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Sendung vom 09. Juli 2002
Doktor Eisenbarth - Scharlatan oder Chirurg?
Ich bin der Doctor Eisenbarth,
Kurier die Leut' nach meiner Art,
Kann machen, daß die Blinden gehen
Und daß die Lahmen wieder sehn.
Zu Wimpfen accouchierte ich
Ein Kind zur Welt gar meisterlich.
Dem Kind zerbrach ich sanft das G'nick,
Die Mutter starb zum Glück.
In Potsdam trepanierte ich
Den Koch des großen Friederich.
Ich schlug ihm mit dem Beil vorm Kopf,
Gestorben ist der arme Tropf.
Zu Ulm kuriert ich einen Mann,
Daß ihm das Blut am Beine rann,
Er wollte gern gekuhpockt seyn,
Ich impft's ihm mit dem Bratspieß ein.
Des Küsters Sohn in Dideldum
Dem gab ich zehn Pfund Opium.
Drauf schlief er Jahre, Tag und Nacht,
Und ist bis jetzt noch nicht erwacht.
Sodann dem Hauptmann von der Lust
Nahm ich drei Bomben aus der Brust;
Die Schmerzen waren ihm zu groß.
Wohl ihm! Er ist die Juden los.
Es hatt' ein Mann in Langensalz'
Ein'n centerschweren Kropf am Hals,
Den schnürt ich mit dem Hemmseil zu,
Probatum est, er hat jetzt Ruh'.
Der Schulmeister von Itzehöh
Litt dreißig Jahr' an Diarrhoe,
Ich gab ihm Cremor-Tart'ri ein;
Er ging zu seinen Vätern ein.
Es litt ein Mann am schwarzen Staar,
Das Ding, das ward ich gleich gewahr;
Ich stach ihm beide Augen aus
und so bracht ich den Staar heraus.
Der schönen Mamsell Pimpernell
Zersprang einmal das Trommelfell;
Ich spannt' ihr Pergament vors Ohr,
Drauf hörte sie grad' wie zuvor.
Zu Prag da nahm ich einem Weib
Zehn Fuder Steine aus dem Leib.
Der letzte war ihr Leichenstein.
Die wird wohl jetzt kurieret seyn.
Das ist die Art, wie ich kurier' ,
Sie ist probat, ich bürg' dafür.
Daß jedes Mittel Wirkung thut,
Schwör ich bei meinem Doctorhut.
Das bekannte Volkslied "Ich bin der Doktor Eisenbarth" wurde 73 Jahre nach dem Tod des berühmten Chirurgen von einem verbummelten Studenten gedichtet. Medizinhistorische Untersuchungen zeigen jedoch, dass Doktor Eisenbarth (1663-1727) und die meisten seiner "fahrenden" Berufskollegen nicht nur besser waren als ihr Ruf, sondern als Handwerkschirurgen hervorragende Spezialisten waren. Doktor Eisenbarth spezialisierte sich als Starstecher, Bruch- und Steinschneider, bewies aber auch in anderen komplizierten Operationen seine Geschicklichkeit. Er erfand eine besondere Starnadel und einen Polypenhaken und gründete in Magdeburg die erste deutsche pharmazeutische Fabrik, wo er seine Arzneimittel in großem Stil herstellte. Auf Grund seiner besonderen Fähigkeiten wurde Eisenbarth von vielen Fürsten privilegiert und 1717 wurde er vom preußischen König sogar zum Hofrat ernannt.
In seinen besten Jahren zog Eisenbarth mit einem Tross von 120
Personen, darunter Komödianten, Seiltänzern, Musikanten
und chirurgischen Gehilfen über die Jahrmärkte und
stellte sich seinem Publikum nicht ohne Grund mit den Worten vor:
"Ich bin der berühmte Eisenbarth". Er ließ
durch seine Sekretäre dem staunenden Publikum seine
Privilegienbriefe, Attestate von Bürgermeistern und dankbaren
Patienten präsentieren. Auf seinen Werbezetteln rühmt er
sich, rund 3000 größere Operationen durchgeführt zu
haben.
Damit die fahrenden Heiler den ortsansässigen zünftigen
Wundärzten nicht das Brot streitig machen konnten, durften sie
nur für kurze Zeit und meist nur auf Jahrmärkten ihre
Kunst ausüben und mussten dann weiterziehen. Als Eisenbarth zu
den Jahrmärkten 1700 und 1701 nach Frankfurt kam und seinen
Operationssaal in das Gasthaus "Zur Stadt Darmstadt"
verlegte, sah ihm der 17-jährige Sohn des Wirtes interessiert
zu und beschloss daraufhin begeistert, zuerst die handwerkliche
Chirurgie zu erlernen und dann Medizin zu studieren: es war Lorenz
Heister (1683-1758), später Professor für Anatomie und
Chirurgie. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen
Chirurgie.
Elmar Sommer und Adam Bostanci
Stand: 09.07.2002
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