Umwelt: Tannenbäume statt Mischwald
- Montag, 19. November 2012, 21.00 - 21.45 Uhr
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Umweltschützer kritisieren, es werde zu wenig getan für den Wald. Kaum ein Waldbesitzer pflanze nachhaltigen Mischwald an. Es gehe nur noch ums Geschäft mit dem Holz.
Sechs Jahre nach dem Orkan Kyrill sieht es in einem
Naturschutzgebiet im Sauerland fast immer noch so aus, als habe der
Sturm erst gestern gewütet. Das Ausmaß dieser
Verwüstung sei jedoch nicht nur der Naturgewalt geschuldet,
meint Horst Meister vom Bund für Umwelt und Naturschutz
(BUND): „Hier standen, wie man vielleicht noch
sehen kann, Fichten. Und diese Fichten sind nicht natürlich
gewachsen, sondern die sind vom Menschen hier angepflanzt worden
und zwar Fichte an Fichte.
“
Fichten dominieren unsere Wälder. Ihr schnelles Wachstum
verspricht schnelleres Geld. Die Forstwirtschaft in
Nordrhein-Westfalen erzielt einen Jahresumsatz von mehr als 350
Millionen Euro, das gesamte Holz verarbeitende Gewerbe etwa 33
Milliarden Euro. Doch ihr „Brotbaum“ birgt Risiken:
„Diese flachen Wurzeln zeigen eigentlich, wie
wenig Widerstand so eine Fichte hat, wenn man Druck gegen sie
ausübt. Diese flachen Wurzeln sind dann ganz schnell dabei,
den ganzen Baum zum Knicken zu bringen. Das ist ja immerhin ein
großes Gewicht, was der hat. Wie ein Dominoeffekt drückt
der natürlich gegen die anderen Bäume und reißt die
gleich mit
“, beschreibt Horst Meister die Risiken.
Absage an Monokulturen
Glaubt man den Klimaforschern, war Kyrill sicher nicht der
letzte Sturm dieser Stärke. Das sollte man bei der
Wiederaufforstung bedenken, meint man beim BUND. Bei Lutz
Falkenried vom Landesbetrieb Holz und Forst des Landes
Nordrhein-Westfalen trifft das auf offene Ohren: „In 100 Jahren würde ich mir wünschen, dass wir
hier einen sehr schönen Laub- und Nadelholz-Mischbestand
haben.
“ Wo der Laie derzeit nur Gestrüpp ausmacht,
sieht Lutz Falkenried einen Wald aus Eichen, Buchen, Eschen, Birken
in natürlicher Nachbarschaft zu vereinzelten Fichten oder
Lerchen wachsen.
Lutz Falkenried ist federführend zuständig für
die Waldzustandserhebung. Der Blick in die Baumkronen bereitet ihm
Sorge: „Die Bäume haben einen doch
erklärlichen Nadelverlust. Wenn wir uns die unteren
Stammbereiche ansehen: Hier ist damit zu rechnen, dass auch schon
Pilze in dem Bestand sind, die Rotfäule macht sich
bemerkbar.
“
Aber nicht nur Fichten sind krank. Mehr als drei Viertel des Baumbestandes ist gefährdet. Schadstoffrückstände, trockene Sommer, nasse, stürmische Winter, Insekten – viele Faktoren setzen den Wald unter Druck.
Für Lutz Falkenried gibt es nur eine wirksame Therapie:
„Das, was wir machen können, ist, dass wir
insgesamt die Fitness der Waldbestände erhöhen und dass
wir dazu kommen, klimaangepasste Bestände zu haben. Das
würde bedeuten, dass wir von Monokulturen wegkommen, dass wir
hin zu Mischbeständen kommen. Das würde schon einiges
bringen, um Druck aus Waldbeständen zu nehmen.
“
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Die Holz- und Forstwirtschaft in NRW bringt es auf einen Jahresumsatz von 30 Milliarden Euro .
Nichts dazugelernt?
Doch die Realität sieht oft anders aus. Horst Meister vom
BUND macht das an einem betroffenen Waldgebiet deutlich: „Die Realität sieht man hier: Hier werden wieder
Fichten angepflanzt auf einer Fläche, die einst von Kyrill
plattgemacht wurde. Man hat also im Grunde genommen nichts daraus
gelernt. Das betrifft natürlich hauptsächlich die
Privatbauern, die hier wieder genau das gleiche Prinzip walten
lassen.
“ Überall im Land stellt der
Naturschützer fest, dass private Waldbesitzer wieder auf die
Fichte setzen. Und immerhin 70 Prozent des Waldes in
Nordrhein-Westfalen sind in Privatbesitz.
Weihnachtsbäume als Waldersatz
Aber auch an anderen Stellen zeigt sich, wie sehr manche
Waldbauern ihr Handeln an rein wirtschaftlichen Interessen
ausrichten: Dort wurden nach Kyrill riesige Plantagen mit
Weihnachtsbäumen angelegt. Claudia Wegener von der
Bürgerinitiative Giftfreies Sauerland bereitet das Sorgen:
„In diesen riesigen Intensivkulturen werden
Spritzmittel in umfangreichen Mengen eingesetzt und das macht uns
Angst. Das sind ganz verschiedene Spritzmittel: Herbizide,
Insektizide. Und wir haben einfach Angst um unsere Kinder und um
unsere Gesundheit.
“ Durch eine Lücke im Gesetz gilt
auch diese Art der Aufforstung als Wald.
Auch im Bergischen Land entstehen solche Plantagen. Fotos
empörter Anwohner zeigen, wie dort Wald kahlgeschlagen wird,
um Platz für Weihnachtsbäume zu schaffen. Horst Meister
hat dafür kein Verständnis: „Das ist
ein Absurdum, das eigentlich nicht mehr tolerabel ist. Das
müsste die Politik, die Verwaltung auch einsehen und da
müsste Einhalt geboten werden und zwar sehr
schnell!
“
Auch die Landesregierung sieht diese Praxis kritisch. Der
Landtagsabgeordnete Norwich Rüße von Bündnis90/Die
Grünen feilt bereits an einem Gesetzentwurf. Wann er in Kraft
tritt, ist noch unklar: „Das kann man nicht ganz
genau sagen, aber wir werden zur nächsten Pflanzperiode
sicherlich mit dem Gesetzentwurf durch sein, sodass wir dann im
Frühjahr nächsten Jahres auch das Gesetz stehen haben und
dann auch rechtzeitig kommen, sodass es für die neue
Pflanzperiode gilt.
“
Acht bis zwölf Jahre brauchen Weihnachtsbäume bis zur Ernte. Für eine nachhaltige Aufforstung des Waldes sind diese Jahre verlorene Zeit.
Autorin: Melanie Jost
Stand: 19.11.2012
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