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Rückschau
Sendung vom 12.03.2009Monitor Nr. 590 vom
Bericht: Markus Schmidt, Boris Kartheuser
Sonia Mikich: "Willkommen. Winnenden gleich, erst Köln. Sie haben es in den Nachrichten mitbekommen, ein zweiter Toter in der Kölner Trümmerwüste. Köln - Klüngel. Köln - Katastrophe. Köln - U-Bahn-Bau. Erst Kostenexplosion auf inzwischen eine Milliarde Euro und jetzt - unbezahlbar - zwei Tote und eine zerstörte Stadtgeschichte. Unabwendbarer Schicksalsschlag? Markus Schmidt, Georg Wellmann, Boris Kartheuser und Ralf Hötte haben neue Fakten herausgebuddelt, aus einem Schutthaufen von verweigerten Interviews, verzögerten Stellungnahmen und bislang unbekannten Gutachten."
Mai 2006, da war noch Partystimmung. Der neue Kölner U-Bahn-Bau
wurde getauft. Angelika, so heißt auch die Frau des
Ministerpräsidenten. Mit der neuen Trasse soll der Fahrweg vom Dom
in die Kölner Südstadt um acht Minuten verkürzt werden. Nun ist der
Bau teilweise gestoppt. Im Herzen der Stadt ein klaffendes Loch, in
dem das Stadtarchiv verschwunden ist. Zwei Tote, geschätzte
Schadenssumme mehrere 100 Millionen. Wie konnte das passieren?
Wurde bei Planung und Bau der U-Bahn geschlampt? Hat man etwa am
falschen Ende gespart?
Fritz Schramma, CDU, Oberbürgermeister Köln
(am 7. März 2009): "Wenn da Vernachlässigungen,
Versäumnisse, Fehler herausgefunden werden, die dann dargestellt
werden, wird das Gericht, dann wird die Staatsanwaltschaft das
schon offenlegen und dann wird das auch Konsequenzen haben
müssen."
Konsequenzen auch für Fritz Schramma als Chef der Verwaltung?
Schließlich war die Stadt bis Januar 2002 Bauherrin der U-Bahn.
Danach ihre Tochter, die Kölner Verkehrs-Betriebe, KVB. Und es
wurde schon frühzeitig Alarm geschlagen. MONITOR liegt dazu
exklusiv ein Dokument des KVB-Vorstandes von August 2007 vor. Darin
wird gewarnt vor:
"... Verbruch, großflächige Deformationen und Absackungen
an der Gelände-Oberfläche. Eventuell sogar verbunden mit Personen-
und Sachschäden."
Die Blaupause für eine Katastrophe? Das Problem verborgen im Untergrund der Stadt. Die vielen Hohlräume, mittelalterlichen Brunnen, römische Fundamente, in Sand und Kies unter den Häusern. Die hat die Stadt Köln bei der Planung der U-Bahn offenbar völlig unterschätzt. Anstatt im Boden unter den Häusern zu suchen, befragte die Stadt Köln die Anlieger, ob sie irgendetwas von Hohlräumen unter ihren Häusern wüssten. Das Ergebnis, so heißt es rückschauend im KVB-Dokument, war nicht aussagekräftig, nicht ausreichend. Ein vernichtendes Urteil. So wurde in Köln mit dem Bohren unter Tage begonnen, und das aufgrund offensichtlich fehlerhafter Annahmen. Für ausgewiesene Bauexperten ein Unding.
Heinrich Bökamp, Vizepräsident
Ingenieurkammer NRW: "Wenn Sie in einem Gelände arbeiten,
was vollständig bebaut ist, was auch eine Geschichte hat, eine alte
Geschichte hat, dann werden Sie über Anwohner oder über Personen
nie stichhaltige Argumente finden, die ausreichen sicher bauen zu
können."
Trotzdem wurde ab 2002 munter drauflos gebaut. Und man stieß auf
massive Probleme. Erst jetzt, mitten in der Bauphase und Jahre nach
der Genehmigung begann die KVB intensiver nach den gefährlichen
Hohlräumen zu suchen. Und man fand 250 Verdachtsfälle. Erstaunlich,
bis Mitte 2007 werden dann aber nur 25 unbedingt notwendige
Bodensicherungs-Maßnahmen durchgeführt. Laut KVB wurde nicht auf
Kosten der Sicherheit gespart.
Heinrich Bökamp, Vizepräsident
Ingenieurkammer NRW: "Wenn diese Zahlen so stimmen, dann hat
man ja plötzlich gemerkt, man hat eine völlig falsche Einschätzung
des Umfeldes dort getroffen. Die Informationen, die dann da waren
aus der Bevölkerung heraus, die haben überhaupt nicht das Bild
abgedeckt, was sich wirklich dort vor Ort findet. Und man hätte
spätestens dann sagen müssen, haben wir denn jetzt alle Stellen
gefunden oder sind womöglich noch mehr da?"
Zwischenfazit: Spätestens ab August 2007 konnte und sollte
Oberbürgermeister Schramma wissen, dass seine Verwaltung bei der
Planung der U-Bahn schlecht gearbeitet hatte. Und dass es beim Bau
erhebliche Gefahren gab, wenn die Bohrer unter Tage auf Hohlräume
stießen. MONITOR liegt die Liste der zusätzlichen unbedingt
notwendigen Baumaßnahmen an der Severinstraße vor. Ein Hohlraum
unter oder vor dem Stadtarchiv war bis Mitte 2007 nicht dabei.
Wir recherchieren in historischen Dokumenten. Gab es am
Stadtarchiv möglicherweise doch Hohlräume? Alte verschüttete
Brunnen, die von den Planern übersehen wurden? Und - wir werden
fündig. Auf der Severinstraße war im Mittelalter ein Stadtbrunnen.
Pütz gleich Brunnen. Und diesen Brunnen finden wir auch im Kölner
Ur-Kataster. Er lag unmittelbar an der Baugrube, vor dem heutigen
Stadtarchiv. Nach Angaben der KVB wurde hier kein Brunnen baulich
gesichert, Reste eines Brunnens seien hier nicht gefunden worden.
Bilder aus dem Keller des Stadtarchivs, als es noch stand. Während
des U-Bahn-Baus traten erste Risse auf. Die Archivare schlugen
Alarm. Aber es dauerte Monate, bis der Schaden im Auftrag der Stadt
begutachtet wurde. Die Risse stünden möglicherweise mit der U-Bahn
im Zusammenhang, noch seien sie unbedenklich, schreibt der
Gutachter drei Monate vor dem Einsturz. Aber, er war sich
offensichtlich seiner Sache nicht sicher.
"Um ... weitere Schäden am Gebäude zu vermeiden, empfehle
ich Ihnen einen öffentlich anerkannten Sachverständigen für
Bauwerksschäden einzuschalten."
Der erschien bis zum Einsturz nicht.
Heinrich Bökamp, Vizepräsident
Ingenieurkammer NRW: "Also mit dem Hinweis ist natürlich
denn, wenn man nachher gemacht hat, da schon eine tragische
Verkettung der Umstände. Und wenn schon die Vermutung auch in
dieser Stellungnahme stand, dass die U-Bahn-Röhre damit in
Verbindung zu bringen ist, dann hätte man von dort aus sicher sagen
müssen, da haben wir eine gefährliche, ja, Zeitbombe stehen."
Während unter dem Stadtarchiv die Zeitbombe tickte, häuften sich
in den U-Bahn-Schächten die Probleme mit dem Grundwasser. Während
des Baus mussten sogar Taucher eingesetzt werden, um unter Wasser
die Spundwände zu sichern. Nur rund einen Kilometer von der
Unglücksstelle entfernt. Dort waren die Probleme so schwerwiegend,
dass man zusätzliche Pumpen tief in den Boden baute, um noch mehr
Grundwasser abpumpen zu können. Diese Sicherungsmaßnahmen an der
Baugrube fanden im Dezember 2008 statt, also weniger Monate vor dem
Einsturz.
Heinrich Bökamp, Vizepräsident
Ingenieurkammer NRW: "Wasser stellt im Grunde für jede
Baumaßnahme im Boden ein Problem dar. Wenn Sie aber hingehen und
immer mehr Wasser entnehmen, dann führen Sie natürlich auch in den
Boden Bewegungen rein. Der Grundwasserstrom wird halt eben
beschleunigt oder es kommt mehr Wasser zu dieser Stelle. Und jede
Bewegung im Boden führt dazu, dass Sie da Erdmassen unter Umständen
von einem Hohlraum in den nächsten befördern und dann nicht mehr
sicher sein können, dass eine Stelle, die vorher standsicher war,
auch nachher noch standsicher ist."
KVB, Stadt und Baufirmen wollten MONITOR keine Interviews geben.
Die Ursachen des Unglücks seien noch nicht geklärt. Klar ist, die
Stadt hat den Untergrund unter dem Stadtarchiv während der Planung
nicht beproben lassen. Trotzdem, der Oberbürgermeister, der das
Milliardenprojekt mit auf die Schiene gebracht hat, sieht sich und
die Stadt nicht in der Verantwortung.
Fritz Schramma, CDU, Oberbürgermeister
Köln (am 7. März 2009): "Die Stadt kann sich nicht
entschuldigen, weil die Stadt derzeit nicht als Schuldige dasteht.
Es ist ja ... muss ja erst mal jemand schuldig sein, dann kann man
sich entschuldigen."
Schlamperei - oder fahrlässiger Umgang mit der Sicherheit, um
Kosten einzusparen? Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des
Verdachtes auf fahrlässige Tötung gegen unbekannt.
Sonia Mikich: "Es war nicht Vater Rhein. Es war nicht das Schicksal. Aber - typisch kölsch - niemand ist für nix verantwortlich. Nicht die KVB, nicht der Oberbürgermeister, nicht die Baufirmen. Ja, aber wie kam das Loch in die Erde? Es ist unverschämt und unwürdig, sich so vor der Verantwortung zu drücken."
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21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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