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Sendung vom 11. Juni 2002
Bluthirnschranke - die magische Grenze:
Blut ist ein ideales Transportmittel: Es durchströmt den
Körper bis in den letzten Winkel, erreicht alle Organe. Mit
ihm gelangen Nährstoffe, Stoffwechselprodukte und die Atemgase
an ihr Ziel. Auch Medikamente bringt es in kürzerster Zeit
dorthin, wo sie wirken sollen. Nur im Gehirn klappt das nicht: Hier
bilden die Zellen der Blutgefäße die so genannte
Bluthirnschranke. Sie lässt nur wenige, ganz bestimmte Stoffe
ins Gehirn und schützt es so vor schädlichen Substanzen
aus dem Blut. Diese Barriere zwischen dem Gehirn und dem
übrigen Körper ist überlebensnotwendig. Sie hat aber
auch einen Haken: Medikamente, die direkt ins Gehirn müssen,
um helfen zu können - wie z. B.
Zytostatika gegen Gehirntumore
oder AIDS-Medikamente
gegen ADC (AIDS Dementia Complex) -, werden
ebenfalls ausgesperrt. Mediziner, Pharmakologen und Biologen suchen
deshalb nach Wegen, diese Grenze zu umgehen und diese Wirkstoffe
ins Gehirn zu schleusen.
Blutgefäße sind von einer Zellschicht ausgekleidet, den so genannten Endothelzellen. Im Körper sind diese Endothelzellen relativ locker miteinander verbunden: Dort können Stoffe zwischen benachbarten Gefäßzellen und zwischen dem Innenraum der Adern und den restlichen Geweben hin und her diffundieren. In den Blutgefäßen des Gehirns sind diese Zellen jedoch so eng miteinander verbunden, dass zwischen ihnen kein Stoffaustausch mehr möglich ist. Der einzige Weg vom Blut ins Gehirn führt deshalb jeweils quer durch eine Endothelzelle hindurch. Dazu müssen die Stoffe zunächst durch die Zellmembran der Gefäßzellen. Die aber bildet zur Blutgefäßseite hin eine hermetische Barriere. Zur Gehirnseite hin ist sie relativ durchlässig.
Wie jede Zellmembran ist auch hier die Membran aus einer
Doppelschicht aufgebaut, die außen wasserlöslich
(hydrophil) und innen fettlöslich (lipophil) ist.
Wasserlösliche Stoffe kommen durch diese innere,
fettlösliche Schicht nicht durch und haben deshalb an der
Bluthirnschranke keine Chance. Gleiches gilt für sehr
große Moleküle. Es sei denn, sie haben einen
Passierschein, also eine bestimmte Struktur, die zu speziellen
Rezeptormolekülen in der Membran passt wie ein Schlüssel
zum Schloss. Wenn sie an diesen
Rezeptor andocken, werden sie durch die
Membran ins Innere der Zelle geschleust. Glucose z. B. gelangt auf diesem Weg
durch die Bluthirnschranke und auch große Fettmoleküle,
die an Trägermoleküle gebunden im Blut zirkulieren.
Je kleiner und fettlöslicher ein Molekül ist, desto leichter kann es durch eine Zellmembran wandern. Damit auf diese Weise nicht alle erdenklichen Stoffe ins Gehirn gelangen, sind die Membranen der Gefäßzellen dort mit Wächterproteinen gespickt. Sie werden ABC-Carrier genannt. Diese Wächterproteine erkennen und binden die meisten im Gehirn unerwünschten Moleküle und werfen sie wieder hinaus, bevor sie das Zellinnere erreichen. Manche Moleküle schaffen es aber, sich an den Wächtern vorbeizumogeln und ins Gehirn zu gelangen, wie Alkohol, Nikotin oder auch Heroin. Bei manchen dieser Moleküle – Nikotin zum Beispiel - ist noch nicht ganz klar, warum ausgerechnet sie dazu in der Lage sind. Überhaupt weiß niemand ganz genau, wie ein Molekül aussehen muss, damit es eine Chance hat, die ABC-Carrier zu überlisten.
Die meisten Arzneimittel, die man ins Gehirn schleusen möchte, sind entweder zu groß, zu wasserlöslich oder sie werden von den ABC-Carriern abgefangen. Also müssen die Wissenschaftler nach anderen Lösungen suchen. Eine Möglichkeit ist, die Bluthirnschranke eine Zeit lang komplett außer Gefecht zu setzen. Das geht zum Beispiel mit hochkonzentrierter Lösung von im Körper schwer abbaubaren Zuckern. Sie bewirken, dass die engen Zellverbindungen der Blutgefäße im Gehirn zerreißen und die Bluthirnschranke wird für mehrere Stunden völlig durchlässig. In dieser Zeit kann man dann die erforderlichen Medikamente, z. B. Anti-Tumormittel, verabreichen. Das Verfahren ist jedoch nicht risikofrei, denn das Gehirn ist in diesen Stunden vor sämtlichen schädlichen Stoffen aus dem Blut völlig ungeschützt. Wissenschaftler vom Max Planck Institut für Biophysik in Göttingen und Ärzte der Kinderklinik in Göttingen arbeiten jedoch zurzeit gemeinsam daran, diese Strategie zu verfeinern. Sie setzen die Bluthirnschranke mit so genannten Alkylglycerinen außer Gefecht. Allerdings hält der Effekt dieser Substanzen weniger als zwei Minuten an. Die Gefahren für das Gehirn sind dadurch sehr viel geringer. Das Verfahren ist im Moment noch im Versuchsstadium, steht aber kurz vor den ersten klinischen Tests.
Eine Alternative ist es, die Arzneistoffe gezielt und selektiv
durch die Bluthirnschranke zu schleusen: Huckepack mit Stoffen, die
die Barriere überwinden können. Ein Team aus
Pharmakologen, Zellbiologen und Medizinern aus Frankfurt verfolgt
diesen Ansatz mit so genannten Nanopartikeln. Aus neutralen, in
Körperzellen abbaubaren Molekülen stellen sie winzige
Partikeln von maximal einem hunderttausendstel Millimeter her. In
diese bauen sie ein Anti-Tumormittel, ein Zytostatikum, ein. Wenn
diese Nanopartikeln mit einem bestimmten
Tensid überzogen sind, werden sie durch
die Membranen der Bluthirnschrankenzellen geschleust. Die Forscher
vermuten, dass der Hilfsstoff selektiv einen
"Passierschein" aus dem Blutplasma anzieht: ein kleines
Molekül, das an einen Rezeptor in der Zellmembran der
Bluthirnschranke passt. Damit können sich die Nanopartikeln
"tarnen". In den Zellen angekommen, zerfallen sie dann in
ihre Einzelmoleküle und setzen den Wirkstoff frei. Dieser
tritt auf der "Gehirnseite" der Zellen wieder aus.
Die Frankfurter Forscher haben die mit Zytostatika beladenen Nanopartikeln an Ratten getestet, die an einem Glioblastom leiden: dem bösartigsten und häufigsten aller Gehirntumoren. Spritzt man den Ratten den Wirkstoff alleine, wächst der Tumor sehr schnell. Die Tiere sterben dann in zwei bis vier Wochen. Ist der Wirkstoff jedoch an die Nanopartikeln gebunden, überleben die Tiere deutlich länger. Das Wachstum des Tumors wird gestoppt, oft bildet er sich sogar völlig zurück. Im nächsten Schritt sollen nun klinische Tests zeigen, ob eine solche Therapie auch Menschen mit Gehirntumoren helfen kann.
Ismeni Walter
Stand: 11.06.2002
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