Reparaturcafé: Schrauben, löten, flicken

  • Montag, 06. August 2012, 21.00 - 21.45 Uhr

Stromkabel mit Lüsterklemmen

Reparaturcafé: Schrauben, löten, flicken

(06:28)

Montag, 06. August 2012, 21.00 - 21.45 Uhr

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Immer mehr Menschen lehnen sich gegen die Ex-und-Hopp-Mentalität auf und versuchen, defekte Geräte in Eigenregie zu retten. Man trifft sich im Reparaturcafé und hilft sich gegenseitig.



Alex Speckmann von der Kölner „Dingfabrik“ hat es eilig. Er packt alles ein, was er tragen kann. In einer halben Stunde will er mit Freunden wieder gemeinnützige, kostenlose Reparaturen aller Art anbieten. Die offene Werkstatt ist längst mehr als ein Hobby. Jede Reparatur bedeutet für Alex Speckmann wieder eine technische Herausforderung: Schaffe ich es eigentlich, bin ich dazu in der Lage? Außerdem könne er auch das Erfolgserlebnis genießen, wenn es klappt.

Wo sonst Medien- und Werbeleute arbeiten, drängt sich das Publikum aus allen Generationen. Das Reparaturcafé ist für die ehrenamtlichen Tüftler ein voller Erfolg. Ein Teilnehmer meint, man helfe sich, wo man könne und wenn man selbst ein Problem hat, würden einem die anderen helfen.

Alex Speckmann kämpft mit einem älteren Verstärker. Nicht nur Laptops oder Hifi-Geräte werden gebracht, sondern alles Mögliche. Die Idee des gegenseitigen Helfens ist ansteckend. Ein Teilnehmer ist einfach nur zufällig vorbeigekommen. Er hatte zwei Hosen, die wollte er umnähen lassen. Dann aber habe er einen Stuhl repariert und hoffte, dass seine Hosen auch noch genäht werden. Es sei ein Geben und ein Nehmen.

Die Reparaturcafés kommen aus den Niederlanden. Dort gibt es die regelmäßigen Selbsthilfetreffs schon länger. Es sei einfach eine tolle Idee, meint ein weiterer Café-Besucher, weil er schon ganz lange überlege, wie er nachhaltiger mit seinen Produkten umgehen könne.



Große Nachfrage

In den Reparaturcafés formiert sich kleiner Volksaufstand gegen die Ex- und Hopp-Mentalität vieler Hersteller. Die Dichtung am Wasserhahn, eigentlich eine Sache von ein paar Cent, aber das Gerät lässt sich nicht auseinandernehmen. Oder der komplette Schweinwerfer muss ausgewechselt werden, wenn nur eine kleine LED ausfällt. Das widerspricht eigentlich EU-Normen und kann schnell teuer werden.

Auch bei Radios und Fernsehern sieht es schlecht aus. Die Geräte sind oft sehr reparaturunfreundlich konstruiert. Und Ersatzteile gibt es kaum noch. Umso mehr versuchen die offenen Werkstätten, die alten Geräte zu retten.

Ein Besucher mit einem defekten Druckerhätte allein für die Fehlersuche 50 Euro bezahlen müssen. Am Ende hätte er 100 Euro zahlen sollen. Da könne er sich ja gleich einen neuen Drucker kaufen, meint er. Ein anderer Teilnehmer beklagt, dass Händler den Kunden eine Reparatur oft ausreden und sie zum Kauf neuer Produkte locken wollten. Manchmal würde die Ware gar nicht angesehen. Ein anderer hat sein Reparaturstück sogar staubbedeckt wieder zurückbekommen, da hat also offenbar niemand reingeschaut.



Stromkabel mit Lüsterklemmen

Mehr Nachhaltigkeit

Kein Wunder, dass das Kölner Reparaturcafé schon beim zweiten Termin überrannt wird. Der Andrang sei riesig und habe die Initiatoren auch etwas überrascht. Beim ersten Mal hätten sie gerade mal drei Gäste gehabt.

Offene Werkstätten haben sich inzwischen zu einer richtigen kleinen Bürgerbewegung entwickelt. Oft unterstützt von gemeinnützigen Vereinen oder Jugendzentren. Meistens müssen die Besucher nur die Materialkosten bezahlen, im Idealfall machen sie die Reparatur sogar selbst. Rund vierzig Einrichtungen sind inzwischen deutschlandweit in einem Verbund organisiert - hauptsächlich in großen Städten.

Tom Hansing von der Stiftungsgemeinschaft „anstiftung & ertomis“ erklärt, es gebe kleine und große Werkstätten, Werkstätten die sich nur mit einem Handwerk beschäftigten, andere hätten gleich mehrere Möglichkeiten.

Alex Speckmann hat bei dem defekten Verstärker den Fehler gefunden. Der 17-jährige Besitzer ist glücklich. Dass offene Werkstätten dem Einzelhandel die Geschäfte kaputt machen, glauben die Bastler eher nicht. Und auch Tom Hansing meint, die Bewegung sei erstens noch relativ klein, nehme deswegen gewiss auch keine Arbeitsplätze weg, sondern eröffne eine Alltagspraxis, die für mehr Nachhaltigkeit sorgen könne. Außerdem sei qualitatives Wachstum vielleicht eher erstrebenswert und nachhaltiger als quantitatives Wachstum. Außerdem kritisiert er, dass Produkte so produziert seien, dass sie maximal bis zur Garantie halten würden und danach kaputt gingen.

Mit ihrer Reparaturquote sind die Kölner Tüftler zufrieden. Ein großer Teil der Geräte läuft wieder. Beim ersten Mal, sagt Alex Speckmann, hätten sie von elf Geräten acht reparieren können und drei aus Zeitgründen nicht geschafft. Nur ein Gerät sei wirklich nicht mehr zu retten gewesen.



Autor: Lars Ohlinger


Stand: 06.08.2012