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Sendung vom 13.12.2012
Monitor Nr. 642 vom 13.12.2012
Betriebsrente:
Faule Versprechungen für Arbeitnehmer
Video in hoher Auflösung
Bericht: Markus Schmidt, Ingo Blank, Dietrich Krauß, Achim Pollmeier
Georg Restle: "Und jetzt zum Wahlkampfschlager 2013. Die Rentendebatte könnte die Bundestagswahl entscheiden. Und da setzen CDU und SPD weiter auf Privatvorsorge, vor allem auf Betriebsrenten mit einem ganz speziellen Angebot, von dem schon Millionen Arbeitnehmer in Deutschland Gebrauch machen. Es nennt sich - etwas sperrig - Entgeltumwandlung, und klingt ziemlich verlockend. Arbeitnehmer verzichten auf ein bisschen Lohn, die Arbeitgeber zahlen was drauf, und der Staat verzichtet auf ein paar Steuereinnahmen. Am Ende sind alle glücklich. Schön wär’s! Denn wer genauer hinschaut, stellt fest, bei vielen Angeboten profitieren vor allem Arbeitgeber und Versicherungskonzerne. Die Verlierer: Arbeitnehmer und Rentner. Markus Schmidt, Ingo Blank und Achim Pollmeier über Minirenten statt Traumrenditen."
Werbeclip Allianz: „Nee. Schön ist das nicht, jeden Morgen so früh raus. Das geht auf die Knochen, kann ich Ihnen sagen. Aber was soll man machen, wenn die Rente nicht reicht?“
Die Botschaft ist klar, man soll privat vorsorgen. Zum Beispiel mit einer Betriebsrente. Mancher denkt da an eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers. Doch Millionen Arbeitnehmer zahlen inzwischen selbst in ihre Betriebsrente ein. Auch Heribert Wilmerdinger hat mit der so genannten Entgelt-Umwandlung fürs Alter vorgesorgt. Heute sieht er, was dabei herauskommt.
Heribert Willmerdinger, Rentner: „Es ist vom Staat gefördert mit Steuer- und Sozialversicherungsfreiheit, ist durchaus interessant. Heute muss ich sagen war‘s ein Riesenfehler, weil wie sich rausgestellt hat, der Staat die Vorteile wieder einkassiert.“
Bei der so genannten Entgeltumwandlung geht es um ein millionenfaches Modell der Betriebsrente. Der Arbeitnehmer lässt von seinem Gehalt einen Teil abziehen und direkt in die private Altersvorsorge als Betriebsrente zurücklegen. Das hat zunächst einen Vorteil: Weil so das Gehalt sinkt, zahlt der Arbeitnehmer weniger Steuern und Sozialabgaben an den Staat. Es war die SPD, die das flächendeckend eingeführt hat. Seitdem sie unter Schröder und Riester die Leistungen der gesetzlichen Rente minderte, sollen die Arbeitnehmer auch privat vorsorgen. Die zunächst sehr üppige staatliche Förderung der Entgeltumwandlung hat noch die Schröder-Regierung wieder zurückgefahren. Doch bis heute ist die Betriebsrente für die SPD der Königsweg der Privatvorsorge.
Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender: „Die bessere Alternative ist eine deutliche gestärkte betriebliche Altersversorgung. Sie müssen wissen, schon heute muss jeder Arbeitgeber auf Nachfrage des Arbeitnehmers auch in einem kleinen Betrieb eine betriebliche Altersversorgung anbieten.“
Wie das geht, dürfen wir bei myonic im Allgäu besichtigen, Hersteller von Präzisions-Kugellagern, typischer Mittelstand. Etwa zwei Drittel der Mitarbeiter zahlen einen Teil ihres Lohnes direkt in eine Betriebsrente ein, die so genannte Metallrente. Ein gemeinsames Angebot von Arbeitgebern und Gewerkschaften in Kooperation mit Versicherungskonzernen wie der Allianz. Und die Arbeitnehmer sind überzeugt, ein gutes Geschäft zu machen.
Florian Vogler, Feinmechaniker-Meister: „Der steuerliche Vorteil, ganz klar. Und dass es ein Angebot ist, wenn ich auf den privaten Markt gehen würde, dann würde ich ganz bestimmt nicht so ein Angebot bekommen.“
Ein Argument, dass der Versicherungsmathematiker Peter Schramm häufig hört. Immer und immer wieder wird geworben, dass der Staat durch die Entlastung bei Steuern und Sozialabgaben bis zu 50 % dazu gibt. Schramm rechnet für uns nach - und stellt fest, in vielen Fällen ist das nur die halbe Wahrheit.
Peter Schramm, Versicherungsmathematiker: „Die meisten wissen ja nicht, wie sich die Dinge tatsächlich verhalten und auf diese Unkenntnis setzt man eben. Weil wenn man sagen würde, du sparst vorne 50 % und kriegst hinten auch nur 50 % netto heraus, dann würde ja jeder fragen, warum soll ich das machen?“
Schramm ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger, und seine Rechnung hat es in sich. Denn einerseits leiden auch die Betriebsrenten unter der allgemeinen Zinsentwicklung, und andererseits nimmt die Steuerlast der Rentner Jahr für Jahr zu. So gehen bei einem heute 40-jährigen Durchschnittsverdiener von der zusätzlichen Betriebsrente später bis zu 25 % an Steuern ab. Dann kommen Kranken- und Pflegeversicherung, und was kaum einer weiß: da zahlt man auf die Betriebsrente den vollen Beitragssatz, auch den Arbeitgeberanteil. Schließlich kalkuliert Schramm noch die Minderung der gesetzlichen Rente mit ein, weil man - dank staatlicher Förderung - ja weniger Sozialversicherung eingezahlt hat. So bleibt netto später oft nur die Hälfte übrig. Reporter: „Überrascht Sie das?“
Florian Vogler, Feinmechanikermeister: „Ja, das ist natürlich der Hammer. Das ist jetzt ... Da hätte ich es mir wahrscheinlich auch anders überlegt.
Bernd Koslowski, Industriemechaniker: „Das wusste ich nicht.“
Reinhard Wilczek, Betriebsratsvorsitzender: „Ich glaube, das ist vielen nicht bewusst, dass das so läuft. Weil da doch die Beratung in dieser Richtung nicht so weit geht.“
So weit soll die Beratung wohl auch nicht gehen - denn dann würde deutlich, dass viele Arbeitnehmer von der staatlichen Förderung unterm Strich keinen Vorteil haben.
Peter Schramm, Versicherungsmathematiker: „Den Vorteil haben eindeutig die Versicherer und die Versicherungsvermittler, weil sie hier an einem Produkt verdienen können, das sie als normale Rentenversicherung bei den heutigen mageren Renditen nur sehr schwer verkaufen könnten. Und sie haben den Zugang zu den Arbeitgebern, weil die an den eingesparten Sozialversicherungsbeiträgen auch verdienen.“
Tatsächlich. Wenn ein Durchschnitts-Arbeitnehmer etwas in die Betriebsrente zurücklegt, spart auch der Arbeitgeber Sozialabgaben ein. Pro 100,- Euro Entgelt-Umwandlung macht das rund 20,- Euro. Wenn der Arbeitgeber diese Ersparnis zuschießt, lohnt sich die Sache auch für den Arbeitnehmer. Aber die meisten Arbeitgeber stecken ihren Vorteil in die eigene Tasche. Entgeltumwandlung - eine Subvention für Arbeitgeber? Der Geschäftsführer der Metallrente bezweifelt die Berechnungen des Sachverständigen, räumt auf Nachfrage von MONITOR aber ein, dass die meisten Arbeitgeber ihren Vorteil für sich behalten.
Reporter: „Die Arbeitgeber sparen also bei 80 % aller Verträge - das sind etwa 360.000 in ihrem Bestand - die Lohnnebenkosten ohne einen Cent davon an die Arbeitnehmer abzugeben. Können Sie damit zufrieden sein?
Heribert Karch, Geschäftsführer MetallRente: „Ich möchte mal sagen, ich sehe da einen Prozess, wir sind im Zuge der Riester-Reform, im Jahr 2001/2002 mit viel weniger gestartet. Und inzwischen setzt sich doch immer stärker durch, dass beide Seiten noch mal stärker Verantwortung übernehmen.“
Stärkere Verantwortung für Arbeitgeber? Wohl kaum. In Wahrheit wirbt die Metallrente bei den Arbeitgebern sogar mit der Ersparnis an Sozialversicherungsbeiträgen, die sie durch die Entgeltumwandlung erzielen können. In allen Branchen zusammen sparen die Arbeitgeber nur bei den Neuverträgen der letzten zehn Jahre rund eine Milliarde Euro - vorsichtig geschätzt. Die gesamte Summe ist deutlich höher.
Dr. Judith Kerschbaumer, Ver.di: „Entgeltumwandlung sorgt zum einen dafür, dass gesetzliche Renten sinken. Zum Zweiten haben sich Arbeitgeber aus ihrer Verpflichtung, betriebliche Altersversorgung mitzufinanzieren, in den kleinen und mittleren Unternehmen, wo rund 80% der Beschäftigten tätig sind, herausgezogen.“
Die Bundesregierung will davon nichts wissen - die Entgeltumwandlung sei rentabel heißt es, kein Änderungsbedarf. Und auch die SPD setzt weiterhin voll auf die Betriebsrente per Entgeltumwandlung. Laut Rentenkonzept kann sie sich nicht mal entschließen, die Subvention für die Arbeitgeber abzuschaffen. Traumrenditen durch Entgeltumwandlung? Heribert Willmerdinger will von solchen Versprechungen nichts mehr hören.
Georg Restle: "Nur zur Klarstellung: Nicht bei allen Modellen der Entgeltumwandlung sieht es gleich aus. Es lohnt sich also, wenn Sie genauer hinschauen."
Anmerkungen zum MONITOR-Bericht am 13.12.2013 (PDF)Informationen der MONITOR-Redaktion
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06.06.201321:45 - 22:15 Uhrim Ersten
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Zitat

Joseph Pulitzer (1847-1911)
"Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."Politikmagazine

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