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Sendung vom 02.04.2009Monitor Nr. 591 vom 02.04.2009
Bericht: Ingo Blank, Dietrich Krauß, Georg Restle, Monika Wagener
Sonia Mikich: "Bleiben wir bei der Finanzkrise, reden wir über die Altersvorsorge. Denken Sie nur mal an das Milliardengrab Hypo Real Estate, da hängen viele Lebensversicherungen dran. Eine aktuelle MONITOR-Umfrage ergibt: 57 Prozent der Menschen, die eine private Altersvorsorge haben, machen sich derzeit ernsthaft Sorgen. Zu recht, wie Monika Wagener, Ingo Blank und Dietrich Kraus berichten. Jahrelang erlebten wir, wie die staatliche Rente immer weiter gekürzt wurde. Gebetsmühlenartig wurde eingebimst, privat ist besser! Heftige Zweifel sind inzwischen angebracht."
Angela Merkel: "Wir wollen den
Menschen in diesem Lande ja sagen, Ihr braucht als zusätzliche
Säule die private Vorsorge."
Gerhard Schröder: "Weil wir auch an
künftige Generationen denken müssen."
Guido Westerwelle: "Durch
Eigenverantwortung, durch private Zusatzvorsorge."
Immer mehr Alte, immer weniger Junge. Seit Jahren das ewig gleiche
mediale und politische Trommelfeuer: Die gesetzliche
Rentenversicherung sei am Ende. Nur private Zusatzvorsorge könne
noch helfen, die gesetzlichen Schrumpfrenten aufzubessern.
Millionen Bundesbürger folgten diesem Rat. Auch Rainer Robben.
Der 50-jährige Musikproduzent hatte sich vor Jahren für ein
fondsgebundenes Riester-Produkt entschieden. Um alles richtig zu
machen, hatte er sich vor Vertragsabschluss genau informiert.
Rainer Robben: "Ich hab mich für
einen Riester-Rentenfond entschieden aufgrund von Berichten der
Stiftung Finanztest, die mir alle sehr plausibel erschienen und wo
ich gedacht habe, hier wird mit einem begrenzten Risiko eine
vernünftige Rendite zu erwarten sein, sodass ich effektiv was für
mein Alter, für meine Bezüge im Alter tun kann."
Jetzt hat Rainer Robben Post gekriegt von seinem Riesterfond.
Aufgrund der Finanzkrise wurde sein Geld so umgeschichtet, dass er
fürchtet, nur noch die garantierten Einlagen zurückzubekommen.
Nicht einmal an einen Inflationsausgleich glaubt er noch.
Rainer Robben: "Mich ärgert an dieser
Sache, dass ich einen gesetzlich vorgeschriebenen Weg gegangen bin,
der übel nach hinten los gegangen ist."
Wie Rainer Robben sind inzwischen mehrere hunderttausend
Riester-Anleger informiert worden und weitere werden folgen. Denn
Anbieter privater Altersvorsorge müssen einen großen Teil ihrer
Renditen am Kapitalmarkt erwirtschaften. Und der bricht gerade
zusammen. Allein Aktien haben in Deutschland mehr als 40 Prozent
ihres Wertes verloren, sogar Anleihen und Pfandbriefe sind unsicher
geworden. Jetzt werden die Gefahren der viel gepriesenen privaten
Altersvorsorge offensichtlich, sagen Experten.
Prof. Robert von Weizsäcker,
Volkswirtschaftler, TU München: "Die jetzige Erfahrung
zeigt, es kann passieren, dass auf einen Schlag erhebliche Teile
der Altersvorsorge einfach entwertet werden. Bisher dachte man, die
historischen Renditen des Kapitals haben eine gewisse Höhe und wir
können Risiko und Ertrag streuen. Wie wir jetzt sehen, ist das
nicht gesichert."
Seit Wochen versucht der Gesamtverband der Deutschen
Versicherungswirtschaft zu beruhigen. Die Finanzkrise sei keine
Krise der Versicherungen. Wir fragen nach bei Marco Metzler, einem
der wenigen unabhängigen Experten für Versicherungsbilanzen. Er hat
ausgewertet, wie sich das Eigenkapital der Versicherungen unter
verschärften Marktbedingungen entwickeln könnte. Seiner Meinung
nach verfügen dann immer weniger über eine Kapitalausstattung von
100 Prozent, einige würden sogar deutlich darunter liegen.
Marco Metzler, Deutsches Finanz-Service
Institut: "Bereits in 2007 war bei einigen
Lebensversicherern die Kapitalsituation deutlich angespannt. Die
Situation hat sich in 2008 durch die Kapitalmarktkrise deutlich
verschärft. Es ist zu befürchten, dass rund 20 bis 25
Lebensversicherer in Schieflage geraten sind."
Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm hatte immer vor einem
Einstieg des Staates ins private, kapitalgedeckte
Versicherungssystem gewarnt, auch vor der Riester-Rente. Dafür war
er oft heftig attackiert worden. Jetzt sieht er seine Warnungen
bestätigt.
Norbert Blüm, CDU, Bundesarbeitsminister
a. D.: "Die junge Generation, denen ist eingeredet worden:
Blüm, Rentenversicherung, alles von Gestern, alles für Dummköpfe.
Die Zukunft liegt auf dem Kapitalmarkt. Da kannst du jetzt sehen,
wo die Zukunft liegt, und zwar weltweit. Und ich fürchte, das ist
kein Heuschnupfen, der schnell vorbei geht. Das ist eine richtige
Lungenentzündung des Kapitalmarktes. Und darauf, auf diesen
Kapitalmarkt Alterssicherungen zu bauen, heißt auf Sand
gesetzt."
Am deutlichsten zeigt der Niedergang der Hypo Real Estate, dass
selbst sicher geglaubte Anlagen wie Bankanleihen und Pfandbriefe
gefährdet sein können. Genau in diese Papiere der Hypo Real Estate
haben viele Versicherer investiert. Ein Zusammenbruch wäre deshalb
der Supergau für die privaten Renten, glauben Experten. Der
Gesamtverband der Versicherungswirtschaft sieht keine Gefahren,
auch keine bedrohlichen Schieflagen. Ein Interview lehnt man ab.
Schriftlich erklärt der GDV, dass nur ein kleiner Teil der
Versichertengelder in Aktien stecke. Das meiste in Pfandbriefen und
Bankanleihen, und die seien unproblematisch. Bemerkenswert die
Begründung:
Zitat: "Bankanleihen sind aus Sicht der
Versicherungen sicher. Die Bundesregierung hat im Herbst 2008 einen
Rettungsfond über 480 Milliarden Euro zur Verfügung
gestellt."
Also nur weil der Staat die Banken stützt, sind die Anlagen der
Versicherer sicher? Für den Steuerzahler ein teures Geschäft. Erst
haben die Versicherten die Riester-Rente mit Beiträgen und
staatlichen Zuschüssen finanziert. Jetzt kann so manche
Versicherung die versprochenen Renten möglicherweise nur noch
garantieren, weil ihre Bankanleihen über den Rettungsschirm
abgesichert sind. Der Versicherte wird eigentlich dreimal zur Kasse
gebeten. Einmal als Beitragszahler, einmal als Steuerzahler für die
staatlichen Zuschüsse und jetzt haftet er mit seinen Steuergeldern
auch noch für den Rettungsschirm und damit für die private
Vorsorge.
Milliarden, die man für die gesetzliche Rente nicht ausgeben
wollte, dort wurde gekürzt. Wer heute in Rente geht, bekommt
höchstens noch die Hälfte seines letzten Nettos und das
Rentenniveau soll weiter sinken. Die private Vorsorge sollte
eigentlich helfen, die Ausfälle auszugleichen. Auf Dauer kann das
nicht funktionieren, meint der Versicherungsmathematiker Peter
Schramm, wenn in der ganzen Welt immer mehr Geld in die
kapitalgedeckte Altersvorsorge fließt und immer größere
Pensionsfonds entstehen.
Peter Schramm,
Versicherungsmathematiker: "Eine Altersvorsorge, die
zunehmend weltweit auf Kapitaldeckung abstellt, muss irgendwann
rein mathematisch in sich zusammenbrechen, denn solche Mengen an
Anlagegeldern, die ertragsbringend angelegt werden sollen, würden
am Ende dem Mehrfachen der jährlichen Wirtschaftskraft entsprechen
weltweit. So viele sinnvolle Anlagen gibt es gar nicht."
Mit anderen Worten: Der weltweite Marsch in die private
Altersvorsorge hat die derzeitige Krise mit verursacht. Sie ist
kein Betriebsunfall, sondern die logische Folge einer
verantwortungslos herbeigeführten Finanzblase. Millionen Sparer wie
Rainer Robben müssen dafür aufkommen. Und die Bundesregierung? Die
setzt weiter auf private Altersvorsorge, als wäre nichts
gewesen.
Sonia Mikich: "Ja aber die Demografie, das ist immer das Totschlag-Argument. Wir überaltern doch. Nicht so flott: vor 50 Jahren brauchte es sieben Arbeitnehmer, um einen Rentner zu finanzieren, heute reichen vier. Dennoch geht es den Rentnern heute besser als damals. Und warum? Weil wir produktiver arbeiten. Mit dem technischen Fortschritt wachsen auch die Löhne und Einkünfte, und damit auch die Renten. Horrorszenarien sind also nicht angebracht."
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25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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