Arbeitsmarkt: Bald ohne Job

  • Montag, 28. Januar 2013, 21.00 - 21.45 Uhr

Frau liest Stellenanzeigen in einer Zeitung

Arbeitsmarkt: Bald ohne Job

(12:37)

Montag, 28. Januar 2013, 21.00 - 21.45 Uhr

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Ob Commerzbank, Eon oder Siemens – viele Firmen haben den Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt. Das Ruhrgebiet trifft es dabei besonders hart.



Nach einigen Hiobsbotschaften fängt das neue Jahr 2013 an der Ruhr nicht gut an. Viele Konzerne haben angekündigt, Mitarbeiter zu entlassen oder Werke ganz zu schließen, so wie die deutsche GM-Tochter Opel, die vielleicht schon nächstes Jahr ihr Werk in Bochum dicht macht. Bei dem Schienenhersteller TSTG in Duisburg ist es wohl schon Gewissheit: Spätestens Ende des Jahres sollen dort die Maschinen stillstehen.

Jürgen Becker repariert und fertigt in der Werkstatt der TSTG Teile, die für die Produktion von Schienen gebraucht werden. Er liebt seinen Job, auch nach 38 Jahren noch. Und er ist wütend auf die Geschäftsführung: „Es sieht so aus, dass der Mutterkonzern, die Voestalpine, kein Interesse hat, das Werk hier zu verkaufen, weil sie den Konkurrenzkampf fürchtet. Die möchten lieber hier schließen und ihr Werk in Österreich auslasten.



Qualität unrentabel?

Aber Jürgen Becker ist nicht nur wütend. Er und seine Kollegen fragen sich auch, wie es weitergehen soll: „Das ist ein ganz mulmiges Gefühl. Von der gesamten Belegschaft, die ich so kenne, die sind mit den Nerven am Ende. Das geht auf die Psyche, zu wissen, dass hier Schluss sein soll.

Der Konzern Voestalpine hat das Schienenwerk vor elf Jahren von Thyssen-Krupp gekauft. Damals waren sie noch 600 Mitarbeiter, jetzt ist Becker nur noch einer von 360. „Meine Kollegen hier sind alle identifiziert mit ihrem Job. Die arbeiten hier gerne. Wir liefern hier Superqualitäten. Wir haben sogar jetzt in dieser Krise Rekordzahlen an Produktion gefahren. Die Kollegen sagen: Wir wollen den Leuten zeigen, dass wir vernünftige Qualität liefern.

Dennoch meint die Geschäftsleitung, die Produktion rentiere sich nicht mehr. Jürgen Becker befürchtet, dass die ganze Branche ausstirbt. TSTG ist einer der letzten Schienenhersteller in Deutschland.



Opel: Lohnverzicht oder Aus

Opel verkauft zu wenige Autos. Günther Bärwolf ist Sachbearbeiter für Werkslogistik. Er kämpft seit Jahren um seinen Arbeitsplatz. Als er bei Opel angefangen hat, haben dort noch 20.000 gearbeitet, heute sind es noch rund 3.000. Die letzten Wochen waren aufreibend für Bärwolf: Erst die Nachricht, dass 2016 Schluss sei mit der Autoproduktion, jetzt die Drohung, das Aus könne schon nächstes Jahr kommen – es sei denn, er und seine Kollegen verzichten auf Geld. Mal wieder!

Ich hätte es mir von 20, 25 Jahren nicht träumen lassen, dass man da halt Angst haben muss, seinen Arbeitsplatz zu verlieren“, sagt Bärwolf. Schlechte Nachrichten ist er inzwischen gewöhnt. Bei Opel wisse man schließlich nie, was morgen kommt, sagt er.



Frau liest Stellenanzeigen in einer Zeitung

Ungewisse Zukunft

Jürgen Becker hat die Hoffnung auf einen anderen Job eigentlich schon aufgegeben. Seit Jahren werden in der Stahlindustrie Arbeitsplätze abgebaut. Trotzdem liebt er seine Stadt: „Ja klar, mein Herz hängt sehr am Ruhrgebiet! Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden. Ich bin in Duisburg groß geworden und mein Herz hängt hier an Duisburg. Ich möchte ja auch, dass wir hier in Duisburg weiter produzieren. Das ist ja auch gut für Duisburg.“ Für einen Arbeitsplatz würde er seine Heimat aber auch verlassen.

Günther Bärwolf liebt seinen Opel. Im Ruhrgebiet ist die Marke besonders beliebt. Auch für Bärwolf ist Opel mehr als nur ein Arbeitsplatz. „Mein Vater hat dort gearbeitet. Ich bin da jetzt beschäftigt. Ich hab noch einen Bruder, der ist da beschäftigt. Und ich hab schon damals, als ich noch in der Ausbildung war, auch schon Opel gefahren.

Jürgen Becker muss sich gerade von alten Gewohnheiten trennen. Mit seinem Sohn Dominic ist er in eine günstigere Wohnung gezogen. Er will vorbereitet sein und hat Angst, dass er doch schon früher seinen Job verliert. „Das belastet meinen Sohn auch - der ist jetzt mittlerweile 17 Jahre alt -, wenn ich sag: Hör mal, ich muss eventuell dein Moped abmelden, weil wir das nicht mehr bezahlen können.“ Dominic macht sich nicht nur deshalb Sorgen. Er ist im Abschlussjahr der Realschule und hat Angst, was andere über ihn sagen könnten. „Ja, das ist peinlich. Wenn Vater arbeitslos ist, das ist nicht so berauschend. Ich weiß nicht, wie Mitschüler das auffassen, aber das kommt dann so asozial rüber in der Schule. Hartz IV!

Jeden Donnerstag geht Günther Bärwolf zum Stammtisch ins Opel-Museum in Herne. Dort trifft er andere Opel-Fans. Einige von ihnen sind Rentner, die ihr Leben lang bei Opel gearbeitet haben. So hatte sich Günther Bärwolf das auch vorgestellt: „Damals hat man halt so gesagt, wenn du deinen Job ordentlich machst und keine goldenen Löffel klaust, dann kannst Du von hieraus auch in Rente gehen.“ Diese Hoffnung hat er heute nicht mehr.



Autoren: Silke Hempel, Christian Schön


Stand: 28.01.2013