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Rückschau
Sendung vom 21.06.2012
Monitor Nr. 635 vom 21.06.2012
Verdammt hoher Preis
Billigmode und die Selbstmordrate bei indischen Arbeiterinnen
Video in hoher Auflösung
Bericht: Christian Brüser, Jochen Leufgens, Andreas Maus
Sonia Seymour Mikich: „MONITOR hat oft die üble Ausbeutung von Menschen in Asien enthüllt, die für uns Billigware machen. Wir haben gezeigt, wie sich Firmen mit Ethik-Richtlinien schmücken, die unser Gewissen beim Schnäppchenkauf beruhigen sollen. Sie sehen jetzt eine Geschichte, die mit Ausbeutung noch freundlich umschrieben ist. Arbeitsverhältnisse, die ganz junge Inderinnen in einen grausamen Tod treiben. Unsere Autoren Christian Brüser, Jochen Leufgens und Andreas Maus über das Sumangali-System. Sumangali bedeutet: glückliche Braut. Ein poetischer Begriff für eine perfide Form der Sklaverei.“
Eine Frage: Ab wann wird richtig billig eigentlich verdammt teuer?
Arbeiterin (Übersetzung MONITOR): „Wir durften die Fabrik nicht verlassen. Es war furchtbar.“
Kunde vor dem Geschäft: „Was will man machen? Es ist ... heutzutage muss man immer darauf achten, mit dem Geld und so. Das ist nicht mehr so einfach, wie das früher war.“
Stimmt. Und damit es so bleibt, werden die Methoden immer drastischer, härter - sogar tödlich.
Arbeiterin (Übersetzung MONITOR): „Es war so schlimm, da habe ich Gift genommen.“
Fast 1.000 Selbstmordversuche zählen Ärzte bei denen, die unsere Mode machen. Jedes Jahr in Spinnereien in Süd-Indien. Weit weg von unseren Shoppingmeilen.
Kundin auf der Straße: „Natürlich tut einem das leid, aber dann müsste ich auch auf alle Sachen, die ich trage, verzichten. Auf alles.“
Nach Billiglohn und Kinderarbeit sind wir angekommen beim perfiden System Sumangali. Glückliche Braut heißt das eigentlich.
Gisela Burckhardt, Kampagne für Saubere Kleidung: „Das Sumangali-System ist eigentlich noch mal eine weitere Spirale in der Ausbeutungsstruktur, die wir kennen bisher. Dass man junge Mädchen verpflichtet und die Eltern sie ja auch mehr oder weniger verkaufen an eine Fabrik. Das ist eine reine Sklaverei.“
Sumangali, die glückliche Braut. Das geht so: Für drei Jahre und mehr werden Mädchen und junge Frauen an Textilfabriken im Süden Indiens regelrecht verkauft. Erst am Ende gibt es eine Prämie, nur wenige hundert Euro. Hält ein junges Mädchen das Schuften nicht durch, war alles umsonst und sie bekommt fast nichts. Wir treffen eine Frau, die sich selbst freundlich Agentin nennt. Ihr Job: Die Eltern so lange zu belügen, bis sie ihr die Töchter mitgeben.
Sumangali-Anwerberin (Übersetzung MONITOR): „Ich gehe von Dorf zu Dorf und da nur zu den Armen und den Analphabeten. Die haben meistens Schulden und brauchen Geld, vor allem für ihre Mitgift. Ich sage den Eltern, ihre Töchter werden ein gutes Leben in der Fabrik haben.“
Bei ihnen war auch so eine Agentin. Da haben sie ihre Umadevi, gerade 15, mit in eine Fabrik gegeben. Hofften, es ginge ihr gut dort. Glaubten den Versprechungen der Agentin. Mit 17 hat sich Umadevi umgebracht.
Mutter von Umadevi (Übersetzung MONITOR): „Zwei Männer von der Fabrik kamen und haben gesagt, ihrer Tochter geht es schlecht. Im Krankenhaus haben wir dann nur noch ihre Leiche gesehen. Sie hat sich mit Benzin übergossen und verbrannt.“
Irgendwo ganz unten in der indischen Gesellschaft leben Umadevis Eltern. Das Wichtigste für sie war, die Tochter zu verheiraten. Denn unverheiratet ist sie wertlos. Nur so hat sie eine Chance in der Gesellschaft. Die moderne Sumangali-Sklaverei lebt von diesem gesellschaftlichen Heiratsdruck. Sumangali - die glückliche Braut. Aber glücklich ist hinter solchen Zäunen kaum jemand. 10, 12, manchmal 18 Stunden arbeiten sie am Tag, schlafen in Massenquartieren. Abgeschirmt, eingezäunt, so gut wie kein Kontakt zur Außenwelt. Gewalt, Sexuelle Übergriffe. Menschenrechts-Organisationen schätzen, dass derzeit 120.000 Frauen so zur Arbeit gezwungen werden. Noch eine Frage: Was hat das alles mit uns, mit unserem Konsum zu tun?
Von Tiripur aus - T-Shirt-City genannt - über den Seehafen Tuticorin geht die Reise um den Globus. Tonnenweise Kleidung landet etwa über Rotterdam und Hamburg auch auf dem deutschen Markt. Aber wer sind die Kunden? Einer der Kunden, so erfahren wir, soll Ernstings Family sein. Ein deutsches Unternehmen mit rund 1.600 Filialen, beliebt bei Familien, günstig. Und Ernstings Family soll bei KPR beziehen, einem Unternehmen, das Sumangali anwendet? Dabei hat sich Ernstings Family doch verpflichtet, dass auch seine Lieferanten und Unterlieferanten ein „Verbot von Zwangsarbeit“ durchsetzen müssen und verlangt die „Einhaltung von Gesetzen“. Und man kontrolliere das. Aber wie gut? Um das zu erfahren, recherchieren wir weiter in Indien. Nach einiger Zeit treffen wir eine Arbeiterin, die ausnahmsweise für einen Tag das Fabrikgelände verlassen durfte. Und tatsächlich erzählt sie, sie arbeitet bei KPR. Tag und Nacht, immer auf Abruf: Sumangali.
Sumangali-Arbeiterin bei KPR (Übersetzung MONITOR): „Wir dürfen das Gelände nie verlassen. Einmal in der Woche darf ich vom Fabriktelefon aus meine Eltern anrufen. Da ist aber eine Wache dabei. Meine Eltern dürfen mich nur einmal im Monat besuchen. Das Wohnheim dürfen sie nicht betreten, wir treffen uns dann im Besuchszimmer, am Eingang. Eine Stunde. Und da ist immer ein Wachmann dabei.“
Und Ernstings Family bezieht Ware von KPR? Ein Interview möchte uns das Unternehmen dazu nicht geben. Zunächst bekommen wir in einer Mail Antwort. Ja, man war Kunde bei KPR, wegen Qualitätsproblemen aber ...
Zitat: „ (...) haben wir uns im letzten Sommer von dem (...) Lieferanten KPR trennen müssen.“
Stimmt das? Wir besorgen uns offizielle Hafenpapiere aus dem indischen Tuticorin. Offizielle Dokumente, die den gesamten Export zeigen. Tausende Lieferungen. Und dann am 29. März 2012: KPR, das Sumangali-Unternehmen liefert über 80.000 Hosen und T-Shirts nach Deutschland. Der Abnehmer: Ernstings Family, aus Coesfeld.
Reporter (am Telefon): „Schönen guten Tag. Wir haben heute Morgen Informationen bekommen und Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass Sie aber noch im März 2012 Waren bezogen haben.“
Aber immer noch kein Interview zur Geschäftsbeziehung mit KPR.
Reporter (am Telefon): „Sie werden es nicht erklären? Das heißt, sie können es uns nicht erklären oder sie wollen es uns nicht erklären?“
Aber dann: Eine halbe Stunde später. Ein Anruf. Es habe sich um eine Bestellung und Lieferung aus dem letzten Jahr gehandelt. Aber März 2012? Nein, da könne nichts gewesen sein. Kurz vor Ende unserer Dreharbeiten noch ein Anruf. Und auf einmal: Ja, im März habe man Ware von KPR bekommen, die noch in Indien seit Sommer 2011 lagerte. Zurückgestellte Ware. Eine letzte Lieferung.
Reporter (am Telefon): „Das heißt, das stimmte nicht, was sie mir eben gesagt haben?“
Gestern versichert man uns schriftlich, dass man intensiv und regelmäßig kontrolliere. Und ...
Zitat: „KPR hat uns wissentlich getäuscht und (…) unseren code of conduct massiv missachtet.“
Fakt bleibt: Seit 2008 hat Ernstings family mit KPR zusammengearbeitet. Erst letzten Sommer will man trotz aller Kontrollen etwas bemerkt haben. Ob die Kontrollen bei neuen Geschäftspartnern besser sind? Eine Frage: Zahlen wir auch dann noch, wenn die Mode teurer wird? Denn Kontrollen kosten ja was.
Als wir die Hafenpapiere aus Indien erneut studieren, fällt uns auf: Sri Saravana, kurz SSM, ein Unternehmen auf das wir in T-Shirt-City auch gestoßen sind - und das auch Sumangali praktiziert, liefert an C&A. Der Textilriese. Eigentlich ein ganz gutes Image. C&A wirbt damit, dass man Ausbeutung nicht toleriere, weder bei sich, Subunternehmern oder anderen Dritten. Und nicht zögere, ansonsten Geschäftsbeziehungen auch zu beenden. Ein Interview gibt es nicht. Konkrete Fragen zu unserem Fall werden schriftlich nicht beantwortet, etwa warum C&A nachweislich seit fünf Jahren von Sumangali weiß, aber dennoch Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen wie SSM aufrechterhält. Stattdessen verweist C&A allgemein auf Hilfsprojekte für die Frauen und Unterstützung vor Ort, um ...
Zitat: „(…) die Anwendung des Sumangali-Systems mittel- und langfristig effektiv zurück zu drängen.“
Gisela Burckhardt, Kampagne für Saubere Kleidung: „Man kann einem Unternehmen eine gewisse Zeit einräumen, damit es Veränderungen durchführen kann bei seinem Lieferanten. Aber fünf Jahre sind einfach zu lang, das ist nicht akzeptabel und dann ist es unglaubwürdig. Das heißt, entweder muss man die Arbeitsbeziehungen kündigen oder aber dafür sorgen, dass der Lieferant menschenwürdige Arbeitsbedingungen hat. Aber so einfach weitermachen ist eigentlich eine Täuschung der Verbraucher und ist ein Skandal.“
Noch ne Frage: Was, wenn sich nichts tut, wenn Sumangali und Selbstmorde weitergehen? In Tirupur hat die Regierung nun auf ihre Weise reagiert: Im Krankenhaus wurde eine Giftstation eingerichtet. Sechs bis sieben Selbstmordversuche gibt es hier jeden Tag - in T-Shirt-City.
Sonia Seymour Mikich: „Sales, Schlussverkauf, Schnäppchen - es brüllt geradezu aus den Einkaufsstraßen uns entgegen. Aber niemals Selbstmord! Anderswo.“
Terre des HommesWas ist das Sumangali-Schema?
Terre des HommesSklaverei für den Textilmarkt - Lohnsklavinnen in Indien: Schuften für die Aussteuer
Kampagne für saubere KleidungDie CCC ist ein Netzwerk, in dem sich 20 Trägerorganisationen zusammen gefunden haben.
Gesamtverband Textil + ModeDer Code of Conduct für die Textil- und Modeindustrie (PDF)
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Sendetermin
MONITOR Nr. 648
06.06.201321:45 - 22:15 Uhrim Ersten
Sendetermine 2013Aktuelle Übersicht
Ausgezeichnet

Marler Medienpreis Menschenrechte für MONITOR
"Verdammt hoher Preis - Billigmode und die Selbstmordrate bei indischen Arbeiterinnen" von Christian Brüser, Jochen Leufgens und Andreas Maus wurde mit dem Marler Medienpreis Menschenrechte ausgezeichnet. MONITOR berichtete im Juni 2012 über eine Spirale der Ausbeutung junger Frauen, die in indischen Textilbetrieben arbeiten. Aus der Begründung der Jury: "Der Beitrag beeindruckt durch gründliche Recherche, Interviews mit Betroffenen und die Darstellung der direkten Verbindung zwischen dem Angebot in der Einkaufsstraße und dem Schicksal der Sumangali-Frauen." [zum Beitrag]BLOG!

Münchner Trauerspiel: Der Gerichtspräsident und der NSU
Georg Restle im MONITOR-Blog: "Man weiß schon nicht mehr, ob man sich aus Wut oder purer Fassungslosigkeit an den Kopf greifen möchte. Die Selbstherrlichkeit des Münchner OLG-Präsidenten scheint pathologisch: Innerhalb weniger Wochen hat es Karl Huber geschafft, den Ruf der deutschen Justiz gründlich zu ruinieren." [mitbloggen]Pressemeldung

Niebel-Ministerium stellte deutlich mehr FDP-Leute ein als bislang bekannt / Beamtenverband spricht von "beispiellosem Vorgang"
Seit dem Amtsantritt von Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mehr als 40 FDP-Mitglieder und Mitarbeiter der Partei eingestellt. [weiterlesen]VideoPodcast

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Zitat

Joseph Pulitzer (1847-1911)
"Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."Politikmagazine

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