Welche Risiken birgt die ICSI?
Dienstag, 30. April 2002, 21.00 - 21.45 Uhr
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Das Risiko für ICSI-Kinder, zu früh geboren zu werden,
liegt bei 30-40 Prozent.
Prinzipiell sind alle ICSI-Schwangerschaften
so genannte Hochrisikoschwangerschaften, die eine intensive
ärztliche Betreuung im Vorfeld und während der
Schwangerschaft bedürfen. Durch das Behandlungsprinzip (siehe
Kapitel Methoden) sind nach der ICSI außergewöhnlich
hohe Raten von Mehrlingsschwangerschaften und Frühgeburten zu
verzeichnen. Ein weiteres Problem sind die erhöhten
Fehlbildungsraten bei ICSI-Kindern. Zwei bisher noch
unveröffentlichte Studien aus Deutschland und eine Studie aus
Australien [Hansen et.al. (2002): The risk of major birth defects after
introcytoplasmatic sperm injection and in vitro fertilization, N
Engl J Med. Vol 346(10), 725-730], kommen dabei zu
unterschiedlichen Ergebnissen.
Hintergründe
ICSI-Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen
Standardisierte Untersuchungen werden nach der Geburt
durchgeführt.
- In den westlichen Industrieländern sind angeborene
Fehlbildungen die häufigste Ursache der Kindersterblichkeit.
Bei 5-8 % aller
Neugeborenen werden Fehlbildungen diagnostiziert (1/5 davon sind
schwer bis lebensbedrohlich)
- Die häufigsten starken Fehlbildungen sind
Herzfehlbildungen sowie Fehlbildungen der Harn- und
Geschlechtsorgane, es treten aber auch Fehlbildungen am zentralen
Nervensystem, am Auge oder chromosomale Fehlbildungen auf.
- Zu den starken Fehlbildungen werden übrigens nicht die
Kinder gerechnet, die z.B. Defizite (geistige oder
statomotorische) aufgrund einer Frühgeburt erlitten
haben.
Mainzer Studie
Grundlage:
- Auswertung des Fehlbildungsregisters (Rheinhessen/ Mainz) seit
1990 (3600 Kinder pro Jahr geboren in 3 Kliniken), bei dem
insgesamt Ursachenforschung für Fehlbildungen durch
Medikamente, Alkohol, IVF, ICSI usw. untersucht werden
sollten.
- Anstoß dafür, dass man vor allem die ICSI genauer
unter die Lupe nimmt, kam von den Kinderkrankenschwestern, denen
zunächst aufgefallen ist, dass ICSI-Kinder vermehrt
Fehlbildungen haben.
- Da die Mainzer Uniklinik einen großen Einzugsbereich hat
für ‚Problemschwangerschaften' wurden nur Kinder aus
Mainz und näherer Umgebung, die dort entbunden wurden in die
Studie aufgenommen und standardisiert untersucht.
- In die Untersuchung eingeflossen sind auch induzierte Aborte,
Totgeburten und Aborte.
- Bisher sind 101 ICSI-Kinder erfasst worden.
Ergebnis:
- Das Risiko für Fehlbildungen ist bei ICSI-Kindern doppelt
so hoch ca. 13 Prozent
wie bei spontan konzipierten Schwangerschaften 6,8 Prozent.
- Diese Zahlen werden durch sehr ähnliche Ergebnisse der
australischen Studie bekräftigt: Zwischen 1993 und 1997 wurden
dort Fehlbildungen festgestellt bei 26 von 301 ICSI Kindern was
8,6 Prozent entspricht. Diese Rate liegt doppelt so hoch wie
bei den spontan konzipierten Kindern mit 4,2 Prozent
Fehlbildungen.
Kritik:
Der Mainzer Studie ist nicht repräsentativ, da ihr eine zu
kleine Fallzahl zugrunde liegt. Zudem handelt es sich um eine so
genannte Subgruppenanalyse, das heißt, die Ergebnisse kamen
bei der allgemeinen Ursachenforschung zu Fehlbildungen bei Kindern
zustande, es sind sozusagen Nebenergebnisse.
Lübecker Studie
Grundlage:
- Zwischen August 1998 und August 2000 wurden von
7.600 ICSI Kindern
in Deutschland 3.372 Kinder (=45 Prozent) aus 2.687
Schwangerschaften statistisch untersucht und verglichen
- Die Daten stammen von insgesamt 59 IVF-Zentren in
Deutschland
- In die Untersuchung wurden ICSI-Paare ab der 16ten
Schwangerschaftswoche mit einbezogen
Ergebnis:
- Gegenüber der bevölkerungsbezogenen Kontrollgruppe
mit 6,8 Prozent (jedes 15te Kind) Fehlbildungshäufigkeit
liegt diese bei der ICSI-Gruppe bei 8,6 Prozent (jedes 12te
Kind)
- Nach Herausrechnen des Hintergrundrisikos der ICSI-Eltern
(Alter, genetisches Risiko, Zeugungsunfähigkeit des Mannes)
auf ein so genanntes gleiches Startrisiko, weist nur jedes 13te bis
14te Kind Fehlbildungen auf.
Kritik:
Trotz der hohen Fallzahl ist die bundesweit angelegte Studie
nicht repräsentativ, da es nicht gelungen ist, mindestens
65 Prozent aller Fälle statistisch zu erfassen. Zudem
werden die induzierten Aborte vor der 16.ten Schwangerschaftswoche
nicht berücksichtigt, die ja meist wegen festgestellter
Fehlbildungen vorgenommen werden. Im Gegensatz zu Mainz sind die
Nachuntersuchungen der Kinder nicht standardisiert. Da die Zahlen
der Studie über reproduktionsmedizinische Zentren erfasst
worden sind, könnte es im Interesse der Zentren liegen,
"bessere" Zahlen für die ICSI zu gewinnen.
Wo könnten methodische Risiken bei der ICSI liegen?
künstliche Befruchtung einer Eizelle
Die Lübecker Studie zeigt, dass sich etwa ein Drittel der
Fehlbildungen nach ICSI nicht erklären lassen. Wenn
Störgrößen wie Mehrlingsschwangerschaften,
Frühgeburten oder Risiken von Seiten der Eltern ausgeklammert
werden, liegt die Vermutung nahe, dass das letzte Risiko die
Methode ICSI selbst ist und somit ebenfalls eine
Störgröße darstellt.
Anhand von Tiermodellen haben Wissenschaftler neue Erkenntnisse
gewonnen, dass nach dem Rendevouz von Ei und Spermium eine fein
abgestimmte "Choreografie der Befruchtung" abläuft
und die könnte bei der ICSI an verschiedenen Stellen aus dem
Takt geraten.
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