09.02.2010

Das Erste ist das Fernsehen
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Nr. 587

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Monitor Nr. 587 vom 08.01.2009

Die Jungen: Engagement?

Ja! Parteien: Nein, danke!



Video der Sendung

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Bericht: Eva Müller, Julia Friedrichs

Sonia Mikich: "Superwahljahr: wir wählen den Bundestag, fünf Landtage, achtmal kommunal, einmal europäisch. Ein Kreuz machen und dann wieder in die Duldungsstarre fallen? Nö. Guten Abend bei MONITOR-Spezial - mit einer gesunden Dosis neuer Erkenntnisse.

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Infratest-Umfrage

Wer eine Umfrage zur Demokratie macht, und das haben wir gestern getan, hört’s markig tönen: na klar, 89 Prozent der Bürger finden diese Regierungsform gut. Aber dann haben wir weitergefragt. Ich wäre bereit, auf demokratische Mitspracherechte zu verzichten, wenn dadurch der Wohlstand gesichert wird. Das sagen 29 Prozent. Schon krass, fast ein Drittel von uns ließe sich für Wohlstand demokratische Rechte … naja, abkaufen? Diese Republik wird jetzt 60, viel zu jung, als dass wir schon demokratiemüde sind. Wer lässt die Parteien und die Wahlbeteiligung eigentlich so alt aussehen? Generalverdacht: die Jugend. Abhängen statt mitmischen? Ne, ganz und gar nicht. Jetzt kommen Junge, die sagen: Politik schon, aber ohne Parteien. Denn ohne geht es besser."

Claudia Kotter und Loretta Stern Rechte: WDR Bild vergrößern

Claudia Kotter und Loretta Stern, Junge Helden e.V.

Wo sind die, die in der Gesellschaft anpacken? Die jungen Engagierten? Die eine Demokratie so dringend braucht? Wir wollen sie fragen: Wofür setzen Sie sich ein? Was bedeutet ihnen Demokratie? Die erste Erkenntnis: Sie zu finden, ist gar nicht so schwer.

Loretta Stern: "Also, wir sind die jungen Helden, oder vielmehr wir sind zwei von ... vielen jungen Helden und wir machen Aufklärungsarbeit zum Thema Organspende."

Claudia Kotter war krank, brauchte dringend eine Organspende. Erst halfen ihr Freunde, dann wurden es immer mehr, inzwischen engagiert sich ihr Verein ganz grundsätzlich für das Thema. Ihr Ziel: Jeder soll einen Organspendeausweis bei sich tragen. Die Helden gehen in Schulen, Prominente wie Jürgen Vogel machen Werbekampagnen. Sie sind ein Beispiel von vielen, wollen an Gesetze ran, wollen sich politisch einmischen.

Claudia Kotter: "Ja, man sieht ja, was daraus entstehen kann. Und ich glaube, dass die Bürger einfach mehr Pflicht haben oder mehr Pflichten haben, sich auch selbst zu engagieren und deswegen haben wir, glaube ich, mit dem Thema angefangen."

Sebastian Schwieker Rechte: WDR Bild vergrößern

Sebastian Schwieker, helpedia.de

Zitat: "Mehr als ein Drittel aller Deutschen engagiert sich ehrenamtlich. Es engagieren sich mehr Leute unter 30 als über 65 Jahren."

Sie sind die, die etwas bewegen, für andere, für die Gesellschaft. Warum aber gehen gerade sie nicht in die Politik?

Sebastian Schwieker, helpedia.de: "Ich bin 29 Jahre alt, hab Volkswirtschaft studiert, hab dann im Sommer 2007 meinen Job in einer Beratungsgesellschaft gekündigt, um die Internetplattform Helpedia zu gründen."

Seine Form, sich zu engagieren: Sebastian Schwieker vernetzt auf Helpedia.de gemeinnützige Organisationen. So kann jeder, der etwas tun will, schnell das Passende in der Nähe finden. Über 1.600 Vereine machen schon mit. Hunderttausende klicken auf seine Seite. Sebastian Schwieker war mal in einer Partei, trat frustriert wieder aus. Sein Fazit: Die Partei, für die er sich ohne Wenn und Aber einsetzen würde, gibt es nicht. Zu viele Kompromisse bei zu vielen Themen.

Sebastian Schwieker, helpedia.de: "Insofern sehe ich es bei mir und auch bei vielen anderen Leuten, dass die sich dann eher gezielt für eine Sache einsetzen und da der Weg der Partei tendenziell umständlich erscheint."

Zitat: "Rund die Hälfte der Mitglieder der großen Volksparteien ist über 60 Jahre alt. Etwa fünf Prozent sind unter 30 Jahre alt."

Die Ohnmacht der Macher – sie reicht sogar bis in die Parteien hinein.

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Marco Bülow, MdB

Marco Bülow, 37, SPD Bundestagsabgeordneter: "Ich komme aus dem Wahlkreis Dortmund und bin zum zweiten Mal direkt in den Bundestag gewählt worden. Meine Erlebnisse und meine Erfahrungen im Bundestag zeigen mir, dass so wie im Augenblick die parlamentarische Demokratie lauft, da etwas schief läuft."

Seine Ideen ansprechen dürfe er als SPD-Abgeordneter. Entscheiden wo es lang geht, würden dann doch meistens die da oben.

Marco Bülow, 37, SPD Bundestagsabgeordneter: "So hierarchisch und so strukturiert, wie das in der Fraktion stattfindet, und so, wie ich mitkriege, auch in den anderen Fraktionen im Bundestag, das hab ich nicht erwartet. Ich hab schon gedacht, dass man mehr Möglichkeiten hat, auch ... ja Veränderungen herbeizuführen, dass da mehr möglich ist."

Der Bundestagsabgeordnete Bülow kann verstehen, dass viele glauben, anderswo mehr erreichen zu können als im politischen Apparat. Aber was nützt es, wenn jeder nur für sein Thema kämpft? Wo soll es mit der Gesellschaft insgesamt hin? Für ihn das Gefährliche an der Parteienflucht:

Marco Bülow, 37, SPD Bundestagsabgeordneter: "Dass das so weit zurückgegangen ist, dass wir eigentlich schon nicht mehr davon reden können, dass wir eine gesunde, funktionierende Demokratie haben! Weil je weniger Politik machen, desto mächtiger werden die natürlich."

Juli Zeh Rechte: WDR Bild vergrößern

Juli Zeh, Schriftstellerin

Juli Zeh.

Juli Zeh, 34, Schriftstellerin: "Ich habe mich im Wahlkampf 2005 öffentlich zu einer Partei bekannt und das kam nicht so wahnsinnig gut an."

Bestsellerautorin Juli Zeh ist überzeugt: wenn man Demokratie ernst nimmt, reicht es nicht, dass jeder sich nur für sein Thema engagiert. Für ihr eigenes politisches Engagement hat sie Kritik einstecken müssen.

Juli Zeh, 34, Schriftstellerin: "Die Standardsätze sind: du lässt dich da vor einen Karren spannen. Also das hört man immer. Oder du lässt dich instrumentalisieren, wo ich immer ... Also das ist so absurd, ja. Also dann ist es ja eigentlich schon instrumentalisieren, wenn man überhaupt wählen geht. Also dass demokratische Mitwirkung als was Negatives gesehen wird, dass man dann eben kein freier Mensch mehr ist, zeigt wie krank unser Demokratieverständnis eigentlich ist."

Claudia Kotter und Loretta Stern Rechte: WDR Bild vergrößern

Claudia Kotter und Loretta Stern, Junge Helden e.V.

Claudia Kotter: "Wie waren wir gesagt in dieser Ethik Kommission, im Ausschuss saßen wir mit drin, durften dort auch vorsprechen. Ich hatte nicht so das Gefühl, dass man danach irgendwie groß über uns nachgedacht hat."

Marco Bülow, 37, SPD Bundestagsabgeordneter: "Die wollen lieber konkret an einer Sache arbeiten und das müssen wir stärker wieder als Parteien anbieten!"

Zitat: "40 Prozent der unter 30-jährigen sind mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden."

Demokratie braucht engagierte Demokraten. Dass die jungen Engagierten sich dem politischen Apparat verweigern, ist kein Trotz. Sie wären dabei, wenn sie mitwirken und mitbestimmen könnten.

Juli Zeh Rechte: WDR Bild vergrößern

Juli Zeh, Schriftstellerin

Juli Zeh, 34, Schriftstellerin: "Man muss sich überlegen für die Zukunft, ob man versucht diese Mentalität gezielt zu beeinfluss, das heißt die Leute zu erziehen, denen wieder zu erklären, wie das mal gedacht war, dass das eine Interessenvertretung ist und keine Vereinnahmungsmaschinerie. Also dass eine Partei eigentlich nichts Böses, sondern was sehr Gutes ist. Ob man ihnen das erklärt oder ob man sagt, und ich tendiere fast so ein bisschen zu der zweiten Variante. Das wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen. Wir haben unsere Mentalität, unser Selbstverständnis so stark verändert, wir sind so individualistisch geworden. Wir müssen eher darüber nachdenken, ob man Leuten andere Angebote von Mitbestimmung machen kann."

Nur ein paar von vielen, die etwas bewegen wollen. Entsteht mit ihnen eine Bürgergesellschaft außerhalb der Parteien, die das große Ganze aus dem Blick verliert? Für die Demokratie ist es ein Verlust, wenn die Parteien diese Macher nicht mehr für sich gewinnen.

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    25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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