Esoterik: Sinnsuche mit Suchtpotenzial
- Montag, 04. Juni 2012, 21.00 - 21.45 Uhr
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Das Übersinnliche ist längst kein Nischengeschäft mehr. Jeder vierte Deutsche glaubt an Horoskope. Der jährliche Umsatz mit esoterischen Produkten und Dienstleistungen wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt.
Was bringt die Zukunft? Jeder siebte Deutsche sucht die Antwort
in der Esoterik, etwa beim Sender „Astro-TV“. Manche
Kunden bleiben stundenlang in der Leitung von Beratungshotlines.
Etwa Nico Kaiser (Name v. d. Red. geändert): „Es ist wie eine Sucht. Man muss es einfach sagen. Es ist
nicht so, dass man denkt, jetzt höre ich mir das mal wieder
an, sondern man hat diesen Drang.
“
Täglich werden bei Astro-TV Karten gelegt und Zeichen gedeutet. Die Schwesterfirma Questico macht mit Telefonberatung das Hauptgeschäft. Das ist lukrativ. Über zwei Euro kann ein Blick in die Zukunft kosten – pro Minute.
Für solche Telefonate zahlte Nico Kaiser am Ende weit
über 3.000 Euro. Dabei ist er eigentlich kein Esoterik-Typ.
Doch dann ging seine Beziehung in die Brüche, kamen eine
Krankheit und extremer Druck im Job hinzu. „Wenn
so viel zusammenkommt, dann ist das so, als ob einem die
Füße weggezogen werden. Man fühlt sich existenziell
am Boden. Und man möchte einfach gerne wissen, wie es
weitergeht, oder ob dieser Zustand noch ewig andauert
“,
erzählt er uns.
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Wer weiß schon, was die Zukunft bringt?
Suchtpotenzial
Sabine Riede von der Sekteninfo NRW kennt solche Fälle.
Eigentlich hilft sie Opfern von Gruppierungen wie etwa Scientology.
Doch in letzter Zeit kommen die meisten Klienten aus der Esoterik.
„Das Schlimme ist, wenn bei manchen Menschen so
ein Gefühl der Erleichterung entsteht durch das Gespräch,
so eine Art Hochgefühl, das dann auch eine ähnliche
Wirkung hat wie bei einer Suchterkrankung, so dass ich immer wieder
telefoniere, auch meine Kontrolle verliere, wie viel Geld jetzt
eigentlich in ein bis zwei Stunden verloren geht, ich das mehrmals
die Woche nutze und dadurch auch von diesen Gesprächen immer
abhängiger werde
“, berichtet Sabine Riede.
In Sachen esoterische Telefonberatung ist Questico
Marktführer. Auch Heike Meier (Name v. d. Red. geändert)
hat dort als eine von rund 2.500 Telefonberatern gearbeitet. Sie
erinnert sich, dass einige ihrer ehemaligen Kollegen beim
„Hellsehen“ wenig zimperlich waren: „Indem sie den Klienten Sachen erzählt haben, ganz
knallhart: Sie haben diese und jene Erkrankung. Sie haben einen
Herzinfarkt oder sonst was, der auf sie zukommen wird. Und das fand
ich schon ziemlich krass.
“ Kunden und ehemalige Berater
bestätigen die Aussage.
Qualvollen Tod prophezeit
Der Sekteninfo NRW liegt ein extremer Fall vor. Am Telefon soll
eine Questico-Beraterin einer Kundin sehr Drastisches prophezeit
haben, berichtet Sabine Riede: „In der Situation
ist in einem achtstündigen Gespräch herausgekommen, dass
sie bereits an Aids erkrankt sei, dass die Wahrsagerin, die
Hellseherin, das erkennen könne und dass sie auch sehr
qualvoll, sehr schmerzvoll sterben werde. Und das eigentlich auch
alle Männer sich vor ihr ekeln und sie von daher auch die
Suche nach einem neuen Partner beenden sollte.
“
Das besagte Gespräch wurde nicht mehr auf der
Questico-Plattform geführt, sondern über einen privaten
Anschluss. Die Betroffene war schockiert und informierte Questico
– ohne Konsequenz. Noch mehrere Jahre war die Beraterin
für die Firma tätig. In einer Stellungnahme teilt
Questico mit: „Die von Ihnen angesprochene
Beraterin wurde damals seitens Questico verwarnt, da sie entgegen
unserer Hausordnung Kunden über ihren privaten Anschluss
beraten hat. Da es in jüngster Zeit neue Kundenbeschwerden
gegen die Beraterin gab, haben wir die Beraterin mit sofortiger
Wirkung für die Questico-Plattform gesperrt.
“
Seltsam nur: Vor wenigen Tagen war die Beraterin noch auf der
Questico-Homepage zu finden. Erst als markt
recherchierte, wurde sie plötzlich gesperrt.
Qualifikation der Telefonberater
Welche Anforderungen stellt Questico an die Berater? Die Firma
gibt an, Testgespräche zu führen. Weiter heißt es
in der Stellungnahme, die Berater müssten nachweisen,
„dass sie über eine Berufserfahrung von
mindestens drei bis sechs Monaten verfügen, zum Beispiel in
einer eigenen Beratungspraxis, als Psychotherapeut, Heilpraktiker
oder Berater an Hotlines. Außerdem fordern wir
Ausbildungsnachweise zum Beispiel des Deutschen Astrologenverbandes
etc. an.
“
Nach Angaben ehemaliger Berater sind die meisten Nachweise jedoch problemlos zu bekommen. Eine Fachausbildung im Gesundheits- oder Beratungsbereich ist dagegen nicht notwendig.
Autor: Norman Laryea
Stand: 04.06.2012
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