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Nr. 643

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Monitor Nr. 643 vom 24.01.2013

Elend zweiter Klasse

Wie deutsche Kommunen osteuropäische Obdachlose im Stich lassen



Video in hoher Auflösung

Bericht: Isabel Schayani, Esat Mogul

Georg Restle: "Als sich die Europäische Union nach Osteuropa öffnete, hatte sie vor allem die neuen Märkte im Blick. Dabei wurde ganz offensichtlich vergessen, dass es auch um Menschen geht. Zu hunderttausenden flüchten Männer und Frauen jährlich aus dem Südosten Europas nach Deutschland - aus schierer Not und mit ein bisschen Hoffnung im Gepäck. Vor allem in den Großstädten vegetieren viele vor sich hin, meist ohne Geld; oft ohne ein Dach über dem Kopf. Und sie müssen erleben, dass es auch ganz unten in Deutschland ein Zweiklassensystem gibt. Isabel Schayani und Essat Mogul waren in Dortmund unterwegs - bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt."

Er redet nicht viel, aber seine Wangen tun es. Ercan wartet, seit Tagen. Sie warten alle. An einer Kreuzung in Dortmund. Sie hoffen, dass ein Auto, hält und sie mitnimmt. Hier auf dem Arbeiterstrich. Ercan und die anderen machen jeden Job: Wände einreißen, entrümpeln, Steine schleppen, egal. Und wer ein Handwerk kann, legt Fliesen oder verputzt Wände.

Ercan (Übersetzung MONITOR): „Ich bin seit einer Woche hier und nichts ist passiert. Ich steh einfach herum.“

Reporter (Übersetzung MONITOR): „Weiß deine Frau, wie es dir hier geht?“

Ercan (Übersetzung MONITOR): „Nein, ich habe nicht mit ihr telefoniert.“

Reporter (Übersetzung MONITOR): „Und warum nicht?“

Ercan (Übersetzung MONITOR): „Kein Geld.“

Reporter (Übersetzung MONITOR): „Wie viel hast du im Moment in der Tasche?“

Ercan (Übersetzung MONITOR): „Zwei Euro.“

In Bulgarien arbeitete er 22 Jahre lang als Packer bei einer Firma, der neue Besitzer hat ihn entlassen. Roma wie ihm wurde zuerst gekündigt. Viele aus seiner Stadt versuchten es hier in der Dortmunder Nordstadt oder in Köln, Hamburg, München. Allein 2011 kamen 200.000 Rumänen und Bulgaren nach Deutschland. Geht ja einfach, sie sind EU-Bürger. Also kam auch Ercan. Einmal ist er schon in ein Auto gestiegen. Fünfzig Euro hat der Deutsche ihm für den Umzug bezahlt. Davon konnte er wenigstens die Schulden für die Busfahrt nach Deutschland zahlen.

Ercan (Übersetzung MONITOR): „Da, in der zweiten Etage. Siehst du den Schrank da? Da bin ich geblieben. Ein Rumäne sagte, er sei Hausmeister von einem leeren Haus. Er hat von uns dreissig Euro pro Person genommen. Seht mal zu, dass ihr das hier vier bis fünf Tage aushaltet, hat er gesagt.“

Ohne Heizung und Strom. Er kam eines Abends zurück, da war das Haus vernagelt, mit seinen Sachen drin. Jetzt hat er noch das, was er am Körper trägt. Ercan braucht Hilfe, eine Dusche, was Warmes. Es sind -2 °C. Irgendeine Hilfseinrichtung? Von den anderen hat er gehört, dass die Diakonie Bulgaren und Rumänen wegscheucht. Das können wir uns nicht vorstellen. Wir begleiten ihn mit versteckter Kamera.

Mann: „Von welche Land sind Sie?“

Ercan: „Bulgarien.“

Mann: „Bulgaren dürfen hier nicht duschen. Aber das wissen die genau. Aber sie kommen immer wieder. Und ich muss immer wieder diesen Zettel hier zeigen. Können sie das lesen? Das ist ihre Sprache. Also nix duschen!“

Reporter: „Nix duschen. Also, Bulgaren und Rumänen dürfen hier nicht duschen. Alle anderen schon?“

Mann: „Ja.“

Anne Rabenschlag, Diakonisches Werk Dortmund und Lünen: „Wir sind mit diesem Duschenbereich sehr eng ausgestattet, da wäre ein Bedarf an Nothilfe. Aber dem können wir so voll umfänglich hier im Haus nicht vorhalten.“

Also schickt man die Leute einfach weiter. Zur „Migrationsberatung“. Wir gehen mit Ercan hin. Alleine würde er soweit gar nicht kommen.

Mann: „13.00 Uhr ist hier öffentliche Sprechstunde.“

Reporter: „Und was kann er dann hier erfahren, weil er durfte da jetzt nicht duschen.“

Mann: „Ja, duschen sowieso nicht.“

Reporter: „Wieso nicht, wer darf denn da duschen?“

Mann: „Nur Deutsche, keine Immigranten.“

Wieder abgewimmelt. Eine Stelle gibt es, wo Ercan an drei Tagen in der Woche duschen dürfte, sagt der Mann. Aber bei Ercan und den anderen ist die Botschaft längst angekommen: Bulgaren und Rumänen unerwünscht. Mittlerweile ist es dunkel geworden und das Thermometer auf -4 °C gefallen. Wo soll er bleiben heute Nacht? In Dortmund bietet das Sozialamt eine Notunterkunft für Männer an. Wir gehen hin.

Mann: „Bulgare, Rumäne?“

Ercan: „Bulgar.“

Mann: „Oh, no sleep here. Nur Dortmund, only Germany.“

Reporter: „Warum?“

Mann: „Ist nur für Deutsche, nur für Dortmunder. Nicht für Rumänen oder Bulgaren. Ist leider so. Dürfen wir nicht machen.“

Reporter: „Gibt es da einen Grund?“

Mann: „Ist leider so. Vom Sozialamt, Stadt Dortmund ist das so.“

Reporter: „Und was kann man machen?“

Mann: „Das einzige, was ich sagen kann ist, dass wenn es zu kalt wird. Sie heute Abend um halb zwölf wiederkommen. Dann entscheidet der Kollege und ich, ob wir sie hier schlafen lassen. Das ist dann aber eine Ausnahme für diesen Fall, falls es so kalt wird. Okay? Mehr kann ich nicht machen.“

Sortiert die Stadt Dortmund Not in zwei Klassen? Erst wird ein Interview avisiert, dann wieder abgesagt. Man schreibt uns: Bulgaren und Rumänen müssten nicht aufgenommen werden, weil sie durch ihre Reise die Obdachlosigkeit selbst herbeigeführt hätten. Ja, es gäbe ein Problem mit diesen Menschen, aber dafür sei die Bundesregierung verantwortlich, die die Kommunen im Stich lasse. Von den Abweisungen in der Notunterkunft hat Dr. Harbig schon gehört. Der Internist behandelt seit acht Jahren Obdachlose und immer öfter Bulgaren und Rumänen kostenlos.

Dr. Klaus Harbig: „Diese Erfahrung habe ich auch gemacht, habe auch von Sozialarbeitern gehört. Auch von Sozialarbeitern, auch von den Menschen selber, dass sie abgewiesen wurden. Die Menschen, die keinen deutschen Personalausweis haben, sind hier vogelfrei, das ist meine Meinung. Denen geht es schlechter als Asylanten oder politischen Flüchtlingen oder Staatenlosen.“

Es ist halb zehn. Was machst du, wenn du bei -4 °C keine Bleibe hast? Ercan hat einen aus seiner Heimat getroffen. Er lebt seit fünf Jahren so, mal findet er Arbeit, mal eine Matratze. Diese Woche hat er noch einen Job. Und bis nächste Woche sogar ein Zimmer. Danach steht er auch wieder auf der Straße. Er hat nichts für Ercan. Ein Häuserblock weiter. Die Polizei durchsucht ein Haus. Der Besitzer sagt, es war unbewohnt. Er wollte rein, hörte Stimmen, bekam Angst, rief die Polizei. Er sieht und riecht, dass hier Menschen gewohnt haben. Wie viele? Wer hat hierfür kassiert? Jemand hat im Keller alle Kupferrohre geklaut. Armut und Kriminalität wohnen dicht beieinander. In dieser Welt gibt es mehr Kriminalität als in der deutschen. Wenn Stadt und evangelische Kirche diese Menschen abweisen - was ist dann eigentlich die Folge?

Dr. Klaus Harbig: „Die Folge wird sein, dass die Leute dann sagen, entweder ich verzweifele oder ich besorg mir selber was. Sicher hat man nicht mit so einem hohen Rücklauf von Armen gerechnet. Man wollte ja lieber verkaufen, denke ich, und da Geschäfte machen. Das war sicher der Grund, weil das Märkte sind. Aber die Kehrseite der Medaille hat man sicher nicht so gesehen. Aber man müsste jetzt reagieren, weil das Menschen sind, die Hunger haben, die frieren, ie keine Unterkunft haben und die man nicht einfach jetzt so, so lassen kann. Man kann sie auch nicht wegschicken, es sind EU-Bürger. Sie dürfen hier bleiben.“

Die Märkte wollten wir, die Menschen nicht. 23 Uhr. Die letzte Nacht hat Ercan hier im Internet-Café verbracht. Der Computer kostet ein Euro die Stunde. Den teilt er sich mit anderen. Sie bleiben wach, bis sie sehr früh am Morgen wieder an der Straße stehen.

Der nächste Morgen. Er kann nicht mehr und will zurück. Wir geben ihm das Geld für den Bus. Täglich pendeln Busse zwischen Dortmund und seiner Stadt in Bulgarien. Da hat Ercan ein Zuhause, aber keine Arbeit, schon gar kein Geld, geschweige denn Hoffnung. Der Bus ist jetzt fast leer, aber der nächste aus Bulgarien kommt schon in wenigen Stunden. Er wird wieder voll sein.

Georg Restle: "Den Verantwortlichen der Stadt Dortmund empfehle ich einen Blick ins Grundgesetz. Artikel 1 - Die Menschenwürde ist unantastbar. Gilt nicht nur für Deutsche."

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    MONITOR Nr. 649

    04.07.201321:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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