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Sendung vom 08.01.2009Monitor Nr. 587 vom 08.01.2009
Bericht: Eva Müller, Julia Friedrichs
Sonia Mikich: "Superwahljahr: wir wählen den Bundestag, fünf Landtage, achtmal kommunal, einmal europäisch. Ein Kreuz machen und dann wieder in die Duldungsstarre fallen? Nö. Guten Abend bei MONITOR-Spezial - mit einer gesunden Dosis neuer Erkenntnisse.
Wer eine Umfrage zur Demokratie macht, und das haben wir gestern getan, hört’s markig tönen: na klar, 89 Prozent der Bürger finden diese Regierungsform gut. Aber dann haben wir weitergefragt. Ich wäre bereit, auf demokratische Mitspracherechte zu verzichten, wenn dadurch der Wohlstand gesichert wird. Das sagen 29 Prozent. Schon krass, fast ein Drittel von uns ließe sich für Wohlstand demokratische Rechte … naja, abkaufen? Diese Republik wird jetzt 60, viel zu jung, als dass wir schon demokratiemüde sind. Wer lässt die Parteien und die Wahlbeteiligung eigentlich so alt aussehen? Generalverdacht: die Jugend. Abhängen statt mitmischen? Ne, ganz und gar nicht. Jetzt kommen Junge, die sagen: Politik schon, aber ohne Parteien. Denn ohne geht es besser."
Wo sind die, die in der Gesellschaft anpacken? Die jungen
Engagierten? Die eine Demokratie so dringend braucht? Wir wollen
sie fragen: Wofür setzen Sie sich ein? Was bedeutet ihnen
Demokratie? Die erste Erkenntnis: Sie zu finden, ist gar nicht so
schwer.
Loretta Stern: "Also, wir sind die
jungen Helden, oder vielmehr wir sind zwei von ... vielen jungen
Helden und wir machen Aufklärungsarbeit zum Thema
Organspende."
Claudia Kotter war krank, brauchte dringend eine Organspende. Erst
halfen ihr Freunde, dann wurden es immer mehr, inzwischen engagiert
sich ihr Verein ganz grundsätzlich für das Thema. Ihr Ziel: Jeder
soll einen Organspendeausweis bei sich tragen. Die Helden gehen in
Schulen, Prominente wie Jürgen Vogel machen Werbekampagnen. Sie
sind ein Beispiel von vielen, wollen an Gesetze ran, wollen sich
politisch einmischen.
Claudia Kotter: "Ja, man sieht ja,
was daraus entstehen kann. Und ich glaube, dass die Bürger einfach
mehr Pflicht haben oder mehr Pflichten haben, sich auch selbst zu
engagieren und deswegen haben wir, glaube ich, mit dem Thema
angefangen."
Zitat: "Mehr als ein Drittel aller Deutschen
engagiert sich ehrenamtlich. Es engagieren sich mehr Leute unter 30
als über 65 Jahren."
Sie sind die, die etwas bewegen, für andere, für die Gesellschaft.
Warum aber gehen gerade sie nicht in die Politik?
Sebastian Schwieker, helpedia.de:
"Ich bin 29 Jahre alt, hab Volkswirtschaft studiert, hab dann im
Sommer 2007 meinen Job in einer Beratungsgesellschaft gekündigt, um
die Internetplattform Helpedia zu gründen."
Seine Form, sich zu engagieren: Sebastian Schwieker vernetzt auf
Helpedia.de gemeinnützige Organisationen. So kann jeder, der etwas
tun will, schnell das Passende in der Nähe finden. Über 1.600
Vereine machen schon mit. Hunderttausende klicken auf seine Seite.
Sebastian Schwieker war mal in einer Partei, trat frustriert wieder
aus. Sein Fazit: Die Partei, für die er sich ohne Wenn und Aber
einsetzen würde, gibt es nicht. Zu viele Kompromisse bei zu vielen
Themen.
Sebastian Schwieker, helpedia.de:
"Insofern sehe ich es bei mir und auch bei vielen anderen Leuten,
dass die sich dann eher gezielt für eine Sache einsetzen und da der
Weg der Partei tendenziell umständlich erscheint."
Zitat: "Rund die Hälfte der Mitglieder der großen
Volksparteien ist über 60 Jahre alt. Etwa fünf Prozent sind unter
30 Jahre alt."
Die Ohnmacht der Macher – sie reicht sogar bis in die Parteien
hinein.
Marco Bülow, 37, SPD
Bundestagsabgeordneter: "Ich komme aus dem Wahlkreis
Dortmund und bin zum zweiten Mal direkt in den Bundestag gewählt
worden. Meine Erlebnisse und meine Erfahrungen im Bundestag zeigen
mir, dass so wie im Augenblick die parlamentarische Demokratie
lauft, da etwas schief läuft."
Seine Ideen ansprechen dürfe er als SPD-Abgeordneter. Entscheiden
wo es lang geht, würden dann doch meistens die da oben.
Marco Bülow, 37, SPD
Bundestagsabgeordneter: "So hierarchisch und so
strukturiert, wie das in der Fraktion stattfindet, und so, wie ich
mitkriege, auch in den anderen Fraktionen im Bundestag, das hab ich
nicht erwartet. Ich hab schon gedacht, dass man mehr Möglichkeiten
hat, auch ... ja Veränderungen herbeizuführen, dass da mehr möglich
ist."
Der Bundestagsabgeordnete Bülow kann verstehen, dass viele glauben,
anderswo mehr erreichen zu können als im politischen Apparat. Aber
was nützt es, wenn jeder nur für sein Thema kämpft? Wo soll es mit
der Gesellschaft insgesamt hin? Für ihn das Gefährliche an der
Parteienflucht:
Marco Bülow, 37, SPD
Bundestagsabgeordneter: "Dass das so weit zurückgegangen
ist, dass wir eigentlich schon nicht mehr davon reden können, dass
wir eine gesunde, funktionierende Demokratie haben! Weil je weniger
Politik machen, desto mächtiger werden die natürlich."
Juli Zeh.
Juli Zeh, 34, Schriftstellerin: "Ich
habe mich im Wahlkampf 2005 öffentlich zu einer Partei bekannt und
das kam nicht so wahnsinnig gut an."
Bestsellerautorin Juli Zeh ist überzeugt: wenn man Demokratie ernst
nimmt, reicht es nicht, dass jeder sich nur für sein Thema
engagiert. Für ihr eigenes politisches Engagement hat sie Kritik
einstecken müssen.
Juli Zeh, 34, Schriftstellerin: "Die
Standardsätze sind: du lässt dich da vor einen Karren spannen. Also
das hört man immer. Oder du lässt dich instrumentalisieren, wo ich
immer ... Also das ist so absurd, ja. Also dann ist es ja
eigentlich schon instrumentalisieren, wenn man überhaupt wählen
geht. Also dass demokratische Mitwirkung als was Negatives gesehen
wird, dass man dann eben kein freier Mensch mehr ist, zeigt wie
krank unser Demokratieverständnis eigentlich ist."
Claudia Kotter: "Wie waren wir
gesagt in dieser Ethik Kommission, im Ausschuss saßen wir mit drin,
durften dort auch vorsprechen. Ich hatte nicht so das Gefühl, dass
man danach irgendwie groß über uns nachgedacht hat."
Marco Bülow, 37, SPD
Bundestagsabgeordneter: "Die wollen lieber konkret an einer
Sache arbeiten und das müssen wir stärker wieder als Parteien
anbieten!"
Zitat: "40 Prozent der unter 30-jährigen sind mit
dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden."
Demokratie braucht engagierte Demokraten. Dass die jungen
Engagierten sich dem politischen Apparat verweigern, ist kein
Trotz. Sie wären dabei, wenn sie mitwirken und mitbestimmen
könnten.
Juli Zeh, 34, Schriftstellerin:
"Man muss sich überlegen für die Zukunft, ob man versucht diese
Mentalität gezielt zu beeinfluss, das heißt die Leute zu erziehen,
denen wieder zu erklären, wie das mal gedacht war, dass das eine
Interessenvertretung ist und keine Vereinnahmungsmaschinerie. Also
dass eine Partei eigentlich nichts Böses, sondern was sehr Gutes
ist. Ob man ihnen das erklärt oder ob man sagt, und ich tendiere
fast so ein bisschen zu der zweiten Variante. Das wird sich nicht
mehr zurückdrehen lassen. Wir haben unsere Mentalität, unser
Selbstverständnis so stark verändert, wir sind so individualistisch
geworden. Wir müssen eher darüber nachdenken, ob man Leuten andere
Angebote von Mitbestimmung machen kann."
Nur ein paar von vielen, die etwas bewegen wollen. Entsteht mit
ihnen eine Bürgergesellschaft außerhalb der Parteien, die das große
Ganze aus dem Blick verliert? Für die Demokratie ist es ein
Verlust, wenn die Parteien diese Macher nicht mehr für sich
gewinnen.
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25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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