Georg Restle vor dem Monitor-Logo Homepage des WDR

Nr. 644

URL: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2013/0221/wohnen.php5

Navigation von Monitor

Suche im Angebot von Monitor

Sie befinden sich hier:

Monitor Nr. 644 vom 21.02.2013

Verkommene Wohnungen, hohe Gewinne:

Wie der Staat Immobilienheuschrecken fördert



Video in hoher Auflösung

Bericht: Lutz Polanz, Andreas Maus

Georg Restle: "Wenn große Finanzinvestoren in Wohnraum investieren, heißt das für Mieter meist nichts Gutes. Die Heuschrecken der Finanzbranche hinterlassen in der Regel verwüstete Wohnlandschaften. Darüber haben auch wir schon häufiger berichtet. Was aber geschieht, wenn eine solche Heuschreckenplage zum zweiten oder zum dritten Mal über Wohnräume hinwegfegt? Und warum eigentlich fördert die Bundesregierung solche Geschäfte mit Steuererleichterungen? Lutz Polanz und Andreas Maus haben Mieter besucht, die sich fühlen, als würde ihr Albtraum nie zu Ende gehen."

Wir sind zurück, in Solingen. Vor zwei Jahren waren wir schon einmal hier. Maria Graci klagte damals über Schimmel in ihrer Wohnung und gesundheitliche Probleme. Und über einen Vermieter, den das nicht interessiere. Schon damals gehörte die Siedlung einem Finanzinvestor. Inzwischen hat ein neuer Investor hat übernommen, die Grand City Properties. Für Familie Graci wurde es noch schlimmer, sagt sie.

Maria Graci: „Mehr Schimmel als zuvor.“

Reporter: „Jetzt haben Sie doch einen neuen Eigentümer, kümmert der sich da nicht drum, oder?“

Maria Graci: „Ja, die schicken nur die Mitarbeiter, ein bisschen anstreichen und dann kommt wieder. Ein Monat kommt wieder, kommt wieder, kommt wieder, kommt wieder, immer.“

Ein paar Mal schickte der neue Eigentümer die Handwerker vorbei. Doch der Schimmel blüht weiter. Wir haben einen Fachmann mitgebracht. Dieter Küsters ist Baubiologe und Sachverständiger.

Dieter Küsters, Baubiologe Rechte: WDR Bild vergrößern

Dieter Küsters, Baubiologe

Dieter Küsters, Baubiologe: „Man sieht ganz eindeutig, dass wir im Bereich dieser Flecken eine Durchfeuchtung vorliegen haben. Das bedeutet, Wasser dringt bei bestimmten Wetterlagen, wenn der Regen vor die Fassade schlägt, nach innen ein. Und führt eben zu dieser Durchfeuchtung. Und nachfolgend eben auch zu diesem Schimmelpilzbefall.“

Reporter: „Was müsste man jetzt machen?“

Dieter Küsters, Baubiologe: „Man müsste zunächst die Fassade von außen sanieren, sprich abdichten und dann den Putz entfernen und damit auch den Schimmelpilzbefall entfernen.“

Reporter: „Aber das kostet natürlich eine Menge Geld?“

Dieter Küsters, Baubiologe: „Selbstverständlich.“

Günstige Malerarbeiten statt teure Sanierung der Bausubstanz? Und alles noch schlimmer als beim alten Investor? Wir fragen nach, beim aktuellen Eigentümer, der Grand City Properties, einem internationalen Investor mit Sitz in Luxemburg.

Christian Windfuhr, Grand City Properties: „Das sehen wir natürlich nicht so. Das können wir auch anhand der Dinge, die wir getan haben, nachweisen. Ich habe ein paar Fotos auch dabei, die das nachweisen. Wir haben also schon was da gemacht. Aber ich sage mal, bei 1.700 Mietern, die wir in den beiden Immobilien haben, über die wir sprechen, sind sicherlich welche, die sagen, es könnte noch ein bisschen schöner sein.“

Noch ein bisschen schöner! Auch diese Siedlung in Wuppertal gehört Grand City Properties. Der Mieterbund hier berichtet uns von zahlreichen Beschwerden. Auch bei Valentina Hasenbiller schimmelt es. Die Familie leidet an Atembeschwerden - ein typisches Symptom bei Schimmel.

Valentina Hasenbiller: „Dieses Jahr waren meine Kinder schon fünfmal krank. Und letztes Jahr auch. Wenn ich auch zur Schule schon anrufe, das ist schon mir so peinlich da anzurufen, zu sagen, mein Kind ist wieder krank. Dann sagen die „Frau Hasenbiller, was ist mit Ihren Kindern los? Die sind jetzt immer ständig krank.“

Vielleicht wird ihre Wohnung ja später saniert. Sechs Millionen Euro habe man in Wuppertal und Solingen investiert, sagt die Grand City Properties. Ihre Strategie mit den Immobilien sei „langfristig“ angelegt. Daniela Schneckenburger beobachtet einen ganz anderen Trend. Sie leitet eine Enquete-Kommission des NRW-Landtags. Dort hat man festgestellt, immer häufiger spekulieren Finanzinvestoren nur mit Wohnungen.

Daniela Schneckenburger: „Von Verkauf zu Verkauf wird eigentlich die Lage der Wohnungen schlechter und die Lage auch der Stadtteile schlechter. Der nächste, der kommt, investiert auch nicht. Der übernächste investiert ebenfalls nicht. Und am Ende hat man dann Wohnungen, die wirklich komplett abgewohnt sind.“

Wohin das führt, kann man in dieser Siedlung in Dortmund besichtigen. Vier Eigentümer in nur neun Jahren. Der aktuelle heißt Griffin Rhein Ruhr. Die Bausubstanz verfiel über die Jahre. Trotzdem lohnt sich das Geschäft mit solchen Siedlungen. Wie kann das sein? Wer eine Immobilie kauft, von dem kassiert der Staat ordentlich Grunderwerbssteuer. Und zwar so viel, dass sich ein schneller Weiterverkauf meist nicht rechnet. Es sei denn, man wendet einen ganz legalen Steuertrick an. Grunderwerbssteuer wird nämlich nur fällig, wenn man Häuser oder Grundstücke direkt kauft. Anders sieht es aus, wenn man das Unternehmen kauft, dem die Häuser gehören. Der Kniff dabei nennt sich „Share Deal“. Man kauft nicht das ganze Immobilienunternehmen, sondern maximal 94,9 %. Jemand, der den Rest hält, findet sich schon. Und schon zahlt man fast keine Grunderwerbssteuern mehr. Grand City Properties allerdings lässt uns nach dem Interview wissen, man habe die volle Grunderwerbssteuer gezahlt. Seltsam nur, in einem Dokument des Unternehmens finden wir lauter Beteiligungen knapp unter 95 %. Jener kritischen Grenze für die Grunderwerbssteuer. Knapp unter 95 % - auch bei unserem Dortmunder Beispiel, mit der Griffin Rhein Ruhr. Stefan Kofner sagt uns, solche Konstrukte seien längst üblich in der Branche.

Professor Stefan Kofner Rechte: WDR Bild vergrößern

Professor Stefan Kofner

Professor Stefan Kofner: „Man kommt sich schon veralbert vor. Man hat schon den Eindruck, Grunderwerbssteuer zahlen irgendwie nur die Dummen. Sie verzeihen mir, dass ich das jetzt so drastisch formuliere.“

Reporter: „Also solche Private Equity Fonds zahlen in der Regel eigentlich so gut wie gar nichts bei der Grunderwerbssteuer?“

Professor Stefan Kofner: „Nein, also weder beim Kauf, noch beim Verkauf. Man kann sagen, die haben eben die besseren Berater, die die Steuerschlupflöcher alle kennen und die Strukturen entsprechend optimieren.“

Ein Steuerschlupfloch, das mit dazu führt, dass ganze Stadtteile verkommen. Vom Finanzminister wollten wir wissen, warum er das duldet. Schriftlich lässt er mitteilen, dem Ministerium …

Zitat: „… liegen keine Erkenntnisse darüber vor, ob und inwieweit die Grunderwerbssteuer den Grundstücksmarkt in der von Ihnen beschriebenen Art und Weise tatsächlich beeinflusst.“

Vielleicht sollte der Minister mal mit Monika Hohmann sprechen. Wir sind zurück in Dortmund-Westerfilde. Seit 30 Jahren lebt die Mieterbeirätin hier. Früher, sagt sie, galt das als Mustersiedlung. Bevor die Finanzinvestoren kamen und gingen.

Monika Hohmann, Mieterbeirätin Rechte: WDR Bild vergrößern

Monika Hohmann, Mieterbeirätin

Monika Hohmann, Mieterbeirätin Dortmund-Westerfilde: „Beim Erstbesitzer, da brauchte man nur anrufen und hat die Lage geschildert, so und so ist das. Und da kam dann auch jemand raus, hat sich das angeguckt und dann wurde das auch zügig erledigt.“

Reporter: „Und heute?“

Monika Hohmann, Mieterbeirätin Dortmund-Westerfilde: „Heute wartet man und wartet, und dann ist schon der nächste Käufer auf der Matte und man fängt wieder von vorne an.“

In Dortmund gehört mittlerweile jede fünfte Wohnung einem Finanzinvestor. Und der Finanzminister? Der dealt sogar selbst mit beim Share Deal. 2012 verkaufte sein Ministerium die bundeseigene TLG Immobilien für 1,5 Milliarden Euro an zwei Finanzinvestoren. Auch bei Schäubles Geschäft fließt praktisch keine Grunderwerbssteuer. Das sei „legal“ und „marktüblich“, so das Ministerium. Steuergeschenk für die Finanzinvestoren allein hier geschätzt 50 Millionen Euro.

Bernhard von Grünberg, Deutscher Mieterbund NRW: „Das ist eine Sauerei, sowohl im Steuerrecht dem kleinen Steuerzahler gegenüber. Als auch natürlich in der Frage, was brauchen wir eigentlich in Zukunft für Wohnungen, nicht so abgewrackte Wohnungen wie die, wie diese Unternehmen sie hinterlassen.“

Übrigens. In Dortmund dreht sich das Investoren-Karussell schon wieder weiter. Griffin sucht einen Käufer für seine Häuser. Und - so hört man - die Interessenten stehen Schlange.

Georg Restle: "Auch wir haben natürlich versucht, mit der Griffin Rhein Ruhr zu sprechen. Aber uns ging es auch nicht besser als den Menschen in Dortmund. Wir sind schließlich auf Umwegen über Hamburg und Berlin auf einer Mail-Box in Dänemark gelandet."

Mehr zum Thema


Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 648

    06.06.201321:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • Thema

    Wasser Rechte: WDR

    Wasserprivatisi­­erung: Initiative schafft erstes europäisches Volksbegehren
    MONITOR hatte über die EU-Pläne zur europaweiten Privatisierung der Wasserversorgun­­g berichtet. Jetzt meldet right2water, dass die europäische Initiative genügend Stimmen für das erste europaweite Volksbegehren gesammelt habe. Bereits im Februar sei die erforderliche Anzahl von einer Million Unterschriften erreicht worden. Jetzt habe man das erforderliche Quorum auch in mehr als sieben europäischen Ländern erreicht.

    • WDR: MONITOR vom 13.12.2012Geheimoperation Wasser: Wie die EU-Kommission Wasser zur Handelsware machen will
    • WDR: MONITOR vom 14.03.2013Wasserprivatisierung Marsch! - Wie EU und Bundesregierung Politik für Großkonzerne betreiben
  • BLOG!

    Verlosungskisten NSU-Prozess Rechte: WDR/ARD

    Münchner Trauerspiel: Der Gerichtspräsident und der NSU
    Georg Restle im MONITOR-Blog: "Man weiß schon nicht mehr, ob man sich aus Wut oder purer Fassungslosigkeit an den Kopf greifen möchte. Die Selbstherrlichkeit des Münchner OLG-Präsidenten scheint pathologisch: Innerhalb weniger Wochen hat es Karl Huber geschafft, den Ruf der deutschen Justiz gründlich zu ruinieren." [mitbloggen]

  • Pressemeldung

    Dirk Niebel Rechte: WDR/imago

    Niebel-Ministerium stellte deutlich mehr FDP-Leute ein als bislang bekannt / Beamtenverband spricht von "beispiellosem Vorgang"
    Seit dem Amtsantritt von Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mehr als 40 FDP-Mitglieder und Mitarbeiter der Partei eingestellt. [weiterlesen]

  • VideoPodcast

    Monitor Logo  Rechte: WDR

    MONITOR zum Mitnehmen
    Der VideoPodcast für unterwegs!

  • Zitat

    Joseph Pulitzer Rechte: WDR/dpa

    Joseph Pulitzer (1847-1911)
    "Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

  • Politikmagazine

    Politikmagazine Rechte: ARD

    Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark


Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.

© WDR 2013