27.05.2012

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Nr. 623

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Monitor Nr. 623 vom 04.08.2011

Rohstoffe

Dubiose Geschäfte eines Weltkonzerns?



Video der Sendung

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Bericht: Achim Pollmeier, Georg Wellmann, Frauke Steffens, Sebastian Trepper

Monika Wagener: "Mal ehrlich, haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, welche Firmen unsere Rohstoffe besorgen und vor allem, unter welchen Bedingungen? Dann haben Sie wahrscheinlich auch noch nie den Namen „Glencore“ gehört. Den sollten sie sich aber merken. Denn Glencore ist der größte Rohstoffhändler der Welt. Nach Deutschland liefert er unter anderem Kupfer, Zink und Kohle. Seit Mai diesen Jahres kann man Glencore-Aktien auch an der Börse kaufen, und das taten auch viele. Ein sauberes Geschäft? Da hat jetzt so mancher offenbar Skrupel bekommen. Kann man auch, wie Achim Pollmeier, Georg Wellmann und Frauke Steffens berichten."

Das ist die Geschichte eines Riesen, dessen Arme die Welt umspannen. Eines Riesen, der die Reichtümer armer Länder nach Europa holt. Und den doch kaum einer kennt.

Andreas Missbach, Erklärung von Bern: "Wir haben zwar alle ne große Chance dass wir mit Produkten, die einmal durch die Hände von Glencore gegangen sind, in Kontakt kommen, aber wir sehen die Firma nicht."

Es geht um Glencore, den größten Rohstoff-Handelskonzern der Welt. Der Hauptsitz liegt im Steuerparadies - Zug, in der Schweiz. Ein hochprofitables Unternehmen. Da will auch die deutsche Finanzindustrie gerne mitverdienen. Wer mit Glencore Geschäfte macht, darüber schweigt man lieber. Doch unsere Recherchen zeigen, dass viele deutsche Fondsgesellschaften Millionen bei dem Rohstoff-Riesen investiert haben. Ganz vorn dabei: DWS, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Etliche ihrer Fonds investierten Millionen in Anleihen oder Aktien von Glencore. Dabei sind die selbst gesetzten Ansprüche sehr hoch.

Josef Ackermann, Deutsche Bank AG Rechte: Bild vergrößern

Josef Ackermann, Deutsche Bank AG

Josef Ackermann, Deutsche Bank AG, am 26.5.2011: "Alle unsere Geschäfte müssen nicht nur rechtlich, sondern auch ethisch einwandfrei sein. Davon dürfen wir keine Ausnahme dulden."

Aber kann der Rohstoffriese diesen Ansprüchen genügen? Sambia. Eines der ärmsten Länder der Welt. Vielleicht ein Beispiel dafür, wie Glencore seine weltumspannenden Geschäfte macht. Der Rohstoffriese heißt hier Mopani - ein Tochterunternehmen, das Kupferminen betreibt. Es ist ein schmutziges Geschäft. Die Luft ist geschwängert mit Schwefelsäure und Staub. Unabhängige Messungen eines internationalen Industrielabors ergaben, dass selbst die sambischen Grenzwerte bis zu 72-fach überschritten wurden. Viele Menschen sind krank, noch mehr sind arbeitslos, obwohl gleich nebenan die Schätze des Landes gehoben werden. Das Kupfer löst Mopani seit einigen Jahren mit Säure aus dem Untergrund, das ist billiger. Seither haben sie hier Angst um ihr Trinkwasser. Einmal schon musste Christophers Sohn ins Krankenhaus - er hatte Brunnenwasser getrunken.

Christopher Rechte: WDR Bild vergrößern

Christopher

Christopher (Übersetzung MONITOR): "Im Umfeld der Mine Brunnenwasser zu trinken ist gefährlich. Die Säure geht denselben Weg wie das Trinkwasser - einfach durch den Felsen. Es gibt keine Sperre."

Glencore teilt uns schriftlich mit, es habe nur einen Zwischenfall beim Trinkwasser gegeben. Die Wasserversorgung werde ständig und mehrfach überwacht. Im Übrigen habe man die Mine veraltet übernommen. Alles sei mit der sambischen Regierung abgestimmt, man investiere in die Verbesserung der Umweltstandards. Die giftigen Schwefeldioxid-Emissionen habe man schon reduziert auf 45 Prozent vormaliger Werte. Bis 2015 sollen sie vollständig aufgefangen werden. Das wären 15 Jahre, nachdem Glencore die Mine übernommen hat. Welche Standards erreicht Glencore also? Vor vier Jahren untersuchte der Unternehmensberater Klaus Rainer Kirchhoff die 120 größten europäischen Aktiengesellschaften auf Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Transparenz. Glencore landete auf dem letzten Platz. Mangelhaft. Absolut keine Transparenz, sagt Kirchhoff.

Klaus Rainer Kirchhoff Rechte: WDR Bild vergrößern

Klaus Rainer Kirchhoff

Klaus Rainer Kirchhoff, Kirchhoff Consult AG: "Glencore hat bisher wirklich die starke Stellung genutzt, um zum Vorteil des Unternehmens und seiner Profite wirklich alles rauszuholen, was rauszuholen ist. Das heißt also niedrige Sozialstandards, wahrscheinlich auch niedrige Umweltstandards, und hat dabei schalten und walten können, wie es wollte."

Eine Einschätzung, die hier geteilt wird. Für die Schweizer Organisation "Erklärung von Bern" beobachtet Andreas Missbach schon lange den Rohstoff-Giganten im eigenen Land. Immer wieder appelliert er auch an deutsche Finanzinvestoren, Geschäfte mit Glencore zu meiden, erinnert an ihre Versprechen.

Andreas Missbach, Erklärung von Bern Rechte: WDR Bild vergrößern

Andreas Missbach, Erklärung von Bern

Andreas Missbach, Erklärung von Bern: "Es ist mit Sicherheit nicht ethisch, wenn man in Fonds investiert, die Anteile von Firmen halten, die so einen einseitigen Zugriff auf den Rohstoffreichtum der Welt praktizieren, wo alle Probleme bei den Leuten vor Ort bleiben und alle Gewinne bei den Wenigen in Zug."

Zurück nach Sambia zur Mopani Mine von Glencore. Eigentlich müssten die Minengesellschaften große Steuerzahler im Lande sein. Doch vom Reichtum unter der Erde bleibt hier fast nichts.

Alick Banda, Bischof von Ndola, Sambia (Übersetzung MONITOR): "Von den Bodenschätzen, der hier ausgebeutet werden, hat die Mehrheit der Menschen hier überhaupt nichts."

Wie Glencore und seine Tochterfirmen in Sambia agieren, das hat kürzlich eine Untersuchung aufgedeckt, die zwei internationale Rechnungsprüfungsgesellschaften im Auftrag der sambischen Steuerbehörden durchgeführt haben. Eine vorläufige Fassung ihres Berichts wurde der Öffentlichkeit zugespielt. Sie weckt den Verdacht auf Steuervermeidung und hemmungslose Gewinnmaximierung. Darin heißt es, die Glencore-Tochter Mopani habe unerklärlich "niedrige Einnahmen" und ebenso unerklärlich "hohe Betriebskosten". Der Vorwurf im Klartext: Die Mine rechne sich arm, um in Sambia fast keine Steuern zu zahlen. Unter anderem mit einem anscheinend einfachen Trick. Das Kupfer, so der Bericht, werde rund 25 Prozent unter Weltmarktpreis verkauft. Von der Glencore-Tochter Mopani per Vertrag mit einer britischen Tochter an die Glencore-Zentrale in der Schweiz. Und von dort geht es dann zu Marktpreisen an die Abnehmer - auch in Deutschland. Der Gewinn entsteht also nicht in Sambia, sondern steuergünstig in der Schweiz, so die Prüfer. Glencore betont, der Bericht sei vorläufig, unvollständig und enthalte fundamentale Fehler. Die Prüfer hätten die Geschäftszahlen - Einnahmen wie Ausgaben der Mine - nicht richtig gelesen. Man sei sicher, die Steuerzahlungen richtig berechnet zu haben. Doch wichtige Unternehmen und Institutionen vertrauen dem Konzern nicht mehr: Die Europäische Investitionsbank bewilligte 2005 noch einen 50-Millionen-Kredit. Jetzt gab sie bekannt, mit Glencore bis auf weiteres nicht mehr zusammenzuarbeiten und zwar wegen der Vorwürfe in Sambia, aber auch "aufgrund ernsthafter Bedenken betreffend die Unternehmensführung von Glencore."

Rainer Schlitt, Europäische Investitionsbank Rechte: WDR Bild vergrößern

Rainer Schlitt, Europäische Investitionsbank

Rainer Schlitt, Europäische Investitionsbank: "Wir haben nach Bekanntwerden dieses vorläufigen Berichts eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben und auch die europäische Betrugsbehörde OLAF informiert."

Schlechte Nachrichten für Glencore kommen auch von der Allianz. In einer Untersuchung zum Thema Nachhaltigkeit ist Glencore hier kürzlich durchgefallen. Die interne Empfehlung: Nicht kaufen! Andere haben weniger Skrupel. Als Glencore kürzlich an die Börse ging, verdiente die Commerzbank als Co-Manager kräftig mit. Und ein selbst ernannter Vorreiter in Sachen Ethik und Nachhaltigkeit gab öffentlich eine Kaufempfehlung ab - die Deutsche Bank. Fonds ihrer Tochter DWS kauften Glencore-Aktien im zweistelligen Millionenbereich. Von beiden Großbanken dazu kein Kommentar gegenüber MONITOR.

Klaus Rainer Kirchhoff, Kirchhoff Consult AG: "Wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, dass in den letzten Jahren das Bewusstsein stark gewachsen ist in den Unternehmen, dann ist es umso verwunderlicher, dass jetzt bei diesem Börsengang eigentlich keiner mehr Zurückhaltung geübt hat. Und das ist halt das Problem, was immer dann entsteht, wenn sehr viel Geld lockt."

Es ist die Geschichte eines Riesen, der tiefe Spuren hinterlässt. Aber diese Geschichte wird in der deutschen Finanzwelt nicht gern erzählt.

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Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 635

    21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • +++ AKTUELL +++

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