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Rückschau
Sendung vom 07.01.2010
Monitor Nr. 601 vom
Besser statt mehr
Wirtschaftswachstum radikal anders
Video der Sendung
Bericht: Sonia Seymour Mikich, Kim Otto
Sonia Seymour Mikich: "Wachstum, Wachstum über alles - das Glaubensbekenntnis, nicht nur hierzulande. Und wer auch immer zweifelte, wurde als weltfremd abgetan. Das ändert sich langsam nach Finanz- und Wirtschaftskrise. Es wird neu gedacht: Vielleicht sind steigende Wachstumsraten gar nicht so gut, sondern ökologisch und ökonomisch falsch. Vielleicht sollte die Wirtschaft den Menschen dienen, und nicht umgekehrt. Wir sprachen mit Vordenkern und Machern."
Entstehen, reifen, vergehen. Wachstum in der Natur hat Anfang
und Ende. Für uns Menschen soll dieser Kreislauf nicht gelten.
Unsere Volkswirtschaft soll immer nur wachsen, immer mehr, so das
Credo der Politik.
"Was schafft Wachstum?" "… dass da am besten Wachstumskräfte
freigesetzt werden können …" "Wachstum schafft Arbeit." "Wir
brauchen ja Wachstum, wir müssen Gas geben in Deutschland." "...
für Wachstum, für Beschäftigung, für mehr
Zukunftstauglichkeit."
Turmbau zu Dubai. Über 800 Meter Wachstumswahn. Das Prinzip
"grenzenlos". Dieses Streben nach steigendem Wachstum halten
inzwischen auch konservative Ökonomen für überholt.
Prof. Meinhard Miegel, Ökonom, Stiftung
Denkwerk Zukunft: "Mittlerweile haben wir einen materiellen
Lebensstandard erreicht, der soviel höher ist als der
Lebensstandard der übrigen Menschheit, dass es nicht mehr sinnvoll
sein kann, weiter in diese Richtung zu marschieren. Und abgesehen
davon ist es gar nicht mehr möglich, diese Art von materiellem
Wachstum immer weiter zu treiben. Die natürlichen Ressourcen fallen
aus. Die Energie fällt aus. Die Umweltbelastung nimmt zu. Wir
müssen also Abschied nehmen von dem ursprünglich mal sinnvollen,
aber mittlerweile überholten Konzept."
Der alte Gradmesser für Wachstum, das Brutto-Inlands-Produkt.
Dahinter steht eine vermeintlich einfache Gleichung: Mehr Waren und
mehr Dienstleistungen gleich Wachstum. Und - so das Versprechen -
mehr Wohlstand. Eine oft absurde Gleichung. Nach der sogar
Katastrophen Wachstum beschleunigen. Wenn ein Öltanker explodiert
und Küsten verpestet, folgen Milliardenaufträge, um die Schäden zu
beseitigen. Ein Krieg ist Wachstumsmotor. Was zerstört ist, muss ja
aufgebaut werden. Und im Alltag? Wir verbrauchen, verbrauchen und
denken nicht nach über endliche Ressourcen, über Müll und
Schadstoffe. Als ob es keine Grenzen gäbe.
"Wenn alle Menschen auf der Erde so leben würden wie die Deutschen,
bräuchten wir die Ressourcen von drei Planeten."
Also auf Wachstum verzichten? Ein unerhörter Gedanke. Doch seit dem
Doppelschock von Klima- und Finanzkrise fragen immer mehr, ob
Wohlstand ohne Wachstum möglich ist, wie hier auf einer
internationalen Konferenz in Berlin. Darunter Vordenker wie der
weltbekannte Zukunftsforscher Dennis Meadows.
Prof. Dennis L. Meadows,
Zukunftsforscher, University of New Hampshire (Übersetzung
MONITOR): "Wir sind hier, um neue Ansätze zu finden. Wie
lösen wir die Probleme, wie sichern wir den Fortschritt der
Menschen ohne von einem materiellen Wirtschaftswachstum
abzuhängen?"
Junge, Alte, Linke, Konservative, Umweltschützer, Unternehmer.
Früher wurden sie als weltfremd abgetan, heute beraten sie
Regierungen, etwa in Paris und London. Kann man heute noch Wachstum
und Wohlstand einfach gleichsetzen? Müssen wir Wohlstand künftig
anders messen?
Prof. Tim Jackson, Regierungsberater
Nachhaltige Entwicklung, University of Surrey (Übersetzung
MONITOR): "Das Bruttoinlandsprodukt misst letztlich nur die
Betriebsamkeit der Wirtschaft und nicht, inwieweit die Bedürfnisse
und Wünsche der Menschen befriedigt werden, oder wie gerecht Waren
und Dienstleistungen verteilt sind. Eigentlich müsste man anders
rechnen. Man müsste überlegen, was Wohlstand genau heißt, wer und
unter welchen Voraussetzungen daran teilhaben kann. Andere
Indikatoren wie Bildungschancen, Gesundheitsniveau der Bevölkerung
müssten mit einbezogen werden, und auch Zufriedenheit und
Wohlergehen. Dazu gehören auch die Verteilung der Einkommen und der
Verbrauch von ökologischen Ressourcen."
Wachstum um jeden Preis? Von diesem Credo hat sich Harald Rossol
verabschiedet. Die Regierung sei in altem Denken erstarrt, meint
der Bremer IT-Unternehmer.
Harald Rossol, IT-Unternehmer:
"Die Politik zieht Diskurse aus der Tüte, die vor sechzig Jahren
wunderbar funktioniert haben, die vielleicht auch vor dreißig
Jahren noch gut funktioniert haben, die aber heute, im Jahre 2010,
einfach nicht mehr in Gänze funktionieren können."
Seit Jahren macht er bewusst den gleichen Umsatz, Expansion ist in
seinem Unternehmen ausdrücklich nicht gewünscht. Andere Kriterien
sind im Sechs-Mann-Betrieb wichtiger für den Erfolg.
Harald Rossol, IT-Unternehmer: "Wir
wollen jetzt nicht weiter wachsen, weil wir sind ganz deutlich der
Meinung, dass wir so eine so eingespielte Größe haben. Wo sozusagen
Kosten, Nutzen, alle System miteinander abgestimmt sind. Wenn wir
jetzt wachsen wollten, müssten wir einen Sprung machen, zweifach,
dreifach so groß. Hat aber zur Konsequenz, dass wir das jetzige
Arbeitsgefüge so nicht leben können. Das heißt, wir müssen ein
hierarchisches System mit einführen. Und da würde das Miteinander
halt nicht mehr so funktionieren."
Harald Rossol ist kein naiver Idealist. Zum Querdenker wurde er
durch Zufall, im Betriebsalltag.
Harald Rossol, IT-Unternehmer: "Ich
stand irgendwann in meinem eigenen Rechenzentrum und da wurde mir
gesagt, wir brauchen eine neue Klimaanlage. Und da habe ich die
verhängnisvolle Frage gestellt, warum ist das so? Und dann gab es
die verhängnisvolle Antwort, das ist so, weil das so ist. Und das
ist so etwas, was für mich immer eine persönliche Herausforderung
ist."
Das Team tüftelte, um die Klimaanlage möglichst überflüssig zu
machen. Am Ende sank der Stromverbrauch um 65 Prozent. Und mit der
Abwärme der Computer wird das Büro nun beheizt. All das spart
Kosten, steigert den Gewinn - ohne Wachstum. Der Betrieb nimmt nur
Aufträge aus der Region an. Und zu den Kunden fahren alle mit Bus
und Bahn. Das ist eben wirtschaftlicher als ein prestigeträchtiger
Fuhrpark. Inzwischen ist Rossols Betrieb mehrfach ausgezeichnet,
andere Mittelständler lassen sich von ihm das Geschäftsmodell
erklären. Energie- und Transporteffizienz. Der Umsatz geht nicht
nach oben, aber der Gewinn. Und das sichert wiederum die
Arbeitsplätze. Wirtschaftlicher Erfolg - ohne Wachstum. Verkehrte
Welt. War es nicht die Wachstumsgesellschaft, die nach dem Zweiten
Weltkrieg Wohlstand brachte? Innerhalb einer einzigen Generation
verdreifachte sich die Menge der Güter und Dienstleistungen. Es
herrschte Vollbeschäftigung. Die Produktivität stieg, die
Arbeitsplätze fielen aber immer mehr weg. Wachstum hatte seinen
Preis. In den letzten 15 Jahren ist die Wirtschaft in Deutschland
um 20 Prozent gewachsen. Die Arbeitslosigkeit stieg aber um 56
Prozent. Bedeutet weniger Wachstum aber nicht noch mehr
Arbeitslosigkeit?
Prof. Tim Jackson, Regierungsberater
Nachhaltige Entwicklung, University of Surrey (Übersetzung
MONITOR): "Eine akzeptable Lösung: alle arbeiten weniger,
was ja vorteilhaft wäre für unsere Lebensqualität. Allerdings
müsste dann die vorhandene Arbeit gleichmäßig verteilt werden. Das
wäre Grundstein einer neuen Beschäftigungspolitik."
Bei Harald Rossol sieht das so aus. Äußerst flexible
Arbeitszeitkonten bedeuten für die Mitarbeiter mehr Freiheit, mehr
Lebensqualität. Sie arbeiten motiviert und effizient. Auch so
bringt gleicher Umsatz dennoch mehr Gewinn und den Mitarbeitern
sogar steigende Löhne.
Harald Rossol, IT-Unternehmer: "Ich
behaupte schon, dass wir wachsen. Nur, wir nehmen nicht den
klassischen Begriff zum Wachstum, indem wir sagen, wir machen mehr
Umsatz, wir machen mehr, mehr, mehr. Sondern wir sagen, wir machen
besser, besser, besser."
Mehr Lohn, ohne Wachstum? Das geht gegen den üblichen Trend. Seit
1991 wächst die Schere zwischen der Einkommensentwicklung und den
Gewinnen der Unternehmen. Milliardenprofite - sie wurden immer
weniger im Betrieb angelegt und immer mehr an den Kapitalmärkten,
und die waren der Wachstumsmotor der vergangenen Jahre. Bis der
Kollaps kam. Geld ist genug da, es müsste nur anders angelegt
werden. Langfristiges Denken ist da gefragt. Kapital, das der
Gesellschaft dient, nicht umgekehrt - ist das eine Lösung?
Prof. Tim Jackson, Regierungsberater
Nachhaltige Entwicklung, University of Surrey (Übersetzung
MONITOR): "Wir müssen uns fragen, wie wir die vorhandenen
Mittel nutzen. Und die Antwort ist einfach: eine Rückkehr zu
langfristigen Investitionen. Wir müssen in natürliche Ressourcen
investieren, in kohlenstoffarme und nachhaltige Technologien, in
neue Infrastrukturen, in das Gemeinwesen - genau dort, wo wir
Menschen uns auf umweltschonende Art und Weise entwickeln können.
Ein breites Spektrum, das die Regierung neu gestalten muss -
dringend. Der Ansatz ist ganz und gar ökonomisch: Investitionen als
Bindeglied zwischen Gegenwart und Zukunft."
Der Klimagipfel von Kopenhagen war auch deswegen ein Flop, weil
keine Regierung auf eigene Wachstumschancen verzichten wollte. Und
wohl auch, weil Investitionen in die Zukunft in den Köpfen der
Verantwortlichen noch immer bedeutet: mehr Waren, mehr
Dienstleistungen, mehr Konsum. Fetisch Wachstum - er führt in die
Sackgasse.
Prof. Meinhard Miegel, Ökonom, Stiftung
Denkwerk Zukunft: "Die Beschwörung des Wachstums ist ein
Nachhall vergangener Zeiten. Das ist heute nicht mehr sinnvoll, was
da gemacht wird. Und wenn wir ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz
haben, dann zeigt das, wie hinterwäldlerisch die Politik ist. Sie
hat gar nicht begriffen, was heute Not tut, sondern sie versucht
mit ganz alten Instrumenten, neue Herausforderungen zu bewältigen.
Und das kann nicht funktionieren. Es wird auch nicht
funktionieren."
Grenzenloses Wachstum - eine historische Ausnahme. Sie geht jetzt
zu Ende. Und gerade wir in den reichen Industrienationen können
Wohlstand künftig neu bewerten. Wie hoch sind die
Durchschnittslöhne bei uns? Die Bildungschancen? Die
Gesundheitsstandards? Hält unsere Gesellschaft zusammen? Schonen
wir unsere Umwelt? Das Ziel: Besser statt mehr!
Literatur zum Thema:
"Grenzen des Wachstums: Das 30-Jahre-Update" (Hirzel 2006, ISBN
3777613843)
"Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium" (mandelbaum
2009, ISBN 978385476-296-6)
"Umwälzung der Erde: Konflikte um Ressourcen – Jahrbuch Ökologie
2009" (S. Hirzel, 2009, ISBN 3777617687)
Holger Rogall, "Nachhaltige Ökonomie, Ökonomische Theorie und
Praxis einer Nachhaltigen Entwicklung" (metropolis 2009, ISBN
978-3-89518-765-0)
Claus Leggewie / Harald Welzer "Das Ende der Welt, wie wir sie
kannten: Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie" (Fischer
2009, ISBN 978-3-10-0433114)
Politische Ökologie 118, "Multiple Krise: Ende oder Anfang für
eine gerechte Welt?" (Zeitschrift, oekom verlag, Mitherausgeber:
Heinrich Böll Stiftung, Dezember 2009, ISBN 3865811906)
Tim Jackson, "Prosperity without Growth. Economics for a Finite
Planet" (Earthscan)
Dirk C. Fleck, "GO! Die Ökodiktatur: Erst die Erde, dann der
Mensch" (Books On Demand, ISBN 3833448089)
Interview-Langfassungen
Tim JacksonInterview
Dennis MeadowsInterview
Meinhard MiegelInterview
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DenkwerkZUKUNFTStiftung kulturelle Erneuerung
Prosperity without growth? The transition to a sustainable economyStudie (PDF)
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