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Rückschau
Sendung vom 21.02.2013
Monitor Nr. 644 vom 21.02.2013
Benedikts Erbe:
Die dubiosen Geschäfte der Vatikanbank
Video in hoher Auflösung
Bericht: Jochen Leufgens, Udo Gümpel, Monika Wagener
Georg Restle: "Guten Abend, da sind wir wieder: Willkommen bei MONITOR. Nur noch eine Woche, dann waren wir Papst. Der überraschende Rücktritt von Benedikt XVI. zeigt uns aber auch, dass es hinter den heiligen Mauern des Vatikans um ziemlich weltliche Machtinteressen geht. Wenn man den ganzen Weihrauch mal zur Seite bläst, wird da ein gigantisches Finanzimperium sichtbar, in dessen Zentrum eine Bank steht, wie es sonst wohl keine gibt auf dieser Welt. Keine Bilanzen, keine ordentlichen Geschäftsberichte, eine off-shore-Bank, mitten im Allerheiligsten. Geldwäsche-Vorwürfe, geheime Konten, Mafiagelder, all das klingt wenig nach froher Botschaft, mehr schon nach einem veritablen Sündenpfuhl. Transparenz hatte Papst Benedikt nach seinem Amtsantritt versprochen und Aufklärung. Was daraus geworden ist, zeigen Ihnen jetzt Monika Wagener, Udo Gümpel und Jochen Leufgens."
Rom am Sonntag. Das vorletzte öffentliche Gebet von Benedikt XVI. als Vertreter Gottes auf Erden. Gott vertreten will er nicht mehr und darum strömen in die ewige Stadt noch einmal 50.000 Gläubige zum gar nicht mehr so ewigen Papst.
Papst Benedikt XVI (Übersetzung MONITOR): „Gott möge uns die Kraft geben, unsere Schwächen zu bekämpfen.“
Aber Benedikt ist nicht der einzige, der geht oder gehen muss. Auch dieser Mann verlor im Wirbel um den Papstrücktritt unbemerkt von der Öffentlichkeit sein Amt: Kardinal Attilio Nicora. Eine folgenreiche Entscheidung. Nicora war ein im Vatikan seltener Kämpfer für die Transparenz. Chef der Finanzaufsicht des Vatikans und damit der oberste Prüfer der wohl dubiosesten Institution des Vatikans - der Vatikanbank. Das eigentliche Machtzentrum des Vatikans. Eine Bank, die einem kirchlichen Monarchen untersteht, ein perfekt abgeschottetes Finanzsystem im Herzen Europas, nur zugänglich für den Klerus. Keine wirkliche transparente Aufsicht, aber mehr als sechs Milliarden Euro Kapital.
Ferruccio Pinotti, Buchautor und Vatikanexperte (Übersetzung MONITOR): „Neben legalen Geldern ist die Vatikanbank dafür bekannt, dass sie in den vergangenen Jahrzehnten Riesensummen illegaler Gelder einkassiert hat. Untersuchungen der italienischen Justiz haben dies bewiesen, in rechtskräftig gewordenen Urteilen, dass die Mafia, die Ndrangheta über Konten der Vatikanbank Geld gewaschen hat, Geld aus Entführungen und Gewinne aus anderen illegalen Aktivitäten.“
Den wohl größten Skandal büßte er mit dem Leben: Roberto Calvi, auch der „Bankier Gottes“ genannt. Erhängt 1982 in London, unter dieser Brücke aufgefunden nahm er seine Geheimnisse um die Vatikanbank mit ins Grab. Calvi war Leiter einer Bank in Mailand. Hier und auf Banken in Panama soll er Gelder der Mafia und der südamerikanischen Kokainkartelle gewaschen und dabei Millionen Dollar über die Vatikanbank verschoben haben. Alles soll mit Wissen von Erzbischof Marcinkus geschehen sein, damals Chef der Vatikanbank und Verwalter einer von Calvis Banken in Panama. Ein Mann mit offenbar besten Kontakten, zur Mafia und zu Papst Johannes Paul II. Erzbischof Marcinkus wurde `89 als Chef der Vatikanbank abgelöst. Aber die obskuren Machenschaften der Bank hörten damit nicht auf. Das konnte Gianluigi Nuzzi nachweisen. Der italienische Journalist erhielt Zugang zu tausenden Dokumenten aus dem innersten der Bank und enthüllte ein ganzes System von Geheimkonten. Geschaffen von Marcinkus - und weitergeführt von seinem Schüler, Bischof Donato de Bonis.
Gianluigi Nuzzi - Buchautor: „Vatikan AG“ (Übersetzung MONITOR): „De Bonis hat praktisch ein Parallelsystem in der Vatikanbank geschaffen und eröffnete dafür eine ganze Reihe von Konten. Angeblich für wohltätige Stiftungen, aber das sind reine Decknamen. Namen, die die Christenheit beleidigen, Stiftung der Madonna von Lourdes, Stiftung Hilfe für arme Kinder, Kampf gegen Leukämie. Keine der Stiftungen existiert wirklich, aber de Bonis brauchte diese Konten für die Geldwäsche.“
Etwa so: Das Konto der so genannten Kardinal-Spellmann-Stiftung. Gegründet und verwaltet von - de Bonis. Im Laufe der Zeit sollen Millionen Dollar über dieses Konto geflossen sein, fast immer in bar. Interessant, im Falle seines Todes - so verfügte de Bonis - sollte das Geld nicht etwa mildtätigen Zwecken zugeführt werden, sondern an Giulio Andreotti gehen, den siebenmaligen Ministerpräsident Italiens, dem immer wieder enge Mafiakontakte nachgesagt wurden.
Gianluigi Nuzzi - Buchautor: „Vatikan AG“ (Übersetzung MONITOR): „Ich denke, dass das bis heute das größte Problem der Vatikanbank ist. Diese Konten, die angeblich Nonnen, Priestern und Stiftungen gehören, die aber in Wirklichkeit nur Strohmänner sind.“
Getrieben von den Skandalen gründete Benedikt, nachdem er bereits fünf Jahre im Amt war, eine Finanzaufsichtsbehörde, die Transparenz in die Geschäfte der Vatikanbank bringen sollte. So wollte man aufgenommen werden in die weiße Liste der OECD für vertrauenswürdige Geldinstitute. Benedikt erließ ein Transparenzgesetz, das ein Mann allerdings bald wieder abändert. Kardinalstaatssekretär Bertone, die rechte Hand Benedikts. Der starke Mann im Vatikan, faktisch Regierungschef. Er soll dafür gesorgt haben, dass die Finanzaufsicht nur noch prüfen kann, was Bertone zur Prüfung freigibt.
Ferruccio Pinotti, Buchautor und Vatikanexperte (Übersetzung MONITOR): „Diese Änderung ging ganz sicher auf Bertone zurück, aber er hatte dabei auch die Unterstützung durch eine Gruppe von Kardinälen, die mit einer erhöhten Transparenz nicht einverstanden war. Eine wichtige Gruppe von Kardinälen möchte die Dinge so lassen wie sie sind, keine Transparenz und freie Hand bei den Finanzoperationen in der ganzen Welt.“
Echte Transparenz, davon sind der Vatikan und seine sehr spezielle Bank noch weit entfernt. Zu diesem Ergebnis kam im vergangenen Juli auch der Europarat. Dessen Antigeldwäsche-Kommission prüfte die Vatikanbank und kritisierte das geänderte Transparenzgesetz. Auch die Geheimhaltung der Konten wird angeprangert, so gäbe es etwa:
Zitat: „Umfangreiche Ausnahmen bei der Kundenidentifizierung“
Und:
Zitat: „Keine Vorkehrungen gegen Finanzierung von Terrorismus“
Vor allem aber:
Zitat: „Keine wirklich unabhängige Aufsicht“
Wenige Wochen vor dieser Kritik muss der ehemalige Vatikanbankchef Gotti Tedeschi gehen. Er sagt, er habe Probleme bekommen, als er Aufklärung über die Geheimkonten verlangte. Sein Nachfolger wurde vor wenigen Tagen der Deutsche Ernst von Freyberg. Er soll jetzt angeblich für Transparenz sorgen. Aber wie unabhängig wird er arbeiten? Freyberg ist in Rom kein Unbekannter. Er ist Ritter des Malteserordens, dort sogar in der Rechnungskammer. Jenes Ordens, dem schon so mancher in der Vatikanbank angehörte. Als hochrangiges Mitglied bekannt: Eben jener Donato de Bonis, der das System der Geheimkonten geführt hatte.
Ferruccio Pinotti, Buchautor und Vatikanexperte (Übersetzung MONITOR): „Man hat sich zu Gunsten einer dieser Gruppen entschieden, die sich in der Vergangenheit nun gerade nicht für ihre Liebe zur Transparenz und saubere Geschäfte hervorgetan haben, eine elitäre Organisation. Es wäre bestimmt besser gewesen, wenn Ratzinger einen Bankier ausgesucht hätte, der nichts mit diesen Machtkämpfen zu tun hatte.
Haben sich also jene durchgesetzt, die die Vorwürfe von Geldwäsche und Geheimkonten nicht aufklären wollen? Dafür spricht jedenfalls das Schicksal eben jenes Kardinals Nicora, der als bisheriger Chef der Finanzaufsicht am Samstag entmachtet wurde. Nicora war ein massiver Kritiker des Kardinalstaatssekretärs Bertone. Dessen Bankpolitik, so schrieb Nicora intern, ginge:
Zitat: „(…) zulasten einer durchdachten Verhinderung von Geldwäsche.“
Nach Nicoras Entlassung bekleidet den Posten nun einer, der als Freund Bertones, dem Mann von Benedikts Gnaden, gilt. Ein Sieg der Verhinderer, sagen Insider. Von den Transparenz-Versprechen des Papstes ist jedenfalls wenig übrig. Unter seinem Pontifikat ist die Vatikanbank ein Schattenreich geblieben. Benedikt ist ganz offenkundig gescheitert. Sein Rücktritt darf auch als das Eingeständnis dieses Scheiterns verstanden werden.
tagesschau.dePapst macht deutschen Ritter zum Chef der Vatikanbank
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MONITOR Nr. 648
06.06.201321:45 - 22:15 Uhrim Ersten
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Joseph Pulitzer (1847-1911)
"Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."Politikmagazine

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