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Sendung vom 07.01.2010Monitor Nr. 601 vom 07.01.2010
Bericht: Isabel Schayani, Jan Schmitt
Sonia Seymour Mikich: "Willkommen, und es geht bei uns los mit ELENA. ELENA ist ein Datenmonster. Die zentrale Speicherung von vielen sensiblen Informationen von rund 40 Millionen Arbeitnehmern. Um das Ausfüllen lästiger Formulare zu vereinfachen und zu verhindern, dass Sozialleistungen abgezockt werden. Ordentliche Bürger müssen da nicht misstrauisch sein? Aber warum misstraut dann der Staat den ordentlichen Bürgern so? Isabel Schayani und Jan Schmitt über ELENA, die seit Jahresanfang in unsere Privatsphäre vorrückt."
Willkommen im Arbeitsamt der Zukunft:
Berater: Das wird aber schwierig, Sie
zu vermitteln, mit zwei Abmahnungen. Eigentlich werden
OP-Schwestern ja gesucht, aber elf Fehltage in einem Jahr?"
Frau: "Aber meine Tochter ist
chronisch krank! ..."
Berater: "Ja, ich weiß, mir brauchen
Sie das nicht zu sagen. Und dann sind Sie seit Jahren im
Betriebsrat?"
Frau: "Ist doch mein gutes Recht. Was
ist denn daran so schlimm?"
Berater: "Und das Internet während
der Arbeitszeit? Wie sollen wir Sie ernsthaft vermitteln?"
Tausende Mitarbeiter von Arbeitsagenturen werden ab 2012 an
sensible Arbeitnehmerdaten herankommen. Dank dem elektronischen
Entgeltnachweis, kurz ELENA. Und so funktioniert ELENA: Alle
Arbeitgeber müssen seit dieser Woche an einen Zentralrechner der
Deutschen Rentenversicherung die Daten ihrer Arbeitnehmer
übermitteln. Die Höhe des Gehalts, die Fehltage, Abmahnungen und
Kündigungen. Die Daten werden jeden Monat für den Fall gesammelt,
dass ein Arbeitnehmer mal Arbeitslosengeld, Wohngeld oder
Elterngeld vom Staat beantragen könnte, oder andere
Sozialleistungen. Also einfach auf Verdacht; die meisten
ELENA-Daten werden hier nie genutzt.
Gerhart Baum, FDP, Bundesinnenminister a.
D.: "Das ist ein Datensammelperfektionismus, der also mit
meinem Ideal von einem freien Bürger in dieser Gesellschaft nichts
mehr zu tun hat."
Der Arbeitnehmer wird in Einzelteile zerlegt. Adresse,
Steuerklasse, Kinderfreibetrag, Einkommen, Anzahl der
Arbeitsstunden, acht verschiedene Gründe für Abwesenheit. Zentral
gespeichert. Der Nutzung seiner Daten muss er einmalig zustimmen.
ELENA wird die größte deutsche Datenbank.
Prof. Spiros Simitis, Deutscher
Ethikrat: "Ich halte das Verfahren für eindeutig
verfassungswidrig. Erstens, es sind Daten dabei, von denen man
nicht weiß, wozu sie überhaupt da sind. Es herrscht also keine
Klarheit über die die notwendigen Daten. Es ist zweitens so, dass
man nicht weiß, wer genau an diese Daten heran kann und damit
Profile, die den Betroffenen nachteilig sind, entstehen können. Und
drittens, offen ist auch, welche Rechte hat der Betroffene, was
kann er korrigieren, wird er laufend informiert?"
Wer kann denn laut Gesetz Zugriff auf die ELENA-Daten haben? Im
ersten Schritt ab 2012 vor allem die Bundesagentur für Arbeit.
Dann, ab 2015 noch die Krankenkassen, Pflegekassen, Studentenwerke,
die Renten- und Unfallversicherungen, die Sozialämter und
Jobcenter. Datenschützer und Juristen befürchten schon jetzt, dass
auch andere staatliche Stellen, für die noch kein Zugriff
vorgesehen ist, wie das Finanzamt oder die Polizei, ihr Interesse
anmelden. Ein einfaches Bundesgesetz würde den erweiterten Zugriff
ermöglichen.
Prof. Ulrich Goll (FDP), Justizminister
Baden-Württemberg: "Ich garantiere Ihnen, alle Daten, die
erhoben werden, werden hinterher für andere Zwecke genutzt, als es
ursprünglich im Gesetz drinsteht. Das habe ich bisher in jedem Fall
so erlebt und das hat mich eigentlich zu dem Punkt gebracht, dass
ich heute sage, nur ein Datum, was nicht erhoben wird, ist wirklich
geschützt."
Zuständig für das MEGA-Projekt ELENA sind das Arbeits- und das
Wirtschaftsministerium. Aus dem Hause Brüderle kommen beruhigende
Worte für alle Arbeitnehmer: "Ihre Daten sind zu 100 Prozent
geschützt" und können "nur mit Ihrer Genehmigung" abgerufen werden.
Klingt gut. Der Arbeitnehmer gibt die Daten mit einem
elektronischen Schlüssel zwar einmal frei, aber danach hat der
Fallmanager immer Zugriff. Was er mit den Daten macht, weiß der
Arbeitnehmer nicht. Dazu kein Interview vom Wirtschaftsministerium.
Diese Woche stellt Arbeitsministerin von der Leyen plötzlich fest,
dass doch ein paar sensible Daten zu viel gesammelt werden. der
Katalog wird so geändert:
Ursula von der Leyen,
Bundesarbeitsministerin: "... dass nur abgefragt wird,
Fehlzeit und das unter einem pauschalen Begriff "allgemeine
Fehlzeit" zusammengefasst wird."
Wir übersetzen: Die Teilnahme an Streiks und Arbeitsbummelei wird
nicht mehr extra abgefragt. Diese Angabe braucht nämlich auf einmal
niemand mehr. Aber es geht nicht nur um Kreuzchen, Daten, Zahlen.
Der Arbeitgeber darf auch bewerten. Im Fall einer Kündigung könnte
er schreiben: War unpünktlich, nachlässig gekleidet, faul. Die so
genannten Freitextfelder.
Prof. Spiros Simitis, Deutscher
Ethikrat: "Ich halte sie für unzulässig. Weil die
Freitextfelder ja nicht zufällig zur Verfügung gestellt werden,
sondern vor dem Hintergrund der möglichen Nutzung der Information.
Diese mögliche Nutzung der Information betrifft aber immer die
Arbeitnehmer. Konsequenterweise muss man sofort fragen, welches
können die Folgen sein? Und die Folgen liegen auf der Hand. Es kann
Diskriminierung sein, es kann sozusagen Sonderbehandlung sein, es
kann Verweigerung von Leistungen sein."
Was das heißen könnte, wenn Informationen ungeprüft in die falschen
Hände geraten, zeigt die Geschichte von Herrmann Grollmann. Der
ehemalige Leiter der Musikakademie Hammelburg wurde erst abgemahnt
und später wurde ihm gekündigt. Mit Vorwürfen, er habe zu viele
private Gespräche mit dem Diensthandy geführt und sich persönlich
bereichert. Alles haltlos, hat das Arbeitsgericht festgestellt.
Grollmann musste aber lange klagen, um diese falschen Vorwürfe aus
der Welt zu schaffen. Das System ELENA könnte die Vorwürfe des
Arbeitgebers festhalten, und zwar jahrelang.
Herrmann Grollmann: "Jeder Mensch
braucht doch auch eine neue Chance sozusagen, allein deshalb.
Selbst wenn ein Mensch Fehler gemacht hätte, wäre das eigentlich
eine Katastrophe. Das heißt, ein Mensch wird ja abgestempelt. Er
wird abgestempelt, abgehakt, erledigt. Der kriegt ja nie wieder ne
Stelle."
Datensammelwut auf Vorrat. Mit ELENA werden sensible Details von 40
Millionen Arbeitnehmern, ihre Fehlzeiten, ihre Gehälter, ihre
Kündigungen nicht mehr wie bisher beim Arbeitgeber abgefragt, wenn
man sie braucht, sondern zentral und auf Vorrat gespeichert, für
mindestens zwei Jahre.
Gerhart Baum, FDP, Bundesinnenminister a.
D.: "Es wäre ganz mühelos, uns einen Chip einzupflanzen, für
unser ganzes Leben. Dann könnte festgestellt werden, wo, wann wir
was gemacht haben. Ja, aber das Prinzip ist doch, dass über uns der
Staat und andere nur das unbedingt Notwendige wissen dürfen.
Stellen wir uns kurz vor, die ELENA-Daten würden missbraucht - der
gläserne Bewerber:
Arbeitgeberin: "Wir suchen
händeringend OP-Schwestern, aber ich frag mich, wie wollen Sie mit
zwei Bandscheibenvorfällen eine solche Arbeit machen?"
Arbeitnehmerin: "Woher wissen Sie
das?"
Arbeitgeberin: "Recherche. Also wenn
wir jemanden wie Sie schon nehmen sollen, dann müssten Sie mit
Ihren Gehaltsforderungen runtergehen."
Arbeitnehmerin: "Wie
runtergehen?!
Arbeitgeberin: "Wenn Sie ein bisschen
weniger verlangen, dann bekommt Ihre älteste Tochter BaFöG. 300
Euro unter Tarif, dann kommen wir hin."
Arbeitnehmerin: "Unter Tarif, wie
soll das gehen?"
Sonia Seymour Mikich: "ELENA, eine digitale Goldmine, auch für Schnüffler und Datenhändler. Und was ist mit Recht auf Privatsphäre, auf digitale Selbstbestimmung? Vorbei, vorbei, pillepalle von gestern!"
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
09.09.201021:45 - 22:15 Uhrim Ersten
Nach der BP-Katastrophe: Das Ende des
Erdölzeitalters
Liebe Zuschauer, wie Sie sicherlich bemerkt haben, wurde der
angekündigte Beitrag nicht gesendet. Aufgrund eines Fehlers lag die
richtige Kassette zur Sendung nicht vor.
Neuer Sendetermin: 09.09.2010.

Vergewaltigung: Lebenslänglich für die
Opfer
Sonia Seymour Mikich: "Ein schweres Verbrechen - doch das Opfer
muss mit lebenslänglich rechnen, während der Täter darauf hoffen
kann, dass es erst garnicht zum Prozess kommt, geschweige denn zur
Verurteilung."
[zum Blog]

Armut trotz Arbeit
MONITOR-Beiträge zu Arbeit und Arbeitsmarktpolitik.
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Das Ende einer Energie-Epoche.
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