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Nr. 637

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Monitor Nr. 637 vom 09.08.2012

Frankensteins Grillteller?

Was wir nicht über unser Fleisch wissen



Video in hoher Auflösung

Bericht: Jochen Leufgens, Andreas Maus

Sonia Seymour Mikich: "Jetzt aber unser nächstes Thema: Was haben Sie heute Abend gegessen? Vielleicht ein gutes Steak? Vielleicht ein bisschen Klonfleisch? Frankensteins Grillteller? Möglich wäre es, denn die EU-Kommission hat entschieden, dass Produkte von Nachfahren geklonter Tiere ohne weiteres nach Europa importiert werden dürfen. Ohne Kennzeichnungspflicht. Eine Entscheidung, die uns nicht losgelassen hat. Wir haben weiter recherchiert und erst langsam wurde uns bewusst, welche Tragweite die Entscheidung der EU-Kommission wirklich hat. Andreas Maus und Jochen Leufgens über den Anfang vom Ende der normalen Landwirtschaft."

Extreme Bilder aus Korea. Tierexperimente. Es geht um Klontechnik. Ferkeljunge werden aus dem Leib der Mutter geschnitten. Klonen ist das Vervielfältigen von Tieren. Jedes Ferkel gleicht exakt dem anderen. Technisch geschaffen. Gut für die Massenproduktion. Und das ist der Ausschuss. Nicht lebensfähig. Wie dieses Kalb leiden viele Klontiere an Organschäden, an Immunschwäche. Und wenn sie überhaupt überleben, dann leben sie kürzer. Ein Eingriff in die Natur, den die Verbraucher, aber auch viele Experten rigoros ablehnen.

Christoph Then, Biologe Rechte: WDR Bild vergrößern

Christoph Then, Biologe

Christoph Then, Biologe, testbiotech: „Um die Geburt herum, da kommt es zu ganz vielen Ausfällen. Es gibt viel Totgeburten, viele Tiere werden krank geboren. Es gibt oft Tiere, die zu groß sind oder Organschäden haben. Und da gibt es einfach viel höheren Tierverlust, und viel mehr Tierleiden auch, als es in der normalen Tierzucht der Fall ist.“

In Europa ist Klonen in der Landwirtschaft deshalb verboten. Nur: Fleisch von Nachkommen geklonter Tiere gibt es hier längst - auch auf deutschen Tellern. Importiert zum Beispiel aus den USA. Wer es kauft, erfährt das nicht. Das sollte sich eigentlich ändern. Quer durch alle Fraktionen sprach sich die Mehrheit des europäischen Parlaments für eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel aus, die von Nachkommen geklonter Tiere stammen. Die EU-Kommission zog nicht mit und stellte sich damit gegen den Willen des EU-Parlaments, gegen den Willen der Bürger und des eigenen Ethikrates.

Prof. Hille Haker, Mitglied Ethikrat der EU-Kommission Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Hille Haker, Mitglied Ethikrat der EU-Kommission

Prof. Hille Haker, Mitglied Ethikrat der EU-Kommission: „Also wir haben alle gelernt, dass Information ein hoher Wert ist. Und jetzt kommt plötzlich eine Regierung oder eine Kommission oder ein Unternehmen oder eine ganze Branche daher und sagt, ihr dürft nicht wissen, was in diesen Produkten drin ist. Obwohl es möglich wäre. Ich glaube, da kommt die Empörung her, ja. Wir wollen diese Freiheit haben und wir haben auch ein Recht darauf, zu wissen, was wir essen.“

Die EU-Kommission lässt MONITOR wissen, die Verhandlungen seien gescheitert, man arbeite weiter an dem Thema. Professor Heiner Niemann hatte die Kommission beraten, als er die Kennzeichnungspflicht ablehnte. Er ist einer der führenden Klonforscher Deutschlands. Klonen findet er richtig. Auch wenn drei Viertel der Deutschen das Klonen ablehnen. Reporter: „Sind die Leute zu dumm?“

Prof. Heiner Niemann, Friedrich-Loeffler-Institut Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Heiner Niemann, Friedrich-Loeffler-Institut

Prof. Heiner Niemann, Friedrich-Loeffler-Institut: "Ich glaube, sie sind noch nicht ... Erstens würde ich diese Umfrageergebnisse erst mal bezweifeln, wenn die vernünftig ... Wenn man die Leute vorher vernünftig aufklärt, um was es geht, glaube ich würden die anders ausfallen. Wenn sie aber Nachkommen geklonter Tiere sehen, dann haben sie von einem geklonten Bullen, das Sperma. Und das wird in eine Kuh gebracht, man kommt ein Kalb raus. Und dieses Kalb ist über sexuelle Reproduktion entstanden.“

Ganz natürliche sexuelle Reproduktion? Anton Daxenbichler züchtet seit vielen Jahren Bullen. Ohne Totgeburten, ohne Missbildungen. Und die Verwendung von Klontechnik ist für ihn das Gegenteil von „ganz natürlich“.

Anton Daxenbichler, Landwirt Rechte: WDR Bild vergrößern

Anton Daxenbichler, Landwirt

Anton Daxenbichler, Landwirt: „Im Grunde ist das alles nur mehr ... ja, sind das nur mehr Maschinen. Das sind ja keine Tiere mehr, die dann einen individuellen Charakter haben. Man kann die produzieren aus der Retorte dann. Und der Bauer wird dann mit der Zeit überflüssig.“

Und der Züchter wird überflüssig. Absurd. Obwohl das Klonen in Deutschland verboten ist, könnte Anton Daxenbichler Samen von Klonbullen im Internet kaufen. Herkunft: USA.

Anton Daxenbichler, Landwirt: „Da haben wir noch mal eine Seite aus Amerika. Die haben auch geklonte Stiere im Programm. Zum Beispiel der Monopoly, Monopoly zwei, Monopoly drei, das sind geklonte Stiere.“

Was für viele wie das Zerrbild der industriellen Landwirtschaft erscheint, ist in Wahrheit erst der Anfang. In den Labors der Biotechnologen geht es längst nicht mehr darum, Lebewesen nur zu vervielfältigen. Es geht darum, Lebewesen zu konstruieren. Es geht um Gentechnik. Das sagt der Tierarzt und Biologe Christoph Then.

Christoph Then, Biologe: „Insofern ist das Klonen eigentlich nur eine Einstiegstechnologie in den Markt. Und was im Moment von allen Seiten zu hören ist, dass tatsächlich eben gentechnisch veränderte Tiere der nächste Schritt sind. Kühe, die eine Milch geben, die ähnlich ist wie Muttermilch. Oder Schweine, die schneller wachsen. Solche Tiere sind in der Pipeline und sollen dann eben auf den Markt auch gebracht werden. Und die Klontechnologie öffnet den Markt in der EU für derartige Produkte.“

Lebewesen als Produkte. Wenn es um Gentechnik geht, dann geht es immer auch um handfeste wirtschaftliche Interessen, fürchtet er. Um Patente auf konstruierte Geschöpfe.

Anton Daxenbichler, Landwirt: „Das ist ein Weg, der in die Sackgasse führt. Riesengroße Firmen, die weltweit operieren, die Gewinne machen wollen, die Geschäft machen wollen, die produzieren ein Supertier. Verbreiten das auf der ganzen Welt und jeder Bauer, der sich so ein Tier reinstellt, der muss dann Lizenzen bezahlen. Für jedes Nachkommen, für jedes Kalb muss er Lizenzen bezahlen, wenn er weiter macht. Und somit ist das eigentlich nur, dient nur dem, dass diese Firma einen Riesengewinn machen können.“

Klonfleisch. Man sieht es nicht, man riecht es nicht, man ahnt es nur. Willkommen in der Zukunft?

Mehr zum Thema

  • ARD: tagesschau.deWeiter in der EU erlaubt - Klonfleisch und -milch ohne Kennzeichnung

Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 648

    06.06.201321:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • Ausgezeichnet

    Textilarbeiterin Rechte: WDR

    Marler Medienpreis Menschenrechte für MONITOR
    "Verdammt hoher Preis - Billigmode und die Selbstmordrate bei indischen Arbeiterinnen" von Christian Brüser, Jochen Leufgens und Andreas Maus wurde mit dem Marler Medienpreis Menschenrechte ausgezeichnet. MONITOR berichtete im Juni 2012 über eine Spirale der Ausbeutung junger Frauen, die in indischen Textilbetrieben arbeiten. Aus der Begründung der Jury: "Der Beitrag beeindruckt durch gründliche Recherche, Interviews mit Betroffenen und die Darstellung der direkten Verbindung zwischen dem Angebot in der Einkaufsstraße und dem Schicksal der Sumangali-Frauen." [zum Beitrag]

  • BLOG!

    Verlosungskisten NSU-Prozess Rechte: WDR/ARD

    Münchner Trauerspiel: Der Gerichtspräsident und der NSU
    Georg Restle im MONITOR-Blog: "Man weiß schon nicht mehr, ob man sich aus Wut oder purer Fassungslosigkeit an den Kopf greifen möchte. Die Selbstherrlichkeit des Münchner OLG-Präsidenten scheint pathologisch: Innerhalb weniger Wochen hat es Karl Huber geschafft, den Ruf der deutschen Justiz gründlich zu ruinieren." [mitbloggen]

  • Pressemeldung

    Dirk Niebel Rechte: WDR/imago

    Niebel-Ministerium stellte deutlich mehr FDP-Leute ein als bislang bekannt / Beamtenverband spricht von "beispiellosem Vorgang"
    Seit dem Amtsantritt von Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mehr als 40 FDP-Mitglieder und Mitarbeiter der Partei eingestellt. [weiterlesen]

  • VideoPodcast

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  • Zitat

    Joseph Pulitzer Rechte: WDR/dpa

    Joseph Pulitzer (1847-1911)
    "Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

  • Politikmagazine

    Politikmagazine Rechte: ARD

    Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark


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