Straßenverkehr: Unsinniges Reifenlabel
- Montag, 12. November 2012, 21.00 - 21.45 Uhr
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Ein neues EU-Label soll die Qualität von Autoreifen beurteilen. Doch Tests zeigen: Es hilft Autofahrern nicht weiter – und lässt Herstellern Interpretationsspielraum.
Für Maik Jeschor und Christian Koch ist es ein besonderer Tag: Die beiden Dekra-Ingenieure testen einen Reifen, von dem viele Experten kaum glauben können, dass es ihn überhaupt gibt. Es ist ein Winterreifen der Marke Yokohama und trägt laut dem neuem EU-Label die Bestnote „A“ für das Bremsen auf nasser Fahrbahn.
Das ist erstaunlich, denn Winterreifen kommen dabei zurzeit üblicherweise nicht über ein „C“ hinaus, so die einhellige Meinung von Herstellern wie Experten, mit denen wir gesprochen haben. Der Grund liege in der speziellen Gummimischung der Winterreifen. Umso erstaunlicher, dass der Hersteller es dennoch geschafft haben will, einen solchen Reifen zu produzieren.
Bremstests
Wir wollen es genau wissen und beauftragen die Dekra-Spezialisten mit einem Vergleichstest: Wie gut bremsen die Testreifen auf nasser Fahrbahn wirklich? Wir testen drei Winterreifen mit unterschiedlichen EU-Labels für die Nasshaftung:
- Yokohama mit der Kennzeichnung „A“,
- Continental mit der Kennzeichnung „C“,
- Kumho mit der Kennzeichnung „E“.
Unsere Tests sind stark an die Originaltests angelehnt. An einem sonnigen Herbsttag liegt die Temperatur an der Teststrecke bei etwa zwölf Grad. Das liegt im vorgeschriebenen Rahmen – auch für Winterreifen. Testfahrer Bernd Jachmann beschleunigt den Wagen auf 100 Stundenkilometer und macht dann eine Vollbremsung. Mit dem Reifen von Yokohama kommt der Wagen nach gut 54 Metern zum Stehen.
Nach einem Reifenwechsel ist Bernd Jachmann mit dem Continental-Reifen unterwegs. Mit dem „C“-Label ist er zwei Kategorien schlechter als der Yokohama und müsste nach Expertenberechnungen einen etwa sieben Meter längeren Bremsweg haben. Doch der Wagen braucht nur gut einen Meter mehr. Der Kumho-Reifen mit „E“-Label rauscht fünf Meter weiter als der Conti und ist damit im vorgesehenen Rahmen.
Wieso aber liegen die Bremswege der ersten beiden Reifen so eng
beieinander? Wir zeigen unsere Ergebnisse Professor Christian von
Glasner. Er ist Präsident der Europäischen Vereinigung
für Unfallforschung und Unfallanalyse (EVU) und Reifenexperte.
Ist einer der Reifen falsch gekennzeichnet? Oder liegt es an den
Testbedingungen? Glasner kennt die Teststrecke genau und hat alle
Ergebnisse noch einmal nachgerechnet. Für ihn ist der Fall
klar: „Sie haben die Testbedingungen ja gleich gelassen. Das
heißt, wenn irgendetwas anders war, dann galt
das für alle Reifen und dadurch ist der Test als solches in
Ordnung. Der Reifen von Yokohama gehört eindeutig in die
Kategorie C und nicht in die Kategorie A.
“
Reifen falsch gekennzeichnet
Ist Yokohama also ein Fehler beim Label unterlaufen? Es wird nämlich nicht, wie man annehmen könnte, von einer unabhängigen Stelle vergeben. Die Hersteller kümmern sich selbst um die Einordnung und Auszeichnung der Reifen. Und ein Label kann jeder drucken.
Auch wir können das: Wir haben uns die Software schlicht im
Internet bestellt. Die Werte sollen zwar irgendwann behördlich
überprüft werden, aber: „Wir haben in
Europa momentan glaube ich nur neun Prüfmöglichkeiten.
Davon sind sechs bei den Reifenherstellern und drei sind neutral.
Und deswegen wird das eine Zeit lang dauern, bis sie alle
durchgeprüft haben
“, so Christian von Glasner.
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Das EU-Reifenlabel wir nicht von einer unabhängigen Stelle vergeben.
Hersteller ändert Label
Hersteller Yokohama geht auf unsere Anfrage zunächst davon
aus, dass das Label korrekt ist. Das Unternehmen hatte nach eigenen
Angaben einen „autorisierten unabhängigen
Dienstleister
“ mit der Prüfung des Reifens
beauftragt. Dennoch schreibt Yokohama: „Als
Reaktion auf die Situation, auf die Sie uns netterweise hingewiesen
haben, haben wir zur Rückbestätigung Versuchsreihen
veranlasst.
“
Die Versuchsreihen haben die Ergebnisse unseres Reifentests offenbar bestätigt, denn inzwischen hat Yokohama das Label von „A“ auf „C“ geändert.
Begrenzte Aussagekraft
Die EU-Kommission nahm das Label für Haushaltsgeräte
zum Vorbild für das neue Label. Aber Reifen seien eben keine
Waschmaschinen, sagt Händler Thorsten Eichhorst. Wie gut ein
Reifen tatsächlich sei, darüber sage dieses Zeichen
nämlich nichts, sagt er: „Speziell für
Winterreifen sind die kompletten Wintereigenschaften nicht
erwähnt. Das Gripverhalten, die Traktion auf Schnee oder -
eigentlich der wichtigste Punkt, auf den der Kunde im Winter Wert
legt, wenn er auf Schneedecke fährt - wie der Reifen beim
Bremsen funktioniert, wie er im Kurvenhandling ist. Über all
das sagt das Label nichts.
“
Und das ist noch nicht alles: Während ein
„A“-Reifen – solche Reifen gibt es nach unseren
Recherchen bislang nur als Sommerreifen - bei einer Vollbremsung
aus 80 Stundenkilometern nach circa 45 Metern stehen sollte,
rutscht ein „F“-Reifen noch etwa 18 Meter weiter.
Für Professor Christian von Glasner ist das ein Unding. Er
plädiert seit Jahren dafür, „F“- oder gar
„E“-Reifen gar nicht mehr zuzulassen, denn: „18 Meter Unterschied heißt, dass das Fahrzeug mit
dem A-Reifen bereits steht, während das andere noch mit
über 60 Stundenkilometern aufprallt. Der Fahrer mit dem
F-Reifen ist dann in der Regel tot
“.
Laut EU-Kommission dürfen neu entwickelte Reifentypen mit einem „F“-Label seit dem 1. November nicht mehr zugelassen werden. „F“-Reifen aber, die bereits auf dem Markt sind, sind auf absehbare Zeit weiterhin erhältlich.
Autor: Herbert Kordes
Stand: 12.11.2012
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