09.02.2010

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Nr. 582

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Monitor Nr. 582 vom 14.08.2008

Endstation Kinderpsychiatrie

Wie schwierige Kinder abgeschoben werden



Bericht: Mareike Wilms

Sonia Mikich:"Ein Kind rastet aus, dreht durch, es ist richtig verhaltensgestört. Die Eltern kommen nicht mehr zurecht. Und dann? Immer mehr Kinder und Jugendliche landen dann in der Psychiatrie. Zehntausende im Jahr.

Aber sind alle krank? Gehören sie da wirklich hin? Es gibt kaum Studien kaum Aussagen dazu. Und obendrein die ärztliche Schweigepflicht. Was passiert hinter den Mauern der Anstalten?

Mareike Wilms war drin und fand einen Jungen, der kein Einzelfall ist. Sebastian hatte Probleme. Und die wurden weggesperrt und weggespritzt."

Sebastian ist 13 Jahre alt und galt als extrem verhaltensauffällig. Deshalb lebt er in einer geschlossenen Gruppe im Jugendzentrum Raphaelshaus. Als Sebastian kam, war er aggressiv. Wenn er etwas haben wollte, konnte er unerträglich werden, tyrannisierte so Freunde und Familie.

Sebastian: Also sie sollten alles machen für mich, aber dann später, wenn ich diese Sachen nicht bekommen habe, dann bin ich ausgetickt und total ausgerastet, so dass ich halt diese Sachen im Endeffekt schon bekommen habe.

Heute ist Elternbesuchstag. Sebastians Mutter mit Schwester und Oma sind gekommen. Die Kinder leben für zwei Jahre fest in der Gruppe. Zeit, Respekt und klare Regeln, das erfahren die schwierigen Jungen hier. Sebastians Mutter konnte zu Hause nicht mehr mit ihm umgehen, seine Wutanfälle wurden immer extremer, eines Abends eskalierte die Situation, die Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen.

Mutter von Sebastian Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Mutter von Sebastian

Mutter von Sebastian: Ich hab nur die Feuerwehr gerufen, weil ich ihn einfach nicht zur Ruhe gekriegt hatte. Und weil ich einfach Angst um sein Leben hatte. Und der so kräftig war, dass ich ihn einfach nicht halten konnte. Und … ja, und ich wollte einfach nur ... ja, Klinik, blieb ja nicht anderes übrig, dass sie ihn einfach nur zur Ruhe kriegen. Das wollte ich halt nur.

Folge: Landesklinik Bonn, geschlossene Jugendpsychiatrie. Notaufnahme, weil er sich und andere gefährdet hatte. Der Elfjährige bekam Beruhigungsmedikamente. Diagnose: F91 – Störung des Sozialverhaltens. Sebastian wollte nicht bleiben. Und rastete wieder aus.

Sebastian: Dann sind sie mit, keine Ahnung, sieben Leuten oder so, auf mich zu, haben mich auf den Boden geschmissen, also fixiert, haben mir irgendwie den Arm freigemacht und haben mich dann gespritzt. Oft war es auch so, dass ich das nicht wollte und hab mich dann halt auch gewehrt.

Medikamente Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Medikamente

Verhaltensauffällig und deshalb ruhig gestellt? Sebastian drehte immer wieder durch, wurde wieder fixiert. So lag er angebunden, manchmal stundenlang. Und immer wieder Medikamente.

Sebastian: Ich war auch immer müde und so, und wollte nur noch schlafen und ich hab auch kaum was mitbekommen und so und bin so ... ähh ... was ist hier los und so.

Hinter Anstaltsmauern. Seine Mutter wollte ihn hier rausholen, aber wusste nicht wohin. Als der Sachbearbeiter vom Jugendamt Sebastian in der Klinik aufsuchte, hatte er einen total zugedröhnten Jungen vor sich.

Jörg Gawollek, Jugendamt Meckenheim Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Jörg Gawollek, Jugendamt Meckenheim

Jörg Gawollek, Jugendamt Meckenheim: Der erste Eindruck war schon befremdlich, ein 11-jähriges Kind vor sich zu haben, was überhaupt nicht wirkte wie ein Kind. Wirklich eine schlaffe Gesichtsmuskulatur. wo man denkt, der kann gar nicht lachen und er konnte es auch nicht. Wir haben dann die Diagnose bekommen. Eine akute Belastungsstörung und eine Störung des Sozialverhaltens. Und uns war relativ schnell klar, dass er in der Kinder- und Jugend-Psychiatrie gar nicht richtig untergebracht ist, sondern dass er in eine Jugendhilfeeinrichtung gehört.

Krank oder nur auffällig? Der Betreuer vom Raphaelshaus.

Jörg Lachmitt, Jugendhilfe Raphaelshaus Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Jörg Lachmitt, Jugendhilfe Raphaelshaus

Jörg Lachmitt, Jugendhilfe Raphaelshaus:Das ist keine Krankheit. Eine Krankheit würde man eventuell heilen können mit Medikamenten, und das … das funktioniert nun mal eben nicht. Das sind Symptome, die kann ich bekämpfen. Der ist verhaltensauffällig, und das heißt, dass er mit seinem Verhalten, draußen in der Gesellschaft, im Moment oder damals – jetzt schon wieder – nicht klar gekommen wäre. Weil er anderen geschadet hat, weil er sich nicht benehmen konnte, weil Normen, Regeln, Werte, alles, was dazugehört außer Kraft gesetzt wurden – insofern nicht krank, nein. Ein Teil der Gesellschaft, der nicht funktioniert.

Wie kann das sein? Christa Seeliger ist Familienrichterin. 20 Jahre lang musste sie entscheiden, ob Kinder wie Sebastian in der Psychiatrie bleiben. Heute macht sich die Juristin schwere Vorwürfe, dass sie den Ärzten zu oft vertraut hat – aber sie wusste nicht, wohin mit den Kindern. Es gibt zu wenig Alternativen.

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin Rechte: WDR Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin:Wir sind 1.500 Familienrichter in Deutschland ungefähr, jeder von uns hat mindestens vier oder fünf Fälle pro Jahr von Kindern, die nicht psychisch krank sind, so dass ich auf eine Zahl 7.000, wenn nicht mehr, pro Jahr komme, die in einem Heim geschlossen untergebracht werden müssten. Dem stehen eben nur Plätze, 260 gegenüber. Also was macht man mit diesen Kindern? Man weiß nicht, und parkt sie deshalb in Landeskrankenhäusern.

Sie hat beobachtet, dass immer mehr Kinder in die Psychiatrie eingewiesen werden. Das statistische Bundesamt bestätigt den Trend:

Anzahl der Kinder in der Psychatrie: 1991: 20.108; 2000: 30.273; 2006: 39.415 Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Anzahl der Kinder in der Psychatrie

1991 waren es 20.108, zehn Jahre später schon 30.273 und 2006 39.415. Rund ein Drittel der Diagnosen fällt unter "Störung des Sozialverhaltens".

In der Jugendhilfe im Raphaelshaus wurden Sebastians Medikamente so schnell es ging abgesetzt. Hier gilt: Gespräche statt Aufbewahrung, Erfolgserlebnisse statt Beruhigungszelle, Abenteuer und Grenzerfahrung statt Pillen. Und in einer Krise sind die Pädagogen dabei.

Anders in der Klinik. Hier bekam Sebastian "Bedarfsmedikamentation". Was heißt das überhaupt?

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin: Die Kinder bekamen eine Bedarfsmedikamentation. Es hat lange gedauert, bis ich dahinter kam, dass damit gemeint war: So viel, wie es braucht, damit sie still sind. Und dann wurde mir klar, dass es ja nicht das sein kann, was macht, dass es ihnen besser geht, sondern nur, dass sie gut zu führen sind.

Sechs lange Monate blieb Sebastian in der Psychiatrie. Was sagt die Klinikleitung dazu? Der Leiter beruft sich auf die ärztliche Schweigepflicht. Aber auch als die Mutter ihn davon entbindet, will er sich zum konkreten Fall nicht äußern. Die Verantwortung weist er von sich.

Jürgen Junglas, Rheinische Kliniken Bonn Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Jürgen Junglas, Rheinische Kliniken Bonn

Jürgen Junglas, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rheinische Kliniken Bonn: Das entscheidet letztlich die Gesellschaft, ob sie das Krankheitskonzept haben will oder ob sie sagt, ich bin nicht krank, ich mach das anders. Wir machen auch immer nur Angebote. Und die Psychiatrisierung, also dass Menschen, die Probleme haben, sagen, du hast ein psychisches Problem, geschieht in der Regel dadurch, dass man uns Menschen zuweist, wo die Gesellschaft es lernt, das ist wahrscheinlich das psychiatrische, weil wir damit nicht klarkommen. Die Psychiatrie ist kein guter Ort für extreme Situationen der Gesellschaft, nur weil die Gesellschaft mit dieser Person nicht klar kommt.

Hier im Raphaelshaus hat Sebastian sich geändert. Hier hat er gelernt, sich zu kontrollieren. Das Konzept geht auf. Wieso aber gibt es so wenig spezialisierte Einrichtungen wie diese?

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin Rechte: WDR-Fernsehen 2008 Bild vergrößern

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin

Christa Seeliger, ehem. Familienrichterin: Wenn die Kinder im Landeskrankenhaus geschlossen untergebracht sind oder überhaupt untergebracht sind, kostet es die Jugendämter gar nichts, weil die Krankenkassen bis zu drei Monaten auch ohne Diagnose bezahlen. Und die Landeskrankenhäuser finden das prima, weil sie ausgelastet sind. Der Verlierer ist nur das Kind.

Sebastians Jugendamt hat einen der wenigen Plätze gefunden, war bereit zu zahlen. So kam er aus der Klinik heraus. Tausende andere Kinder mit sozialen Störungen werden weiterhin in der Psychiatrie geparkt und ruhig gestellt.

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