
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
Menschen hautnah
Sendung vom 26. Januar 2012
Tränen auf See
Fast wirkt es wie ein ganz normaler Segelurlaub, den die kleine Gruppe von sechs Frauen und Männern gemeinsam in Kroatien unternimmt. Das glasklare, blaue Meer lädt zum Schwimmen und Schnorcheln ein, an Deck lassen sie sich von der Sonne wärmen und auf hoher See sich den Wind um die Ohren wehen. Es wird viel gelacht und genossen. Aber diese Fröhlichkeit wird immer wieder durchbrochen von dem Gefühl, das jeder von ihnen in sich trägt. Sie alle haben einen oder sogar mehrere geliebte Menschen verloren: Kirsten Siebert innerhalb von fünf Jahren Mann, Mutter und Vater. Auch Kerstin Flügge trauert um ihre Mutter, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hatte.
Rolf Moeser muss nicht nur mit dem Verlust seiner Frau fertig werden, sondern auch mit dem „Sterben auf Raten“, das er bei seinen beiden schwerbehinderten Kindern derzeit miterlebt. Eveline Haaks Mann ist an ihrem 50. Geburtstag einfach umgefallen, ebenso plötzlich verlor Erika Eras ihren Mann.Die Erfahrungen mit dem Tod und ihre Trauer verbindet sie. Aber auch das Bedürfnis, die Trauer zu bewältigen, um wieder ein Leben führen zu können, in dem sie Freude und Glück empfinden können. Fern von den Belastungen des Alltags und den Erwartungen und Ansprüchen der Gesellschaft können sie hier ungestört und intensiv über ihre Gefühle und Ängste sprechen.
Piet Morgenbrodt, der Initiator dieser Reise, führt als Skipper nicht nur das Schiff sicher durch das Meer, sondern in den Gruppengesprächen auch die Betroffenen durch die Gefühle der Trauer. Denn er selber weiß, was es bedeutet zu trauern. Auch er ist ein Betroffener: Nach dem Tod seines Sohnes vor 16 Jahren hat er das Segeln für sich als sehr hilfreich entdeckt und beschlossen, diese Erfahrung auch anderen zu ermöglichen.
Das Erleben der Naturkräfte am ganzen Körper weckt alle Sinne. Gefühle, die im Alltag nicht zugelassen werden, bekommen hier wieder ihren Raum. So ist zwar auch das Gefühl der Trauer auf See besonders intensiv, aber durch die direkte Auseinandersetzung wird auch wieder Platz gemacht für positive Gefühle. Mut und Lebensfreude gewinnen an Fahrwasser. Plötzlich ist es wieder möglich, sich durch das struppige Gebüsch alleine einen Weg zum Berggipfel zu bahnen oder sich auf hoher See an einer Leine hinter dem Schiff herziehen zu lassen. Tief unter der Trauer verborgen gibt es sie noch, die Lebensfreude.
Chris Paul: Wie kann ich mit meiner Trauer leben
Gütersloher Verlagshaus, ISBN: 3579009257
Martina Nicolidis, Peter Zehentner:
Zurück ins Leben. Hilfe für Trauernde
Rowohlt Tb, ISBN: 349961958
Redaktion: Enno Hungerland
Insa Onken
Stand: 01.12.2011
Seite teilen