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Rückschau
Sendung vom 23.04.2009Monitor Nr. 592 vom 23.04.2009
Bericht: Ralph Hötte, Jan Schmitt
Sonia Mikich: "Vor drei Jahren hatte das Land Hessen die bundesweit erste Privatisierung einer Uni-Klinik beschlossen, sie wurde an eine Aktiengesellschaft verkauft. Die Uni-Klinik sollte ein Leuchtturm-Projekt im Gesundheitswesen werden, effizient für Ärzte und Patienten, Forscher und Investoren. Privat kann es besser als Staat. Das war der Glaubenssatz des letzten Jahrzehnts, auch im Gesundheitssystem. Aber wie weit darf Privatisierung gehen? Wie weit darf sich der Staat aus der Behandlung von Kranken und der Organisation von Krankenhäusern zurückziehen? Ralph Hötte und Jan Schmitt ziehen nach drei Jahren Bilanz."
So sieht sie aus: Deutschlands erste privatisierte Uni-Klinik
Gießen und Marburg. Für den Käufer, die Rhön Klinikum AG, ein
voller Erfolg. Vor drei Jahren verkauft von der hessischen
Landesregierung unter Roland Koch.
Roland Koch, 31.01.2006: "Es ist im
Interesse der Patienten, weil sie gut behandelt werden, aber es ist
vor allen Dingen im Interesse des mittelhessischen Raumes, und der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Gießen und Marburg, dass wir
diese Entscheidung so getroffen haben. Und es ist eine Motivation,
mit der wir herangegangen sind."
Bis vor kurzem war Ilse Heckmann Patientin in der Uni-Klinik.
Seitdem müssen sie und ihr Mann auf Gartenliegen im Anbau
übernachten, weil sie die Stufen zum Schlafzimmer nicht mehr
steigen kann. Wegen eines Schwächeanfalls war die 84-jährige im
Februar ins Uni-Klinikum Marburg eingeliefert worden. Als ihr Mann
sie dort besuchte, erkannte er seine Frau fast nicht wieder.
Alfred Heckmann: "Da hab ich die
Schwester gerufen. Sagt die, ja, Ihre Frau ist ausgerutscht oder
hingefallen und hat wahrscheinlich etwas gebrochen. Wahrscheinlich,
und sie müsste geröntgt werden."
Ilse Heckmann: "Die hatten das Gitter
nicht hoch gemacht."
Alfred Heckmann: "Also bist du doch
vom Bett runtergefallen?"
Ilse Heckmann: "Ja, ja."
Sieben Stunden musste Alfred Heckmann mit seiner Frau auf eine
lebenswichtige Untersuchung warten, sagt er uns. Dann die Diagnose:
Oberschenkelhalsbruch und die Operation. Die könne tödlich sein,
habe man ihm gesagt. Nach der Operation hätten die Pflegekräfte im
Klinikum kaum Zeit gehabt.
Alfred Heckmann: "Die haben mir auch
selbst gesagt, wir können das und das nicht machen. Wir haben sie
immer gefragt, meine Tochter und ich auch. Können Sie denn nicht
das und das machen, meine Frau muss zum Beispiel das Gebiss abends
raus genommen kriegen und so. Ja, wer soll denn das machen, wir
haben kein Personal, das ist zuwenig, das schaffen wir nicht. Das
hab ich dauernd eben gehört."
Die Geschäftsleitung der Uni-Klinik, in der Ilse Heckmann bis
vor kurzem gelegen hatte, sagt zu ihrem Fall:
Prof. Werner Seeger, Universitätsklinikum
Gießen und Marburg GmbH: "Wenn es passiert ist, dann ist das
schlecht, und es mag durchaus sein, dass bei 85.000 stationär
behandelten Patienten und 300.000 ambulant behandelten Patienten
auch so etwas passiert."
Susanne Deuker ist die Hausärztin von Ilse Heckmann. Sie und einige
ihrer Kollegen kennen die Uni-Klinik schon viele Jahre. Seit der
Privatisierung aber machen sie schlechtere Erfahrungen als zu der
Zeit, als die Uni-Klinik noch dem Land Hessen gehörte.
Dr. Susanne Deuker, Orthopädin: "Noch vor zwei Jahren war ich eher umgekehrter Ansicht, da hab ich tatsächlich die Patienten bevorzugt in die Uni geschickt, weil ich immer dachte, ein privates Klinikum muss sich besonders anstrengen, um eben nicht in diesen Ruf zu geraten. Und dann habe ich aber so viele negative Erfahrungen, Rückmeldungen über Patienten bekommen, dass ich inzwischen es auch so handhabe, dass ich im Grunde nur die Patienten dorthin schicke, wo ich denke, okay, da kann man mit Sicherheit nichts verkehrt machen."
Dr. Christa Kleinert-Skopnik,
Frauenärztin: "Es fällt einfach auf, dass immer wieder
postoperativ Hämatome da sind, ja, Patienten wiederholt operiert
werden müssen, ja, so dass ich, wenn es möglich ist, die Patienten
nicht ins Rhön-Klinikum schicke. Ja, um genau das ... um meine
Patienten quasi zu bewahren, dass ihnen so was passiert, ja, um die
zu schützen."
Beobachtungen von Ärzten. Die Klinikleitung weist solche Vorwürfe
entschieden zurück. Außerdem würden die Patienten genauso lange im
Klinikum bleiben wie vor der Privatisierung. Damit er weiß, wie er
seine Patienten richtig behandeln kann, ist der niedergelassene
Arzt Hendrick Eckert wie seine Kollegen auf eine gründliche
Diagnose an der nahen Uni-Klinik Marburg angewiesen.
Dr. Hendrick Eckert,
Allgemeinmediziner: "Seit der Privatisierung ist halt die
Situation, dass Patienten aus der Klinik in zunehmendem Maße
entlassen werden, ohne dass die Erkrankung selber festgestellt
worden ist. Damit ist der Grund, warum Patienten in die Klinik
überwiesen werden ad absurdum geführt, denn jetzt müssen die
niedergelassenen Ärzte versuchen, trotz dieses Defizits, dieses
Mangels, herauszubekommen, was der Patient hat."
Prof. Werner Seeger, Universitätsklinikum
Gießen und Marburg GmbH: "Dazu möchte ich sagen, dass dieses
nach unseren Untersuchungen nicht nachvollziehbar ist. Zunächst
mal, bei 85.000 stationären Patienten und mehr als 300.000
ambulanten Patienten wird niemand, niemand die Erwartung äußern,
dass alles in jedem Fall optimal läuft, das wäre
unrealistisch."
Reporter: "Das machen die Hausärzte
auch nicht, denen geht es nur darum, dass es nach der
Privatisierung eine Häufung gibt, die es vorher nicht gegeben
hat.
Prof. Werner Seeger, Universitätsklinikum
Gießen und Marburg GmbH: "Wenn ich meine Aussage kurz zu
Ende führen dürfte. Niemand wird erwarten, dass in jedem einzelnen
Fall alles optimal läuft. Aber wir haben die Fälle, die uns
mitgeteilt wurden, in jedem Fall analysiert, und wir können nicht
nachvollziehen, dass dort eine Veränderung stattgefunden
hat."
Wir hören uns um in der Marburger Uni-Klinik und erleben ein Klima
der Angst. Keiner der Pfleger und Schwestern, mit denen wir hier
sprechen, traut sich, vor der Kamera etwas zu sagen. Nur hier redet
man offen mit uns. Beim Betriebsrat in Marburg, wo sich die Klagen
gehäuft haben.
Bettina Böttcher, Betriebsratsvorsitzende
Uni-Klinik Marburg: "Es wurden Stellen abgebaut nach einem
Rasenmäherprinzip. In diesem ganzen Zeitraum waren das über 400
Stellen und faktisch hat es die Pflege besonders getroffen, viele
Fristverträge sind nicht verlängert worden."
Die Klinikleitung behauptet, heute mehr Pflegepersonal zu haben als
vor der Privatisierung - und verweist auf den Stellenplan. Auf
Nachfrage räumt man allerdings ein, dass derzeit über 100
befristete Stellen bei Ärzten und Pflegern nicht besetzt
seien.
Prof. Werner Seeger, Universitätsklinikum
Gießen und Marburg GmbH: "In einer Anfangsphase, einer
schwierigen Situation, in der ein Klinikum neu zusammen geführt
wird, in der ein Defizit ausgeglichen werden muss, indem man
überhaupt die Zukunftsplanung erst gestalten muss, ist man in der
Besetzung befristeter Stellen zurückhaltend. Ich denke, das ist
sehr gut nachvollziehbar."
Reporter: "Das heißt, Sie haben, um ein
Defizit auszugleichen, Stellen abgebaut?"
Prof. Werner Seeger, Universitätsklinikum
Gießen und Marburg GmbH: "Ich habe gesagt, in einer
Situation, in der ein Defizit ausgeglichen werden muss, muss man
sich reorganisieren. Und dazu gehört natürlich auch die Gestaltung
des Stellenplans. Es wurde genau…"
Reporter: "Aber warum denn in der
Pflege, warum denn in dem sensiblen Bereich Pflege?"
Prof. Werner Seeger, Universitätsklinikum
Gießen und Marburg GmbH: "Es geschah in der Pflege so wie in
anderen Bereichen auch, dass wir Benchmark-Situationen gemacht
haben."
Bench-Mark-Situationen, das heißt: Gießen und Marburg wurden
auch an Kliniken gemessen, die keine Universitäts-Kliniken sind.
Aber eine Uni-Klinik habe ganz andere Aufgaben, findet Helmut
Bertalanffy. Der Neurochirurg war über 10 Jahre Chefarzt an der
Marburger Uni-Klinik, bevor er das Weite suchte. Nun operiert,
forscht und lehrt er in der Schweiz.
Prof. Helmut Bertalanffy, Chefarzt
Neurochirurgie, Uni-Klinik Zürich: "Eineinhalb Jahre nach
der Privatisierung musste ich erkennen, dass ich die Pflichten als
Chefarzt und Direktor einer Universitäts-Klinik nicht mehr so
erfüllen konnte, wie es einer Uni-Klinik angemessen ist. Die neue
Konzernleitung ist dazu übergegangen, Stellenkürzungen vorzunehmen,
die zum Beispiel meine Klinik dermaßen empfindlich getroffen
hätten, dass weder die Qualität der Krankenversorgung noch die
Qualität der Lehre und Forschung gestimmt hätte. Eine Situation,
mit der ich so nicht weiter leben wollte und konnte."
Für Ilse Heckmann und ihren Mann ist seit dem Aufenthalt in der
Uni-Klinik Marburg nichts mehr wie vorher.
Alfred Heckmann: "Ich hab ne
furchtbare Wut gehabt auf, auf das Klinikum, weil ich hab selbst
vorher ja immer schon viel gehört, viel Schlechtes. Ja und wenn es
... na ja, das nimmt man so wahr, aber jetzt, wo es einen betrifft
hier, da merkt man erst, wie schlimm das ist, wie schlimm das sein
kann."
Sonia Mikich: "Gesundheit als Rechengröße. Für den privaten Betreiber der Uni-Klinik geht die Rechnung offenbar auf: Heute war Bilanz-Pressekonferenz: 2,1 Milliarden Umsatz machte der Konzern im letzten Jahr bei 123 Millionen Gewinn."
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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