Das Blutwunder von Neapel - selbst gemacht
- Dienstag, 09. Juli 2002, 21.00 - 21.45 Uhr
Die wundersamen Eigenschaften einer thixotropen Mischung - und ein Rezept
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"Das Blutwunder von Neapel"
In Neapel ereignet sich jedes Jahr am ersten Maisamstag eine
fantastische Verwandlung: Das Blut des Sankt Januarius, des
Schutzheiligen der Stadt, wird nach mehr als 1500 Jahren wieder
flüssig. Viele Menschen verehren dieses Phänomen als
Wunder.
Der Chemieprofessor Luigi Garlaschelli hat jedoch eine andere
Erklärung. Für ihn wurde die geheimnisvolle
Flüssigkeit erst im späten Mittelalter aus einigen
wenigen - damals bereits bekannten - Chemikalien zusammengemischt.
Als Indiz dafür hat er selbst eine Mixtur entwickelt, die dem
Blut des Heiligen täuschend ähnlich sieht und auch die
gleichen Eigenschaften besitzt: In Ruhe stehen gelassen ist die
Substanz fest, wird sie jedoch bewegt, z.B. geschüttelt,
verflüssigt sie sich.
Substanzen mit dieser Eigenschaft nennt man thixotrop. Auch Ketchup
gehört dazu, wenn man ihn in der Flasche kräftig
schüttelt, fließt er leichter heraus. Wer das Original
von Professor Garlaschelli nachmachen möchte, für den
haben wir eine Anleitung zusammengestellt.
Rezept für eine thixotrope Mischung
Zutaten:
FeCl36H2O - Eisen (III) chlorid ist eine altbekannte
Chemikalie. Das entsprechende Hexahydrat ist ein gelber Feststoff.
Es sollte in einem Behälter dicht verschlossen aufbewahrt
werden, da die Substanz hygroskopisch (wasseranziehend) ist.
CaCO3 - Calciumcarbonat ist ebenfalls eine weit
verbreitete Substanz. Als Rohstoffquellen geeignet sind fein
zerkleinerter Marmor oder Eierschalen. NaCI - Natriumchlorid,
gewöhnliches Salz, Meersalz oder Steinsalz. Es können
auch andere lösliche Salze wie Calciumchlorid,
Natriumsulfat etc. eingesetzt
werden.
H2O - destilliertes Wasser
Einen Dialyseschlauch - Hierbei handelt es sich um einen Zelluloseschlauch, der in verschiedenen Durchmessern angeboten wird und auf die gewünschte Länge zugeschnitten werden kann. Eine Dialysemembran ermöglicht die Trennung einer Mischung aus so genannten kolloidalen Teilchen und gelösten Salzen, weil nur die kleineren Salzionen durch die Membranporen hindurchwandern können. Die kommerziellen Artikel haben verschiedene "cut-off"-Größen, die das größte Molekulargewicht angeben, das durch die Membran hindurchpasst. In unserem Fall sollte fast jeder Membrantyp einsetzbar sein. Eine Art natürlicher Dialyseschlauch sind tierische Blasen oder Därme. Diese kann man von einem Schlachter erhalten; je dünner sie sind, desto besser.
Zubereitung
Man löst 25g FeCl3 6H2O in
100ml Wasser, es
entsteht eine klare rötlich-orange Lösung. Hiernach
fügt man 10g
pulverisiertes CaCO3 hinzu. Da die
Eisenchloridlösung sauer ist, beginnt die Mischung zu
schäumen und CO 2 zu entwickeln.
Daher sollte man die Zugabe des CaCO3 langsam und unter
Rühren vornehmen. Der relative Gehalt an Eisenchlorid und Base
kann variieren, aber eine vollständige Ausfällung von
gebildetem Eisenhydroxid muss vermieden werden. Als Base kann
alternativ Kaliumcarbonat (aus Holzasche) verwendet werden. Festes
NaHCO3 (Backsoda) oder Na2CO3
(Solvaysoda) in einer wässrigen Lösung funktionieren
ebenfalls. Die Lösung verfärbt sich auf Grund der Bildung
von kolloidalem FeO(OH) dunkelbraun.
Um die Mischung zu dialysieren, schneidet man ca. 30cm des Plastikschlauches ab,
wässert ihn gut und macht einen Knoten an einem Ende. Der
Schlauch wird nun zur Hälfte seines Volumens mit der zu
reinigenden Mischung gefüllt und anschließend in ein
Gefäß mit destilliertem Wasser gehängt. Man passt
das Füllniveau des Wassers und des Schlauches einander
an.
Das Niveau der Flüssigkeit im Dialyseschlauch wird bald
aufgrund der stattfindenden Osmose ansteigen. Wasser fließt
in den Schlauch hinein, während die Salze aus dem Schlauch
heraus diffundieren. Das destillierte Wasser wird drei- bis vier
Mal nach jeweils 24 Stunden gewechselt, zumindest jedoch so oft,
bis es nicht mehr gefärbt ist. Wichtig ist, dass der
Schlauchinhalt nicht in das destillierte Wasser hineinfließt
und umgekehrt.
Die resultierende Lösung kann als solche verwendet oder
auf ca. 100ml aufkonzentriert werden. Dies
lässt sich leicht erreichen, indem man die Lösung in ein
Gefäß eingießt und die Flüssigkeit langsam an
der Luft verdunsten lässt. Ein Teil der Lösung wird in
einen kleinen Rundkolben gegossen, eine winzige Menge NaCl
zugesetzt und sehr gut geschüttelt. Man muss diese Mischung
für eine gewisse Zeit ruhig stehen lassen und schauen, ob sie
geliert. Falls nicht, muss man noch etwas Salz
hinzufügen.
Ist eine Lösung hoch konzentriert oder wurde viel Salz
hinzugegeben, wird sich das Thixotropierungsgel schnell bilden und
durch Schütteln nur schwer wieder zu verflüssigen sein.
Ist die Lösung dagegen stärker verdünnt und wird
eine Menge Salz verwendet, so dauert die Gelbildung etwas
länger (manchmal sogar bis zu zwei Tage), aber das Gel wird
sehr stoßempfindlich sein und leicht flüssig werden.
Wenn zu viel Salz hinzugefügt wurde, wird das Sol ausflocken
(d. h. es wird
ausfallen).
Es werden sicher einige Versuche und Feinoptimierungen nötig
sein, bis man die Rezeptur beherrscht!
Praktische Anmerkungen
Die endgültige Mischung ist nicht toxisch. Die für die
Herstellung der Mischung verwendeten Glasgeräte sollten
unmittelbar nach ihrem Gebrauch mit Wasser, Spülmittel und
einer Bürste gereinigt werden. Ältere Flecken können
mit wenig Salzsäure entfernt werden.
Gele sind trickreich: Bei Thixotropierungssolen stellt sich nach
einigen Monaten ein Gleichgewicht ein, und ihre endgültigen
Eigenschaften können sich von den ursprünglichen
unterscheiden. (Üblicherweise gelieren sie unvollständig
und werden nur sehr viskos). In diesem Fall kann nochmals eine
kleine Menge Salz hinzugefügt werden; dies sollte ihnen ihre
Ursprungseigenschaften zurückgeben.
Trickblut - selbstgemacht
Man nehme etwas Ammoniumthiocyanat NH4SCN und etwas
Eisen(III) chlorid
FeCl3, löse diese Substanzen jeweils in
destilliertem Wasser, FeCl3 löst sich besser mit
einem Tropfen verdünnter Salzsäure, in jede der
Flüssigkeiten einen Wattebausch eintauchen. Die
Wattebäusche werden rot, wenn sie sich berühren - ein
perfekter Party
-Trick!
Aber bitte Vorsicht! Einige der verwendeten Chemikalien sind nicht
ungefährlich. Beachten Sie auf jeden Fall alle
Gefahrenhinweise der Hersteller.
: Ulrich Grünewald
Stand: 09.07.2002
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