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Rückschau
Sendung vom 12.06.2008Monitor Nr. 579 vom
Bericht: Georg Restle, Jan Schmitt, Thomas Aders
Sonia Mikich: "Sie
sehen es ja in den Nachrichten: Hungeraufstände, Protest wegen
unmöglich hoher Treibstoffpreise, Druck auf Regierungen. In
ungefähr 30 Ländern kam es bislang zu Protesten, mal friedlich, mal
gewaltbereit, in weiteren 30 Ländern drohen Aufstände, so die
UN.
Denn: Rohstoffe sind begrenzt, die Nachfrage aber
nicht. Hierzulande hoffen wir auf neue Energiequellen. Wäre doch
gut, wenn wir billig und auch noch umweltfreundlich tanken könnten
– hier!
Schauplatz Brasilien: Da ist ein Biosprit-Boom
sondergleichen, auf Kosten der Arbeiter, auf Kosten der Umwelt -
dort!"
Unsere tägliche Tankfüllung. Noch ist es Sprit aus Erdöl. Ein umwelt- und klimaschädlicher Stoff und bald schon unbezahlbar.
Das ist der Saft, der uns jetzt retten soll. Vergorenes Zuckerrohr, aus dem Ethanol gewonnen wird - Biosprit. Diese Fabrik liegt im Süden Brasiliens. Rund um die Uhr wird hier Zuckerrohr gewaschen und in Alkohol verwandelt, um dem neuen Durst der Industrienationen nach Biokraftstoffen nachzukommen. Brasilien gilt als das neue El Dorado für Agrartreibstoffe aus Zuckerrohr oder Soja. Schon heute reichen die Plantagen weit über den Horizont. Nicht genug: Bis zu 220 Millionen Hektar will das Land in Anbauflächen für Biosprit verwandeln. Ein gigantischer Plan: Das entspricht sechs Mal der Fläche Deutschlands.
Letzten Monat besuchte die Kanzlerin Brasilien. Die Bundesregierung hat das Land als wichtigen Handelspartner neu entdeckt, seit Deutschland auf Biosprit-Importe aus dem Ausland angewiesen ist, um seine hochgesteckten Ziele zu erfüllen. Sogar ein neues Abkommen wurde jetzt mit der brasilianischen Regierung geschlossen: Danach soll der Biosprit für Deutschland künftig strengsten ökologischen und sozialen Kriterien genügen.
Matthias Machnig, SPD, Staatssekretär
Bundesumweltministerium: "Was immer wir tun,
Brasilien wird Bio-Kraftstoffe nutzen. Und deswegen glaube ich,
macht es Sinn zu einer Kooperation zu kommen. Technisch, aber auch
unter dem Stichwort, ‚wie setzen wir Nachhaltigkeit durch’ bei der
Produktion von Biomasse, die ich brauche, um Bio-Kraftstoffe zu
produzieren."
Wie ökologisch und sozial korrekt der Ausbau neuer Flächen für Biosprit vorangeht, lässt sich im Nordosten des Landes beobachten. Hier soll einer der größten Flüsse Brasiliens umgeleitet werden, der Rio São Francisco. Ein Megaprojekt, um ein riesiges Trockengebiet in neue Anbauflächen für Zuckerrohr und Soja zu verwandeln - auch zulasten von Feldern für Bohnen und Getreide. Biosprit statt Nahrungsmittel.
Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath.
Hilfswerk: "Das brasilianische
Statistik-Institut hat noch im letzten Jahr nachgewiesen, dass die
Expansion des Zuckerrohranbaus im letzten Jahr zu 30 Prozent auf
Flächen passierte, die vorher der Grundnahrungsmittel-Produktion
gewidmet waren."
Für Kleinbauern wie Zacharias, die bisher vom Fluss gelebt haben, heißt dies: Für sie, die hier Manjok anbauen, wird bald kein Platz mehr sein. Und das bisschen Wasser, das ihnen hier geblieben ist, ist heute schon ungenießbar.
Zacharias (Übersetzung MONITOR):
"Früher haben wir von diesem Wasser getrunken, aber
die Planierraupen haben alles kaputt gemacht. Heute können nur noch
die Tiere hier trinken."
Neulich haben Bulldozer einige Häuser in dem kleinen Dorf von Zacharias platt gemacht. Das seien die Zuckerbarone gewesen, sagt er, die ihnen das Land nehmen wollen, für das sie selbst keinen Titel besitzen, obwohl ihre Familien schon seit langem hier wohnen. Erst nehmen sie das Wasser und dann das Land. Viele schon sind mit Gewalt vertrieben worden, aber Zacharias und seine Familie wollen nicht weichen.
Das Wasser des Rio Sao Francisco wird bald für neue Zuckerrohrplantagen gebraucht. Künstliche Bewässerung in einem Trockengebiet. Kostbares Wasser, aus dem Sprit werden soll für die Industrie- und Autonationen der Welt. Bis zu dreieinhalbtausend Liter Wasser werden benötigt, um einen einzigen Liter Biosprit zu produzieren. Unsere tägliche Tankfüllung. Kraftstoff aus nachhaltiger Entwicklung? Umwelt- und sozialverträglich?
Für die Männer und Frauen, die täglich in den Zuckerrohrplantagen arbeiten, verheißt der neue Boom wenig Gutes. Viele von ihnen sind ehemalige Kleinbauern, die ihre Felder verloren haben. Heute schlagen sie mit ihren Macheten das Zuckerrohr. Bis zu 15 Tonnen am Tag werden ihnen abverlangt. Für Geld, das kaum zum Überleben reicht.
Bauer (Übersetzung MONITOR): "Wir hier unten verdienen 13 Real am Tag, die dort oben
nur acht. Im Monat kommen wir so auf ungefähr 200 Real, manchmal
ist es ein bisschen mehr, manchmal auch weniger. Oft bekommen wir
überhaupt kein Geld. Aber was sollen wir machen? Es gibt ja keine
andere Arbeit."
200 Real. Das sind 80 Euro im Monat. Seit die Industrienationen die Nachfrage nach Agrarsprit erhöht haben, ist die Arbeit hier noch härter geworden.
Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath.
Hilfswerk: "Im vergangenen Jahr sind nach
Berichten der brasilianischen Landkommission der Bischofskonferenz
450 Menschen allein an Erschöpfung gestorben. 3.100 Arbeiter wurden
aus sklavenähnlichen Verhältnissen befreit, etwas, was wir
eigentlich in heutigen Tagen für unvorstellbar halten. Wir wissen
aber auch aus einer Untersuchung der Universität São Paulo, dass
die Arbeitsbedingungen heute unmenschlicher sind als zur
Sklavenzeit."
Wer profitiert vom Biosprit-Geschäft mit Zuckerrohr und Soja? Ein großer Teil der Fabriken gehört US-amerikanischen und europäischen Konzernen. Und viel Kapital für den neuen Boom kommt aus Deutschland. Nach einer gerade veröffentlichten Studie der Umweltorganisation Friends of the Earth spielen europäische und deutsche Banken eine wichtige Rolle, darunter die Commerzbank, die Westdeutsche Landesbank und - allen voran - die Deutsche Bank.
Jan Willem van Gelder, Profundo,
Finanzexperte (Übersetzung MONITOR): "Ohne
diese Finanzinstitute wäre das rasante Wachstum der
Biosprit-Branche überhaupt nicht denkbar. Die Unternehmen
profitieren enorm von den Möglichkeiten, die sie durch Kredite,
Anleihen und Aktienbeteiligungen erhalten, um ihr Kapital zu
erhöhen und dadurch immer schneller zu wachsen."
Unsere tägliche Tankfüllung bald mit Biosprit? Nachhaltig, umwelt- und sozialverträglich? Der unstillbare Durst der Industrienationen nach Kraftstoffen aus Biomasse: Für Länder wie Brasilien bedeutet er Sklavenarbeit, Vertreibung und ausgetrocknete Böden.
Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath.
Hilfswerk: "Es gibt die Möglichkeit, auch mit
Biomasse Energie für die Armen zu erzeugen. Dafür sollte sie auch
vorrangig eingesetzt werden. Aber es kann nicht angehen, dass das
Brot der Armen den Tank der Reichen füllt."
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21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.
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