27.05.2012

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Nr. 579

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Monitor Nr. 579 vom

Versklavt und vertrieben

Die Verlierer des Biosprit-Booms



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Bericht: Georg Restle, Jan Schmitt, Thomas Aders

Sonia Mikich: "Sie sehen es ja in den Nachrichten: Hungeraufstände, Protest wegen unmöglich hoher Treibstoffpreise, Druck auf Regierungen. In ungefähr 30 Ländern kam es bislang zu Protesten, mal friedlich, mal gewaltbereit, in weiteren 30 Ländern drohen Aufstände, so die UN.

Denn: Rohstoffe sind begrenzt, die Nachfrage aber nicht. Hierzulande hoffen wir auf neue Energiequellen. Wäre doch gut, wenn wir billig und auch noch umweltfreundlich tanken könnten – hier!

Schauplatz Brasilien: Da ist ein Biosprit-Boom sondergleichen, auf Kosten der Arbeiter, auf Kosten der Umwelt - dort!"

Ein Tankstutzen von Innen Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Ein Tankstutzen von Innen

Unsere tägliche Tankfüllung. Noch ist es Sprit aus Erdöl. Ein umwelt- und klimaschädlicher Stoff und bald schon unbezahlbar.

 Eine Zuckerrohr-Fabrik in Brasilien Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Eine Zuckerrohr-Fabrik in Brasilien

Das ist der Saft, der uns jetzt retten soll. Vergorenes Zuckerrohr, aus dem Ethanol gewonnen wird - Biosprit. Diese Fabrik liegt im Süden Brasiliens. Rund um die Uhr wird hier Zuckerrohr gewaschen und in Alkohol verwandelt, um dem neuen Durst der Industrienationen nach Biokraftstoffen nachzukommen. Brasilien gilt als das neue El Dorado für Agrartreibstoffe aus Zuckerrohr oder Soja. Schon heute reichen die Plantagen weit über den Horizont. Nicht genug: Bis zu 220 Millionen Hektar will das Land in Anbauflächen für Biosprit verwandeln. Ein gigantischer Plan: Das entspricht sechs Mal der Fläche Deutschlands.

Angela Merkel auf Staatsbesuch Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Angela Merkel auf Staatsbesuch

Letzten Monat besuchte die Kanzlerin Brasilien. Die Bundesregierung hat das Land als wichtigen Handelspartner neu entdeckt, seit Deutschland auf Biosprit-Importe aus dem Ausland angewiesen ist, um seine hochgesteckten Ziele zu erfüllen. Sogar ein neues Abkommen wurde jetzt mit der brasilianischen Regierung geschlossen: Danach soll der Biosprit für Deutschland künftig strengsten ökologischen und sozialen Kriterien genügen.

 Matthias Machnig, SPD Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Matthias Machnig

Matthias Machnig, SPD, Staatssekretär Bundesumweltministerium: "Was immer wir tun, Brasilien wird Bio-Kraftstoffe nutzen. Und deswegen glaube ich, macht es Sinn zu einer Kooperation zu kommen. Technisch, aber auch unter dem Stichwort, ‚wie setzen wir Nachhaltigkeit durch’ bei der Produktion von Biomasse, die ich brauche, um Bio-Kraftstoffe zu produzieren."

Wie ökologisch und sozial korrekt der Ausbau neuer Flächen für Biosprit vorangeht, lässt sich im Nordosten des Landes beobachten. Hier soll einer der größten Flüsse Brasiliens umgeleitet werden, der Rio São Francisco. Ein Megaprojekt, um ein riesiges Trockengebiet in neue Anbauflächen für Zuckerrohr und Soja zu verwandeln - auch zulasten von Feldern für Bohnen und Getreide. Biosprit statt Nahrungsmittel.

Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath. Hilfswerk Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Martin Bröckelmann-Simon

Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath. Hilfswerk: "Das brasilianische Statistik-Institut hat noch im letzten Jahr nachgewiesen, dass die Expansion des Zuckerrohranbaus im letzten Jahr zu 30 Prozent auf Flächen passierte, die vorher der Grundnahrungsmittel-Produktion gewidmet waren."

Für Kleinbauern wie Zacharias, die bisher vom Fluss gelebt haben, heißt dies: Für sie, die hier Manjok anbauen, wird bald kein Platz mehr sein. Und das bisschen Wasser, das ihnen hier geblieben ist, ist heute schon ungenießbar.

Kleinbauer Zacharias Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Kleinbauer Zacharias

Zacharias (Übersetzung MONITOR): "Früher haben wir von diesem Wasser getrunken, aber die Planierraupen haben alles kaputt gemacht. Heute können nur noch die Tiere hier trinken."

Neulich haben Bulldozer einige Häuser in dem kleinen Dorf von Zacharias platt gemacht. Das seien die Zuckerbarone gewesen, sagt er, die ihnen das Land nehmen wollen, für das sie selbst keinen Titel besitzen, obwohl ihre Familien schon seit langem hier wohnen. Erst nehmen sie das Wasser und dann das Land. Viele schon sind mit Gewalt vertrieben worden, aber Zacharias und seine Familie wollen nicht weichen.

Künstliche Bewässerung einer Zuckerrohrplantage Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Künstliche Bewässerung einer Zuckerrohrplantage

Das Wasser des Rio Sao Francisco wird bald für neue Zuckerrohrplantagen gebraucht. Künstliche Bewässerung in einem Trockengebiet. Kostbares Wasser, aus dem Sprit werden soll für die Industrie- und Autonationen der Welt. Bis zu dreieinhalbtausend Liter Wasser werden benötigt, um einen einzigen Liter Biosprit zu produzieren. Unsere tägliche Tankfüllung. Kraftstoff aus nachhaltiger Entwicklung? Umwelt- und sozialverträglich?

Für die Männer und Frauen, die täglich in den Zuckerrohrplantagen arbeiten, verheißt der neue Boom wenig Gutes. Viele von ihnen sind ehemalige Kleinbauern, die ihre Felder verloren haben. Heute schlagen sie mit ihren Macheten das Zuckerrohr. Bis zu 15 Tonnen am Tag werden ihnen abverlangt. Für Geld, das kaum zum Überleben reicht.

Bauer (Übersetzung MONITOR): "Wir hier unten verdienen 13 Real am Tag, die dort oben nur acht. Im Monat kommen wir so auf ungefähr 200 Real, manchmal ist es ein bisschen mehr, manchmal auch weniger. Oft bekommen wir überhaupt kein Geld. Aber was sollen wir machen? Es gibt ja keine andere Arbeit."

200 Real. Das sind 80 Euro im Monat. Seit die Industrienationen die Nachfrage nach Agrarsprit erhöht haben, ist die Arbeit hier noch härter geworden.

Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath. Hilfswerk Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Martin Bröckelmann-Simon

Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath. Hilfswerk: "Im vergangenen Jahr sind nach Berichten der brasilianischen Landkommission der Bischofskonferenz 450 Menschen allein an Erschöpfung gestorben. 3.100 Arbeiter wurden aus sklavenähnlichen Verhältnissen befreit, etwas, was wir eigentlich in heutigen Tagen für unvorstellbar halten. Wir wissen aber auch aus einer Untersuchung der Universität São Paulo, dass die Arbeitsbedingungen heute unmenschlicher sind als zur Sklavenzeit."

Wer profitiert vom Biosprit-Geschäft mit Zuckerrohr und Soja? Ein großer Teil der Fabriken gehört US-amerikanischen und europäischen Konzernen. Und viel Kapital für den neuen Boom kommt aus Deutschland. Nach einer gerade veröffentlichten Studie der Umweltorganisation Friends of the Earth spielen europäische und deutsche Banken eine wichtige Rolle, darunter die Commerzbank, die Westdeutsche Landesbank und - allen voran - die Deutsche Bank.

Jan Willem van Gelder, Profundo, Finanzexperte Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Jan Willem van Gelder

Jan Willem van Gelder, Profundo, Finanzexperte (Übersetzung MONITOR): "Ohne diese Finanzinstitute wäre das rasante Wachstum der Biosprit-Branche überhaupt nicht denkbar. Die Unternehmen profitieren enorm von den Möglichkeiten, die sie durch Kredite, Anleihen und Aktienbeteiligungen erhalten, um ihr Kapital zu erhöhen und dadurch immer schneller zu wachsen."

Unsere tägliche Tankfüllung bald mit Biosprit? Nachhaltig, umwelt- und sozialverträglich? Der unstillbare Durst der Industrienationen nach Kraftstoffen aus Biomasse: Für Länder wie Brasilien bedeutet er Sklavenarbeit, Vertreibung und ausgetrocknete Böden.

Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath. Hilfswerk Rechte:  WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Martin Bröckelmann-Simon

Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, Kath. Hilfswerk: "Es gibt die Möglichkeit, auch mit Biomasse Energie für die Armen zu erzeugen. Dafür sollte sie auch vorrangig eingesetzt werden. Aber es kann nicht angehen, dass das Brot der Armen den Tank der Reichen füllt."

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Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 635

    21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • +++ AKTUELL +++

    Monitor Pressemeldung Rechte: WDR

    Hinweise auf Falschbehandlungen am Klinikum Hildesheim mit unnötigen Radiojodtherapien - Rhön-Klinik will 2000 Fälle von Patienten jetzt überprüfen.
    Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. [zur Pressemeldung]

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