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Rückschau
Sendung vom 23.07.2009Monitor Nr. 596 vom 23.07.2009
Bericht: Georg Restle, Jan Schmitt, Frank Konopatzki
Sonia Mikich: "Hallo, Willkommen. Es gibt Lügen, die schnell platzen. Und solche, die kaum noch aufregen, so oft haben wir die schon gehört. Von besonders langer Halbwertszeit ist die Lüge vom billigen Atom-Strom. Da hat die Atom-Lobby über Jahrzehnte so gut getrickst und so schön gerechnet, dass jede sachliche Nachfrage als Ideologie abgetan wird. Aber wir haben nachgefragt und enthüllen für Sie jetzt Milliarden-Kosten, die Sie noch gar nicht kennen. Und die Sie bezahlen werden. Georg Restle, Jan Schmitt und Frank Konopatzki über Etikettenschwindel bei der Atom-Endlagerung - teuer, dreist, gefährlich."
Eigentlich sollte hier radioaktiver Müll für Jahrmillionen
lagern. Das Atomendlager Asse II bei Braunschweig. Jetzt droht das
ehemalige Salzbergwerk abzusaufen - mit unkalkulierbaren Risiken
für Umwelt und Bevölkerung. Einer der teuersten Sanierungsfälle in
der Geschichte der Republik. Billige, sichere Atomenergie?
Angela Merkel, Bundeskanzlerin (1. Juli
2009): "Die wichtige Seite dessen, was die Kernenergie und
ihrer Nutzung in der Bundesrepublik Deutschland ausgemacht hat, ist
eigentlich, dass wir uns immer um die Sicherheitskultur
außerordentlich verdient gemacht haben."
So sieht die Sicherheitskultur in der Asse aus. Weil ständig
Wasser eintritt, könnte das gesamte Lager einstürzen. Erst letzte
Woche wurde hier wieder radioaktive Salzlauge entdeckt. Jetzt
drohen noch ganz andere Gefahren: Denn eigentlich dürfte in der
Asse nur schwach- und mittelradioaktiver Müll lagern. Aber nun gibt
es neue Hinweise auf hochradioaktiven Müll. MONITOR liegt ein
Schreiben der damaligen Nuklearabteilung der Siemens AG an das
Bundesforschungsministerium aus dem Jahr 1966 vor. Darin ist von
"ca. 25 Fässern mit hochradioaktivem Abfall (Kernbrennstoff)" die
Rede, die zum Teil für die Asse vorgesehen waren.
Zitat: "Wir danken Ihnen für diese Entlastung
unserer Lagerkapazität und erwarten bei gelegentlichen Anfragen
einen Ihnen günstigen Termin für die Anlieferung in Asse II."
Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz will diesen
Vorgang nun prüfen lassen.
Wolfram König, Bundesamt für
Strahlenschutz: "Wir haben aufgrund unserer derzeitigen
Kenntnisse, aufgrund der Abfall-Inventarlisten, keine Hinweise,
dass es zu einer Einlagerung auch von hochradioaktiven Abfällen
wirklich gekommen ist, aber wir gehen diesen Hinweisen natürlich
nach, weil sie bilden die Grundlage, eine ganz wesentliche
Grundlage, für die Frage, wie kann die Langzeitsicherheit
gewährleistet werden."
Was ist mit den 25 Fässern geschehen? Bei Siemens und beim
ausgegliederten Nuklear-Unternehmen Areva kann man uns nicht sagen,
was aus den Fässern geworden ist. Man teilt uns mit, der Vorgang
sei dort zurzeit nicht bekannt.
Sanierungsfall Asse. Wer muss dafür eigentlich bezahlen? Bis zu 4
Milliarden Euro soll die Stilllegung kosten. Doch damit wollen die
deutschen Energieversorgungsunternehmen, die EVU, nichts zu tun
haben.
Walter Hohlefelder, Deutsches
Atomforum: "Die Kosten in der Asse entstehen ja im
Wesentlichen dadurch, dass es hier Fehlverhalten auf der
staatlichen Seite gegeben hat, denn die Asse war ja ein staatliches
Versuchs-Endlager. Und da können Sie von den EVU nicht verlangen,
dass sie hier für staatliches Fehlverhalten eintreten."
Auch CDU und CSU wollen, dass der Steuerzahler die Kosten für die
Stilllegung der Asse trägt. Dafür hatten sie in der großen
Koalition erst im Frühjahr eine Änderung des Atomgesetzes
durchgesetzt. Darin heißt es:
Zitat: "Die Kosten für den Weiterbetrieb und die
Stilllegung trägt der Bund."
Joachim Pfeiffer, Energiepolitischer
Sprecher CDU/CSU-Fraktion: "Es war ein Versuchs-Endlager,
was von der Deutschen Regierung entsprechend betrieben wurde, wo
dann auch entsprechende Abfälle von den Unternehmen eingelagert
wurden. Aber das hat nichts mit der Entsorgung des Abfalles aus den
Kernkraftwerken zu tun."
Eine gewagte Behauptung, die schon durch die zahlreichen
Genehmigungsbescheide für die Asse eindeutig widerlegt wird.
Demnach war die Asse von Anfang an als Atomendlager für schwach-
und mittelradioaktiven Müll vorgesehen - und nicht als
vorübergehende Forschungsstätte. Wörtlich heißt es in einem der
Bescheide:
Zitat: "Seit April 1967 [ist] das ehemalige
Steinsalz-Bergwerk Asse als Endlagerstätte für radioaktive
Rückstände in Betrieb."
Wolfgang Neumann,
Atomenergie-Experte: "Das heißt, also die
Energieversorgungs-Unternehmen sind selbstverständlich davon
ausgegangen, dass es sich um ein Endlager handelt, wo ihre Abfälle
eingelagert werden und wo sie auch drin bleiben."
Woher kam der Müll, der in die Asse eingelagert wurde? Zum Teil
stammte er direkt aus deutschen Atomkraftwerken, aus Obrigheim,
Gundremmingen, Würgassen oder Stade. Bis 1976 mussten die Betreiber
keinen Pfennig Gebühren dafür bezahlen. Der Löwenanteil kam
allerdings aus Karlsruhe - vom damaligen Kernforschungszentrum.
Müll, für den die AKW-Betreiber niemals etwas bezahlen mussten,
weil es sich offiziell um staatlichen Forschungsmüll handelte. Noch
heute lagern in Karlsruhe zum Teil hochradioaktive Abfälle in
riesigen Hallen. Der Absender: die Betreiber deutscher
Atomkraftwerke, die in Karlsruhe ihren strahlenden Abfall äußerst
kostengünstig entsorgen konnten.
Das System Karlsruhe lief so: Die Vorgänger der heutigen
Energieversorger lieferten Brennelemente zur Wiederaufarbeitung.
Der schwach- bis mittelradioaktive Müll, der dadurch entstand,
wurde in die Asse transportiert. Aus Müll der
Atomkraftwerksbetreiber wurde so der Müll deutscher
Steuerzahler.
Wolfgang Neumann,
Atomenergie-Experte: "Letztendlich haben die
Energieversorgungs-Unternehmen natürlich einen riesigen
Kostenvorteil dadurch erlangt, weil sie wurden ihre Abfälle billig
los, das war das eine. Das andere ist, dass die Kernbrennstoffe,
die abgetrennt worden sind, haben sie sozusagen kostenlos wieder
zur Verfügung gekriegt. Das heißt, mit diesen Kernbrennstoffen
konnten sie dann weiterarbeiten, neue Brennelemente fertigen und
die wieder in ihren Anlagen einsetzen."
Die wundersame Verwandlung von privatem in öffentlichen Atommüll,
sie wurde in Geheimverträgen zwischen dem Betreiber der Karlsruher
Wiederaufarbeitungsanlage und den AKW-Betreibern ausgehandelt.
Nicht einmal Bundestagsabgeordnete haben heute Zugang zu diesen
Verträgen.
Sylvia Kotting-Uhl, Bündnis 90/Die
Grünen, Umweltpolitische Sprecherin: "Das ist ungeheuerlich,
würde ich sagen. Ein solcher Vorgang, denn dieser Vertrag wurde ja
offensichtlich so geschlossen, dass er zum Vorteil der
Privatwirtschaft läuft und zum Nachteil des öffentlichen
Haushaltes, also der Steuerzahler. Und ich als Vertreterin des
Parlaments habe Einsicht zu haben in Vorgänge, die den Haushalt
betreffen und bekomme diese Einsicht nicht."
Geheimverträge und Billigentsorgung von Atommüll durch deutsche
Energieversorger - zulasten der Steuerzahler. Von wegen billiger
Atomstrom. Die jährlichen Profite der AKW-Betreiber liegen übrigens
bei acht bis zehn Milliarden Euro. Anfang Juli besuchte die
Kanzlerin das deutsche Atomforum, den wichtigsten Lobbyverband für
die Kernenergie. Ein Thema: die Kosten der Endlagerung.
Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin, am
1. Juli 2009: "Wir müssen schauen, dass wir eine rationale
Energiepolitik miteinander betreiben, die die Risiken nicht
ausblendet. Die notwendigen Dinge, die erledigt werden, und da
gehört für mich die Endlagerung dazu, mit in Betracht nimmt. Auch
die realen Kosten, die natürlich die Endlagerkosten mit
implizieren, auch in Betracht nimmt."
Reale Kosten? Für die Asse hieß das jahrelange Gratisentsorgung
für die Energieversorger. Aus den Gebühren-Aufstellungen, die
MONITOR vorliegen, ergibt sich: Erst ab 1976 zahlten die
AKW-Betreiber minimale Gebühren, obwohl sie für 86 Prozent des
radioaktiven Mülls verantwortlich sind. Insgesamt beläuft sich der
Betrag auf gerade mal 1,9 Millionen Euro. Zweitausendmal soviel
zahlt jetzt wohl der Steuerzahler: zwei bis vier Milliarden
Euro.
Und das ist noch lange nicht alles. Beispiel Morsleben, ein
weiteres gescheitertes Atom-Endlager. Auch Morsleben sollte
Jahrmillionen halten und muss jetzt mit Steuermilliarden
stillgelegt werden, weil es einzustürzen droht. Es war die damalige
Umweltministerin Angela Merkel, die alle Warnungen ignorierte und
den Weg frei machte für die westdeutschen Energieversorger. Damit
die ihren Müll kostengünstig einlagern durften in die ehemalige
Atommüllkippe der DDR. Knapp 40 Prozent des radioaktiven Abfalls
stammen von westdeutschen AKW-Betreibern. Aber wie viel haben sie
dafür bezahlt?
Walter Hohlefelder, Deutsches
Atomforum: "Wir haben damals die entsprechenden Gebühren
gezahlt. Und in den Gebühren war damals, nach damaliger Schätzung,
auch der Stilllegungsanteil enthalten."
Und so sieht die Rechnung für Morsleben tatsächlich aus: 85
Millionen Euro haben deutsche Energieversorger insgesamt bezahlt.
2,2 Milliarden Euro drohen nun dagegen an Kosten für den
Steuerzahler.
Jetzt hofft die Atomwirtschaft auf ein neues Endlager für schwach-
und mittelradioaktiven Müll: In Schacht Konrad soll gelingen, was
in der Asse und in Morsleben schief gegangen ist. Und wieder heißt
es: Alles sicher für Jahrmillionen. Nur wer zahlt, wenn’s wieder
schief geht?
Wolfgang Neumann,
Atomenergie-Experte: "Wenn es zu einem Störfall in so einem
Endlager kommt, dann wird es auch in Zukunft so sein, dass die
Steuerzahler für die Probleme finanziell aufkommen müssen."
Profite für die Atomwirtschaft, die Kosten für den Steuerzahler.
Die Katastrophen in der Asse und in Morsleben zeigen: Atomstrom ist
teuer, viel teurer jedenfalls, als einem die Atomlobbyisten im
Lande weiß machen wollen.
Sonia Mikich: "Die von Schwarz-Gelb befürwortete Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke bringt den AKW-Betreibern 200 Milliarden Extra-Gewinn."
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Steuersünderdateien
Sonia Seymour Mikich: "Kaufen oder besser nicht? Soll der Staat
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Ausführliche Langfassungen der Interviews aus dem Beitrag.

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