Post: Zusteller unter Zeitdruck
- Montag, 10. Dezember 2012, 21.00 - 21.45 Uhr
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Der Druck auf Briefzusteller der Deutschen Post wächst stetig – markt berichtete. Erneut haben sich Betroffene gemeldet und von extremen psychischen Belastungen erzählt.
Fünf Millionen Briefe und drei Millionen Pakete befördert die Post nach eigenen Angaben jeden Tag. In der Vorweihnachtszeit verdoppelt sich die Sendungsmenge. Briefzusteller beklagen, die Arbeit sei schon im übrigen Jahr kaum zu bewältigen, und fragen sich, wie es dann erst zu Weihnachten funktionieren soll, wenn Hochbetrieb herrscht.
Die Post hat ihr Jahresziel noch nicht erreicht. Das
Weihnachtsgeschäft soll es jetzt bringen, wie der Konzernchef
auf der Internetseite verkündet: „Deswegen glauben wir, dass wir in den verbleibenden drei
Monaten unsere Lücke, die wir noch haben, um unsere
Zielsetzung zu erreichen, schließen werden.
“ Das
ist eine klare Ansage. Aber was heißt das für die
Mitarbeiter?
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Vor Weihnachten ist das Sendungsaufkommen besonders hoch.
Zahlreiche Klagen
Wir treffen eine Zustellerin, die anonym bleiben möchte.
Sie erzählt uns: „Wir gehen auf dem
Zahnfleisch nach Hause. Wir sind so ausgepowert, wenn Dienstende
ist. Dann ist wirklich nur noch Schlafengehen und wieder auf den
nächsten Tag warten.
“ Es seien nicht nur die vielen
Pakete mit denen die Zusteller täglich zu kämpfen
hätten. Zusätzlich werde durch den Arbeitgeber Druck
aufgebaut, schildert sie uns. Die Zustellung solle gleich beim
ersten Mal klappen und zwar persönlich und ohne
Benachrichtigungsschein, andernfalls würden Konsequenzen
drohen. „Die Kollegen unterschreiben die Pakete
selbst und stellen die einfach vor der Haustür ab oder halt
hinten rum auf einer Terrasse oder werfen sie auf den Balkon, nur
damit die Sendung weg ist
“, berichtet die
Zustellerin.
Wir wollen von der Post wissen, welche Maßnahmen getroffen
werden, um die Mitarbeiter jetzt in der Vorweihnachtszeit zu
entlasten. Ein Interview will man uns nicht geben und schreibt
stattdessen: „Einhergehend mit dem starken
Wachstum des Paketvolumens haben wir in diesem Jahr entsprechend
mehr Aushilfskräfte eingestellt als in den vergangenen
Jahren.
“
Um die Arbeit zu schaffen, habe sie immer früher angefangen, erzählt uns unsere Informantin, zuletzt sogar drei Stunden vor Dienstbeginn. Nach Angstzuständen und Selbstmordgedanken habe sie einen Zusammenbruch erlebt.
Und sie scheint kein Einzelfall zu sein. Viele Briefzusteller
haben sich an markt gewandt und uns von
Angstzuständen, Depressionen und Schlafstörungen
berichtet. In einer E-Mail heißt es:
„Viele Kollegen sind oft an
ihrem Limit. (...) Immer der Zeitdruck, alles schaffen zu
müssen und ja nicht krank zu werden! Ich leide seit ein paar
Jahren an Depressionen und wurde aufgrund der Fehltage schon
strafversetzt in eine andere Stadt! Es ist grausam, wie so ein
Weltkonzern (...) mit seinen Mitarbeitern umgeht.
“
Einige Briefzusteller berichten, dass schon kleine Fehler in der
Personalakte festgehalten würden. Wenn beispielsweise
Sendungen aus dem Briefkasten herausragten, hätten sie
schriftlich Stellung nehmen müssen. Für die Post ist
daran nichts zu beanstanden: „Wie in jedem
anderen Unternehmen auch ist es das Recht und die Pflicht der
Vorgesetzten, etwaiges Verhalten von Mitarbeitern zu
adressieren.
“
„Angstkultur“
Wir bitten den Arbeits- und Organisationspsychologen Professor
Christian Dormann uns seine Einschätzung zu geben. Er sagt:
„Was hier passiert, ist eher eine Angstkultur.
Ich kann keine Ansätze erkennen, dass man dort richtig lernen
will, dass man dort etwas richtig verbessern will. Das einzige, was
ich den Schreiben wirklich entnehmen kann, ist, dass Druck
ausgeübt wird - und der macht Angst.
“
Wie groß die Belastung der Mitarbeiter tatsächlich ist, lässt sich schwer ermessen. In vielen Niederlassungen der Post werden Überstunden gar nicht erfasst. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert das und plädiert für die Einführung der sogenannten Ist-Zeit, ein System, bei dem jede Überstunde tatsächlich erfasst wird.
Eine zweite Briefzustellerin – auch sie möchte anonym
bleiben - hatte sich für die Ist-Zeit entschieden. Als sich
Überstunden häuften, sei ihr der Vorwurf gemacht worden,
sie sei zu langsam. „Sie sitzen am kürzeren
Hebel! Wie wollen sie denen das letztendlich plausibel
erklären, dass sie diese Zeit benötigen, auch wenn der
Kollege XY schneller ist? Ich weiß nicht, ob die da
versuchen, die Kollegen alle auf ein und dieselbe Stufe zu stellen,
bloß weil einer es innerhalb der Zeit schafft
“,
fragt sie sich. Man weigerte sich, ihr die geleisteten Stunden
auszuzahlen oder durch Freizeit auszugleichen. Die Begründung:
„Wir sind der Auffassung, dass diese Stunden
personenbedingt in der Höhe entstanden sind und daher voll
umfänglich storniert werden müssten.
“
„Rechtsbruch“
Geleistete Überstunden, die nicht bezahlt werden?
Arbeitsrechtler Peter Schüren sieht darin einen eindeutigen
Rechtsbruch. Er fordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu
ziehen: „Was hier fehlt, ist, dass die Leute
für ein solches offensichtliches rechtsbrechendes Verhalten
eine ganz tüchtige Abreibung bekommen und dass man ihnen
wieder dieses Geld abnimmt, das sie auf diese Weise erbeutet haben,
möchte ich mal sagen. Denn Rechtsbrüche dürfen in
einer Gesellschaft nicht geduldet werden.
“
Eine unserer beiden Informantinnen hat nach eigenen Aussagen den Druck nicht mehr ausgehalten. Nach drei Jahren hat sie sich schließlich für einen beruflichen Wechsel entschieden. Die zweite Briefzustellerin weiß noch nicht, wie es weitergehen soll. Zurzeit ist sie krankgeschrieben. Die Diagnose lautet: Depression.
Autorin: Sejla Didic-Pavlic
Stand: 10.12.2012
- Post: Wachsender Druck markt://Sendung (05.11. 2012)
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