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Rückschau
Sendung vom 06.11.2008Monitor Nr. 586 vom 06.11.2008
Bericht: Kai Rüsberg, Markus Schmidt, Georg Wellmann, Markus Zeidler
Georg Restle: "Hallo
und guten Abend. Etwas verspätet heute bei MONITOR. Reden wir über
die Deutsche Bahn. Der Börsengang ist jetzt vorerst abgeblasen,
also gibt es erst mal keine weiteren Millionenzuschläge für den
Bahn-Vorstand. Grämen müssen sich Bahnchef Mehdorn und seine
Kollegen trotzdem nicht. Bei einem Gehalt von 750.000 Euro plus bis
zu drei Millionen an Zulagen - jährlich. Über diese
Vergütungszahlen soll in der Öffentlichkeit gefälligst geschwiegen
werden, hatte Mehdorn noch Anfang der Woche gefordert. Eine
komische Rechtsauffassung. Das Geld, das Sie verdienen, Herr
Mehdorn, wird schließlich immer noch von genau dieser
Öffentlichkeit, von Steuerzahlern und Bahnkunden, bezahlt. Und die
sitzen seit Wochen für volle Fahrpreise in noch volleren Zügen.
Ganz zu schweigen von den lange verharmlosten Gefahren für zig
Tausende ICE-Fahrer. Unser Autorenteam berichtet jetzt über neue
Risiken in schnellen Zügen."
Bilder eine Beinahe-Katastrophe, Köln, 9. Juli, die Achse eines ICE 3 ist gebrochen. Der Zug entgleist bei Schrittgeschwindigkeit. Das Eisenbahnbundesamt warnt: Bei Tempo 300 hätte die gebrochene Achse zu einer Katastrophe wie in Eschede führen können. Es bestand erhebliche Gefahr für Leib und Leben, so die Bahnaufsicht. Aber was sagte die Bahn zum Unfall? Schriftlich wiegelte sie ab: Die Sicherheit der ICE-Radsatzwellen steht außer Frage. Der Achsbruch von Köln sei ein Einzelfall. Damit wäre die Bahn aus der Verantwortung. Doch die Staatsanwaltschaft ermittelt. Gutachter der Bundesanstalt für Materialforschung sollen die wahre Ursache des Achsbruchs herausfinden. Jetzt liegt MONITOR ein Zwischenbericht der Materialprüfer vor. Der Inhalt ist brisant. Die Prüfer konnten keine äußeren Ursachen feststellen. Die Schadensursache sei vielmehr vermutlich konstruktiv. Heißt das, die Achsen beim ICE 3 wurden falsch konstruiert? Damit wären Bahn und Hersteller in der Verantwortung. Wir fragen nach, bei der Staatsanwaltschaft, bei den Herstellern und auch bei der Bahn. Überall heißt es: Kein Interview. Wir legen deshalb das Gutachten Professor Grubisic vor. Er ist der Achsenexperte, war Gutachter in Eschede. Für ihn steht nach der Durchsicht der Unterlagen fest: Der Achsbruch von Köln war ein Unfall mit Ansage.
Vatroslav Grubisic, ehemals
Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit: "Es
handelte sich laut Gutachten ganz klar um einen Ermüdungsbruch,
vermutlich konstruktions- und betriebsbedingt. Und durch einen
Werkstofffehler beeinflusst. Das bedeutet im Klartext: Die Kölner
Achse ist kein Einzelfall, alle Achsen dieses Typs können vor der
Zeit brechen, weil sie einfach nicht richtig ausgelegt
sind."
Ein konstruktionsbedingter Ermüdungsbruch? Eine Achse, die laut Norm mindestens 30 Jahre halten muss, bricht nach weniger als acht Jahren. Doch wie konnte es so weit kommen? Die Deutsche Bahn verwies damals, unmittelbar nach dem Achsbruch von Köln, auf ihre regelmäßigen Ultraschalluntersuchungen der Achsen.
Karl-Friedrich Rausch, Vorstand Deutsche
Bahn: "Wir sind bis jetzt mit diesen Radsätzen
über drei Milliarden Kilometer gefahren und haben noch überhaupt
keinen Rissbefund gehabt. Natürlich gibt es Untersuchungen, die wir
regelmäßig machen. Auch dort hat sich an Rissen nichts
gezeigt."
Kein Rissbefund, auch nicht bei der Kölner Achse. Das Gutachten stellt dazu fest: Es gab einen Riss. Allerdings:
Zitat: "Der Schwingriss wurde
nicht rechtzeitig erkannt."
Der Grund, so die Materialprüfer, die Ultraschallprüfung war nicht sensibel genug oder das Inspektionsintervall zu lang. Erst auf Druck des Eisenbahnbundesamtes hat die Bahn ihre Prüfintervalle beim ICE 3 drastisch verkürzt. Gegen seinen Widerstand. Bahnchef Mehdorn, er will die Bahn unbedingt an die Börse bringen. Die Hochgeschwindigkeitszüge, sie sind Mehdorns attraktivstes Zugpferd bei der Suche nach potenten Investoren. Meldungen über mögliche Sicherheitsrisiken sind da Gift.
Winfried Hermann, Bündnis 90/Die Grünen,
Mitglied des Bundestages: "Man wollte
angesichts des Börsengangs alles vermeiden, was irgendwie nach
Risiko, nach Kosten aussieht und hat deswegen halt geglaubt, man
könne das aussitzen, auszögern. Jetzt kommt die Problematik erst
recht zum Vorschein."
Wie begründet ist dieser schwerwiegende Vorwurf? Die Mitglieder des Verkehrsausschusses wurden über die Untersuchungsergebnisse der Materialprüfer erst gestern unterrichtet. Mehdorns Bahn dagegen kennt die brisanten Ergebnisse schon länger. Das beweist der Untersuchungsbericht, der MONITOR vorliegt. Das Dokument diente, so steht es schwarz auf weiß, als Vorab-Präsentation für die Deutsche Bahn. Datum: 24. September 2008. Im Klartext: Die Bahn kennt die brisanten Inhalte seit mindestens sechs Wochen - doch sie schwieg.
Winfried Wolf, Bündnis "Bahn für
Alle": "Sie hat ganz eindeutig diese
Informationen zurückgehalten, sie hat ja am 24. September den
Bericht der Bundesanstalt für Materialprüfung gehabt, … vorliegen
gehabt. Spätestens da hätte sie sagen müssen, wir haben ein echtes
Problem mit unserem Radsatz eines ICE 3. Trotzdem hat sie bis Mitte
Oktober, also bis nach Bekanntgabe der Verschiebung des
Bahn-Börsenganges gesagt, dass sie kein Gutachten hätte, dass sie
keine Informationen hätte, dass sie nicht wüsste, was mit der
gebrochenen Achse vom 9. Juli es auf sich hat."
Wir fragen an bei der Bahn, welche Maßnahmen sie aufgrund der Untersuchungsergebnisse der Gutachter ergriffen hat. Keine, lässt man uns wissen. Außerdem legt man auf die Feststellung Wert: Die Sicherheit der Fahrgäste habe stets oberste Priorität. Und so sah der Bahnverkehr in den letzten Tagen aus. Überfüllte oder ausgefallene Züge, weil eine Vielzahl von ICEs außerplanmäßig in Wartung muss. Das kostet das Unternehmen Unsummen. Inzwischen hat die Bahn auch bei einer anderen ICE-Baureihe Achsrisse gefunden. Gutachter Grubisic warnt seit Jahren. Längst hätte die Bahn das Problem lösen können, sagt er, sie hätte nachrüsten müssen, mit dickeren Achsen.
Vatroslav Grubisic, ehemals
Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit: "Die einfachste Methode wäre die Wandstärke der Welle zu
erhöhen. Neun Prozent … der Erhöhung von Durchmesser würde schon
ausreichen."
Reporter: "Ja, aber
warum macht die Bahn das nicht?"
Vatroslav Grubisic, ehemals
Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit: "Das frage ich mich auch. Offensichtlich sind die so
unter Druck, um irgendwie zu sparen, dass sie an der falschen
Stelle ... bei der lebenswichtigen Komponente wie eine Achse oder
Rad sparen."
Hochgeschwindigkeitskonkurrenten im Ausland fahren längst mit dickeren Achsen. Bahnchef Mehdorn fährt lieber Richtung Börse.
Georg Restle: "Na jetzt
wohl erst mal nicht mehr."
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25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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