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Rückschau
Sendung vom 27.10.2008Monitor Nr. 579 vom
Bericht: Ralph Hötte, Monika Wagener, Christian Wagner
Sonia Mikich: "Wir
haben im Kleiderschrank ganz bestimmt ein paar T-Shirts oder
Hemden, die aus indischer Baumwolle gemacht sind. Indien gehört
nämlich zu den ganz großen Lieferanten weltweit und ist darauf
angewiesen, immer effizienter, immer billiger zu
produzieren.
Die folgende Geschichte erzählt von großen Konzernen und vom bitteren Alltag indischer Baumwollbauern."
Werbung in Indien für gentechnisch veränderte Baumwolle:"Bollgard brachte uns Glück". "Bollgard ist stark genug,
um die Raupen zu töten". "Wenn die Raupen tot sind, sparen wir viel
Geld für Pestizide". "Bollgard, die Kraft, die den Baumwollwurm
besiegt"
. "Gene von Monsanto".
Ein schönes Versprechen, doch für so manchen Bauern sah dann alles ganz anders aus. Das neue Hightech-Saatgut hatte die starke Trockenheit in einigen Regionen Indiens offenbar nicht verkraftet.
Baumwollbauer (Übersetzung
MONITOR): "Alle Leute hier im Dorf haben die
Bollgard-Baumwolle angebaut. Man hatte uns versprochen, dass die
Ernte dann gut sein würde. Die Leute, die uns das verkauft haben,
kamen bis an unsere Tür und sagten, nehmt unser Saatgut, dann
werdet ihr hervorragende Ernten haben."
Viele indische Kleinbauern haben Hochleistungssamen wie Bollgard gekauft - auch Tulsi Mandre. Auch er vertraute auf das Versprechen der Verkäufer, doch das Wetter war schwierig und am Ende wurden seine Pflanzen zerfressen von genau dem Baumwollwurm, gegen den sie eigentlich immun sein sollten.
In Indien kann es wetterbedingt solche Ernten geben. Das Problem ist nur: Für das Hightech-Saatgut müssen Bauern wie Tulsi Mandre bis zu sechs Mal mehr ausgeben als für ihr traditionelles Saatgut. Da kann schon eine schlechte Ernte den Ruin bedeuten, zumal das teure Saatgut, anders als das alte, nur einmal ausgesät werden kann. Bei seinen hohen Schulden denkt Tulsi Mandre manchmal sogar an Selbstmord.
Tulsi Mandre, Baumwollbauer (Übersetzung
MONITOR): "Natürlich will ich das nicht, auch
wegen der Familie. Aber die Leute, die mir das Geld gegeben haben,
will ich auch nicht betrügen. Die haben ja auch Familien."
Das Problem ist: Baumwolle ist inzwischen ein Billigstprodukt - bei Preisen von sechs Euro für ein T-Shirt und weniger bleibt für die indischen Bauern sowieso kaum etwas übrig. Indien ist Deutschlands viertgrößter Textillieferant. Letztlich profitieren die deutschen Käufer davon, dass die indischen Kleinbauern kaum noch etwas an ihrer Ware verdienen.
Auch deutsche Firmen profitieren vom indischen Hightech-Saatgutmarkt, zum Beispiel Bayer CropScience. Bayer bietet ebenfalls teures Hochleistungs-Saatgut in Indien an, mit und ohne Gentechnik. Auch das Bayer-Saatgut müssen die Bauern immer neu kaufen.
In Indien sind Einmalsamen inzwischen schon so verbreitet, dass sich ökologische Saatbanken gegründet haben. Ihr Ziel: das traditionelle indische Saatgut zu retten. Doch das ist gar nicht so einfach.
Shiriam Kalaspurkar, Navdanya,
Biologische Saatbank (Übersetzung MONITOR): "Ich bekomme die Baumwollsamen von Bauern, die in
wirklich sehr abgelegenen Gegenden leben. Dort betreibt man noch
Baumwollanbau nach alter Tradition, weil die Agrarkonzerne es bis
dorthin noch nicht geschafft haben. Es sind nur noch sehr wenige
Orte."
Und die Bauern? Sie geben auf, sie verzweifeln, viele nehmen sich das Leben. In manchen Regionen sind es zwei am Tag. Hier in Vidarbha hat sich eine Selbsthilfegruppe gegründet, die all das festhält. Jeder Tote hat eine Nummer - die indische Regierung hat schon mehr als 100.000 Bauern-Selbstmorde in ganz Indien gezählt. Viele saßen in der Schuldenfalle. So auch Dalavat Tekam. Der 42-jährige Baumwollbauer aus dem Dorf Gondari hinterlässt Frau und Tochter. Seine Familie war ahnungslos, erst später erfuhren sie die Ursache.
Bhimai Tekam, Witwe (Übersetzung
MONITOR):"Er hatte Schulden und große Verluste
bei der Baumwolle. Das war der Grund. Aber von diesen Schulden
hatte er uns nie etwas erzählt."
Dass teures Einmal-Saatgut bei
der Verzweiflung der Bauern eine Rolle spielt, weisen die Firmen
zurück. Monsanto sieht vielmehr lokale und globale Ursachen - und
das Wetter.
Zitat:"...ausbleibende
Niederschläge, haben in den betroffenen Gebieten zu hohen
Ertragsausfällen geführt und Landwirte massiv unter
wirtschaftlichen Druck gesetzt, während im Rest des Landes die
Ernte gesteigert werden konnte."
Tatsächlich können westliche Hightech-Samen höhere Erträge bringen, vor allem in Gegenden mit ausreichender Bewässerung. Doch in einigen großen Landstrichen Indiens waren die Ergebnisse schlecht. Die Bauern blieben auf den Kosten für das teure Saatgut sitzen.
Vandana Shiva, Alternative
Nobelpreisträgerin (Übersetzung MONITOR): "Die
Schulden der Farmer sind das Ergebnis einer sehr kapitalintensiven,
hochpreisigen Landwirtschaft, in einer Zeit, in der die
Globalisierung die Preise fallen lässt. Sie sind das Ergebnis von
teurem Input und niedrigem Ertrag. Bauern haben früher nie viel
Schulden machen müssen, höchstens ein ganz kleines bisschen. Wenn
sie Landwirtschaft mit geringen Kosten betreiben, hängen ihre
Erträge nicht von Krediten ab. Aber wenn sie sich auf die
kostenintensive Landwirtschaft einlassen und ihre Erträge fallen
aus, dann ist es egal, wie viele Schulden sie aufnehmen. Sie werden
für immer Schulden haben. Es ist, als ob ein Eimer ein Loch hat.
Der wird sich niemals füllen."
Eine Not ohne Ausweg. Viele indische Bauern bringen sich übrigens mit ihren Pflanzenschutzmitteln um, ein besonders grausamer Tod.
Sonia Mikich: "Mehr zu
diesen schrecklichen Selbstmorden demnächst in der Doku-Reihe 'die
story'."
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21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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