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Sendung vom 11.06.2009Monitor Nr. 594 vom 11.06.2009
Bericht: Ursel Sieber, Monika Wagener, Frank Konopatzki
Sonia Mikich: "Mund auf, schlucken oder: wie gut sind Medikamente? Unser folgender Film. Medikamente werden von der Zulassungsbehörde freigegeben, wenn der Hersteller anhand von Studien nachweist, dass sie wirken. Doch nutzen sie dem Kranken tatsächlich im Vergleich mit Pillen, die schon auf dem Markt sind? Wird da womöglich Geld gemacht statt gesundgemacht? Gute und umfassende Studien sind wichtig. Wir Pillenschlucker profitieren davon, die Pillenmacher nicht unbedingt. Dazu Ursel Sieber, Monika Wagener und Frank Konopatzki."
Auf Station 7 der Mainzer Psychiatrie beginnt der Tag für viele
Patienten mit dem Gang zur Stationsschwester. Sie haben schwere
Depressionen, die Welt erscheint ihnen grau in grau. Eine Tablette
soll helfen, den Tag zu bestehen. Ob das Medikament wirklich wirkt,
müssen vorher Arzneimittelstudien beweisen. Die Studien bezahlen
die Hersteller. Damit unliebsame Ergebnisse nicht unter den Tisch
fallen, sollten Ärzte wirklich alle Studien kennen, bevor sie ein
Mittel verordnen.
Professor Klaus Lieb, Universitätsklinik
Mainz: "Deswegen ist es so wichtig, dass es Institute gibt,
die diese Arbeiten aufbereiten und die brauchen eine optimale
Datenbasis, die brauchen Zugang zu allen Studien und dieser
Studienzugang muss dann auch letztendlich den Ärzten zugute
kommen."
Um den Nutzen dieser Medikamente genau zu prüfen, hat der
Gesetzgeber vor fünf Jahren das IQWiG ins Leben gerufen, das
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.
Hier nehmen Wissenschaftler die Medikamentenstudien genau unter die
Lupe. Nur was einen nachgewiesenen Nutzen hat, soll noch erstattet
werden. Die Pharmaindustrie hatte eigentlich immer versprochen,
dafür auch unveröffentlichte Studien zur Verfügung zu stellen. Doch
in der Praxis erlebt IQWiG-Mitarbeiterin Beate Wieseler oft etwas
anderes.
Beate Wieseler, Institut für Qualität und
Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): "Wir haben
regelmäßig das Problem, dass Unternehmen uns angefragte
Informationen nicht zur Verfügung stellen. In diesen Fällen ist
aber dann immer die Frage, ob es tatsächlich unveröffentlichte
Studien gibt und wie viele unveröffentlichte Studien es
gibt."
Beate Wieseler und ihren Kollegen ist es jetzt gelungen, erstmals
eine ganze Reihe konkreter Hinweise auf Studien zu finden, die ein
Pharmahersteller ihnen nicht genannt hat. Es geht um den Wirkstoff
Reboxetin und das Medikament Edronax der Firma Pfizer, ein
Antidepressivum. Das IQWiG hatte die Firma Pfizer gebeten, ihm alle
vorhandenen Studien zur nennen. Doch die Liste, die Pfizer
schickte, war unvollständig.
Beate Wieseler, Institut für Qualität und
Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): "Auch auf
Nachfrage, auf erneute Bitte nach einer vollständigen Liste aller
publizierten und unpublizierten Studien hat Pfizer lediglich darauf
hingewiesen, dass sie uns bereits Unterlagen zur Verfügung gestellt
haben und dass sie keine Veranlassung sehen, uns weitere Daten zu
schicken."
Dabei fanden die Wissenschaftler Spuren von Studien in Datenbanken
und Archiven. Eine Spur, solche Studiennummern, hinter denen
offenbar Untersuchungen mit mehreren hundert Patienten stehen. Eine
andere Spur solche Kurzzusammenfassungen auf Kongressen, die
ebenfalls auf Studien mit Hunderten von Patienten hindeuten. Am
Ende, sagen die Wissenschaftler, waren mehr als die Hälfte der
Patientendaten zu Reboxetin für sie nicht auswertbar. In den USA
ist das Antidepressivum Reboxetin übrigens nicht erhältlich. Nach
MONITOR-Recherchen hatte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA im
Jahr 2001 die Zulassung nicht erteilt, nachdem sie sich
umfangreiche Patientendaten hatte vorlegen lassen. In der
Wissenschaft ist lange bekannt, dass Studien bei denen das
Medikament am Patienten keine gute Wirkung zeigt, häufig nicht
veröffentlicht werden. Welche Folgen das hat, haben US-Forscher
jüngst eindrucksvoll gezeigt. Die Wirksamkeit von vielen in den USA
zugelassenen Antidepressiva wird dadurch überschätzt, im Schnitt um
32 Prozent. In ihrer Wirksamkeit erheblich überschätzte
Medikamente? Medikamente mit unerwarteten Nebenwirkungen, für die
die Krankenkassen trotzdem zahlen müssen? Der Schaden für die
Versicherten ist nicht zu beziffern, aber es geht um einen
Milliardenmarkt. Der Chef der Arzneimittelkommission der Deutschen
Ärzteschaft, Professor Ludwig, findet es deshalb unethisch, wenn
Pharmahersteller Studien nicht veröffentlichen.
Prof. Wolf-Dieter Ludwig,
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: "Ich
glaube, es kommt sehr viel häufiger vor weiterhin, als wir es
wissen. Und mich macht das schon sehr ärgerlich, weil ich als Arzt
natürlich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse dringend für meine
Arzneimitteltherapie benötige und es ist ohne Zweifel so, dass
diese Praktiken dazu führen, dass unsere Arzneimitteltherapie
teurer wird, dass wir zu häufig neue, sehr teure Arzneimittel
verschreiben und dass wir letztlich auch unerwünschte
Arzneimittelwirkungen auslösen, die weitere Kosten erzeugen."
Die Firma Pfizer weist zurück, dass sie Studiendaten zum Nachteil
von Ärzten und Patienten zurückgehalten habe. Edronax und sein
Wirkstoff Reboxetin habe ein positives Nutzen-Risiko-Profil. Warum
es in den USA nicht zugelassen wurde, sagt Pfizer nicht. Ein
Interview vor der Kamera will man nicht geben. Die Firma sieht sich
nicht verpflichtet, für das IQWiG alle verfügbaren Daten
zusammenzutragen. Schriftlich heißt es:
Zitat: "Wir haben dem IQWiG ausreichend Daten zur
Verfügung gestellt, diejenigen Daten, die sich aus unserer Sicht
für eine Nutzenbewertung von Edronax auch im Vergleich zu anderen
Arzneimitteln eignen."
Ausgerechnet Pharmahersteller entscheiden, welche Daten sich für
die Nutzenbewertung eignen? Genau das wollte die Politik mit dem
IQWiG verhindern. Denn Pharmahersteller haben Interessen. Solange
die Wissenschaftler des IQWiG aber ein Medikament nicht als nutzlos
einstufen, müssen es die Krankenkassen bezahlen. Der Leiter des
IGWIQ sagt, bei vielen Pharmafirmen spüre man, dass es um viel Geld
gehe.
Prof. Peter Sawicki, Institut für
Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG):
"Man spielt auf Zeit und vor allen Dingen in Deutschland. Denn in
Deutschland sind alle Medikamente sofort nach der Zulassung durch
die Zulassungsbehörden verordnungsfähig und zwar zu dem Preis, den
der Hersteller sich ausdenkt, vorgibt. Und je länger man das
unbeeinflusst lässt, je später wir entscheiden, umso mehr
Umsatz."
Dabei hatte der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller erst
jüngst in einem Positionspapier anderes versprochen. Von
vollständiger Transparenz war die Rede, von lückenloser
Dokumentation und Zugänglichkeit aller Studieninformationen. Wenn
dies nicht eingehalten werde, so der Pharmaverband jetzt gegenüber
MONITOR, handele es sich um "Sonderfälle", die der Verband nicht
kontrollieren könne.
Prof. Peter Sawicki, Institut für Qualität
und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): "Die
Pharmaindustrie hat im Grunde bewiesen, dass die
Selbstverpflichtung nicht das erreicht, was sie vorgab zu
erreichen. Wir brauchen gesetzliche Regelungen zum Schutz der
Patienten".
Prof. Wolf-Dieter Ludwig,
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: "Ich
glaube, man muss eindeutig über Bußgelder, Sanktionen nachdenken.
Ich glaube, da müssen dann auch Bußgelder ausgesprochen werden, die
eine für den pharmazeutischen Hersteller auch empfindliche Höhe
erreichen, sodass derartige Praktiken unterbleiben."
Zuständig für solch eine gesetzliche Regelung wäre
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Auch sie will sich vor
der Kamera nicht äußern. Schriftlich weicht das Ministerium der
Frage nach einer Gesetzesänderung aus und verweist auf ein
künftiges europäisches Studienregister. Dem IQWiG hilft das nicht,
weil zigtausende alter Studien dort nicht erfasst würden. Eine
schlechte Nachricht für Ärzte und für Patienten, die auf
Medikamente angewiesen sind. Denn ohne gesetzliche Verpflichtung
wird sich am Verhalten vieler Pharmafirmen wohl wenig ändern.
Sonia Mikich: "Anderswo, siehe USA, geht es ja mit gesetzlichem Druck, dass die Pharmahersteller alle Studien vorlegen. Warum nicht bei uns?"
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25.03.201022:15 - 22:45 Uhrim Ersten

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