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Sendung vom 19.02.2009Monitor Nr. 589 vom 19.02.2009
Bericht: Ursel Sieber, Monika Wagener, Frank Konopatzki
Sonia Mikich: "Blockbuster - so nennen Pharmafirmen Arzneimittel, mit denen man richtig viel Geld machen kann. Die HPV-Impfung ist so ein Blockbuster. Sie soll junge Mädchen vor Gebärmutterhalskrebs schützen. Allein Marktführer Sanofi Pasteur MSD hat bereits mehr als eine Million Impfdosen in Deutschland verkauft. Auch dank einer beispiellosen PR-Kampagne. Nicht nur Werbung im Fernsehen, sondern auch Vorträge an Schulen, Kampagnen im Internet - und wer genau hinschaut, findet immer häufiger: gesponsert von den Herstellern. Es funktioniert. Eine kritische Auseinandersetzung mit Wirkung und Nebenwirkung findet kaum statt. Ursel Sieber, Monika Wagener und Frank Konopatzki haben aber genau das getan."
Sternstunde für einen Mediziner. Der Nobelpreis für Harald zur
Hausen für seine Entdeckung, dass HPV - Viren Krebs auslösen
können. Was der deutsche Krebsforscher nicht wusste: Hinter den
Kulissen spielte möglicherweise eine Pharmafirma eine Rolle, die
vom Verkauf des neuen Impfstoffes gegen diese Viren über
Lizenzgebühren profitiert. Korruption bei der Vergabe des
Nobelpreises?
Das Nobelkomitee und die Firma Astra Zeneca weisen das weit von
sich. Fakt ist: Astra Zeneca hat Tochterfirmen der Nobelstiftung
gesponsert, ein Astra-Zeneca-Aufsichtsratsmitglied saß im
Nobelkomitee. Der Chef des Komitees hatte einen Beratervertrag mit
Astra Zeneca. Hat alles nichts mit der Vergabe zu tun, sagt die
Firma. In Schweden prüft das derzeit der Staatsanwalt. Auch
unabhängig davon gilt:
Die Impfung ist für einige Pharmahersteller fast eine Lizenz zum
Gelddrucken. Mehr als 450 Euro pro Impfling, bezahlen müssen das in
Deutschland die Krankenkassen. Der Impfstoff verkauft sich
millionenfach, obwohl Gebärmutterhalskrebs in Deutschland eine eher
seltene Krebserkrankung ist, noch seltener für Frauen, die zur
Früherkennung gehen. Doch Werbung und Aufklärungsspots haben vielen
jungen Mädchen Angst gemacht.
Aufklärungsspot Zervita: "Dem Tod kann man
nicht entkommen, aber in einem Fall kannst du was dagegen tun. Pro
Jahr sterben fast 1.700 Frauen in Deutschland an
Gebärmutterhalskrebs."
Aufklärungsspot Deutsches Grünes Kreuz: "Deshalb schütze
ich meine Tochter schon heute vor dem Virus, das den Krebs
verursachen kann. Tun Sie es auch!"
Auch Sina und ihre Mutter haben solche Spots gesehen. Dass Sina
sich impfen lässt, war danach keine Frage mehr. Dass ausgerechnet
bei ihr schwere Nebenwirkungen auftreten könnten, hätte sie nie
gedacht.
Sina Hofrath: "Als ich von der
Impfung gehört habe, habe ich mit meinen Freundinnen darüber
gesprochen und wir haben es eigentlich alle so verstanden, dass
eine 100-prozentige Wirkung gegen Gebärmutterhalskrebs da ist. Dass
es nur positiv werden kann und halt auch keine Nebenwirkungen
auftreten können."
Edelgard Hofrath: "Welche Mutter
möchte ihrem Kind nicht diese Erkrankung ersparen. Und die Werbung
hat mir zumindest suggeriert, dass meine Tochter dann absolut
geschützt ist davor."
Absolut geschützt? Fast 100 Prozent? Das suggeriert auch so
mancher Hersteller. Die Firma Sanofi Pasteur MSD in Leimen
vertreibt erfolgreich den Impfstoff Gardasil, den absoluten
Marktführer. Rundum geschützt wirbt die Firma im Internet für ihre
Impfungen. Und in der Überschrift einer Pressemitteilung spricht
man auch schon mal von einem "bis zu 100-prozentigen Schutz vor
Gebärmutterhalskrebs" durch ihren Impfstoff. Eine Gruppe von 15
Ärzten und Wissenschaftlern hat fast ein Jahr recherchiert, sich
durch Zahlen, Studien und Zulassungsunterlagen des Herstellers
gearbeitet. Von dem Ergebnis waren sie selbst überrascht.
Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vors.
Arzneimittelkommission der Dt. Ärzteschaft: "Die richtigen
Zahlen, die sicherlich den wenigsten jungen Mädchen und Frauen zum
Zeitpunkt der Impfung deutlich waren, sind erst nach sehr
sorgfältiger Beschäftigung mit den Ergebnissen offenbar geworden
und von den Herstellern in keiner Weise richtig dargestellt
worden."
Reporterin: "Und das heißt, was war Ihr Ergebnis?"
Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vors.
Arzneimittelkommission der Dt. Ärzteschaft: "Das Ergebnis
war, dass die Wirksamkeit viel geringer ist, als sie von den
Herstellern suggeriert wurde."
Humane Papillomviren werden durch Geschlechtsverkehr übertragen
und können am Gebärmutterhals Zellveränderungen hervorrufen. Es
gibt viele verschiedene HPV - Viren. Etwa 15 gelten als potenziell
krebserregend. Die Impfung wirkt zu fast 100 Prozent gegen die zwei
aggressivsten, den HPV-Typ 16 und 18. Was passiert, wenn diese
beiden quasi weggeimpft werden?
Prof. Martina Dören, Universitätsklinikum
Charité Berlin: "Wir wissen heute noch gar nicht, was
eigentlich passiert, wenn man mit einer Impfung in die Biologie
eingreift, zwei Viren praktisch aus dem Verkehr nimmt. Es kann sehr
wohl sein, dass dann andere Viren an die Stelle treten und das Werk
im Körper am Gebärmutterhals womöglich fortsetzen können."
Für die jungen Mädchen ist deshalb entscheidend, wie sich ihr
Risiko insgesamt verringert, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken
oder zumindest an gefährlichen Vorstufen, die dann entfernt werden.
Eine Zahl für Gardasil nennt Sanofi in einer Fachinformation. Die
Reduktion gefährlicher Vorstufen betrage bezogen auf alle HPV-Viren
46,1 Prozent. Ist das also der wahre Schutz, 46,1 Prozent? Auf
diese Zahl kommt der Hersteller allerdings nur, weil er
nachträglich Untergruppen gebildet hat. Ein notwendiges und
etabliertes Verfahren, sagt Sanofi. Beim Institut für
Qualitätssicherung der Bundesregierung sieht man das anders.
Prof. Peter Sawicki, Institut für
Qualität u. Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: "Also
die Ergebnisse von Untergruppenauswertungen sind häufig falsch. Wir
würden uns nicht trauen, auf der Basis einer solchen
Untergruppenauswertung eine Empfehlung auszusprechen. Das liegt
daran, dass der Wunsch dabei der Vater des Gedankens ist und man
häufig die Daten so behandelt, dass das rauskommt bei der
nachträglichen Auswertung, was man sich eigentlich gewünscht hat.
Also unzuverlässig."
Doch wie wirkt sich die Impfung nun wirklich aus, auf
Krebsvorstufen verursacht durch alle HPV-Typen? Und das vor allem
bei Mädchen, die noch nicht mit HPV-Viren in Kontakt waren?
Erstaunlich, diese Gruppe hat der Hersteller gar nicht untersucht -
aus ethischen Gründen, wie es heißt. Mädchen, die sich noch nicht
mit HPV 16 und 18 infiziert hatten, gab es dagegen schon. Bei ihnen
findet sich bezogen auf gefährliche Krebsvorstufen aller HPV-Typen
ein Rückgang von nicht einmal mehr 27 Prozent. In einem
Hintergrunddokument bei der amerikanischen Zulassungsbehörde sogar
nur noch 16,9 Prozent.
27 und 16,9 Prozent, sind das realistische Zahlen zur Wirksamkeit? Wir fragen nach bei Sanofi. Ein zugesagtes Interview wird kurzfristig wieder abgesagt. Schriftlich ist von einem bis zu 100-prozentigen Schutz nicht mehr die Rede, jetzt heißt es, die Impfung könne bis zu 70 Prozent aller Gebärmutterhalskrebse verhindern. Niedrigere Zahlen hält man nicht für aussagekräftig. Sie bezögen sich auf Mädchen, die teilweise mit anderen HPV-Typen vorinfiziert waren. Mit anderen HPV - Typen werden sich aber auch die geimpften Mädchen im Laufe der Zeit infizieren. Nur neue Studien könnten wirklich Klarheit bringen. Studien mit jungen Mädchen, die der Gruppe, die geimpft werden soll, möglichst nahe kommt.
Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vors.
Arzneimittelkommission d. Dt. Ärzteschaft: "Die größte
Gefahr ist sicherlich, dass man die offenen Fragen, die derzeit
ohne Zweifel existieren, nicht aktiv genug angeht, dass man in der
Öffentlichkeit die Wirksamkeit eindeutig zu positiv darstellt, dass
man die auch bestehenden langfristigen Risiken, die man nur zum
Teil kennt, nicht sorgfältig genug untersucht, und dass man dann
mehr oder weniger den jungen Mädchen und den Frauen in den
Aufklärungsgesprächen nicht die Informationen liefern kann, die sie
benötigen, um zu sagen sie möchten sich impfen lassen, ja oder
nein."
Sina würde sich eine Überprüfung der Wirkung, aber auch der
Nebenwirkungen der Impfung wünschen. Denn nach der zweiten Spritze
bekam sie mehrere Ohnmachtsanfälle, nach der dritten Impfung
Lähmungen am ganzen Körper, die erst nach monatelanger Therapie
wieder verschwanden. Nur wer den Nutzen kennt, kann mögliche
Risiken abwägen. Für die Mädchen derzeit eine schwierige
Entscheidung.
Sonia Mikich: "Millionen Mädchen haben doch wohl ein Recht auf vollständige Klärung. Der gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen hat die Ständige Impfkommission jetzt aufgefordert, ihre Empfehlung für die Impfung zu überprüfen."
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25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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