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Rückschau
Sendung vom 19.11.2009Monitor Nr. 600 vom 19.11.2009
Bericht: Georg Restle, Ralph Hötte, Tabea Reissenberger
Sonia Mikich: "Ich bin heute früh zur Arbeit gefahren und obwohl jährlich viereinhalbtausend Menschen bei Autounfällen sterben, hatte ich keine Sekunde Angst vor dem Autofahren. Angst an der Schweinegrippe zu sterben, ist dagegen gang und gäbe zurzeit. Das ist seltsam angesichts der realen Zahlen, und darum möchten Georg Restle und Ralph Hötte die Fieberkurve der allgemeinen Aufgeregtheit nach unten bringen. Ohne Verharmlosung, ohne Glaubensbekenntnis pro oder kontra Impfung. Einfach Fakten, die Sie überraschen werden."
35.000 Tote. Seit Wochen trommelt die Boulevardpresse.
Schweinegrippe: Jeder Fall ein neuer Schocker. Und keine
Nachrichtensendung ohne das Virus.
"Die Zahl der Schweinegrippen-Infizierten in Deutschland steigt
immer schneller."
"Die Schweinegrippe legt jetzt bei uns so richtig los."
Eine mediale Fieberkurve - mit Wirkung.
Gerd Antes, Universität Freiburg, Mitglied
der Ständigen Impfkommission: "Die Folgen dieser
Angstmaschinerie sind natürlich dann teilweise makaber. Drei
weitere Tote - und plötzlich rennt alles zu den Impfstellen. Was
dann natürlich doppelt makaber ist, weil, aufgrund des nicht
verfügbaren Impfstoffes, die Gruppe, die den Impfstoff wirklich
haben müssten, plötzlich ohne Impfstoff dastehen."
Vor allem ein Fall beschäftigte die Medien. Ein 15-jähriges
Mädchen, kerngesund, plötzlich verstorben an den Folgen einer
Schweinegrippe-Infektion.
"Sie war doch so lebenslustig! Die 15-jährige Schülerin aus Kassel
ist das zwölfte Todesopfer, das die Schweinegrippe fordert."
"Gerade mal 15 Jahre alt war das jüngste Opfer."
Ein nachgewiesener Tod durch Schweinegrippe? Was sagt das
zuständige Gesundheitsamt?
Karin Müller, Gesundheitsamt Kassel:
"Bis heute ist überhaupt nicht klar, ob die Schweinegrippe in
irgendeiner Weise mit dem Tod des Mädchens im Zusammenhang steht.
Fest steht, dass das Mädchen klinisch an einer
Herz-Muskel-Entzündung verstorben ist."
Erstaunlich, selbst das Robert-Koch-Institut führt den Fall bereits
in seiner Statistik der Schweinegrippe-Toten, und das obwohl
medizinisch überhaupt noch nicht geklärt ist, ob es überhaupt einen
direkten Zusammenhang gibt zwischen dem Tod des 15-jährigen
Mädchens aus Hessen und dem Virus, das es in sich trug gab. 27 Tote
wurden in Deutschland bisher gemeldet. Eine bedrohliche Zahl?
Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche
Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Wenn Sie die Zahl der
Infizierten, insbesondere, wenn man die Dunkelziffer anbetrifft,
die sehr viel höher ist, mit der Zahl der Komplikationen und der
Zahl der Toten vergleicht, so handelt es sich hier um eine relativ
harmlose Infektion."
Jedenfalls für die allermeisten. Für ein genaueres Bild lohnt ein
Blick nach Mexiko - das Land, in dem das H1N1-Virus zum ersten Mal
für Angst und Schrecken sorgte. Bilder von damals, als die Menschen
noch Mundschutz trugen. Heute ist die Grippewelle hier vorüber -
und seit letzter Woche liegt die erste umfassende Untersuchung zur
Epidemie vor. Fakt ist: Viele Menschen haben sich in Mexiko mit dem
Virus angesteckt. Die Dunkelziffer ist hoch. Aber die Zahl der
Schweinegrippe-Toten ist deutlich niedriger als befürchtet. Bei
einer Gesamtbevölkerung von 110 Millionen waren es nur 63 Tote, bei
denen das Virus nachgewiesen wurde.
Gerd Antes, Universität Freiburg, Mitglied
der Ständigen Impfkommission: "Die Zahlen aus Mexiko
bestätigen den Eindruck, dass überall dort, wo man genauer
hinschaut, es nicht so dramatisch ist wie wir vielleicht gedacht
haben. Mexiko war so der Inbegriff des Schreckens. Das, was dort an
Schlimmem passiert ist, transportierte man zu uns. Das ist das
praktisch, was uns noch bevorsteht."
Und noch ein Land machte Schlagzeilen. Die Ukraine.
"... sogar die nationale Sicherheit bedrohen kann, erlebt derzeit
die Urkaine."
"Das ukrainische Gesundheitsministerium zum Beispiel meldet mehr
als 255.000 Infizierte und über 70 Tote."
"Dramatisch ist die Lage in der Ukraine."
"Dort erlagen schon 70 Menschen der Schweinegrippe. Die Regierung
hat ausländische Hilfe angefordert."
Zuletzt war sogar von Hunderten Schweinegrippe-Toten die Rede. Doch wie sieht die Lage in dem Land wirklich aus? Tatsächlich gab es auch hier viele Infektionen, aber hunderte Tote? Wir recherchieren beim ukrainischen Gesundheitsministerium, medizinischen Instituten und der Weltgesundheitsorganisation. Das Ergebnis: Die Ursache für die allermeisten gemeldeten Todesfälle ist noch völlig ungeklärt. Bisher wurden erst 29 Fälle untersucht. Nachgewiesen wurde das H1N1-Virus bisher bei 17 Toten. 178 weitere Verdachtsfälle werden erst noch geprüft.
Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche
Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Die Ukraine zeigt im
Grunde genommen genau dasselbe Bild wie in allen anderen Ländern.
Eine sehr leicht verbreitbare Infektion, die sehr viele Leute
betrifft. Also wir haben eine hohe Anzahl von Fällen. Und wir haben
eine relativ niedrige Anzahl von Todesfällen."
Für Meldungen aus einem anderen Land dagegen interessierte sich
hierzulande kaum jemand: Australien auf der Südhalbkugel, wo der
Winter längst vorbei ist - und mit ihm auch die Grippesaison. Auch
hier hatte man Schlimmstes befürchtet, nach dem die WHO die
Pandemie ausgerufen hatte. Letzte Woche hat das australische
Gesundheitsministerium eine erste Bilanz der
Schweinegrippe-Epidemie gezogen. Und stellte fest: Die Zahl der
Toten blieb auch hier weit hinter den Befürchtungen zurück.
Insgesamt gab es in Australien 189 nachgewiesene Todesfälle im
Zusammenhang mit H1N1. Erstaunlich findet der Bericht aber noch
etwas anderes:
Zitat: "Die Schweinegrippe hat das saisonale
Grippe-Virus fast vollständig verdrängt."
Prof. Peter Collignon, Direktor "School
of Medicine", Universität Canberra (Übersetzung MONITOR):
"In diesem Winter hatten wir insgesamt weit weniger Grippetote als
in den Vorjahren. Normalerweise haben wir hier in Australien
geschätzt 2.000 bis 3.000 Todesfälle wegen der Grippe. Dieses Jahr
waren es nur etwa 190. Die Auswirkungen dieser neuen Grippe -
zumindest was die Toten angeht - blieben deutlich hinter dem
zurück, was wir hier normalerweise erleben.
Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche
Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Das neue Virus wird
unser neues, normales saisonale Grippevirus sein. Und in Gefolge
dieser Entwicklung werden wir auch in den nächsten Jahren mit sehr
viel geringeren Todeszahlen zu rechnen haben als bisher in den
letzten 22 Jahren, durch die saisonale Grippe."
Richtig bleibt, in Einzelfällen kann das Virus gefährlich werden.
Gerade auch für Jüngere mit Vorerkrankungen. Für Panik und Hysterie
dagegen, besteht bisher kein Grund.
Sonia Mikich: "Die eigentliche Pandemie ist die Angst vor ihr."
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25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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