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Nr. 643

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Monitor Nr. 643 vom 24.01.2013

Opfer unerwünscht

Die Nichtversorgung vergewaltigter Frauen in katholischen Kliniken hat System



Video in hoher Auflösung

Bericht: Eva Müller, Jan Schmitt, Kim Otto, Michael Karhausen

Georg Restle: "Guten Abend und willkommen bei MONITOR. Eine Frau, die vergewaltigt wurde, sollte selbstverständlich Anspruch haben auf Fürsorge, Beratung und vor allem auf umfassende medizinische Versorgung. Darüber sollten wir eigentlich gar nicht diskutieren müssen. Müssen wir aber doch. Denn das, was sich hier in Köln ereignet hat, ist mehr als nur ein bedauerlicher Einzelfall. Eine vergewaltigte Frau, die sich hilfesuchend an eine katholische Klinik wendet, wird abgewiesen. Keine Spurensicherung, keine Behandlung, keine Pille danach. Alles nur ein Missverständnis? Nein, sondern erklärte Politik der katholischen Kirche, die Vergewaltigungsopfer zu Täterinnen macht; jedenfalls dann, wenn sie eine Schwangerschaft verhüten wollen. Es ist ein Lehrstück über Heuchelei und Scheinheiligkeit, das weit über den Kölner Dom hinausreicht."

Der Fall beherrschte die Schlagzeilen. Eine junge Frau feiert nachts in einer Bar. Jemand mischt ihr KO-Tropfen ins Getränk. Auf einer Parkbank kommt sie wieder zu sich. Sie ist verletzt. In einer Notfallpraxis wird sie erstversorgt - Verdacht auf Vergewaltigung. Doch das benachbarte katholische Krankenhaus verweigert jede weitere gynäkologische Untersuchung. Dasselbe auch in einer zweiten katholischen Klinik. Wenige Tage später sagt der Pressesprecher beider Krankenhäuser ein Einzelfall, ein Missverständnis.

Christoph Leiden, Pressesprecher Krankenhausstiftung: „Von daher möchte ich mich an dieser Stelle auch ganz persönlich dafür entschuldigen, dass diese Frau, die nachts gekommen ist, von uns im Vinzenz-Hospital, erst mal keine Hilfe erfahren hat.“

Auch der Kölner Kardinal Meisner, einer der mächtigsten und konservativsten Kirchenmänner Deutschlands, lässt eine Entschuldigung veröffentlichen. So etwas dürfe sich nicht wiederholen, heißt es. Für Vergewaltigungsopfer würde man ...

Zitat: „... jede notwendige medizinische, seelsorgliche und menschliche Hilfe leisten, einschließlich der so genannten anonymen Spurensicherung.”

Alles also nur ein Einzelfall, ein Missverständnis? Bernhard von Tongelen hat jahrelang das Gegenteil beobachtet. Schon vor Jahren war er Oberarzt in katholischen Krankenhäusern, auch dort, wo die junge Frau abgewiesen wurde. Weil die katholische Moral die Arbeit des Gynäkologen behinderte, kündigte er und ging nach Holland.

Dr. Bernhard von Tongelen, Chefarzt für Gynäkologie: „Leider ist es so, dass durch die starke Position der katholischen Krankenhäuser man mittlerweile schon von einer systemischen schlechten Behandlung der Frauen sprechen kann. Und genau diese schlechte Behandlung, d. h., das nicht Verschreiben der Pille danach ist genau das, was die katholische Kirche möchte.“

Katholische Dogmen statt medizinischer Standards. Und das in Krankenhäusern, die die Kirche gar nicht selbst finanziert. Das macht die nämlich die Allgemeinheit. Bei der verweigerten Behandlung geht es nicht nur um die Pille danach. Auch eine anonyme Spurensicherung hat bei der vergewaltigten Frau nicht stattgefunden, obwohl die Täter oft nur dadurch überführt werden können. Die Kirche versucht, den Fall herunterzuspielen. Doch ein internes Schreiben, das MONITOR vorliegt, belegt: Opfer werden systematisch nicht versorgt. In dem betreffenden Krankenhaus werden schon seit fast einem Jahr ...

Zitat: „... keine Untersuchungen an Patientinnen nach einer Sexualstraftat mehr durchgeführt.”

Weil man die „Pille danach“ nicht verschreiben könne, seien auch Untersuchungen sinnlos. Und aus einem weiteren katholischen Krankenhaus heißt es, Untersuchungen gebe es nur im absoluten medizinischen Notfall.

Zitat: „Ist die Patientin ansprechbar und verlegungsfähig, wird sie an ein städtisches Krankenhaus verwiesen.”

Also kein Einzelfall, kein Missverständnis. Offenbar wollen katholische Kliniken mit Vergewaltigungsopfern nichts zu tun haben. Deutlich wurde das auch vor einem Jahr. Ein ultrakatholischer Internetsender rühmte eine Spitzelaktion an Kölner Krankenhäusern.

Sprecherin von Gloria.TV: „Am 3. Februar berichtete Gloria.TV exklusiv, dass eine Testkaufagentur in vier katholischen Spitälern Kölns Rezepte für die „Pille danach“ erhalten hat.“

Schwangerschaftsverhütung an katholischen Kliniken? Die Spitzelaktion hat Erfolg, die Kirche in Köln reagiert sofort. Die Caritas verschickt einen Brandbrief an alle Krankenhäuser im Bistum: Sie schreibt, dass

Zitat: ,,...bei Schwangerschaftsabbrüchen und damit verbundenen Tötungsdelikten die Null-Toleranzgrenze gilt.“

Was das heißt, hat auch diese 24-jährige Studentin erlebt. Auch sie ist vergewaltigt worden. Kam an eine katholische Klinik. Wieder gab es keine umfassende Untersuchung, keine Pille danach. Null Toleranz eben. Sie wird spät abends einfach auf die Straße gesetzt.

Studentin: „In der Nacht war ich zu nichts mehr in der Lage, bin dann direkt nach Hause gefahren und musste dann am darauffolgenden Tag noch extra zu einer Frauenärztin. Das heißt, ich musste quasi einer völlig fremden Person nochmals meine Lage schildern. Das war in der Situation schon sehr belastend ist.“

Vergewaltigungsopfer auf der Suche nach Hilfe. Trotz des Traumas eines Verbrechens werden sie zurückgewiesen und einfach weggeschickt. Besonders fatal in Regionen, wo die Versorgung allein in katholischer Hand liegt.

Dr. Bernhard von Tongelen, Chefarzt für Gynäkologie: „Mittlerweile ist es so, dass in NRW ungefähr 50 % aller Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft sind, und in ganz Deutschland 25 %. D.h., wenn die katholische Kirche aus der kompletten Versorgung, aus der vollständigen Versorgung von Vergewaltigungsopfern ausschert oder ausscheren möchte, dann bedeutet das, dass vor allen Dingen in ländlichen Gebieten die Versorgung dieser Patienten nach einer Vergewaltigung zum Beispiel nachts, wenn die Praxen zu haben, nicht gewährleistet ist.“

Katholische Krankenhäuser sind von öffentlichen Geldern abhängig. Trotzdem setzen sie kirchliche Moral über medizinische Standards. Gestern trat die NRW-Gesundheitsministerin vor die Presse. Kann die Politik es dulden, wenn katholische Kliniken aus der Versorgung von Vergewaltigungsopfern aussteigen?

Barbara Steffens, Gesundheitsministerin NRW: „Wenn es in einem solchen Fall ein klares Untersagen der Aufnahme von Seiten des Krankenhauses gibt, könnte das bis hin zur Aberkennung des Versorgungsauftrags Konsequenzen haben.“

Ob sich der Staat wirklich mit der mächtigen Kirche anlegen wird? Die Ablehnung von Vergewaltigungsopfern an katholischen Krankenhäusern war jedenfalls kein Missverständnis.

Mehr zum Thema

  • WDR: MONITOR-DossierGesundheit
  • Forum: Georg Restle im MONITOR-BlogDie Macht der Kirche
  • ARD: tageschau.deKlinik-Skandal: Vergewaltigungsopfer von katholischen Einrichtungen abgewiesen
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  • externer Link: Erzbistum Köln (22.01.2013)Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: Beschämender Vorgang darf sich nicht wiederholen
  • ARD: DeutschlandradioKölner Klinik-Skandal bleibt ohne juristisches Nachspiel - Kein Fall von unterlassener Hilfeleistung
  • externer Link: Stiftung der CellitinnenAls gemeinnütziger Verein und alleinige Gesellschafterin von vier katholischen Krankenhäusern ist die Stiftung der Cellitinnen e.V. maßgeblich an der medizinischen Versorgung der Stadt Köln und der Stadt Bergheim beteiligt.
  • externer Link: Stadt KölnAnonyme Spurensicherung nach Sexualstraftat (ASS) - Informationen für Opfer einer Sexualstraftat

Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 648

    06.06.201321:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • Ausgezeichnet

    Textilarbeiterin Rechte: WDR

    Marler Medienpreis Menschenrechte für MONITOR
    "Verdammt hoher Preis - Billigmode und die Selbstmordrate bei indischen Arbeiterinnen" von Christian Brüser, Jochen Leufgens und Andreas Maus wurde mit dem Marler Medienpreis Menschenrechte ausgezeichnet. MONITOR berichtete im Juni 2012 über eine Spirale der Ausbeutung junger Frauen, die in indischen Textilbetrieben arbeiten. Aus der Begründung der Jury: "Der Beitrag beeindruckt durch gründliche Recherche, Interviews mit Betroffenen und die Darstellung der direkten Verbindung zwischen dem Angebot in der Einkaufsstraße und dem Schicksal der Sumangali-Frauen." [zum Beitrag]

  • BLOG!

    Verlosungskisten NSU-Prozess Rechte: WDR/ARD

    Münchner Trauerspiel: Der Gerichtspräsident und der NSU
    Georg Restle im MONITOR-Blog: "Man weiß schon nicht mehr, ob man sich aus Wut oder purer Fassungslosigkeit an den Kopf greifen möchte. Die Selbstherrlichkeit des Münchner OLG-Präsidenten scheint pathologisch: Innerhalb weniger Wochen hat es Karl Huber geschafft, den Ruf der deutschen Justiz gründlich zu ruinieren." [mitbloggen]

  • Pressemeldung

    Dirk Niebel Rechte: WDR/imago

    Niebel-Ministerium stellte deutlich mehr FDP-Leute ein als bislang bekannt / Beamtenverband spricht von "beispiellosem Vorgang"
    Seit dem Amtsantritt von Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mehr als 40 FDP-Mitglieder und Mitarbeiter der Partei eingestellt. [weiterlesen]

  • VideoPodcast

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  • Zitat

    Joseph Pulitzer Rechte: WDR/dpa

    Joseph Pulitzer (1847-1911)
    "Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

  • Politikmagazine

    Politikmagazine Rechte: ARD

    Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark


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