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Sendung vom 14.07.2011Monitor Nr. 622 vom 14.07.2011
Bericht: Isabel Schayani
Monika Wagener: "Zu unserem nächsten Thema: Bei gleicher Intelligenz hat ein Akademikerkind eine 5-mal höhere Chance das Gymnasium zu besuchen wie ein Arbeiterkind. Wohlgemerkt, bei gleicher Intelligenz. In keinem anderen europäischen Land ist dieser Unterschied so krass wie in Deutschland. Und die schlechtesten Chancen haben Kinder aus Einwandererfamilien. Unser Bildungssystem hat versagt. Und jetzt? Jetzt wurschtelt jeder vor Ort vor sich hin und dann prallen plötzlich Welten aufeinander, die sich so fremd sind, wie sie nur sein können. Isabel Schayani berichtet."
Die Papageno-Grundschule ist begehrt. Junge Familien aus Berlin Alt-Mitte wollen ihr Kind hier hinschicken. Alt-Mitte ist begehrte Wohngegend für Anwälte, Journalisten, Web-Menschen. Hier wählt fast jeder Zweite Grün oder Links. 1.000 Meter weiter: Die Vineta-Schule in Wedding. 92 % ihrer Schüler sind nicht-deutscher Herkunft. Ihre Eltern haben wenig Geld, dafür viele Sorgen. Zwei Drittel der Kinder hier kommen aus Hartz-IV-Familien. Früher waren die beiden Stadtteile an der Bernauer Straße eigene Schulbezirke, also getrennte Welten. Doch vor zwei Jahren legte das Schulamt die Schulbezirke Wedding und Alt-Mitte einfach zusammen. Auch um die Schüler zu mischen. Seitdem herrscht mitten in Berlin Schulkampf. Wo jetzt Rasen wächst, stand früher die Mauer und trennte Wedding im Westen von Alt-Mitte in Osten. Hier verlief den Todesstreifen.
Birsen Hamud: "Für mich steht immer noch die Mauer da. So als ob das immer noch so getrennt ist."
Bernadette La Hengst: "Also man merkt doch schon, dass diese Grenze, die früher die Mauer war zwischen Ost und West jetzt doch die Grenze ist zwischen Deutsch und nicht Deutsch und zwischen Reich und Arm."
So eine Mauer in den Köpfen gibt es nicht nur zwischen Alt-Mitte und Wedding, sie steht in vielen Großstädten. Hier soll sie durchlässiger werden, und genau da beginnt das Problem für die Eltern. In Alt-Mitte wohnt Noa. Im Hauptberuf ist er Cowboy, im Nebenberuf Vorschulkind. Nach den Ferien wird er eingeschult. Nicht im Viertel und erst recht nicht da, wo seine Eltern es wollten. Noa soll nach Wedding zur Vineta-Schule. Wo deutsche Kinder Seltenheitswert haben.
Uwe Benites Ponce: "Die Sorge ist, dass er unterfordert ist. Dass die ... dass einfach sozusagen es zu wenig Anregung für ihn gibt. Wenn sozusagen in der … Klasse soziale Grundregeln erst mal eingeübt werden müssen. Oder wenn da erst mal überhaupt andere grundlegende Dinge gemacht werden müssen, dann langweilt er sich ganz schnell und verliert wahrscheinlich die Lust an der Sache."
Noahs Vater ist Erzieher, seine Mutter Webdesignerin. Seit sie die Zuweisung vom Schulamt erhielten, sind Noahs Eltern - vorsichtig gesagt - unglücklich.
Carla Benites Ponce: "In der Vineta-Schule, wo die uns geschickt haben, die sagen, es sind 90 % Muslims - und das ist ein anderes Umfeld. Ich weiß es nicht, aber ... ich bin auch Ausländer. Ich hab mich angepasst, ich wohne hier 20 Jahre. Und ich fühle mich trotzdem irgendwie betrogen."
Uwe Benites Ponce: "Dass man so tut, als hätte man eine Wahl, und man hat keine. Weil es von vorn herein feststand, dass die da rüber gehen müssen."
Noa hat schon mitbekommen, dass es da ein Problem mit seiner neuen Schule gibt.
Noa Benites Ponce: "Das find ich ein bisschen ungerecht."
Reporterin: "Wieso?"
Noa Benites Ponce: "Na ja, die anderen können in die andere und ich will auch mal mit meinen Freunden zusammen sein in der Schule. Geht nicht."
Noas Eltern dachten, sie hätten die Auswahl zwischen drei Schulen in Alt-Mitte. Erst im Mai erfuhren sie, dass Noa nach Wedding muss. Natürlich haben Noas Eltern nichts gegen Ausländer oder sozial Schwache. Aber ihn auf die Schule der Bildungsfernen schicken? Sie legten Widerspruch ein, beim Schulamt.
Petra Schrader, Bezirksstadträtin für Jugend, Schule und Sport (Die Linke): "Ich hab die Aufgabe, den Eltern einen Schulplatz zu geben in diesem Bezirk. Und ich kann mit den Kapazitäten, die wir hier im Bezirk haben, jedem Kind in jedem Sprengel einen Schulplatz anbieten. Das tue ich."
Ihr Amt entscheidet, auf welche Schule ein Kind geht. In Mitte gibt es zu wenige Schulplätze. In Wedding dagegen stehen große Gebäude. Gegenüber in Mitte leben bildungsbewusste Eltern, in Wedding fehlen genau die. Kommunalpolitiker machten einfach einen Bezirk aus den beiden Vierteln. Kein schnöder Verwaltungsakt, sondern politisch höchst brisant. Es gab Widerspruch. Ein Vater, Helge von Niswandt schloss sich mit über 20 anderen Eltern aus Alt-Mitte zusammen. Alle gebildet, weltoffen, tolerant. Das Schulamt sprach immer von Finanznot und von Zwängen.
Helge von Niswandt: "Ja, es gibt natürlich diese gedachte Grenze zwischen Mitte und Wedding. Man kann natürlich sagen, die gibt’s nicht, aber das ist blind für die Realität. Man kann sagen, die gibt es. Wie kann man versuchen, die abzubauen. Und das geht nicht über drei Zeilen, wo steht, jetzt geht mal dahin. Sondern das müsste über mehr Kommunikation gehen."
Die Wut der Eltern wächst. Zum Informationsabend kurz vor den Ferien lädt das Schulamt 140 von ihnen in eine Weddinger Schule. Wir dürfen nicht drehen, hören aber trotzdem zu. In Berlin stehen Wahlen an. Schulrätin Schrader vermeidet es offenbar, dem eigenen linken und grünen Klientel unangenehme Integrationspolitik darzulegen - im Gegenteil. Was die Zeitung über "Durchmischung" schreibe, sagt die Politikerin der Linken, stimme nicht. Danach treffen wir Noas Vater.
Uwe Benites Ponce: "Es wird nicht aufgeklärt. Es wird nicht irgendwie mal informiert. Und dann lässt man die Leute einfach sechs Monate quasi im Dunkeln stehen und kommt dann mit einer Entscheidung. Das ist einfach keine Art, finde ich. Das kann man heute nicht so machen."
Vater: "Wir befinden uns jetzt im Widerspruchsverfahren."
Reporterin: "Was heißt das?"
Vater: "Wir haben Einspruch eingelegt gegen den Schulbescheid."
Reporterin: "Warum?"
Vater: "Weil wir da nicht hinmöchten."
Zwei Wochen später hat die Schulrätin ihre Argumentation in anderer Erinnerung:
Petra Schrader, Bezirksstadträtin für Jugend, Schule und Sport (Die Linke): "Ich habe auch gesagt, und da stehe ich auch zu, dass es natürlich sinnvoll ist, wenn sich auf diese Art und Weise auch soziale Gegensätze begegnen. Die Welt ist ja keine Käseglocke, die sich hier über Alt-Mitte stellt."
Reporterin: "Warum sagen Sie den Eltern das nicht offen?"
Petra Schrader, Bezirksstadträtin für Jugend, Schule und Sport (Die Linke): "Habe ich doch. Sie waren ja nicht dabei."
Reporterin: "Doch, ich habe ja in dem Abend dabei gesessen."
Petra Schrader, Bezirksstadträtin für Jugend, Schule und Sport (Die Linke): "Trotzdem war es nicht in erster ... Es ist in erster Linie in der Tat ein Kapazitätsproblem."
Das passt auch nicht so recht hierzu. Um den Eltern die Weddinger Vineta-Schule nämlich schmackhaft zu machen, gibt es Angebote. Spezialklassen, wie die 1e von Frau Hildebrandt. Eine kleine Klasse mit etwa 20 Schülern, von Anfang an lernen sie Englisch und - modern und fortschrittlich - schreiben die Schüler - gerade ist es Julia - nicht mehr auf eine Tafel, sondern auf ein elektronisches Smartboard. Und warum schreibt man eigentlich Wasser mit doppel "s"?
Annette Hildebrandt, Lehrerin Vineta-Grundschule: "Und die Julia hat das phantastisch angeschrieben!"
Schülerin: "Was - ser."
Annette Hildebrandt, Lehrerin Vineta-Grundschule: "Und was haben wir ganz deutlich hören können?"
Schülerin: "Zwei "s".
Annette Hildebrandt, Lehrerin Vineta-Grundschule: "Super!"
Schülerin: "Wenn es mit einem "s" wäre, dann wäre es nur Waser genannt."
Annette Hildebrandt, Lehrerin Vineta-Grundschule: "Das war ne Spitzenantwort."
In diesen Klassen sollen Kinder sein, die gut Deutsch sprechen. Das wird vorher durch einen Sprachtest ermittelt. Die Klischees der Alt-Mitte-Eltern und von Journalisten kennt die Lehrerin.
Reporterin: "Was bedeutet es denn, dass sie drei deutsche Kinder hier drin haben oder noch leistungsstärkere?"
Annette Hildebrandt, Lehrerin Vineta-Grundschule: "Die Leistungsstarken sind nicht unbedingt die Deutschen bei mir. Das sind ... die Romesa, die wir gesehen haben vorhin. Die Christelle, ganz leistungsstark. Soleicha, absolut leistungsstark. Das sind die, die vorhin sogar die Wörter hier schon mit doppelten Buchstaben aufgeschrieben haben. Das hat damit überhaupt nichts zu tun."
Und dann treffen wir Weddinger Eltern, die erst von uns hören, dass Alt-Mitte-Eltern ihre Kinder nicht auf ihre Weddinger Schule schicken wollen.
Birsen Hamut: "Das ist für mich unbegreiflich, versteh ich nicht. Ich finde zum Beispiel die Vineta-Schule sehr gut. Und meine Kinder lernen da gut."
Paulina Manuel: "Wenn man schon von vorneherein irgendwie das ausschließt, dann wird immer wieder das Problem sein, dass Ausländer irgendwie, ja, Vorurteile gegenüber Deutschen haben, und die Deutschen genauso."
Noas Eltern wollen keine Privatschule und sie wollen auch nicht klagen. Noa soll hier in Wedding zur Schule gehen. Jetzt hoffen seine Eltern, dass alles gut läuft. Sie wollen den Schritt wagen und die Mauer hinter sich lassen.
Monika Wagener: "Es gibt Themen, an die traut sich kein Bildungspolitiker wirklich ran, weil man beim Wähler damit nicht punkten kann. Pech für Kinder und Eltern."
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21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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