09.02.2010

Das Erste ist das Fernsehen
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Nr. 600

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Monitor Nr. 600 vom 19.11.2009

Horrorszenarien

Die Schweinegrippe und die Medien



Video der Sendung

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Bericht: Georg Restle, Ralph Hötte, Tabea Reissenberger

Sonia Mikich: "Ich bin heute früh zur Arbeit gefahren und obwohl jährlich viereinhalbtausend Menschen bei Autounfällen sterben, hatte ich keine Sekunde Angst vor dem Autofahren. Angst an der Schweinegrippe zu sterben, ist dagegen gang und gäbe zurzeit. Das ist seltsam angesichts der realen Zahlen, und darum möchten Georg Restle und Ralph Hötte die Fieberkurve der allgemeinen Aufgeregtheit nach unten bringen. Ohne Verharmlosung, ohne Glaubensbekenntnis pro oder kontra Impfung. Einfach Fakten, die Sie überraschen werden."

Gerd Antes, Universität Freiburg Rechte: WDR Bild vergrößern

Gerd Antes, Universität Freiburg

35.000 Tote. Seit Wochen trommelt die Boulevardpresse. Schweinegrippe: Jeder Fall ein neuer Schocker. Und keine Nachrichtensendung ohne das Virus.

"Die Zahl der Schweinegrippen-Infizierten in Deutschland steigt immer schneller."

"Die Schweinegrippe legt jetzt bei uns so richtig los."

Eine mediale Fieberkurve - mit Wirkung.

Gerd Antes, Universität Freiburg, Mitglied der Ständigen Impfkommission: "Die Folgen dieser Angstmaschinerie sind natürlich dann teilweise makaber. Drei weitere Tote - und plötzlich rennt alles zu den Impfstellen. Was dann natürlich doppelt makaber ist, weil, aufgrund des nicht verfügbaren Impfstoffes, die Gruppe, die den Impfstoff wirklich haben müssten, plötzlich ohne Impfstoff dastehen."

Vor allem ein Fall beschäftigte die Medien. Ein 15-jähriges Mädchen, kerngesund, plötzlich verstorben an den Folgen einer Schweinegrippe-Infektion.

"Sie war doch so lebenslustig! Die 15-jährige Schülerin aus Kassel ist das zwölfte Todesopfer, das die Schweinegrippe fordert."

"Gerade mal 15 Jahre alt war das jüngste Opfer."

Karin Müller, Gesundheitsamt Kassel Rechte: WDR Bild vergrößern

Karin Müller, Gesundheitsamt Kassel

Ein nachgewiesener Tod durch Schweinegrippe? Was sagt das zuständige Gesundheitsamt?

Karin Müller, Gesundheitsamt Kassel: "Bis heute ist überhaupt nicht klar, ob die Schweinegrippe in irgendeiner Weise mit dem Tod des Mädchens im Zusammenhang steht. Fest steht, dass das Mädchen klinisch an einer Herz-Muskel-Entzündung verstorben ist."

Erstaunlich, selbst das Robert-Koch-Institut führt den Fall bereits in seiner Statistik der Schweinegrippe-Toten, und das obwohl medizinisch überhaupt noch nicht geklärt ist, ob es überhaupt einen direkten Zusammenhang gibt zwischen dem Tod des 15-jährigen Mädchens aus Hessen und dem Virus, das es in sich trug gab. 27 Tote wurden in Deutschland bisher gemeldet. Eine bedrohliche Zahl?

Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin

Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Wenn Sie die Zahl der Infizierten, insbesondere, wenn man die Dunkelziffer anbetrifft, die sehr viel höher ist, mit der Zahl der Komplikationen und der Zahl der Toten vergleicht, so handelt es sich hier um eine relativ harmlose Infektion."

Jedenfalls für die allermeisten. Für ein genaueres Bild lohnt ein Blick nach Mexiko - das Land, in dem das H1N1-Virus zum ersten Mal für Angst und Schrecken sorgte. Bilder von damals, als die Menschen noch Mundschutz trugen. Heute ist die Grippewelle hier vorüber - und seit letzter Woche liegt die erste umfassende Untersuchung zur Epidemie vor. Fakt ist: Viele Menschen haben sich in Mexiko mit dem Virus angesteckt. Die Dunkelziffer ist hoch. Aber die Zahl der Schweinegrippe-Toten ist deutlich niedriger als befürchtet. Bei einer Gesamtbevölkerung von 110 Millionen waren es nur 63 Tote, bei denen das Virus nachgewiesen wurde.

Gerd Antes, Universität Freiburg, Mitglied der Ständigen Impfkommission: "Die Zahlen aus Mexiko bestätigen den Eindruck, dass überall dort, wo man genauer hinschaut, es nicht so dramatisch ist wie wir vielleicht gedacht haben. Mexiko war so der Inbegriff des Schreckens. Das, was dort an Schlimmem passiert ist, transportierte man zu uns. Das ist das praktisch, was uns noch bevorsteht."

Und noch ein Land machte Schlagzeilen. Die Ukraine.

"... sogar die nationale Sicherheit bedrohen kann, erlebt derzeit die Urkaine."

"Das ukrainische Gesundheitsministerium zum Beispiel meldet mehr als 255.000 Infizierte und über 70 Tote."

"Dramatisch ist die Lage in der Ukraine."

"Dort erlagen schon 70 Menschen der Schweinegrippe. Die Regierung hat ausländische Hilfe angefordert."

Menschen mit Mundschutz WDR Bild vergrößern

Ukraine

Zuletzt war sogar von Hunderten Schweinegrippe-Toten die Rede. Doch wie sieht die Lage in dem Land wirklich aus? Tatsächlich gab es auch hier viele Infektionen, aber hunderte Tote? Wir recherchieren beim ukrainischen Gesundheitsministerium, medizinischen Instituten und der Weltgesundheitsorganisation. Das Ergebnis: Die Ursache für die allermeisten gemeldeten Todesfälle ist noch völlig ungeklärt. Bisher wurden erst 29 Fälle untersucht. Nachgewiesen wurde das H1N1-Virus bisher bei 17 Toten. 178 weitere Verdachtsfälle werden erst noch geprüft.

Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Die Ukraine zeigt im Grunde genommen genau dasselbe Bild wie in allen anderen Ländern. Eine sehr leicht verbreitbare Infektion, die sehr viele Leute betrifft. Also wir haben eine hohe Anzahl von Fällen. Und wir haben eine relativ niedrige Anzahl von Todesfällen."

Für Meldungen aus einem anderen Land dagegen interessierte sich hierzulande kaum jemand: Australien auf der Südhalbkugel, wo der Winter längst vorbei ist - und mit ihm auch die Grippesaison. Auch hier hatte man Schlimmstes befürchtet, nach dem die WHO die Pandemie ausgerufen hatte. Letzte Woche hat das australische Gesundheitsministerium eine erste Bilanz der Schweinegrippe-Epidemie gezogen. Und stellte fest: Die Zahl der Toten blieb auch hier weit hinter den Befürchtungen zurück. Insgesamt gab es in Australien 189 nachgewiesene Todesfälle im Zusammenhang mit H1N1. Erstaunlich findet der Bericht aber noch etwas anderes:

Zitat: "Die Schweinegrippe hat das saisonale Grippe-Virus fast vollständig verdrängt."

Prof. Peter Collignon, Universität Canberra Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Peter Collignon, Universität Canberra

Prof. Peter Collignon, Direktor "School of Medicine", Universität Canberra (Übersetzung MONITOR): "In diesem Winter hatten wir insgesamt weit weniger Grippetote als in den Vorjahren. Normalerweise haben wir hier in Australien geschätzt 2.000 bis 3.000 Todesfälle wegen der Grippe. Dieses Jahr waren es nur etwa 190. Die Auswirkungen dieser neuen Grippe - zumindest was die Toten angeht - blieben deutlich hinter dem zurück, was wir hier normalerweise erleben.

Prof. Michael Kochen, Präsident Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin: "Das neue Virus wird unser neues, normales saisonale Grippevirus sein. Und in Gefolge dieser Entwicklung werden wir auch in den nächsten Jahren mit sehr viel geringeren Todeszahlen zu rechnen haben als bisher in den letzten 22 Jahren, durch die saisonale Grippe."

Richtig bleibt, in Einzelfällen kann das Virus gefährlich werden. Gerade auch für Jüngere mit Vorerkrankungen. Für Panik und Hysterie dagegen, besteht bisher kein Grund.

Sonia Mikich: "Die eigentliche Pandemie ist die Angst vor ihr."

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