Sie befinden sich hier:
Monitor - Startseite
Monitor
Rückschau
Sendung vom 27.10.2011Monitor Nr. 627 vom 27.10.2011
Bericht: Jan C. Schmitt, Ursel Sieber
Sonia Seymour Mikich: "Der Gang zum Zahnarzt. Wird weh tun, wird teuer sein, wird die Existenz ruinieren? Wie denn das? Wir sind in Deutschland auf dem Weg in eine privatisierte Gesundheitswelt. Nicht Patient, sondern Kunde - im Warenhaus Gesundheit. Und der Kunde muss ab Januar noch mehr zahlen, geht es nach dem Gesundheitsminister. Jan Schmitt und Ursel Sieber berichten darüber, was demnächst die Zahnärzte froh macht und die Kunden ärmer."
Eine unglaubliche Geschichte: Früher hat Constantin Tibad gut verdient, war privat krankenversichert, aber nach einer langen Krankheit wurde er arbeitslos. Ende 2009 musste er mehrfach zum Zahnarzt. Das hat ihn ruiniert. Im Heil- und Kostenplan vorher veranschlagte der Zahnarzt 7.200,- Euro für die Behandlung.
Constantin Tibad: "Ich war ja auf 7.200,-, ca. 7.200,- vorbereitet. Und im Nachhinein habe ich über 23.000,- Euro als Endberechnung bekommen, und ich war einfach ... einfach schockiert. Ich konnte es nicht verstehen, ich konnte es nicht glauben und ich kann mir diese Summe nicht vorstellen zahlen zu können, irgendwann mal zahlen zu können."
Der Heil- und Kostenplan passte auf eine knappe Seite, die spätere Rechnung des Zahnarztes war dagegen 25 Seiten lang. Wenn ein Zahnarzt eine Behandlung für besonders schwierig hält, kann er sich selbst das Honorar erhöhen. Bei Constantin Tibad fand dies fast durchgehend statt, und immer mit der gleichen Begründung, „ein weit überdurchschnittlicher Zeitaufwand. Seine private Krankenversicherung hält die Mehrkosten von 16.000,- Euro für ungerechtfertigt. Die soll er selbst bezahlen. Constantin Tibad musste sich eine Anwältin nehmen, für sie ist das kein Einzelfall.
Alexandra Glufke-Böhm, Rechtsanwältin: "Es ist absolut zunehmend, dass wir feststellen, dass hier Zahnärzte Mittel an der Hand haben und das auch wirklich weidlich nutzen, um sich willkürlich das Honorar zu erhöhen und damit auf einer relativ sicheren Seite sind, weil sie wissen, der Patient kann es nicht durchschauen, und er steht da fast alleine."
Auf Anfrage teilt uns der behandelnde Zahnarzt mit, die Höhe käme vor allem wegen zusätzlich erbrachter Leistungen und Materialien zustande. Und weil die Praxis auf "Angstpatienten" spezialisiert sei. Dass er ein Angstpatient ist, wusste Constantin Tibad bis dahin nicht. Das Instrument für die Zahnärzte, um privat abzurechnen, ist die GOZ, die Gebührenordnung für Zahnärzte. Darüber können sie ihr Honorar steuern. Für die Patienten ist das kaum durchschaubar. Bundesgesundheitsminister Bahr hat nun eine GOZ-Novelle auf den Weg gebracht, die ab 01.01. gelten soll. Damit verbunden ist eine kräftige Honorarerhöhung für Zahnärzte.
Daniel Bahr, Bundesgesundheitsminister (FDP): "Ich kann beruhigen, dass die Bundesregierung das Augenmaß wahrt zwischen den berechtigten Interessen der Patienten auf eine gute Versorgung und den berechtigten Interessen der Beitragszahler, dass das alles bezahlbar sein muss."
Die Interessen der Patienten oder der Zahnärzte? Obwohl das Einkommen der Zahnärzte in den vergangenen fünf Jahren schon um 10 % gestiegen ist auf über 10.000,- Euro monatlich vor Steuern, sollen sie dadurch noch einmal bis zu 1.220,- Euro pro Monat oben drauf bekommen.
Ann Marini, GKV-Spitzenverband: "Leider werden genau die Leistungen teurer, die auch von den Patienten oft nachgefragt werden. Also wir sprechen von Vollkronen, wir sprechen von Brücken oder von bestimmten Füllungen."
Reporterin: "Wie bewerten Sie das?"
Ann Marini, GKV-Spitzenverband: "Das ist eindeutig ein Geschenk an die Zahnärzte meiner Meinung nach. Das geht eindeutig zulasten der Patienten, weil sie müssen tiefer in die Tasche greifen."
Nur zulasten von Privatpatienten? Weit gefehlt. Den Hauptteil zahlen Kassenpatienten. Denn seit 2005 gibt es das so genannte Festzuschuss-System. Seitdem zahlen die gesetzlichen Kassen bei Zahnersatz-Behandlungen nicht mehr einen prozentualen Anteil, sondern nur noch einen festen Zuschuss. Alles was darüber hinausgeht, zahlt der Patient direkt an den Zahnarzt, den Eigenanteil. Und das geht auch bei Kassenpatienten über die GOZ. Der Einstieg in ein privatisiertes System. Die gesetzliche Krankenkasse haftet nur für ihren festen Zuschuss. Um alles andere muss sich der Patient selbst kümmern. Wohin das führen kann, weiß Jasmin Hake. Ihr Zahnarzt behandelte sie falsch, das hat ein Gutachter festgestellt. Seitdem lebt sie mit einem Provisorium.
Jasmin Hake: "Ich muss Schmerzmittel nehmen, ich muss das behandeln, ich kann nicht mehr richtig kauen, weder auf der rechten Seite noch auf der linken Seite."
Für ihre Behandlung zahlte die gesetzliche Krankenkasse einen festen Zuschuss von 2.200,- Euro. 2.700,- Euro musste sie aus eigener Tasche bezahlen. Ob das gerechtfertigt war, konnte sie damals nicht überprüfen. Wegen der Fehlbehandlung bekam die Krankenkasse ihr Geld komplett zurück, und Jasmin Hake?
Jasmin Hake: "Ich hab mich ja an die Krankenkasse gewandt. Ich hab gefragt, was ist jetzt mit meinem Eigenanteil von mehreren Tausend Euro? Ähm ... Ja, den müssen Sie privat einklagen."
Aber eine Rechtsschutzversicherung hat sie nicht und für den Anwalt fehlt ihr das Geld. Das Festzuschuss-System: der allein gelassene Patient als Kunde im Warenhaus Gesundheit. Ist das die Zukunftsvision der FDP? Zwar lässt uns Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr mitteilen, es gebe aktuell keine Pläne, dieses System auszubauen. Im Wahlkampf 2009 hörte sich das aber ganz anders an. Damals sagte er gegenüber dem Zahnärzteblatt, dass ...
Zitat: "... das Festzuschuss-System (...) auch in anderen Bereichen der Krankenversicherung neben der Zahnbehandlung ein Vorbild ist. Wir wollen das gesetzlich verankern."
Die Honorarerhöhung ein Wahlgeschenk? Wie nah die FDP und Daniel Bahr den Zahnärzten und Ärzten steht, haben sie spätestens im letzten Bundestagswahlkampf offen gezeigt. Auf der FDP-Webseite gab es haufenweise Werbematerial für Arztpraxen, für den Wahlkampf im Wartezimmer. Und einige Ärzte machten Stimmung für die FDP. Pünktlich zur Jahreshauptversammlung der Freien Zahnärzte in Karlsruhe kommt die Nachricht, dass Daniel Bahr deren Honorare erhöhen will. Die hätten gerne noch mehr gehabt. Aber da der Bundesrat zustimmen muss und Schwarz-Gelb hier keine Mehrheit mehr hat, war eben nicht mehr drin gewesen. Das verstehen auch die Zahnärzte.
Dr. Joachim Hüttmann, Freier Verband Deutscher Zahnärzte e. V.: "Heute sieht es natürlich ein bisschen anders aus, weil auch die Bundesratsmehrheit total verändert ist. Insofern habe ich gewisses Verständnis für Herrn Rösler und Herrn Bahr. Der Gesundheitsminister ist natürlich in einer schwierigen Situation, das kriegen wir auch von ihm zu hören, dass er das politisch Machbare nur durchsetzen kann."
Und das politisch Machbare für Daniel Bahr trifft vor allem die gesetzlich Versicherten. Denn wenn die Krankenkassen nur feste Zuschüsse zahlen, tragen die Mehrkosten allein die Patienten. Daniel Bahr wollte uns dazu kein Interview geben. Schriftlich lässt er uns mitteilen, das Festzuschuss-System habe sich bewährt. Nicht für Jasmin Hake. Denn nur die Kasse bekam ihren Festzuschuss wieder, Jasmin Hake ihren Eigenanteil nicht. Und so lange kann sie sich eine neue Behandlung nicht leisten. Nach unserer Anfrage teilt die Zahnarztpraxis plötzlich mit, sie wäre nun zur Rückerstattung des Eigenanteils bereit. Aber MONITOR kann ja nicht bei jeder Zahnarztpraxis anfragen.
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Hinweise auf Falschbehandlungen am Klinikum Hildesheim mit unnötigen Radiojodtherapien - Rhön-Klinik will 2000 Fälle von Patienten jetzt überprüfen.
Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.
[zur Pressemeldung]

Digitale Demokratie - Eine Chance gegen Politikverdrossenheit?
Sonia Seymour Mikich: "Ich weiss nicht, ob die Piraten auf lange Sicht überleben, ob sie sich etablieren, aber ihre bloße Existenz gibt uns allen gute Stichworte, den Zustand unserer Politik zu prüfen. Ich nenne das Sauerstoffkur für die müde gewordene Demokratie."
[mitbloggen]

Gesundheit
MONITOR-Beiträge zu Gesundheit und Gesundheitspolitik.
[mehr]

Eurokrise
Finanzmarktkrise, Immobilienkrise, Bankenkrise. Wie geht es mit der europäischen Währung weiter? Was wäre, wenn...? MONITOR berichtet!
[zum Dossier]

MONITOR zum Mitnehmen
Der VideoPodcast für unterwegs!

Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
© WDR 2012