Schultoiletten: Alt und eklig

  • Montag, 28. Januar 2013, 21.00 - 21.45 Uhr

unansehnliche Schultoilette

Schultoiletten: Alt und eklig

(08:05)

Montag, 28. Januar 2013, 21.00 - 21.45 Uhr

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Gestank, Kälte, defekte Spülungen - Schultoiletten in Nordrhein-Westfalen sind vielerorts unzumutbar. Wieso ändert sich an den Zuständen nichts?



Ein Gymnasium in Düsseldorf an einem ganz normalen Schultag: Um 15.30 Uhr ist für Ole und Stefanos der Unterricht vorbei. Aber beide sind enorm unter Druck. Seit 8.00 Uhr sind sie in der Schule – und waren seitdem nicht auf der Toilette. „Also man geht eigentlich nicht freiwillig auf die Toilette, weil es stinkt halt immens. Die Eltern haben zwar die Klos gestrichen, aber das tut ja dem Geruch keinen Abbruch“, sagt Ole. Und Stefanos ergänzt: „Die meisten halten ein, um dann zu Hause auf die Toilette zu gehen, weil das hier ziemlich ekelhaft ist.“ Die Toiletten in Oles Schule sind völlig veraltet. Von der Schule gibt es dazu keinen Kommentar.

Oles Mutter, Svenja Kruse-Glitza, ist Vorsitze des Stadtelternrats. Gemeinsam mit anderen Eltern sammelt sie Beweise. „Das ist kein Einzelfall. Wenn das nur eine Schule betreffen würde, wäre das Problem auch schnell behoben, aber es ist ein breites Problem, dass die Toilettenanlagen in den Schulen so dermaßen runtergekommen sind, dass das langsam auch eine gesundheitsgefährdende Komponente bekommt“, warnt sie.

Zuständig ist der Schulträger, die Stadt Düsseldorf. Gemeinsam mit anderen Eltern hat Oles Mutter schon vor dem Rathaus demonstriert. Die Resonanz: „Die Verantwortlichen reagieren nicht. Da wird einfach mit der Gesundheit unserer Kinder gespielt. Da macht man sich schon Sorgen.“ Und die sind offenbar nicht ganz unbegründet.



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Sorgen um die Gesundheit

Die Essener Internistin Dr. Nadja Tatros berichtet aus ihrer Praxis: „Ich habe bei meinen jüngeren Patienten und Jugendlichen, also Schüler, festgestellt, dass sie häufiger an Verstopfungen leiden, an Harnwegsinfektionen und auch schon mal an den Folgen der Verstopfung – was nicht so häufig ist, aber auch passiert – wie Hämorrhoiden und Darmrisse.“ In Gesprächen mit den Schülern erfährt sie, dass sie alle die Schultoiletten meiden. Die Ärztin fürchtet gesundheitliche Folgen und sucht zahlreiche Schulen auf. „Es ist sehr dreckig! Sie haben sofort das Gefühl, dass der Dreck von rechts nach links geschoben wird“, erzählt sie. Putzwasser vom Vortag werde sogar wiederverwendet. Die Ärztin hält alles auf Fotos fest.

In einem Neusser Gymnasium sind die Toiletten 45 Jahre alt. Die Rohre seien leck, die Schüler stünden in Pfützen, erzählt man uns. Wir dürfen nicht hinein. Aus anderen Neusser Schulen werden uns Handyfotos zugespielt: verrottete Wände, feuchte Böden, überlaufende Toiletten. An mindestens 30 Schulen bestehe akuter Notstand, sagt Ralf Mainz vom Stadtelternrat Neuss. „Es ist nicht mehr fünf vor Zwölf, es ist fünf nach Zwölf! Das heißt, es müssen jetzt sofort zumindest grundsätzliche Dinge in den Toiletten erneuert oder renoviert werden. Es brennt! Es brennt in allen Schulen durchgängig!

Die Stadt Neuss sieht auf Nachfrage keinen verschärften Handlungsbedarf. In Düsseldorf sagt man uns, dass die Stadt - auch durch Neuinvestitionen – ihre Verantwortung wahrnehme. Aber nicht nur in Neuss, Essen und Düsseldorf sind Schultoiletten in schlechtem Zustand. Meist fehlt das Geld. Eine Toilettensanierung kann pro Schule schnell 300.000 Euro überschreiten. Die Landesregierung sieht sich nicht zuständig. Das sei Aufgabe der Kommunen, so das Schulministerium gegenüber markt.



Ein Lösungsansatz

An der Wilhelm-Kraft-Gesamtschule in Sprockhövel zahlen die Schüler für jede Toilettennutzung zehn Cent. Schulleiter Christoph Uessem zeigt uns die Toiletten. Sie sind in einem tadellosen Zustand und wirken auch nach zehn Jahren noch fast wie neu: „Das hier sind unsere bewirtschafteten Toiletten“, sagt der Schulleiter und stellt uns auch gleich Frau von der Mühlen vor. Sie beaufsichtigt die Toiletten. „Frau von der Mühlen ist die gute Seele hier im Haus. Sie sorgt für Ordnung und für alles, was hier notwendig ist, um die Toiletten so zu erhalten, wie sie sind.

Wer von den Schülern kein Geld dabei hat, kann auch anschreiben lassen. Ist das etwa Frau von der Mühlens karger Lohn? Nein, sagt der Schulleiter: „Dieses Geld dient natürlich nicht unbedingt der Bezahlung unserer Betreuungskraft, sondern ist eher ein Obolus dafür, dass Schülerinnen und Schüler die Sauberkeit dieses Ortes auch zu werten wissen.

Zehn Cent pro Benutzung macht bei zwei Toilettengängen am Tag immerhin um die 40 Euro im Jahr - pro Kind. Wer das nicht zahlen will oder kann, ist auf die kostenfreien Toiletten angewiesen. Dort gibt es keine Spiegel, die Seifenspender sind kaputt, viele Toilettendeckel zerstört und alles ist beschmiert. Vandalismus durch Schüler ist auch ein Grund, warum Kommunen bei Neuinvestitionen zögern.

Bei den Bezahltoiletten hat die Mitarbeiterin alles im Griff. Sie wird nicht über die Toilettengebühr, sondern vom Schulträger bezahlt. Eine Aufsicht rechne sich, denn das spare Instandhaltungskosten, so der Schulleiter. Bei vielen anderen Kommunen ist das aber noch nicht angekommen.



Autorin: Melanie Jost


Stand: 28.01.2013