27.05.2012

Das Erste ist das Fernsehen
Frau Mikich vor dem Monitor-LogoHomepage des WDR

Nr. 579

URL: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2008/0612/bauern.php5

Sie befinden sich hier:

Monitor Nr. 579 vom

Gute Geschäfte, ruinierte Bauern



Video der Sendung

Unsere Videos können Sie mit dem Flash-Player ab der Version 8.0 ansehen. Den neuesten Flash-Player können Sie beim Hersteller Adobe unter folgender Adresse kostenlos downloaden:
http://www.adobe.com/go/getflashplayer_de


Bericht: Ralph Hötte, Monika Wagener, Christian Wagner

Sonia Mikich: "Wir haben im Kleiderschrank ganz bestimmt ein paar T-Shirts oder Hemden, die aus indischer Baumwolle gemacht sind. Indien gehört nämlich zu den ganz großen Lieferanten weltweit und ist darauf angewiesen, immer effizienter, immer billiger zu produzieren.

Die folgende Geschichte erzählt von großen Konzernen und vom bitteren Alltag indischer Baumwollbauern."

Ausschnitt eines Werbespots von Monsanto Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Ausschnitt eines Werbespots von Monsanto

Werbung in Indien für gentechnisch veränderte Baumwolle:"Bollgard brachte uns Glück". "Bollgard ist stark genug, um die Raupen zu töten". "Wenn die Raupen tot sind, sparen wir viel Geld für Pestizide". "Bollgard, die Kraft, die den Baumwollwurm besiegt". "Gene von Monsanto".

Ein schönes Versprechen, doch für so manchen Bauern sah dann alles ganz anders aus. Das neue Hightech-Saatgut hatte die starke Trockenheit in einigen Regionen Indiens offenbar nicht verkraftet.

Baumwollbauer Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Baumwollbauer

Baumwollbauer (Übersetzung MONITOR): "Alle Leute hier im Dorf haben die Bollgard-Baumwolle angebaut. Man hatte uns versprochen, dass die Ernte dann gut sein würde. Die Leute, die uns das verkauft haben, kamen bis an unsere Tür und sagten, nehmt unser Saatgut, dann werdet ihr hervorragende Ernten haben."

Baumwollwurm trotz Bollgard Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Baumwollwurm trotz Bollgard

Viele indische Kleinbauern haben Hochleistungssamen wie Bollgard gekauft - auch Tulsi Mandre. Auch er vertraute auf das Versprechen der Verkäufer, doch das Wetter war schwierig und am Ende wurden seine Pflanzen zerfressen von genau dem Baumwollwurm, gegen den sie eigentlich immun sein sollten.

In Indien kann es wetterbedingt solche Ernten geben. Das Problem ist nur: Für das Hightech-Saatgut müssen Bauern wie Tulsi Mandre bis zu sechs Mal mehr ausgeben als für ihr traditionelles Saatgut. Da kann schon eine schlechte Ernte den Ruin bedeuten, zumal das teure Saatgut, anders als das alte, nur einmal ausgesät werden kann. Bei seinen hohen Schulden denkt Tulsi Mandre manchmal sogar an Selbstmord.

Tulsi Mandre, Baumwollbauer Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Tulsi Mandre

Tulsi Mandre, Baumwollbauer (Übersetzung MONITOR): "Natürlich will ich das nicht, auch wegen der Familie. Aber die Leute, die mir das Geld gegeben haben, will ich auch nicht betrügen. Die haben ja auch Familien."

Das Problem ist: Baumwolle ist inzwischen ein Billigstprodukt - bei Preisen von sechs Euro für ein T-Shirt und weniger bleibt für die indischen Bauern sowieso kaum etwas übrig. Indien ist Deutschlands viertgrößter Textillieferant. Letztlich profitieren die deutschen Käufer davon, dass die indischen Kleinbauern kaum noch etwas an ihrer Ware verdienen.

Bayer CropScience Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Bayer CropScience

Auch deutsche Firmen profitieren vom indischen Hightech-Saatgutmarkt, zum Beispiel Bayer CropScience. Bayer bietet ebenfalls teures Hochleistungs-Saatgut in Indien an, mit und ohne Gentechnik. Auch das Bayer-Saatgut müssen die Bauern immer neu kaufen.

In Indien sind Einmalsamen inzwischen schon so verbreitet, dass sich ökologische Saatbanken gegründet haben. Ihr Ziel: das traditionelle indische Saatgut zu retten. Doch das ist gar nicht so einfach.

Shiriam Kalaspurkar, Navdanya, Biologische Saatbank Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Shiriam Kalaspurkar

Shiriam Kalaspurkar, Navdanya, Biologische Saatbank (Übersetzung MONITOR): "Ich bekomme die Baumwollsamen von Bauern, die in wirklich sehr abgelegenen Gegenden leben. Dort betreibt man noch Baumwollanbau nach alter Tradition, weil die Agrarkonzerne es bis dorthin noch nicht geschafft haben. Es sind nur noch sehr wenige Orte."

Und die Bauern? Sie geben auf, sie verzweifeln, viele nehmen sich das Leben. In manchen Regionen sind es zwei am Tag. Hier in Vidarbha hat sich eine Selbsthilfegruppe gegründet, die all das festhält. Jeder Tote hat eine Nummer - die indische Regierung hat schon mehr als 100.000 Bauern-Selbstmorde in ganz Indien gezählt. Viele saßen in der Schuldenfalle. So auch Dalavat Tekam. Der 42-jährige Baumwollbauer aus dem Dorf Gondari hinterlässt Frau und Tochter. Seine Familie war ahnungslos, erst später erfuhren sie die Ursache.

Bhimai Tekam, Witwe Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Bhimai Tekam

Bhimai Tekam, Witwe (Übersetzung MONITOR):"Er hatte Schulden und große Verluste bei der Baumwolle. Das war der Grund. Aber von diesen Schulden hatte er uns nie etwas erzählt." Dass teures Einmal-Saatgut bei der Verzweiflung der Bauern eine Rolle spielt, weisen die Firmen zurück. Monsanto sieht vielmehr lokale und globale Ursachen - und das Wetter.

Zitat:"...ausbleibende Niederschläge, haben in den betroffenen Gebieten zu hohen Ertragsausfällen geführt und Landwirte massiv unter wirtschaftlichen Druck gesetzt, während im Rest des Landes die Ernte gesteigert werden konnte."

Tatsächlich können westliche Hightech-Samen höhere Erträge bringen, vor allem in Gegenden mit ausreichender Bewässerung. Doch in einigen großen Landstrichen Indiens waren die Ergebnisse schlecht. Die Bauern blieben auf den Kosten für das teure Saatgut sitzen.

Vandana Shiva, Alternative Nobelpreisträgerin, Misereor, Kath. Hilfswerk Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Vandana Shiva

Vandana Shiva, Alternative Nobelpreisträgerin (Übersetzung MONITOR): "Die Schulden der Farmer sind das Ergebnis einer sehr kapitalintensiven, hochpreisigen Landwirtschaft, in einer Zeit, in der die Globalisierung die Preise fallen lässt. Sie sind das Ergebnis von teurem Input und niedrigem Ertrag. Bauern haben früher nie viel Schulden machen müssen, höchstens ein ganz kleines bisschen. Wenn sie Landwirtschaft mit geringen Kosten betreiben, hängen ihre Erträge nicht von Krediten ab. Aber wenn sie sich auf die kostenintensive Landwirtschaft einlassen und ihre Erträge fallen aus, dann ist es egal, wie viele Schulden sie aufnehmen. Sie werden für immer Schulden haben. Es ist, als ob ein Eimer ein Loch hat. Der wird sich niemals füllen."

Eine Not ohne Ausweg. Viele indische Bauern bringen sich übrigens mit ihren Pflanzenschutzmitteln um, ein besonders grausamer Tod.

Sonia Mikich: "Mehr zu diesen schrecklichen Selbstmorden demnächst in der Doku-Reihe 'die story'."

Mehr zum Thema


Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 635

    21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • +++ AKTUELL +++

    Monitor Pressemeldung Rechte: WDR

    Hinweise auf Falschbehandlungen am Klinikum Hildesheim mit unnötigen Radiojodtherapien - Rhön-Klinik will 2000 Fälle von Patienten jetzt überprüfen.
    Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. [zur Pressemeldung]

  • BLOG!

    Logo Piratenpartei Rechte: WDR

    Digitale Demokratie - Eine Chance gegen Politikverdrossenheit?
    Sonia Seymour Mikich: "Ich weiss nicht, ob die Piraten auf lange Sicht überleben, ob sie sich etablieren, aber ihre bloße Existenz gibt uns allen gute Stichworte, den Zustand unserer Politik zu prüfen. Ich nenne das Sauerstoffkur für die müde gewordene Demokratie." [mitbloggen]

  • Dossier

    Tabletten mit Eurozeichen Rechte: WDR/vario-press/Baumgarten, Ulrich/VP145032

    Gesundheit
    MONITOR-Beiträge zu Gesundheit und Gesundheitspolitik. [mehr]

  • Dossier

    Euromünze vor griechischer Fahne mit Flammen im Vordergrund Rechte: WDR/Imago

    Eurokrise
    Finanzmarktkrise, Immobilienkrise, Bankenkrise. Wie geht es mit der europäischen Währung weiter? Was wäre, wenn...? MONITOR berichtet! [zum Dossier]

  • VideoPodcast

    Monitor Logo  Rechte: WDR

    MONITOR zum Mitnehmen
    Der VideoPodcast für unterwegs!

  • Politikmagazine

    Politikmagazine Rechte: ARD

    Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark


Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.

© WDR 2012

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW