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Rückschau
Sendung vom 19.11.2009Monitor Nr. 600 vom 19.11.2009
Bericht: Sonia Mikich, Kim Otto, Frank Konopatzki
Sonia Mikich: " Die Klimakonferenz von Kopenhagen - ein Flop, bevor sie begonnen hat? Bestenfalls werden im Dezember gut formulierte Absichtserklärungen zustande kommen, und dann, ein paar Monate später, die nächste Konferenz. Und so hangeln sich die Verantwortlichen von Quartal zu Amtszeit zu Wahlperiode. Das ist Umweltgift. Die Zahlen und Gefahren sind längst benannt: Wenn wir nicht bereit sind bis 2050 den CO2-Ausstoß zu halbieren, dann werden Teile der Welt unbewohnbar. Warum verdrängen und vertagen wir so gern? Dieser Film sucht Antworten."
Das alte Denken geht weiter: Noch mehr gigantische Kraftwerke.
Mehr Autobahnen. Größere Flughäfen. Die Klimakiller nehmen zu,
nicht ab. Paradox auch das eigene Verhalten: Wir reisen mit dem
Billigflieger auf ein Wochenende in den Süden und beklagen das
Aussterben der Eisbären. Wir shoppen Mode, die einmal um den Globus
reist und kennen Eisblumen nur noch als Plastikschmuck fürs
Fenster. Konsum ist hier und jetzt! Klima passiert woanders! Mit
diesen Widersprüchen leben wir.
Passantin: "Man lebt, wie gesagt, nur
einmal, und wenn man sich jetzt für alles einen Kopf machen
würde."
Passant: "Wenn wir fliegen müssen,
fliegen wir."
2. Passantin: "Man ist viel zu phlegmatisch, man stellt
andere Dinge ... in den Vordergrund, die vielleicht gar nicht so
wichtig sind und ... das liegt an einem selber."
3. Passant: "Also jetzt klar,
Mülltrennung. Aber ansonsten - nicht sehr viel."
Reporter: "Warum nicht?"
3. Passant: "Ja, weil ich glaube, man
vergisst es täglich."
In einer repräsentativen Studie von Konsumenten aus 17 Ländern
schneidet Deutschland überraschend schlecht ab: Nur 14 Prozent
fühlen sich verantwortlich für Umweltprobleme. Sind wir zu träge,
zu egoistisch, um klimabewusst zu sein? Ausgerechnet wir, die
Deutschen, die Vorreiter in Sachen Umweltschutz?
Prof. Harald Welzer, Sozialpsychologe
Universität Essen: "Das sind gefühlte Öko-Weltmeister. Das
ist in jeder Werbung präsent, das ist in den politischen Parteien
präsent, das ist eigentlich überall. Und das ist in den ganzen
Praktiken der Mülltrennung usw. auch vorhanden. Sodass man das
Gefühl hat, man sei schon in der grünsten aller denkbaren Welten.
Also um’s mal vielleicht plakativ zu sagen: Man braucht überhaupt
kein Problem damit zu haben, Grün zu wählen und einen
420-PS-Geländewagen in der Innenstadt zu benutzen."
Oxford, Anfang November. Es gibt einen Mechanismus, der uns so
gern verdrängen lässt, so der britische Umweltexperte Chris
Goodall. Die natürliche Anlage zu einem übertriebenen
Optimismus.
Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung
MONITOR): "Wir glauben, dass alles gut ausgeht. Und es
stimmt, für die meisten Leute in Westeuropa waren die letzten 50
Jahre eine Epoche wachsenden Wohlstands und weniger
Öko-Katastrophen. Wir sind es nicht mehr gewohnt, über echte
Lebensmittelknappheit oder einen massiven Klimawandel nachzudenken.
Es ist eben der Erfolg. Der Erfolg des Kapitalismus im Westen, der
den Menschen jede Veränderung so schwer macht."
Weil wir es gut haben, bleiben wir optimistisch. Wird der
Klimawandel den Alltag noch zu meinen Lebzeiten verschlechtern? Nur
9 Prozent der Deutschen stimmen dieser Aussage zu. Optimismus
bedeutet … Handlungsstarre. Menschen haben nur ein begrenztes
Sorgen-Reservoir. Das war zum Überleben sinnvoll. Die Evolution
lehrt, Entscheidungen schnell zu treffen, Komplexes zu vermeiden,
langfristige Probleme zu vertagen.
Prof. Dr. Manfred Milinski,
Evolutionsbiologe, Max-Planck-Institut: "Also, wenn Sie
einem Schimpansen die Wahl geben zwischen einer Banane jetzt und
zehn Bananen in vier Stunden, dann nimmt er die Banane jetzt. Und
das war sicher bei unseren Vorfahren auch so, wenn sie in irgendwas
investieren mussten, von dem sie dann erst nach langer Zeit
profitieren würden. Nur für das Klimaszenario sind diese
Bauchregeln, nach denen wir uns gerne verhalten, schlecht. Weil da
müssen wir ja etwas tun, was sich erst nach sehr, sehr langer Zeit
positiv auswirkt. Und das müssen wir rational lösen."
Kopf gegen Bauch, das ist das Dilemma. Der Bauch sagt, sich um die
eigenen Nachkommen sorgen, aber nicht um das Wohlergehen anderer.
Genetisch egoistisch, unsolidarisch, so Chris Goodall.
Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung
MONITOR): "Wir haben kein großes Interesse an Leuten auf der
anderen Seite der Welt, die wir nie treffen werden. Die Interessen
unserer Familie, unserer Nachkommen gehen vor, wir wollen sie
beschützen. Ich drücke es so aus, sie sollen das Haus auf dem Hügel
haben, wenn die Fluten kommen. Wir sorgen uns nicht um die
Malediven, die wahrscheinlich in 50 Jahren völlig im Meer
versinken."
Wir sind genetisch so programmiert, dass Vernunft wenig anrichtet
und dass unsere Interessen im Vordergrund stehen. Wir wissen
längst, dass der Lebensstil in den Industriestaaten den CO2-Anstieg
verursacht hat. Wir wissen, dass arme Entwicklungsländer an den
Folgen leiden werden. Aber wir ändern nichts, wir bleiben
zukunftsblind. Und die Politik - sie will doch Zukunft gestalten?
Als Klimakanzlerin trat Angela Merkel an, und gerne spricht sie von
der Vorbildrolle Europas. Doch Klimarettung hieße gewaltiges
Schuldenmachen. Damit die Erde sich nicht mehr als 2 Grad erwärmt,
müssten die Industriestaaten ab 2020 zusätzliche 100 Milliarden
Euro investieren, für grüne Technologien. Unpopuläre Maßnahmen, die
sich vielleicht erst in Jahrzehnten auswirken, sind für Politiker
Gift. Soll eine Regierung etwa eine viel höhere Treibstoffsteuer
oder einen Öko-Soli beschließen, nur um dann abgewählt zu
werden?
Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung
MONITOR): "Es ist sehr schwer für Politiker, sie leben in
Wahlzyklen. Und Politiker in Demokratien neigen immer weniger dazu,
zu führen. Sie folgen einfach dem Wahlvolk. Außerdem denken viele:
Mein Land hat genug getan, die anderen müssen zuerst dasselbe tun.
Wir Briten glauben, gut zu sein, die Deutschen glauben das von
sich, in China ist es auch so. Aber dies ist kein Wettbewerb,
möglichst wenig zu tun. Es sollte ein Wettbewerb sein, das Meiste
zu tun."
Möglichst viel tun, nicht möglichst wenig. Doch Nachhaltigkeit,
Handeln in großen Zeiträumen ist dem Politiker genauso fremd wie
dem Normalbürger, wie dem Banker. Ein Beispiel ist die jetzige
Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie ist der Offenbarungseid: Denken
in Quartalszahlen kann zum Zusammenbruch von ganzen Systemen
führen.
Prof. Mojib Latif, Klimaforscher
Universität Kiel: "Die Dramatik des Klimawandels ist
offensichtlich noch nicht begriffen worden. Nur daraus lässt sich
erklären, dass man für die Lösung der Finanzkrise viel größere
Mittel bereitstellt als zur Lösung der Klimakrise. Aber der Umgang
mit der Finanzkrise demaskiert doch all diejenigen, die bisher
gesagt haben, dass wir uns so eine Art Klimaschutz gar nicht
leisten können. Aber was ist denn jetzt passiert? Wir haben
Unsummen ausgegeben zur Rettung der Banken. Wir haben international
zusammengearbeitet. Und vor allen Dingen, Denkverbote gibt es auch
nicht mehr. Hätte man vor einem Jahr von Verstaatlichung der Banken
gesprochen, man wäre gelyncht worden."
Keine Denkverbote. Also, was wird in Zukunft Wohlstand sein?
Weiterhin grenzenlose Mobilität? Haben, haben, haben? Möglichst
viel Neues? Keine Denkverbote. Warum also wird Glück mit steigenden
Wachstumsraten gleichgesetzt?
Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung
MONITOR): "Wir sind süchtig nach Wohlstand, nach Wachstum.
Unser Selbstverständnis hängt davon ab, dass wir reicher als der
Nachbar sind, das muss aufhören. Wir müssen aufhören mit einem
Wirtschaftswachstum um jeden Preis. Das und Klimarettung geht
absolut nicht zusammen."
Manchmal schockt uns ein Bild von bedrohten Tieren, manchmal ein
Tsunami, ein sterbender Urwald. Jenseits solcher Weckrufe bleibt:
den Klimawandel kann man nicht vertagen.
Sonia Mikich: "Die Diskussion über die fatale Fixierung auf Wachstum führen wir in der nächsten Sendung weiter."
Bücher zum
Thema
Mojib Latif „Klimawandel und Klimadynamik“ (Ulmer TB 2009,
ISBN 382523178X)
Mojib Latif „Herausforderung
Klimawandel: Was wir jetzt tun müssen“ (Heyne 2007, ISBN
3453615034)
Chris Goodall „10 Technologies to Save
the Planet“ (Profile 2008, ISBN 184668868X)
Harald Welzer/ Claus Leggewie “ Das
Ende der Welt, wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen
der Demokratie“ (Fischer 2009, ISBN 3100433114)
Harald Welzer „Klimakriege. Wofür im
21. Jahrhundert getötet wird“ (Fischer 2008, ISBN 3100894332)
Studie
Das Meinungsforschungsinstitut GlobeScan fand bei den Deutschen
unter anderem überraschend große Mängel im Umweltbewusstsein: Nur
43 Prozent gaben an, wegen der aktuellen ökologischen Probleme
beunruhigt zu sein - das liegt zwölf Prozentpunkte unter dem
internationalen Durchschnitt von 55 Prozent. Lediglich 14 Prozent
fühlen sich für die Umweltprobleme verantwortlich, während es im
Schnitt aller 17 Länder 31 Prozent sind. Auch die oft beschworene
Klimawandel-Panik ist hierzulande kaum existent: Nicht einmal jeder
dritte Deutsche glaubt, dass sein Leben sich durch die globale
Erwärmung verschlechtern wird. (PDF Greendex 2009)
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Steuersünderdateien
Sonia Seymour Mikich: "Kaufen oder besser nicht? Soll der Staat
eine geklaute Datei mit den Namen von Steuerhinterziehern
erwerben?"
[mitbloggen]

Atomkraft: Freifahrtschein auch für
Uralt-Reaktoren
Ausführliche Langfassungen der Interviews aus dem Beitrag.

Betriebsratsverseucht
Das "Unwort des Jahres 2009" geht auf einen MONITOR-Bericht vom 14.
Mai 2009 zurück. Hier können Sie den Beitrag nochmal sehen:
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Umwelt- und Klimapolitik
Wer sind die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft? Was können
und müssen wir Verbraucher tun? Wie dramatisch sind die Folgen des
Klimawandels bereits heute?
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Unsere Kinder - unsere
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Warum bleiben immer mehr Kinder in ihrer Entwicklung auf der
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