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Rückschau
Sendung vom 14.08.2008Monitor Nr. 582 vom 14.08.2008
Bericht: Mareike Wilms
Sonia Mikich:"Ein Kind
rastet aus, dreht durch, es ist richtig verhaltensgestört. Die
Eltern kommen nicht mehr zurecht. Und dann? Immer mehr Kinder und
Jugendliche landen dann in der Psychiatrie. Zehntausende im
Jahr.
Aber sind alle krank? Gehören sie da wirklich hin? Es
gibt kaum Studien kaum Aussagen dazu. Und obendrein die ärztliche
Schweigepflicht. Was passiert hinter den Mauern der
Anstalten?
Mareike Wilms war drin und fand einen Jungen, der kein
Einzelfall ist. Sebastian hatte Probleme. Und die wurden
weggesperrt und weggespritzt."
Sebastian ist 13 Jahre alt und galt als extrem verhaltensauffällig. Deshalb lebt er in einer geschlossenen Gruppe im Jugendzentrum Raphaelshaus. Als Sebastian kam, war er aggressiv. Wenn er etwas haben wollte, konnte er unerträglich werden, tyrannisierte so Freunde und Familie.
Sebastian: Also sie
sollten alles machen für mich, aber dann später, wenn ich diese
Sachen nicht bekommen habe, dann bin ich ausgetickt und total
ausgerastet, so dass ich halt diese Sachen im Endeffekt schon
bekommen habe.
Heute ist Elternbesuchstag. Sebastians Mutter mit Schwester und Oma sind gekommen. Die Kinder leben für zwei Jahre fest in der Gruppe. Zeit, Respekt und klare Regeln, das erfahren die schwierigen Jungen hier. Sebastians Mutter konnte zu Hause nicht mehr mit ihm umgehen, seine Wutanfälle wurden immer extremer, eines Abends eskalierte die Situation, die Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen.
Mutter von Sebastian: Ich hab nur die Feuerwehr gerufen, weil ich ihn einfach
nicht zur Ruhe gekriegt hatte. Und weil ich einfach Angst um sein
Leben hatte. Und der so kräftig war, dass ich ihn einfach nicht
halten konnte. Und … ja, und ich wollte einfach nur ... ja, Klinik,
blieb ja nicht anderes übrig, dass sie ihn einfach nur zur Ruhe
kriegen. Das wollte ich halt nur.
Folge: Landesklinik Bonn, geschlossene Jugendpsychiatrie. Notaufnahme, weil er sich und andere gefährdet hatte. Der Elfjährige bekam Beruhigungsmedikamente. Diagnose: F91 – Störung des Sozialverhaltens. Sebastian wollte nicht bleiben. Und rastete wieder aus.
Sebastian: Dann sind
sie mit, keine Ahnung, sieben Leuten oder so, auf mich zu, haben
mich auf den Boden geschmissen, also fixiert, haben mir irgendwie
den Arm freigemacht und haben mich dann gespritzt. Oft war es auch
so, dass ich das nicht wollte und hab mich dann halt auch
gewehrt.
Verhaltensauffällig und deshalb ruhig gestellt? Sebastian drehte immer wieder durch, wurde wieder fixiert. So lag er angebunden, manchmal stundenlang. Und immer wieder Medikamente.
Sebastian: Ich war
auch immer müde und so, und wollte nur noch schlafen und ich hab
auch kaum was mitbekommen und so und bin so ... ähh ... was ist
hier los und so.
Hinter Anstaltsmauern. Seine Mutter wollte ihn hier rausholen, aber wusste nicht wohin. Als der Sachbearbeiter vom Jugendamt Sebastian in der Klinik aufsuchte, hatte er einen total zugedröhnten Jungen vor sich.
Jörg Gawollek, Jugendamt
Meckenheim: Der erste Eindruck war schon
befremdlich, ein 11-jähriges Kind vor sich zu haben, was überhaupt
nicht wirkte wie ein Kind. Wirklich eine schlaffe
Gesichtsmuskulatur. wo man denkt, der kann gar nicht lachen und er
konnte es auch nicht. Wir haben dann die Diagnose bekommen. Eine
akute Belastungsstörung und eine Störung des Sozialverhaltens. Und
uns war relativ schnell klar, dass er in der Kinder- und
Jugend-Psychiatrie gar nicht richtig untergebracht ist, sondern
dass er in eine Jugendhilfeeinrichtung gehört.
Krank oder nur auffällig? Der Betreuer vom Raphaelshaus.
Jörg Lachmitt, Jugendhilfe
Raphaelshaus:Das ist keine Krankheit. Eine
Krankheit würde man eventuell heilen können mit Medikamenten, und
das … das funktioniert nun mal eben nicht. Das sind Symptome, die
kann ich bekämpfen. Der ist verhaltensauffällig, und das heißt,
dass er mit seinem Verhalten, draußen in der Gesellschaft, im
Moment oder damals – jetzt schon wieder – nicht klar gekommen wäre.
Weil er anderen geschadet hat, weil er sich nicht benehmen konnte,
weil Normen, Regeln, Werte, alles, was dazugehört außer Kraft
gesetzt wurden – insofern nicht krank, nein. Ein Teil der
Gesellschaft, der nicht funktioniert.
Wie kann das sein? Christa Seeliger ist Familienrichterin. 20 Jahre lang musste sie entscheiden, ob Kinder wie Sebastian in der Psychiatrie bleiben. Heute macht sich die Juristin schwere Vorwürfe, dass sie den Ärzten zu oft vertraut hat – aber sie wusste nicht, wohin mit den Kindern. Es gibt zu wenig Alternativen.
Christa Seeliger, ehem.
Familienrichterin:Wir sind 1.500
Familienrichter in Deutschland ungefähr, jeder von uns hat
mindestens vier oder fünf Fälle pro Jahr von Kindern, die nicht
psychisch krank sind, so dass ich auf eine Zahl 7.000, wenn nicht
mehr, pro Jahr komme, die in einem Heim geschlossen untergebracht
werden müssten. Dem stehen eben nur Plätze, 260 gegenüber. Also was
macht man mit diesen Kindern? Man weiß nicht, und parkt sie deshalb
in Landeskrankenhäusern.
Sie hat beobachtet, dass immer mehr Kinder in die Psychiatrie eingewiesen werden. Das statistische Bundesamt bestätigt den Trend:
1991 waren es 20.108, zehn Jahre später schon 30.273 und 2006 39.415. Rund ein Drittel der Diagnosen fällt unter "Störung des Sozialverhaltens".
In der Jugendhilfe im Raphaelshaus wurden Sebastians Medikamente so schnell es ging abgesetzt. Hier gilt: Gespräche statt Aufbewahrung, Erfolgserlebnisse statt Beruhigungszelle, Abenteuer und Grenzerfahrung statt Pillen. Und in einer Krise sind die Pädagogen dabei.
Anders in der Klinik. Hier bekam Sebastian "Bedarfsmedikamentation". Was heißt das überhaupt?
Christa Seeliger, ehem.
Familienrichterin: Die Kinder bekamen eine
Bedarfsmedikamentation. Es hat lange gedauert, bis ich dahinter
kam, dass damit gemeint war: So viel, wie es braucht, damit sie
still sind. Und dann wurde mir klar, dass es ja nicht das sein
kann, was macht, dass es ihnen besser geht, sondern nur, dass sie
gut zu führen sind.
Sechs lange Monate blieb Sebastian in der Psychiatrie. Was sagt die Klinikleitung dazu? Der Leiter beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht. Aber auch als die Mutter ihn davon entbindet, will er sich zum konkreten Fall nicht äußern. Die Verantwortung weist er von sich.
Jürgen Junglas, Leiter der Kinder- und
Jugendpsychiatrie, Rheinische Kliniken Bonn: Das entscheidet letztlich die Gesellschaft, ob sie das
Krankheitskonzept haben will oder ob sie sagt, ich bin nicht krank,
ich mach das anders. Wir machen auch immer nur Angebote. Und die
Psychiatrisierung, also dass Menschen, die Probleme haben, sagen,
du hast ein psychisches Problem, geschieht in der Regel dadurch,
dass man uns Menschen zuweist, wo die Gesellschaft es lernt, das
ist wahrscheinlich das psychiatrische, weil wir damit nicht
klarkommen. Die Psychiatrie ist kein guter Ort für extreme
Situationen der Gesellschaft, nur weil die Gesellschaft mit dieser
Person nicht klar kommt.
Hier im Raphaelshaus hat Sebastian sich geändert. Hier hat er gelernt, sich zu kontrollieren. Das Konzept geht auf. Wieso aber gibt es so wenig spezialisierte Einrichtungen wie diese?
Christa Seeliger, ehem.
Familienrichterin: Wenn die Kinder im
Landeskrankenhaus geschlossen untergebracht sind oder überhaupt
untergebracht sind, kostet es die Jugendämter gar nichts, weil die
Krankenkassen bis zu drei Monaten auch ohne Diagnose bezahlen. Und
die Landeskrankenhäuser finden das prima, weil sie ausgelastet
sind. Der Verlierer ist nur das Kind.
Sebastians Jugendamt hat einen der wenigen Plätze gefunden, war bereit zu zahlen. So kam er aus der Klinik heraus. Tausende andere Kinder mit sozialen Störungen werden weiterhin in der Psychiatrie geparkt und ruhig gestellt.
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