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Sendung vom 05.11.2009Monitor Nr. 599 vom 05.11.2009
Bericht: Kim Otto, Sascha Adamek, Sonia Mikich
Sonia Mikich: "Wenn Sie einen Pulli kaufen, oder den Fitnesstrainer bezahlen, dann bekommt der Staat für solche Produkte und Dienstleistungen eine Mehrwertsteuer. Finanzprodukte, die an der Börse verkauft werden, sind bislang steuerfrei. Wieso eigentlich? Warum so viel Schonung? Als die Finanzkrise auf ihrem Höhepunkt war, gaben sich Politiker und Experten sehr viel härter: Die Banken, die Zocker, die Verursacher milliardenschwerer Rettungsaktionen, die sollten finanziell mitbeteiligt werden beim großen Aufräumen. Wir haben uns erinnert, was noch vor wenigen Wochen gefordert, aber dann doch nicht gemeint wurde. Ein Bericht über die Finanz-Transaktionssteuer, langes Wort, interessante Wirkung."
Angela Merkel: "Dass Banken, und
das ist mein Hauptziel, nie wieder in der Lage sein dürfen, Staaten
zu erpressen."
Guido Westerwelle: "Ein Blankoscheck
zulasten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler kann es nicht
geben."
Angela Merkel: "Wir müssen überlegen,
wie wir die Kosten auch fair verteilen. Von Deutschland favorisiert
wird hier eine Finanzmarkt-Transaktionssteuer."
Fair verteilen - das war vor der Wahl. Der Koalitionsvertrag der
neuen Regierung schont Verursacher der Krise. 124 Seiten, sechs
Kapitel. Kein Wort über die Beteiligung der Banken an den
Krisen-Kosten. Und das, obwohl die neue Regierung mit riesigen
Haushaltslöchern antritt. Weil die Banken gerettet wurden, stieg
die Staatsverschuldung um 53,5 Milliarden an. Und hinzu kommen
Bürgschaften in Höhe von 66 Milliarden. Nichts gelernt aus der
Krise, kein Gehör für Vorschläge, die den Haushalt entlasten - und
die Bürger auch. Sogar die eigenen Berater ignoriert die Regierung.
Zu denen gehören auch konservative Wirtschaftswissenschaftler wie
Professor Ulrich Blum. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er im
Herbstgutachten für die Bundesregierung nicht nur die
Finanztransaktionssteuer vorgeschlagen, sondern kurzfristig eine
Sonderabgabe für Banken in Deutschland.
Prof. Ulrich Blum, Institut für
Wirtschaftsforschung Halle: "Der Vorschlag an die
Bundesregierung, hier eine Vermögensabgabe auf Bankenvermögen
einzuführen, das kann man über eine ganze Zeit strecken. Das heißt,
die Banken führen Geld an den Staat ab, um letztlich die von ihnen
mit verursachten Schulden zu tilgen. Das wäre auch ein Akt der
Gerechtigkeit für die Bevölkerung, denn diese hat natürlich die
gesamten Krisenbedingungen jetzt auch auszusitzen.
Arbeitslosigkeit, auch das Risiko, wenn bereits bei den Banken
wieder Gewinne sprudeln und vor allem Bonis fließen, was überhaupt
nicht zu rechtfertigen ist."
Eine Sonderabgabe auf nationaler Ebene also. Genau das macht
Schweden. Ab sofort werden Banken hier eine Abgabe auf ihr
Eigenvermögen an den Staat entrichten, so der Finanzminister. Die
Krisenverursacher federn die Kosten der Krise ab. Schweden, das den
EU-Vorsitz hat, schlägt diesen neuen Weg nun für ganz Europa
vor.
Anders Borg, Finanzminister Schweden
(Übersetzung MONITOR): "Die Finanzbranche ist wichtig, aber
deren Geschäfte führen auch zu großen Risiken für die gesamte
Wirtschaft, wie wir in den letzten Jahren erlebt haben. Deswegen
ist es auch plausibel, dass wir eine Sonderabgabe von den Banken
erheben. Jede Bank bezahlt eine Steuer von 0,003 Prozent ihrer
Bilanzsumme in einen Staatsfonds."
Der Wiener Ökonom Stephan Schulmeister gehört auch zu den Beratern
der Bundesregierung. Er will den Banken mehr zumuten. Nicht nur
Sonderabgaben, um kurzfristig Löcher zu stopfen, sondern die
Finanz-Transaktionssteuer. Die hat auch langfristige Wirkung. Was
bringt sie? Schulmeister hat das für die wichtigsten Finanzplätze
Europas berechnet. Beispiel Deutschland: Hier werden insgesamt im
Jahr satte 163 Billionen Euro an den Börsen umgesetzt. Eine
Ministeuer von gerade mal 0,05 Prozent würde dem Staat 27
Milliarden Euro bringen - und das Jahr für Jahr. Und noch ein
Effekt:
Dr. Stephan Schulmeister, Austrian
Institute of Economic Research: "Eine
Finanz-Transaktionssteuer würde ausschließlich ganz kurzfristig
spekulative Geschäfte belasten. Konkretes Beispiel: jemand
erwartet, dass der Ölpreis in den nächsten Minuten steigen wird,
kauft im Ausmaß von 10 Millionen Dollar Ölkontrakte und verkauft
sie nach ein paar Minuten wieder. Und das macht er mehrmals am Tag.
Aufgrund der Häufigkeit dieser Transaktionen würde auch eine ganz
kleine Steuer diese belasten, also gewissermaßen Sand ins Getriebe
der Finanzmärkte streuen."
Das Zocken im Minutentakt wird politisch nicht verhindert. Und die
kleine Steuer brächte satte 27 Milliarden Euro ein. Die Regierung
verzichtet darauf, ebenso auf eine Sonderabgabe für die Banken.
Warum?
Reporter: "Im gesamten Vertragswerk
von 124 Seiten gibt es keinen Hinweis darauf, wie die Banken sich
finanziell beteiligen, etwa durch eine Abgabe oder eine Steuer. Wie
kommt das?
Leo Dautzenberg, CDU/CSU
Bundestagsfraktion: "Also es wäre auch vermessen gewesen, im
Koalitionsvertrag klare, sagen wir Auflagen bis hin zu Abgaben oder
auch andere Möglichkeiten der Beteiligung festzulegen. Da ist es
besser, auch in einer sozialen Marktwirtschaft, an die
Verantwortung des Finanzmarktsektors auch zu erinnern."
Nur Appelle. Die Regierung verdrängt, was sie vor der Wahl gesagt
hat und schont die Banken. Keine Sonderabgabe. Keine
Finanz-Transaktionssteuer. Der Ökonom Schulmeister hat zumindest in
seinem Heimatland einen Fürsprecher für die
Finanz-Transaktionssteuer gewonnen - den österreichischen
Finanzminister.
Josef Pröll, Finanzminister
Österreich: "Ich halte das im Blickwinkel der Antwort auf
die Krise. Aber auch als Eigenfinanzierungsquelle für zukünftige
Finanzgestaltungen der Europäischen Union als eine interessante,
machbare, und im Vergleich auch die Wirtschaft nicht schädigende,
aber die richtige Antwort für die Krise gebende Reform einer
Besteuerung."
Stephan Schulmeisters Fazit: Während andere europäische Länder
vorangehen, findet diese Debatte in Deutschland nicht statt. Dabei
ist diese neuartige Steuer nicht nur gerecht - sondern
machbar.
Dr. Stephan Schulmeister, Austrian Institute
of Economic Research: "Auf den Börsen würde eine
Finanz-Transaktionssteuer technisch extrem leicht einzuführen sein,
denn es ist so wie eine Kommission. Die Börse kassiert ja auch eine
minimale Kommission für jede Transaktion und jetzt würde das
Computerprogramm eben ergänzt werden, dass ein minimaler Betrag von
0,05 Prozent auf ein Staatskonto abgebucht würde. Also technisch
kann man das in sechs Wochen einführen."
Sonia Mikich: "Gute Steuermilliarden eben, und nicht aus den Taschen der Normalbürger. Und sehr brauchbar bei den Miesen in der Staatskasse."
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25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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