09.02.2010

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Nr. 591

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Monitor Nr. 591 vom 02.04.2009

Private Altersvorsorge am Ende?



Video der Sendung

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Bericht: Ingo Blank, Dietrich Krauß, Georg Restle, Monika Wagener

Sonia Mikich: "Bleiben wir bei der Finanzkrise, reden wir über die Altersvorsorge. Denken Sie nur mal an das Milliardengrab Hypo Real Estate, da hängen viele Lebensversicherungen dran. Eine aktuelle MONITOR-Umfrage ergibt: 57 Prozent der Menschen, die eine private Altersvorsorge haben, machen sich derzeit ernsthaft Sorgen. Zu recht, wie Monika Wagener, Ingo Blank und Dietrich Kraus berichten. Jahrelang erlebten wir, wie die staatliche Rente immer weiter gekürzt wurde. Gebetsmühlenartig wurde eingebimst, privat ist besser! Heftige Zweifel sind inzwischen angebracht."

Angela Merkel: "Wir wollen den Menschen in diesem Lande ja sagen, Ihr braucht als zusätzliche Säule die private Vorsorge."

Gerhard Schröder: "Weil wir auch an künftige Generationen denken müssen."

Guido Westerwelle: "Durch Eigenverantwortung, durch private Zusatzvorsorge."

Immer mehr Alte, immer weniger Junge. Seit Jahren das ewig gleiche mediale und politische Trommelfeuer: Die gesetzliche Rentenversicherung sei am Ende. Nur private Zusatzvorsorge könne noch helfen, die gesetzlichen Schrumpfrenten aufzubessern.

Rainer Robben Rechte: WDR Bild vergrößern

Rainer Robben

Millionen Bundesbürger folgten diesem Rat. Auch Rainer Robben. Der 50-jährige Musikproduzent hatte sich vor Jahren für ein fondsgebundenes Riester-Produkt entschieden. Um alles richtig zu machen, hatte er sich vor Vertragsabschluss genau informiert.

Rainer Robben: "Ich hab mich für einen Riester-Rentenfond entschieden aufgrund von Berichten der Stiftung Finanztest, die mir alle sehr plausibel erschienen und wo ich gedacht habe, hier wird mit einem begrenzten Risiko eine vernünftige Rendite zu erwarten sein, sodass ich effektiv was für mein Alter, für meine Bezüge im Alter tun kann."

Jetzt hat Rainer Robben Post gekriegt von seinem Riesterfond. Aufgrund der Finanzkrise wurde sein Geld so umgeschichtet, dass er fürchtet, nur noch die garantierten Einlagen zurückzubekommen. Nicht einmal an einen Inflationsausgleich glaubt er noch.

Rainer Robben: "Mich ärgert an dieser Sache, dass ich einen gesetzlich vorgeschriebenen Weg gegangen bin, der übel nach hinten los gegangen ist."

Wie Rainer Robben sind inzwischen mehrere hunderttausend Riester-Anleger informiert worden und weitere werden folgen. Denn Anbieter privater Altersvorsorge müssen einen großen Teil ihrer Renditen am Kapitalmarkt erwirtschaften. Und der bricht gerade zusammen. Allein Aktien haben in Deutschland mehr als 40 Prozent ihres Wertes verloren, sogar Anleihen und Pfandbriefe sind unsicher geworden. Jetzt werden die Gefahren der viel gepriesenen privaten Altersvorsorge offensichtlich, sagen Experten.

Prof. Robert von Weizsäcker, Volkswirtschaftler, TU München Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Robert von Weizsäcker, Volkswirtschaftler, TU München

Prof. Robert von Weizsäcker, Volkswirtschaftler, TU München: "Die jetzige Erfahrung zeigt, es kann passieren, dass auf einen Schlag erhebliche Teile der Altersvorsorge einfach entwertet werden. Bisher dachte man, die historischen Renditen des Kapitals haben eine gewisse Höhe und wir können Risiko und Ertrag streuen. Wie wir jetzt sehen, ist das nicht gesichert."

Seit Wochen versucht der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft zu beruhigen. Die Finanzkrise sei keine Krise der Versicherungen. Wir fragen nach bei Marco Metzler, einem der wenigen unabhängigen Experten für Versicherungsbilanzen. Er hat ausgewertet, wie sich das Eigenkapital der Versicherungen unter verschärften Marktbedingungen entwickeln könnte. Seiner Meinung nach verfügen dann immer weniger über eine Kapitalausstattung von 100 Prozent, einige würden sogar deutlich darunter liegen.

Marco Metzler, Deutsches Finanz-Service Institut Rechte: WDR Bild vergrößern

Marco Metzler, Deutsches Finanz-Service Institut

Marco Metzler, Deutsches Finanz-Service Institut: "Bereits in 2007 war bei einigen Lebensversicherern die Kapitalsituation deutlich angespannt. Die Situation hat sich in 2008 durch die Kapitalmarktkrise deutlich verschärft. Es ist zu befürchten, dass rund 20 bis 25 Lebensversicherer in Schieflage geraten sind."

Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm hatte immer vor einem Einstieg des Staates ins private, kapitalgedeckte Versicherungssystem gewarnt, auch vor der Riester-Rente. Dafür war er oft heftig attackiert worden. Jetzt sieht er seine Warnungen bestätigt.

Norbert Blüm, CDU, Bundesarbeitsminister a. D. Rechte: WDR Bild vergrößern

Norbert Blüm, CDU, Bundesarbeitsminister a. D.

Norbert Blüm, CDU, Bundesarbeitsminister a. D.: "Die junge Generation, denen ist eingeredet worden: Blüm, Rentenversicherung, alles von Gestern, alles für Dummköpfe. Die Zukunft liegt auf dem Kapitalmarkt. Da kannst du jetzt sehen, wo die Zukunft liegt, und zwar weltweit. Und ich fürchte, das ist kein Heuschnupfen, der schnell vorbei geht. Das ist eine richtige Lungenentzündung des Kapitalmarktes. Und darauf, auf diesen Kapitalmarkt Alterssicherungen zu bauen, heißt auf Sand gesetzt."

Am deutlichsten zeigt der Niedergang der Hypo Real Estate, dass selbst sicher geglaubte Anlagen wie Bankanleihen und Pfandbriefe gefährdet sein können. Genau in diese Papiere der Hypo Real Estate haben viele Versicherer investiert. Ein Zusammenbruch wäre deshalb der Supergau für die privaten Renten, glauben Experten. Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft sieht keine Gefahren, auch keine bedrohlichen Schieflagen. Ein Interview lehnt man ab. Schriftlich erklärt der GDV, dass nur ein kleiner Teil der Versichertengelder in Aktien stecke. Das meiste in Pfandbriefen und Bankanleihen, und die seien unproblematisch. Bemerkenswert die Begründung:

Zitat: "Bankanleihen sind aus Sicht der Versicherungen sicher. Die Bundesregierung hat im Herbst 2008 einen Rettungsfond über 480 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt."

Also nur weil der Staat die Banken stützt, sind die Anlagen der Versicherer sicher? Für den Steuerzahler ein teures Geschäft. Erst haben die Versicherten die Riester-Rente mit Beiträgen und staatlichen Zuschüssen finanziert. Jetzt kann so manche Versicherung die versprochenen Renten möglicherweise nur noch garantieren, weil ihre Bankanleihen über den Rettungsschirm abgesichert sind. Der Versicherte wird eigentlich dreimal zur Kasse gebeten. Einmal als Beitragszahler, einmal als Steuerzahler für die staatlichen Zuschüsse und jetzt haftet er mit seinen Steuergeldern auch noch für den Rettungsschirm und damit für die private Vorsorge.

Peter Schramm, Versicherungsmathematiker Rechte: WDR Bild vergrößern

Peter Schramm, Versicherungsmathematiker

Milliarden, die man für die gesetzliche Rente nicht ausgeben wollte, dort wurde gekürzt. Wer heute in Rente geht, bekommt höchstens noch die Hälfte seines letzten Nettos und das Rentenniveau soll weiter sinken. Die private Vorsorge sollte eigentlich helfen, die Ausfälle auszugleichen. Auf Dauer kann das nicht funktionieren, meint der Versicherungsmathematiker Peter Schramm, wenn in der ganzen Welt immer mehr Geld in die kapitalgedeckte Altersvorsorge fließt und immer größere Pensionsfonds entstehen.

Peter Schramm, Versicherungsmathematiker: "Eine Altersvorsorge, die zunehmend weltweit auf Kapitaldeckung abstellt, muss irgendwann rein mathematisch in sich zusammenbrechen, denn solche Mengen an Anlagegeldern, die ertragsbringend angelegt werden sollen, würden am Ende dem Mehrfachen der jährlichen Wirtschaftskraft entsprechen weltweit. So viele sinnvolle Anlagen gibt es gar nicht."

Mit anderen Worten: Der weltweite Marsch in die private Altersvorsorge hat die derzeitige Krise mit verursacht. Sie ist kein Betriebsunfall, sondern die logische Folge einer verantwortungslos herbeigeführten Finanzblase. Millionen Sparer wie Rainer Robben müssen dafür aufkommen. Und die Bundesregierung? Die setzt weiter auf private Altersvorsorge, als wäre nichts gewesen.

Sonia Mikich: "Ja aber die Demografie, das ist immer das Totschlag-Argument. Wir überaltern doch. Nicht so flott: vor 50 Jahren brauchte es sieben Arbeitnehmer, um einen Rentner zu finanzieren, heute reichen vier. Dennoch geht es den Rentnern heute besser als damals. Und warum? Weil wir produktiver arbeiten. Mit dem technischen Fortschritt wachsen auch die Löhne und Einkünfte, und damit auch die Renten. Horrorszenarien sind also nicht angebracht."

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    25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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