27.05.2012

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Nr. 630

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Monitor Nr. 630 vom 02.02.2012

Beglückten FDP-Minister befreundete Unternehmer mit Staatsgeldern?



Video der Sendung

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Bericht: Stephan Stuchlik, Kim Otto, Kai Rüsberg

Monika Wagener: "Wir lernen ja ständig neue Wörter. "Wulffen" zum Beispiel ist so ein Begriff, der in den letzten Wochen eine ganz eigene Bedeutung bekommen hat. Wulffen, das heißt nämlich so etwas ähnliches wie "einen anderen willentlich im Unklaren lassen". Wir von MONITOR hatten da in unserer letzten Sendung so ein Beispiel. Da ging es um einen schillernden Unternehmer aus Niedersachsen, dem Wulff offenbar enger verbunden war, als die Landesregierung dies zugegeben hat. Wir haben weiter recherchiert. Und siehe da, die Spur führt auch in engste FDP-Kreise. Es geht um eine Verfilzung von Wirtschaft und Politik, wie man sie kaum für möglich hält."

Nachforschen in Niedersachsen, Hausbesuche, Treffen mit Informanten. Noch mehr Hausbesuche. Wir finden ein FDP-Netzwerk. Es geht um ihn. Letztes Mal berichtete MONITOR über Ali Memari Fard, den Chef des Firmenimperiums CEMAG Finanz- und Bauunternehmer. Er hat eine Vorliebe für rauschende Feste, zu denen das halbe Kabinett aus Hannover anreist. Ganz vorn dabei, Ministerpräsident Wulff samt Gattin. Man ist per Du. Aber - so unsere Recherchen - Fards Netzwerk ging viel weiter. Besonders auffällig die Verbindungen zur FDP. Das waren damals Landesvorsitzender und späterer Wirtschaftsminister Rösler und Niedersachsens langjähriger Wirtschaftsminister Hirche. Die Nähe zu den FDP-Politikern hat einen Beigeschmack. Während ihrer Amtszeit erhielt der Geschäftsmann Staatssubventionen in einer Höhe von 18 Millionen Euro aus dem FDP-geführten Wirtschaftsministerium. Zu Recht? Nutzte Fard beinahe zehn Jahre lang intensiv seine persönlichen Kontakte zur FDP? MONITOR liegt ein internes Schreiben der Oberfinanzdirektion Hannover vor. Schon im April 2007 protestierte ein Beamter. Fards Firma CEMAG habe in einem Fall grundlos Staatsgelder erhalten. Zitat: "Hier sehe ich eine Beugung der haushaltsrechtlichen Bestimmungen zu Gunsten eines Einzelnen."

Wie nahe waren sich Fard und Wirtschaftsminister Hirche? Wir treffen Fards Bruder und Geschäftsführer. Ein Interview will er nicht geben. Er spricht mit uns, will aber nicht erkannt werden. Den FDP-Minister Walter Hirche kennen er und seinen Bruder wirklich gut, man duze sich. „Es hat Einladungen zwischen den Familien Fard und Hirche gegeben, auch unsere Frauen haben sich privat getroffen. Ich habe mit Herrn Hirche mehrmals Skat gespielt.“ Zum Geschäftlichen und besonders zu den Fördergeldern will er uns nichts sagen. Klar aber ist, unter den FDP-Ministern Rösler und Hirche wurden Ali Fard Millionen an Fördergelder bezahlt und Wirtschaftsminister Hirche war als Duzfreund vorn dabei. Die Opposition ist empört.

Stefan Schostok, Fraktionsvorsitzender SPD, Niedersachsen: "Also hier sind 18 Millionen Steuermittel auf unseriöse Weise vergeben worden."

Stefan Wenzel, Fraktionsvorsitzender die Grünen, Niedersachsen: "Wettbewerbsregeln wurden außer Kraft gesetzt, Ausschreibungsbedingungen wurden außer Kraft gesetzt."

Stimmen diese Anschuldigungen? Während unserer Spurensuche erhalten wir einen Tipp. Der Informant gibt uns später einen vertraulichen Prüfbericht des niedersächsischen Landesrechnungshofes. Der Inhalt ist mehr als brisant. Millionen seien illegal ausbezahlt worden, und zwar offenbar auf Druck von oben.

Prof. Hans Herbert von Arnim Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Hans Herbert von Arnim

Prof. Hans Herbert von Arnim, Verfassungsjurist Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer: "Der Landesrechnungshof hat die politische Einflussnahme auf die Vergabe der Subvention mit einer Klarheit kritisiert, wie ich das von Rechnungshöfen in meinem ganzen bisherigen Leben noch nicht erlebt habe. Normalerweise formuliert ein Rechnungshof ja ziemlich diplomatisch, aber hier spricht er wirklich Tacheles."

Damit die Millionen hier in Fards Firmenzentrale landen konnten, so stellt der Rechnungshof fest, habe sich der Unternehmer Fard in der Regel direkt an die Hausspitze gewandt. Chef damals: Minister Hirche. So zitiert der Rechnungshof den Aktenvermerk eines Mitarbeiters über Ali Memari Fard:

Zitat: "Dieser Kunde gilt als problematisch (...) er wendet sich seit Jahren standardgemäß direkt an die Hausleitung (...)

Walter Hirche (FDP) Rechte: WDR Bild vergrößern

Walter Hirche (FDP)

Heftige Vorwürfe. Nach mehreren Anläufen stellt sich der ehemalige FDP Wirtschaftsminister Hirche doch noch unseren Fragen.

Reporter: "Hat Herr Fard denn bei Ihnen persönlich interveniert im Hinblick auf Fördermittel des Landes?"

Walter Hirche (FDP), Wirtschaftsminister a.D., Niedersachsen: "Nein, er hat bei mir nicht interveniert. Jedenfalls kann ich mich nicht dran erinnern."

Reporter: "Nun gibt es da einen Bericht des Landesrechnungshofes, der sagt, Herr Fard hätte massiv interveniert bei Ihnen bzw. bei der Hausleitung."

Walter Hirche (FDP), Wirtschaftsminister a.D., Niedersachsen: "Na ja Hausleitung, das wäre ich ja gewesen in dem Zusammenhang. Ich kann mich daran nicht erinnern und es müssen dazu dann ja auch Belege gebracht werden."

Belege finden wir im Rechnungshofbericht viele. Noch ein interner Vermerk aus dem Ministerium: Fards Einlassungen hätten Erfolg gehabt. „Nach den massiven Eingaben des Herrn Fard und Anforderungen der damaligen Hausleitung wurde ein Ausnahmebestand von der großen Ausschreibungspflicht erreicht.“

Reporter: "Ein guter Freund von Ihnen, Herr Fard, interveniert bei Ihnen persönlich wegen Fördermitteln. Dann sagt der Landesrechnungshof, aufgrund ihrer Anweisungen ist eine Richtlinie verändert worden, die Herrn Fard zugutekommt."

Walter Hirche (FDP), Wirtschaftsminister a.D., Niedersachsen: "Das hat der Rechnungshof bestimmt nicht gesagt, aufgrund meiner Anweisungen."

Reporter: "Wenn ich das noch mal ..."

Walter Hirche (FDP), Wirtschaftsminister a.D., Niedersachsen: "Es gibt keine Anweisung, und das müsste auch nachgewiesen werden, dass es solche gäbe."

Reporter: "Nach den Eingaben des Herrn Fard und Anforderungen der damaligen Hausleitung, also Ihnen, wurde der Ausnahmetatbestand von der großen Ausschreibungspflicht erreicht. Zitat: Internes Papier aus ihrem Haus."

Walter Hirche (FDP), Wirtschaftsminister a.D., Niedersachsen: "Also, wie gesagt ... die Dokumente muss man sehen. Auch Sie haben hier nur ... zweit- ... nur drittklassige Dokumente. Es müsste da original etwas vorliegen. Ich bestreite nachhaltig, will das nochmal sagen, dass die persönliche Bekanntschaft in diesem Fall etwas mit der Abwicklung des Fördervereins zu tun hat."

Drittklassige Dokumente? Der Verfassungsjurist beurteilt das ganz anders. Er sieht im Bericht Verdachtsmomente für eine Begünstigung im Amt.

Prof. Hans Herbert von Arnim, Verfassungsjurist Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer: "Da muss die Staatsanwaltschaft meines Erachtens ermitteln und der Bericht des Landesrechnungshofs über diesen ganzen Vorgang scheint mir geradezu eine Steilvorlage zu sein für diese Prüfung durch die Staatsanwaltschaft."

Zu Ali Memari Fard - Hirches Duzfreund - bekommen wir am Ende E-Mail-Kontakt. Er versteht die ganze Aufregung überhaupt nicht und schreibt uns:

Zitat: "Ich habe lediglich meine Beziehung zum Ministerium für die Region Weserbergland genutzt." Doch im September 2009 geht das gesamte Fard-Imperium Pleite, die Subventionen sind weg. Es bleiben Schulden, über 100 Millionen. Und es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Auch unter Hirches Nachfolger, Philipp Rösler, wurden die Fördergelder weiter bezahlt. Ausgerechnet ein FDP-Mann durfte das Subventionsgrab abwickeln. Insolvenzverwalter wurde der Mann hinter Rösler, FDP-Generalsekretär Oliver Liersch. Er arbeitet jetzt als Staatssekretär im niedersächsischen Wirtschaftsministerium.

Monika Wagener: "Natürlich haben wir auch Bundesminister Philipp Rösler angefragt - kein Kommentar."

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Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 635

    21.06.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • +++ AKTUELL +++

    Monitor Pressemeldung Rechte: WDR

    Hinweise auf Falschbehandlungen am Klinikum Hildesheim mit unnötigen Radiojodtherapien - Rhön-Klinik will 2000 Fälle von Patienten jetzt überprüfen.
    Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. [zur Pressemeldung]

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