09.02.2010

Das Erste ist das Fernsehen
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Nr. 600

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Monitor Nr. 600 vom 19.11.2009

Klimakatastrophe

Warum die Menschheit scheitern wird



Video der Sendung

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Bericht: Sonia Mikich, Kim Otto, Frank Konopatzki

Sonia Mikich: " Die Klimakonferenz von Kopenhagen - ein Flop, bevor sie begonnen hat? Bestenfalls werden im Dezember gut formulierte Absichtserklärungen zustande kommen, und dann, ein paar Monate später, die nächste Konferenz. Und so hangeln sich die Verantwortlichen von Quartal zu Amtszeit zu Wahlperiode. Das ist Umweltgift. Die Zahlen und Gefahren sind längst benannt: Wenn wir nicht bereit sind bis 2050 den CO2-Ausstoß zu halbieren, dann werden Teile der Welt unbewohnbar. Warum verdrängen und vertagen wir so gern? Dieser Film sucht Antworten."

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Passantin

Das alte Denken geht weiter: Noch mehr gigantische Kraftwerke. Mehr Autobahnen. Größere Flughäfen. Die Klimakiller nehmen zu, nicht ab. Paradox auch das eigene Verhalten: Wir reisen mit dem Billigflieger auf ein Wochenende in den Süden und beklagen das Aussterben der Eisbären. Wir shoppen Mode, die einmal um den Globus reist und kennen Eisblumen nur noch als Plastikschmuck fürs Fenster. Konsum ist hier und jetzt! Klima passiert woanders! Mit diesen Widersprüchen leben wir.

Passantin: "Man lebt, wie gesagt, nur einmal, und wenn man sich jetzt für alles einen Kopf machen würde."

Passant: "Wenn wir fliegen müssen, fliegen wir."

2. Passantin:
"Man ist viel zu phlegmatisch, man stellt andere Dinge ... in den Vordergrund, die vielleicht gar nicht so wichtig sind und ... das liegt an einem selber."

3. Passant: "Also jetzt klar, Mülltrennung. Aber ansonsten - nicht sehr viel."

Reporter: "Warum nicht?"

3. Passant: "Ja, weil ich glaube, man vergisst es täglich."

Prof. Harald Welzer, Universität Essen Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Harald Welzer, Universität Essen

In einer repräsentativen Studie von Konsumenten aus 17 Ländern schneidet Deutschland überraschend schlecht ab: Nur 14 Prozent fühlen sich verantwortlich für Umweltprobleme. Sind wir zu träge, zu egoistisch, um klimabewusst zu sein? Ausgerechnet wir, die Deutschen, die Vorreiter in Sachen Umweltschutz?

Prof. Harald Welzer, Sozialpsychologe Universität Essen: "Das sind gefühlte Öko-Weltmeister. Das ist in jeder Werbung präsent, das ist in den politischen Parteien präsent, das ist eigentlich überall. Und das ist in den ganzen Praktiken der Mülltrennung usw. auch vorhanden. Sodass man das Gefühl hat, man sei schon in der grünsten aller denkbaren Welten. Also um’s mal vielleicht plakativ zu sagen: Man braucht überhaupt kein Problem damit zu haben, Grün zu wählen und einen 420-PS-Geländewagen in der Innenstadt zu benutzen."

Chris Goodall, Klimaexperte Rechte: WDR Bild vergrößern

Chris Goodall, Klimaexperte

Oxford, Anfang November. Es gibt einen Mechanismus, der uns so gern verdrängen lässt, so der britische Umweltexperte Chris Goodall. Die natürliche Anlage zu einem übertriebenen Optimismus.

Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung MONITOR): "Wir glauben, dass alles gut ausgeht. Und es stimmt, für die meisten Leute in Westeuropa waren die letzten 50 Jahre eine Epoche wachsenden Wohlstands und weniger Öko-Katastrophen. Wir sind es nicht mehr gewohnt, über echte Lebensmittelknappheit oder einen massiven Klimawandel nachzudenken. Es ist eben der Erfolg. Der Erfolg des Kapitalismus im Westen, der den Menschen jede Veränderung so schwer macht."

Weil wir es gut haben, bleiben wir optimistisch. Wird der Klimawandel den Alltag noch zu meinen Lebzeiten verschlechtern? Nur 9 Prozent der Deutschen stimmen dieser Aussage zu. Optimismus bedeutet … Handlungsstarre. Menschen haben nur ein begrenztes Sorgen-Reservoir. Das war zum Überleben sinnvoll. Die Evolution lehrt, Entscheidungen schnell zu treffen, Komplexes zu vermeiden, langfristige Probleme zu vertagen.

Prof. Dr. Manfred Milinski, Max-Planck-Institut Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Dr. Manfred Milinski, Max-Planck-Institut

Prof. Dr. Manfred Milinski, Evolutionsbiologe, Max-Planck-Institut: "Also, wenn Sie einem Schimpansen die Wahl geben zwischen einer Banane jetzt und zehn Bananen in vier Stunden, dann nimmt er die Banane jetzt. Und das war sicher bei unseren Vorfahren auch so, wenn sie in irgendwas investieren mussten, von dem sie dann erst nach langer Zeit profitieren würden. Nur für das Klimaszenario sind diese Bauchregeln, nach denen wir uns gerne verhalten, schlecht. Weil da müssen wir ja etwas tun, was sich erst nach sehr, sehr langer Zeit positiv auswirkt. Und das müssen wir rational lösen."

Kopf gegen Bauch, das ist das Dilemma. Der Bauch sagt, sich um die eigenen Nachkommen sorgen, aber nicht um das Wohlergehen anderer. Genetisch egoistisch, unsolidarisch, so Chris Goodall.

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Chris Goodall, Klimaexperte

Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung MONITOR): "Wir haben kein großes Interesse an Leuten auf der anderen Seite der Welt, die wir nie treffen werden. Die Interessen unserer Familie, unserer Nachkommen gehen vor, wir wollen sie beschützen. Ich drücke es so aus, sie sollen das Haus auf dem Hügel haben, wenn die Fluten kommen. Wir sorgen uns nicht um die Malediven, die wahrscheinlich in 50 Jahren völlig im Meer versinken."

Wir sind genetisch so programmiert, dass Vernunft wenig anrichtet und dass unsere Interessen im Vordergrund stehen. Wir wissen längst, dass der Lebensstil in den Industriestaaten den CO2-Anstieg verursacht hat. Wir wissen, dass arme Entwicklungsländer an den Folgen leiden werden. Aber wir ändern nichts, wir bleiben zukunftsblind. Und die Politik - sie will doch Zukunft gestalten? Als Klimakanzlerin trat Angela Merkel an, und gerne spricht sie von der Vorbildrolle Europas. Doch Klimarettung hieße gewaltiges Schuldenmachen. Damit die Erde sich nicht mehr als 2 Grad erwärmt, müssten die Industriestaaten ab 2020 zusätzliche 100 Milliarden Euro investieren, für grüne Technologien. Unpopuläre Maßnahmen, die sich vielleicht erst in Jahrzehnten auswirken, sind für Politiker Gift. Soll eine Regierung etwa eine viel höhere Treibstoffsteuer oder einen Öko-Soli beschließen, nur um dann abgewählt zu werden?

Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung MONITOR): "Es ist sehr schwer für Politiker, sie leben in Wahlzyklen. Und Politiker in Demokratien neigen immer weniger dazu, zu führen. Sie folgen einfach dem Wahlvolk. Außerdem denken viele: Mein Land hat genug getan, die anderen müssen zuerst dasselbe tun. Wir Briten glauben, gut zu sein, die Deutschen glauben das von sich, in China ist es auch so. Aber dies ist kein Wettbewerb, möglichst wenig zu tun. Es sollte ein Wettbewerb sein, das Meiste zu tun."

Möglichst viel tun, nicht möglichst wenig. Doch Nachhaltigkeit, Handeln in großen Zeiträumen ist dem Politiker genauso fremd wie dem Normalbürger, wie dem Banker. Ein Beispiel ist die jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie ist der Offenbarungseid: Denken in Quartalszahlen kann zum Zusammenbruch von ganzen Systemen führen.

Prof. Mojib Latif, Klimaforscher Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Mojib Latif, Klimaforscher

Prof. Mojib Latif, Klimaforscher Universität Kiel: "Die Dramatik des Klimawandels ist offensichtlich noch nicht begriffen worden. Nur daraus lässt sich erklären, dass man für die Lösung der Finanzkrise viel größere Mittel bereitstellt als zur Lösung der Klimakrise. Aber der Umgang mit der Finanzkrise demaskiert doch all diejenigen, die bisher gesagt haben, dass wir uns so eine Art Klimaschutz gar nicht leisten können. Aber was ist denn jetzt passiert? Wir haben Unsummen ausgegeben zur Rettung der Banken. Wir haben international zusammengearbeitet. Und vor allen Dingen, Denkverbote gibt es auch nicht mehr. Hätte man vor einem Jahr von Verstaatlichung der Banken gesprochen, man wäre gelyncht worden."

Keine Denkverbote. Also, was wird in Zukunft Wohlstand sein? Weiterhin grenzenlose Mobilität? Haben, haben, haben? Möglichst viel Neues? Keine Denkverbote. Warum also wird Glück mit steigenden Wachstumsraten gleichgesetzt?

Chris Goodall, Klimaexperte (Übersetzung MONITOR): "Wir sind süchtig nach Wohlstand, nach Wachstum. Unser Selbstverständnis hängt davon ab, dass wir reicher als der Nachbar sind, das muss aufhören. Wir müssen aufhören mit einem Wirtschaftswachstum um jeden Preis. Das und Klimarettung geht absolut nicht zusammen."

Manchmal schockt uns ein Bild von bedrohten Tieren, manchmal ein Tsunami, ein sterbender Urwald. Jenseits solcher Weckrufe bleibt: den Klimawandel kann man nicht vertagen.

Sonia Mikich: "Die Diskussion über die fatale Fixierung auf Wachstum führen wir in der nächsten Sendung weiter."

Bücher zum Thema

Mojib Latif
„Klimawandel und Klimadynamik“ (Ulmer TB 2009, ISBN 382523178X)

Mojib Latif „Herausforderung Klimawandel: Was wir jetzt tun müssen“ (Heyne 2007, ISBN 3453615034)

Chris Goodall „10 Technologies to Save the Planet“ (Profile 2008, ISBN 184668868X)

Harald Welzer/ Claus Leggewie “ Das Ende der Welt, wie wir sie kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie“ (Fischer 2009, ISBN 3100433114)

Harald Welzer „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ (Fischer 2008, ISBN 3100894332)

Studie

Das Meinungsforschungsinstitut GlobeScan fand bei den Deutschen unter anderem überraschend große Mängel im Umweltbewusstsein: Nur 43 Prozent gaben an, wegen der aktuellen ökologischen Probleme beunruhigt zu sein - das liegt zwölf Prozentpunkte unter dem internationalen Durchschnitt von 55 Prozent. Lediglich 14 Prozent fühlen sich für die Umweltprobleme verantwortlich, während es im Schnitt aller 17 Länder 31 Prozent sind. Auch die oft beschworene Klimawandel-Panik ist hierzulande kaum existent: Nicht einmal jeder dritte Deutsche glaubt, dass sein Leben sich durch die globale Erwärmung verschlechtern wird. (PDF Greendex 2009)

Mehr zum Thema


Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 603

    25.02.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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    Schattenbild Hände mit CD Rechte: WDR/imago

    Steuersünderdateien
    Sonia Seymour Mikich: "Kaufen oder besser nicht? Soll der Staat eine geklaute Datei mit den Namen von Steuerhinterziehern erwerben?" [mitbloggen]

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    Warnschild Atomkraftwerk Rechte: WDR/picture allience

    Atomkraft: Freifahrtschein auch für Uralt-Reaktoren
    Ausführliche Langfassungen der Interviews aus dem Beitrag.

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    Das "Unwort des Jahres 2009" geht auf einen MONITOR-Bericht vom 14. Mai 2009 zurück. Hier können Sie den Beitrag nochmal sehen: [mehr]

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