09.02.2010

Das Erste ist das Fernsehen
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Nr. 589

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Monitor Nr. 589 vom 19.02.2009

Geschönte Zahlen?

Streit um die Wirksamkeit der HPV-Impfung



Video der Sendung

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Bericht: Ursel Sieber, Monika Wagener, Frank Konopatzki

Sonia Mikich: "Blockbuster - so nennen Pharmafirmen Arzneimittel, mit denen man richtig viel Geld machen kann. Die HPV-Impfung ist so ein Blockbuster. Sie soll junge Mädchen vor Gebärmutterhalskrebs schützen. Allein Marktführer Sanofi Pasteur MSD hat bereits mehr als eine Million Impfdosen in Deutschland verkauft. Auch dank einer beispiellosen PR-Kampagne. Nicht nur Werbung im Fernsehen, sondern auch Vorträge an Schulen, Kampagnen im Internet - und wer genau hinschaut, findet immer häufiger: gesponsert von den Herstellern. Es funktioniert. Eine kritische Auseinandersetzung mit Wirkung und Nebenwirkung findet kaum statt. Ursel Sieber, Monika Wagener und Frank Konopatzki haben aber genau das getan."

Nobelpreisverleihung Rechte: WDR/dpa Bild vergrößern

Nobelpreis für Harald zur Hausen

Sternstunde für einen Mediziner. Der Nobelpreis für Harald zur Hausen für seine Entdeckung, dass HPV - Viren Krebs auslösen können. Was der deutsche Krebsforscher nicht wusste: Hinter den Kulissen spielte möglicherweise eine Pharmafirma eine Rolle, die vom Verkauf des neuen Impfstoffes gegen diese Viren über Lizenzgebühren profitiert. Korruption bei der Vergabe des Nobelpreises?

Das Nobelkomitee und die Firma Astra Zeneca weisen das weit von sich. Fakt ist: Astra Zeneca hat Tochterfirmen der Nobelstiftung gesponsert, ein Astra-Zeneca-Aufsichtsratsmitglied saß im Nobelkomitee. Der Chef des Komitees hatte einen Beratervertrag mit Astra Zeneca. Hat alles nichts mit der Vergabe zu tun, sagt die Firma. In Schweden prüft das derzeit der Staatsanwalt. Auch unabhängig davon gilt:

Die Impfung ist für einige Pharmahersteller fast eine Lizenz zum Gelddrucken. Mehr als 450 Euro pro Impfling, bezahlen müssen das in Deutschland die Krankenkassen. Der Impfstoff verkauft sich millionenfach, obwohl Gebärmutterhalskrebs in Deutschland eine eher seltene Krebserkrankung ist, noch seltener für Frauen, die zur Früherkennung gehen. Doch Werbung und Aufklärungsspots haben vielen jungen Mädchen Angst gemacht.

Sina Hofrath Rechte: WDR Bild vergrößern

Sina Hofrath

Aufklärungsspot Zervita: "Dem Tod kann man nicht entkommen, aber in einem Fall kannst du was dagegen tun. Pro Jahr sterben fast 1.700 Frauen in Deutschland an Gebärmutterhalskrebs."

Aufklärungsspot Deutsches Grünes Kreuz:
"Deshalb schütze ich meine Tochter schon heute vor dem Virus, das den Krebs verursachen kann. Tun Sie es auch!"

Auch Sina und ihre Mutter haben solche Spots gesehen. Dass Sina sich impfen lässt, war danach keine Frage mehr. Dass ausgerechnet bei ihr schwere Nebenwirkungen auftreten könnten, hätte sie nie gedacht.

Sina Hofrath: "Als ich von der Impfung gehört habe, habe ich mit meinen Freundinnen darüber gesprochen und wir haben es eigentlich alle so verstanden, dass eine 100-prozentige Wirkung gegen Gebärmutterhalskrebs da ist. Dass es nur positiv werden kann und halt auch keine Nebenwirkungen auftreten können."

Edelgard Hofrath: "Welche Mutter möchte ihrem Kind nicht diese Erkrankung ersparen. Und die Werbung hat mir zumindest suggeriert, dass meine Tochter dann absolut geschützt ist davor."

Prof. Wolf-Dieter Ludwig Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Wolf-Dieter Ludwig

Absolut geschützt? Fast 100 Prozent? Das suggeriert auch so mancher Hersteller. Die Firma Sanofi Pasteur MSD in Leimen vertreibt erfolgreich den Impfstoff Gardasil, den absoluten Marktführer. Rundum geschützt wirbt die Firma im Internet für ihre Impfungen. Und in der Überschrift einer Pressemitteilung spricht man auch schon mal von einem "bis zu 100-prozentigen Schutz vor Gebärmutterhalskrebs" durch ihren Impfstoff. Eine Gruppe von 15 Ärzten und Wissenschaftlern hat fast ein Jahr recherchiert, sich durch Zahlen, Studien und Zulassungsunterlagen des Herstellers gearbeitet. Von dem Ergebnis waren sie selbst überrascht.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vors. Arzneimittelkommission der Dt. Ärzteschaft: "Die richtigen Zahlen, die sicherlich den wenigsten jungen Mädchen und Frauen zum Zeitpunkt der Impfung deutlich waren, sind erst nach sehr sorgfältiger Beschäftigung mit den Ergebnissen offenbar geworden und von den Herstellern in keiner Weise richtig dargestellt worden."

Reporterin:
"Und das heißt, was war Ihr Ergebnis?"

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vors. Arzneimittelkommission der Dt. Ärzteschaft: "Das Ergebnis war, dass die Wirksamkeit viel geringer ist, als sie von den Herstellern suggeriert wurde."

Prof. Martina Dören Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Martina Dören

Humane Papillomviren werden durch Geschlechtsverkehr übertragen und können am Gebärmutterhals Zellveränderungen hervorrufen. Es gibt viele verschiedene HPV - Viren. Etwa 15 gelten als potenziell krebserregend. Die Impfung wirkt zu fast 100 Prozent gegen die zwei aggressivsten, den HPV-Typ 16 und 18. Was passiert, wenn diese beiden quasi weggeimpft werden?

Prof. Martina Dören, Universitätsklinikum Charité Berlin: "Wir wissen heute noch gar nicht, was eigentlich passiert, wenn man mit einer Impfung in die Biologie eingreift, zwei Viren praktisch aus dem Verkehr nimmt. Es kann sehr wohl sein, dass dann andere Viren an die Stelle treten und das Werk im Körper am Gebärmutterhals womöglich fortsetzen können."

Für die jungen Mädchen ist deshalb entscheidend, wie sich ihr Risiko insgesamt verringert, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken oder zumindest an gefährlichen Vorstufen, die dann entfernt werden. Eine Zahl für Gardasil nennt Sanofi in einer Fachinformation. Die Reduktion gefährlicher Vorstufen betrage bezogen auf alle HPV-Viren 46,1 Prozent. Ist das also der wahre Schutz, 46,1 Prozent? Auf diese Zahl kommt der Hersteller allerdings nur, weil er nachträglich Untergruppen gebildet hat. Ein notwendiges und etabliertes Verfahren, sagt Sanofi. Beim Institut für Qualitätssicherung der Bundesregierung sieht man das anders.

Prof. Peter Sawicki Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Peter Sawicki

Prof. Peter Sawicki, Institut für Qualität u. Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: "Also die Ergebnisse von Untergruppenauswertungen sind häufig falsch. Wir würden uns nicht trauen, auf der Basis einer solchen Untergruppenauswertung eine Empfehlung auszusprechen. Das liegt daran, dass der Wunsch dabei der Vater des Gedankens ist und man häufig die Daten so behandelt, dass das rauskommt bei der nachträglichen Auswertung, was man sich eigentlich gewünscht hat. Also unzuverlässig."

Doch wie wirkt sich die Impfung nun wirklich aus, auf Krebsvorstufen verursacht durch alle HPV-Typen? Und das vor allem bei Mädchen, die noch nicht mit HPV-Viren in Kontakt waren? Erstaunlich, diese Gruppe hat der Hersteller gar nicht untersucht - aus ethischen Gründen, wie es heißt. Mädchen, die sich noch nicht mit HPV 16 und 18 infiziert hatten, gab es dagegen schon. Bei ihnen findet sich bezogen auf gefährliche Krebsvorstufen aller HPV-Typen ein Rückgang von nicht einmal mehr 27 Prozent. In einem Hintergrunddokument bei der amerikanischen Zulassungsbehörde sogar nur noch 16,9 Prozent.

27 und 16,9 Prozent, sind das realistische Zahlen zur Wirksamkeit? Wir fragen nach bei Sanofi. Ein zugesagtes Interview wird kurzfristig wieder abgesagt. Schriftlich ist von einem bis zu 100-prozentigen Schutz nicht mehr die Rede, jetzt heißt es, die Impfung könne bis zu 70 Prozent aller Gebärmutterhalskrebse verhindern. Niedrigere Zahlen hält man nicht für aussagekräftig. Sie bezögen sich auf Mädchen, die teilweise mit anderen HPV-Typen vorinfiziert waren. Mit anderen HPV - Typen werden sich aber auch die geimpften Mädchen im Laufe der Zeit infizieren. Nur neue Studien könnten wirklich Klarheit bringen. Studien mit jungen Mädchen, die der Gruppe, die geimpft werden soll, möglichst nahe kommt.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Wolf-Dieter Ludwig

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vors. Arzneimittelkommission d. Dt. Ärzteschaft: "Die größte Gefahr ist sicherlich, dass man die offenen Fragen, die derzeit ohne Zweifel existieren, nicht aktiv genug angeht, dass man in der Öffentlichkeit die Wirksamkeit eindeutig zu positiv darstellt, dass man die auch bestehenden langfristigen Risiken, die man nur zum Teil kennt, nicht sorgfältig genug untersucht, und dass man dann mehr oder weniger den jungen Mädchen und den Frauen in den Aufklärungsgesprächen nicht die Informationen liefern kann, die sie benötigen, um zu sagen sie möchten sich impfen lassen, ja oder nein."

Sina würde sich eine Überprüfung der Wirkung, aber auch der Nebenwirkungen der Impfung wünschen. Denn nach der zweiten Spritze bekam sie mehrere Ohnmachtsanfälle, nach der dritten Impfung Lähmungen am ganzen Körper, die erst nach monatelanger Therapie wieder verschwanden. Nur wer den Nutzen kennt, kann mögliche Risiken abwägen. Für die Mädchen derzeit eine schwierige Entscheidung.

Sonia Mikich: "Millionen Mädchen haben doch wohl ein Recht auf vollständige Klärung. Der gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen hat die Ständige Impfkommission jetzt aufgefordert, ihre Empfehlung für die Impfung zu überprüfen."

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