen und beleben das Viertel mit ihrer Kultur. Der Stadtteil wird „in“. Dann ziehen Gutverdiener dorthin, renovieren Häuser und Wohnungen mit dem Effekt, dass die Mieten steigen. Plötzlich interessieren sich auch Makler und Investoren dafür, kaufen, modernisieren und verkaufen. Die Mieten steigen weiter. Alteingesessene Bewohner wandern ab. Der Charakter eines ganzen Viertels verändert sich. Fachleute nennen das Phänomen „Gentrifizierung“ oder auf Englisch „gentrification“. Das Wort stammt vom englischen „gentry“, was wörtlich übersetzt „niederer Adel“ heißt.
Auch in Köln ist der Trend zu spüren: Der Rheinauhafen zum Beispiel war früher ein Industriegebiet, heute ist er ein Luxusviertel. 750 Millionen Euro stecken in den Hochglanzfassaden. In den Büros haben sich Weltunternehmen und internationale Anwaltskanzleien niedergelassen. In die großzügigen Wohnungen mit Rheinblick ziehen Menschen, die es sich leisten können, dafür bis zu 8.000 Euro pro Quadratmeter zu bezahlen.
Je reicher die Städte und je gebildeter deren Bewohner,
desto wahrscheinlicher ist eine Gentrifizierung. Stadtsoziologen
beobachten den Trend in Köln, Düsseldorf und
Münster. Auch an Hochschulstandorten wie Bonn und Aachen
wäre sie denkbar. Im Ruhrgebiet allenfalls in Duisburg, wie
der Stadtsoziologe Professor Jürgen Friedrichs beobachtet:
„Also eine gentrification wird nicht im ländlichen Raum
stattfinden, sondern in Großstädten, dort, wo Sie
entweder eine Altbausubstanz haben oder so eine Neuentwicklung wie
den Duisburger Hafen. Und es betrifft immer nur Inseln, auch nur
Teile von Stadtteilen.
“
In deutschen Großstädten wächst inzwischen der Protest gegen die Gentrifizierung. Im Hamburger Schanzenviertel und am Prenzlauer Berg in Berlin sind Demonstranten auf die Straße gegangen, haben gegen ständig steigende Mieten demonstriert - und gegen die neuen Gutverdiener, die sich in ihrem Viertel niederlassen. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es erste Widerstände.
Franz-Xaver Corneth, Geschäftsführer der
Rheinauhafenverwaltungsgesellschaft in Köln sieht eher die
Vorteile, die eine Gentrifizierung mit sich bringt: „Die Stadt Köln profitiert dadurch, dass sie eine
neue Skyline bekommen hat. Die Stadt Köln profitiert dadurch,
dass wir durch den Rheinauhafen zum Beispiel in der „New York
Times“ als der Ort von 30 gewesen sind, die man im Leben
besucht haben muss. Also im Moment sehe ich nur, was alles davon
profitiert.
“ Ein kaufkräftiges Publikum und
steigende Gewerbesteuereinnahmen sind weitere Vorteile.
Aber macht das die Lebensqualität von Städten wirklich aus? Experten raten den Kommunen, den Wohnungsmarkt nicht zunehmend privaten Investoren zu überlassen und nicht zuzulassen, dass mittlere und untere Einkommensschichten an den Standrand gedrängt werden. Schließlich ist es nicht zuletzt die soziale Mischung, die unsere Innenstädte attraktiv und lebendig macht.
Silvia Andler
Stand: 06.02.2012
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