Sie befinden sich hier:
Monitor - Startseite
Monitor
Rückschau
Sendung vom 03.04.2008Monitor Nr. 576 vom 03.04.2008
Bericht: Kim Otto, Sascha Adamek, Markus Schmidt
Sonia Mikich:
"Wer gibt den Takt vor in deutschen Ministerien?
Politiker? Seit etwa zwei Jahren müssen wir bei MONITOR über
Lobbyisten in Bundesministerien berichten, die, von großen
Unternehmen bezahlt, Gesetze und Entscheidungen mitformulieren. Und
das ist keine kleine Schmuddelecke der Demokratie, sondern ein
elender Lobby-Sumpf. Der Bundesrechnungshof hat nun - aufgrund
unserer Recherchen - diese Grauzone durchleuchtet.
Kim Otto, Sascha Adamek und Markus Schmidt zu einem
hochbrisanten Bericht."
Dienstbeginn im Ministerium. Er hat einen eigenen Schreibtisch, eine eigene Durchwahl, arbeitet wie ein gewöhnlicher Beamter. Aber er ist kein Beamter, denn bezahlt wird er von einem deutschen Unternehmen. Ein "externer Mitarbeiter". Ein bezahlter Lobbyist, der sogar Gesetze mitformuliert.
MONITOR liegt nun ein vertraulicher Bericht des Bundesrechnungshofes vor. Daraus lässt sich ableiten: Allein zwischen 2004 und 2006 waren pro Jahr im Schnitt 100 Leihbeamte in den Ministerien - insgesamt rund 300. Das sind dreimal soviel, wie bislang von der
Bundesregierung zugegeben. Ihre Arbeitgeber: die Creme de la Creme deutscher Großkonzerne. Bundestagsabgeordnete, von MONITOR über den Bericht informiert, reagieren empört:
Volker Beck, Bündnis 90/Die Grünen,
Bundestagsabgeordneter: "Im Oktober 2006 habe
ich nachgefragt, was ist mit externen Mitarbeitern bei der
Bundesregierung. Damals hat man mir gesagt: Erstens, es gibt keine.
Zweitens, wenn es welche geben sollte, werden die von der
Bundesregierung bezahlt. Beides ist nachgewiesenermaßen falsch.
Dann hat man zugegeben zunächst 30, dann 100 Mitarbeiter bei der
Bundesregierung. Jetzt sind wir bei aufsummiert ungefähr 300. Hier
wird das Parlament nur auf Raten informiert und zunächst falsch.
Das ist ein ziemlicher Skandal. Und wir müssen dieses Thema jetzt
endgültig aufarbeiten."
Dass der Staat für die Erledigung von Gesetzes- und Kontrollaufgaben hundertfach auf externe Mitarbeiter zurückgreift, die von Privatunternehmen weiterbezahlt werden, hält der Bundesrechnungshof für mehr als bedenklich.
Zitat aus dem Bericht:
Zitat: "Diese Abhängigkeit lässt
befürchten, dass Interessenkonflikte oder zumindest in der
Außenwahrnehmung der 'böse Schein' fehlender Neutralität
entstehen."
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger,
FDP, ehem.
Bundesjustizministerin: "Für mich als ehemalige
Ministerin ist selbstverständlich, dass Gesetzentwürfe von
öffentlichen Bediensteten in den Ministerien, die Fachleute sind,
entworfen werden. Dann der Meinungsaustausch mit den Verbänden
erfolgt, dann im Ministerium, im Kabinett entschieden wird. Aber
nicht, indem verdeckt mitgearbeitet wird von den interessierten
Kreisen. Das erinnert mich wirklich an einen schlechten
Krimi."
Der Einfluss dieser Lobbyisten ist größer als bislang angenommen. Wieder ein Blick in den Bericht des Bundesrechnungshofes: Über 60 Prozent der externen Mitarbeiter vertraten die Bundesregierung sogar bei Veranstaltungen und Verhandlungen. Über 60 Prozent erstellten Leitungsvorlagen für Topbeamte. Über 25 Prozent waren an Vergabeverfahren öffentlicher Aufträge beteiligt. Und über 20 Prozent der Leihbeamten haben sogar an Gesetzen und Verordnungen formuliert.
Ein Beispiel wie es läuft: Der Chemiekonzern BASF hatte Anfang 2000 ein Problem. Die EU plante eine neue Chemieverordnung - genannt REACH. Sie sollte die Industrie zwingen, chemische Stoffe zu untersuchen, die bislang nie auf ihre Gefährlichkeit getestet worden waren. Die Chemieindustrie setze dagegen ihre Lobby in Bewegung. Im Bundeswirtschaftsministerium hatte BASF sogar einen eigenen Mitarbeiter, von 2004 bis 2005, befasst mit den Arbeiten an REACH. Das Interesse der Chemieindustrie: Weniger Testverfahren, zum Beispiel bei Kinderspielzeug oder Kleidung, um Kosten zu sparen. Damit setzte sich die Lobby gegen die Verbraucherinteressen durch.
Rainer Baake war zu dieser Zeit Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Er wollte durch REACH mehr Verbraucherschutz erreichen. Dass dieser Wunsch im Ringen mit dem Bundeswirtschaftsministerium verwässert wurde, wundert ihn heute nicht mehr.
Rainer Baake, ehem. Staatssekretär
Bundesumweltministerium: "Wenn es zutrifft,
dass ein Mitarbeiter der BASF weiter bezahlt wurde von BASF, aber
im Wirtschaftsministerium mitgewirkt hat an europäischen
Gesetzesvorhaben zum Chemikalienrecht, dann ist das schlicht und
einfach ein Skandal. Dann haben einige Leute im
Wirtschaftsministerium offensichtlich nicht verstanden, dass sie
zur Neutralität verpflichtet sind und nicht die Interessen
einzelner Unternehmen in Deutschland zu vertreten haben."
Der BASF-Mitarbeiter agierte nach MONITOR-Recherchen nach außen als Vertreter des Bundeswirtschaftsministerium. BASF wollte uns zu dieser Tätigkeit keine Auskunft erteilen. Auf EU-Ebene war der Mann für Gesprächspartner nicht als BASF-Vertreter erkennbar. So erinnert sich jedenfalls ein Mitarbeiter der Grünen-Fraktion in Brüssel.
Axel Singhofen, Mitarbeiter
Europa-Parlament:"Es war im Januar 2005, als er
bei einem Seminar hier im Parlament ... teilgenommen hat. Ein
Seminar, was vom Bundeswirtschaftsministerium initiiert worden war.
Und dort hat er sich als Beamter des Bundeswirtschaftsministeriums
ausgegeben. Und ich bin doch recht schockiert zu erfahren im
Nachhinein, dass er zu dieser Zeit von BASF bezahlt gewesen
ist."
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP,
ehem. Bundesjustizministerin: "Ich halte das
nicht für nicht vertretbar. Ein Ministerium kann mit den eigenen
Beschäftigten sehr wohl die Interessen auch der deutschen Industrie
- auch bei REACH - Verhandlungen wahrnehmen. Aber nicht, dass nach
außen der Eindruck erweckt wird, da ist ein
Ministeriumsmitarbeiter, der dort eben mit auftritt, und
tatsächlich ist es ein Mitarbeiter eines Wirtschaftsunternehmens.
Das sind zwei Seiten, die müssen sich gegenüber sitzen, aber das
kann nicht miteinander vermengt werden."
Ein weiteres brisantes Beispiel. Der Software-Riese SAP. Eine so genannte "Praktikantin" blieb 18 Monate im Auswärtigen Amt. Zitat aus dem Bericht des Bundesrechnungshofes:
Zitat:"Zu ihren Aufgaben gehörten
unter anderem die Vorbereitung eines Auslandsbesuchs des Ministers
und die Planung anderer Veranstaltungen, außerdem verfasste sie
Redebeiträge für den Minister ..."
Die Leihbeamtin schrieb danach sogar Konzepte mit klarem Bezug auf SAP. Sie durfte offen für ihre Firma werben. Für ihren Referatsleiter kein Problem. Er wird im Bundesrechnungshof-Bericht so zitiert:
Zitat: "Vor diesem Hintergrund sei
es auch unschädlich, dass das Unternehmen aufgrund der Tätigkeit
des Bundesministeriums zusätzliche Aufträge erhalten habe."
Dazu SAP schriftlich: Man wisse nicht, was die Praktikantin im Auswärtigen Amt mache. Das Auswärtige Amt wollte uns weder schriftlich noch vor der Kamera antworten.
Der Bundesrechnungshof fordert von der Bundesregierung jetzt Konsequenzen. Externe Mitarbeiter sollen keine Funktionen in Leitungs- und Kontrollbereichen mehr wahrnehmen, nicht an Gesetzen mitschreiben. Und sie sollen nicht mehr bei öffentlichen Aufträgen mitarbeiten. Alle externen Mitarbeiter sollen offen gelegt werden.
Gregor Gysi, Die Linke,
Fraktionsvorsitzender: "Ich meine, dass die
Bundeskanzlerin hier direkt gefragt ist. Sie muss ein Schlussstrich
ziehen und muss sagen, es kommt überhaupt nicht mehr in Frage, die
300 Leute werden in kürzester Frist alle wieder nach Hause
geschickt."
Hermann Scheer, SPD,
Bundestagsabgeordneter: "Man kann aus dem, was
inzwischen auf dem Tisch liegt, spätestens durch den
Bundesrechnungshof nur die Schlussfolgerung ziehen: Die Tätigkeit
dieser Einflussagenten aus einzelnen Unternehmen in den Ministerien
sofort zu beenden."
Sonia Mikich: "Seitenwechsel, so nannte die Rot-Grüne Bundesregierung
das neue Programm, das diesen Lobbyisten den Weg bereitete.
Seitenwechsel, ein unglaublich dummes Wort, mit dem Glaubwürdigkeit
und Transparenz einer Demokratie einfach ins Lächerliche gezogen
werden."
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Steuersünderdateien
Sonia Seymour Mikich: "Kaufen oder besser nicht? Soll der Staat
eine geklaute Datei mit den Namen von Steuerhinterziehern
erwerben?"
[mitbloggen]

Atomkraft: Freifahrtschein auch für
Uralt-Reaktoren
Ausführliche Langfassungen der Interviews aus dem Beitrag.

Betriebsratsverseucht
Das "Unwort des Jahres 2009" geht auf einen MONITOR-Bericht vom 14.
Mai 2009 zurück. Hier können Sie den Beitrag nochmal sehen:
[mehr]

Umwelt- und Klimapolitik
Wer sind die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft? Was können
und müssen wir Verbraucher tun? Wie dramatisch sind die Folgen des
Klimawandels bereits heute?
[mehr]

Unsere Kinder - unsere
Zukunft
Warum bleiben immer mehr Kinder in ihrer Entwicklung auf der
Strecke? Was bestimmt den Alltag von Kindern und Jugendlichen?
[mehr]

MONITOR zum Mitnehmen
MONITOR gibt es für unterwegs - als VideoPodcast!

Montags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
© WDR 2010