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Sendung vom 02.07.2009Monitor Nr. 595 vom 02.07.2009
Bericht: Norbert Hahn, Jan Schmitt
Sonia Mikich: "Die Proteste im Iran flauen ab, aber unsere Aufmerksamkeit nicht: Der Druck auf Oppositionsführer Mussawi wächst, heute forderten radikale Abgeordnete, ihn vor Gericht zu stellen. Kritiker werden immer noch in den Gefängnissen fertiggemacht. Wenn die Schlagstöcke auf Demonstranten niederprasseln, wenn Elektroschocker Geständnisse herauspressen, wenn moderne Abhörtechnik aus dem Iran den perfekten Überwachungsstaat macht, ist vieles davon "made in Germany" und das ist und bleibt ein Thema für MONITOR. Norbert Hahn und Jan Schmitt berichten über deutsche High-Tech für das Mullah-Regime."
Die alljährliche Polizeimesse in Teheran startet, die IPAS, und zwar schon in zwei Wochen. Im Angebot: alles, was der Sicherheitsapparat einer Diktatur so braucht. Veranstalter: Die Einkaufsabteilung der iranischen Streitkräfte - die Handlanger einer Diktatur, die in dieser Woche auch noch den letzten Widerstand auf der Straße niedergeknüppelt hat. 1.000 Inhaftierte, 20 Tote heißt es offiziell. Heute, am 2. Juli soll es ruhig sein in Teheran. Gewonnen hat - bisher - die Gewalt des Regimes. Die Frauenrechtlerin Rezvan Moghaddam hat sie selbst oft zu spüren bekommen, 30 Jahre lang wurde sie immer wieder inhaftiert, auch unter Ahmadinedjad. Ihr Mann starb unter der Folter. Wenn sie davon erzählt, wirkt sie sehr gefasst. Sie selbst wurde zuletzt 2007 festgenommen, bei einer Demo zum Frauentag.
Rezvan Moghaddam, Frauenrechtlerin
(Übersetzung MONITOR): "Sie haben alle geschlagen und
getreten. Sie haben die Frauen auf den Kopf geschlagen und gegen
die Brust getreten. Ich bin dazwischen gegangen, weil sie auf ein
junges Mädchen eingeprügelt haben. Dann haben sie angefangen, auf
mich einzuschlagen."
Hier im berüchtigten Evin-Gefängnis sitzen die Demonstranten dieser
Tage. Die Frauenrechtlerin weiß, wie mit Gefangenen umgegangen
wird. Sie hat selbst gehört, wie nebenan Menschen mit
Elektroschockern gefoltert wurden. Amnesty International hat die
Brutalität nachgestellt.
Rezvan Moghaddam, Frauenrechtlerin
(Übersetzung MONITOR): "Es muss so was schreckliches sein,
dass sie mit diesem Gegenstand Menschen dazu bringen, etwas
zuzugeben, was sie nie gemacht haben."
Elektroschocker wie diese, made in Germany. Bisher wurden 100
Elektroschocker, die nachweislich in den Iran geliefert werden
sollten, entdeckt - eher zufällig. Die Ermittlungen von Polizei und
Zoll zeigen: Illegale Güter werden oft zerlegt in einzelne
Komponenten. Und: Die Wege in den Iran sind vielfältig: direkt,
oder auf Umwegen über die GUS-Staaten oder über die Freihandelszone
von Dubai. Der Betrug hat System. Seit September ist Rezvan
Moghaddam in Deutschland. Doch wenn sie mit Freunden im Iran
telefoniert, ist die Angst immer dabei, dass die Freunde danach
einfach verschwinden.
Rezvan Moghaddam, Frauenrechtlerin
(Übersetzung MONITOR): "Wenn man im Iran ein Bürgerrechtler
ist, dann ist es, als lebe man in einem Glashaus, man ist immer
unter Kontrolle. Alles, das Kommen und das Gehen, alle Freunde
werden überwacht, auch das Telefon wird kontrolliert."
Beim Überwachen hilft nun Technik aus Deutschland, Siemens hat sie
entwickelt, die deutsch-finnische Nokia-Siemens-Networks hat sie in
den Iran verkauft. Mit dem gelieferten "Monitorin Center" können
Mobilfunktelefone abgehört werden. Der Österreicher Erich Möchel
kennt sich mit Abhöranlagen aus - auch der, die in den Iran
geliefert wurde.
Erich Möchel, Experte für
Kommunikationstechnik: "Mit Hilfe der Daten, die aus diesem
"Monitorincentern" kommen kann, können Personen geografisch
bestimmt werden, wo sie sind, es kann ihr Kommunikationsprofil
erstellt werden, mit wem sie kommunizieren. Es können Gruppen
ausgeforscht werden, die kommunizieren, die sich nicht als Gruppen
erkennen lassen wollen. Das heißt, es ist eine Art Rasterfahndung,
die man mit diesen "Monitorinncenters" durchführen kann."
Der Lieferant, die Nokia-Siemens-Networks, antwortet auf unsere
Interviewanfrage nur schriftlich. Und spielt den Nutzen der Anlage
herunter:
Zitat: "Im Rahmen unserer Lieferungen wurde 2008 …
ein Aufzeichnungsgerät geliefert, das der Aufnahme einer sehr
kleinen Zahl von Sprachanrufen zur Verbrechensbekämpfung
dient."
Nur ein paar Verbrecher abhören? Auf der Fachmesse für die
Abhörbranche in Dubai, der ISS, hieß es im Februar noch ganz
anders:
Zitat: "Über die Analyse der Verbindungen kann das
Personal am "Monitorincenter" schnell einen großen Umfang an
Anruf-Daten sichtbar machen und auswerten."
Die Möglichkeiten, zu kommunizieren, steigen rasant - gerade
Diktaturen wollen die Kontrolle behalten - der Markt boomt:
Prof. Michael Brzoska, Institut für
Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg: "Das
betrifft zum Teil Sicherheitstechnologie, die im IT-Bereich, bei
Computern, eingesetzt wird, aber zunehmend auch
Überwachungstechnologie, Kameras, Elektronik, Software und auch
Datensysteme, mit denen man Bewegungen, mit denen man Kommunikation
überwachen kann."
Die iranische Polizeimesse IPAS. Die Nähe zur Diktatur störte
bislang kaum, auf den Ausstellerlisten waren noble deutsche Namen
gut vertreten, darunter Rohde & Schwarz. Im Westen gilt die
Firma als das Nonplusultra für Funktechnik - auch für Militär- und
Geheimdienste. MONITOR wollte wissen, ob die angesehene deutsche
High-Tech-Firma auch in zwei Wochen auf der Messe auftritt, die der
iranische Sicherheitsapparat veranstaltet. Darauf keine Antwort, es
heißt nur nüchtern:
Zitat: "Rohde & Schwarz pflegt seit vielen
Jahren Geschäftsbeziehungen mit Kunden im Iran... Sämtliche Exporte
prüfen wir streng nach den aktuell gültigen Verordnungen."
Sollte deutsche Sicherheitstechnik weiter in den Iran exportiert
werden, ist das für den Menschenrechtsbeauftragten der
Bundesregierung nicht hinnehmbar.
Günter Nooke, CDU,
Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung: "Nach den
Protesten der letzten Wochen glaube ich, ist es relativ
geschmacklos, jetzt so weiterzumachen als sei nichts geschehen und
als hätte gerade Polizei und verschiedene ja, Militär und
bewaffnete Organe dort nicht den wesentlichen Beitrag zur
Unterdrückung geliefert und zur blutigen Niederschlagung. Und
insofern finde ich es schon ... ich finde es persönlich
geschmacklos, wenn man jetzt einfach dort hingeht und weiter über
gute Geschäfte für Repressionsmaterialien spricht."
Rezvan Moghaddam. Daheim wurde sie in Abwesenheit verurteilt. Sie
soll wieder ins Gefängnis - und zusätzlich zehnmal ausgepeitscht
werden. In den Iran geht sie also so schnell nicht mehr, anders als
so mancher deutscher Handelsvertreter.
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25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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