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Wunderdroge Grüner Tee?

  • SendeterminDienstag, 10. Dezember 2002, 21.00 - 21.45 Uhr .

Das Modegetränk

Der grüne Tee avancierte in den 90er Jahren zum Modegetränk: Von 1990 bis 1999 stieg sein Verbrauch in Deutschland von 85 auf 6.000 Tonnen an. Inzwischen gehen die Einfuhrzahlen zwar leicht zurück, doch parallel dazu tauchen immer mehr Produkte auf dem Markt auf, die mit grünem Tee angereichert sind: Apfelsaftschorle, Joghurt und sogar Lakritz. Was sich die Hersteller davon versprechen, ist klar: Der Verbraucher soll das Produkt für gesund halten - im Zweifel für gesünder als das der Konkurrenz. Aber ist grüner Tee wirklich so gesund? Und ist er tatsächlich gesünder als sein schwarzer Verwandter?

Das Wundergetränk?

Foto: Junge Frau blickt in Tee
Jungbrunnen grüner Tee?

Seit einigen Jahrzehnten beobachten Wissenschaftler, dass Menschen, die Tee trinken, oft gesünder sind, als Menschen, die Kaffee oder andere Getränke regelmäßig trinken. Sie bekommen seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einige Krebsarten treffen Teetrinker anscheinend seltener als Nicht-Teetrinker. Sie haben weniger Karies und die Augenkrankheit StichwortGrüner Star tritt ebenfalls seltener auf.

Allerdings sind das lediglich die Ergebnisse von wissenschaftlichen Beobachtungen; das heißt: Feldforscher haben Menschen nach ihren Trink- und Lebensgewohnheiten sowie ihren Erkrankungen befragt. Die Beobachtungen sind zwar interessant, aber noch keineswegs wissenschaftlich bewiesen. Es könnte auch sein, dass Teetrinker sowieso gesünder leben als Nicht-Teetrinker, dass sie weniger rauchen, mehr Sport treiben usw.

Um zu beweisen, dass Tee - und im besonderen grüner Tee - gesund macht, muss man das fernöstliche Getränk genauer unter die Lupe nehmen.

Was ist drin?

Grafik: Chemische Darstellung von Epigallocatechingallat
Epigallocatechingallat (EGCG) gilt als das wirksamste Flavonoid.

Welche Inhaltsstoffe hat der grüne Tee denn überhaupt? In geringen Mengen weist er die Vitamine A, B, B2 und B12 auf. Dazu birgt er einige Mineralstoffe wie Kalzium, Kalium, Magnesium und Fluorid. Außerdem sind im grünen Tee einige Spurenelemente enthalten wie Kupfer, Nickel, Zink und der Muntermacher Coffein. Alles in allem ein gesunder Cocktail.

Zu den interessantesten Inhaltsstoffen des grünen Tees gehören die Flavonoide, eine Untergruppe der StichwortPolyphenole. Bis zu ein Drittel der Trockenmasse des Tees besteht aus Polyphenolen. Innerhalb der Flavonoide gelten die StichwortCatechine als eine besonders wichtige Stoffgruppe und auch Catechine sind im Tee enthalten.

Was sind Flavonoide?

Die heilende und gesunderhaltende Wirkung der Flavonoide haben die Wissenschaftler erst in den letzten 20 Jahren entdeckt, obwohl diese in der Natur sehr weit verbreitet sind. In vielen Lebensmitteln sind Catechine und andere Flavonoide enthalten, so zum Beispiel in Äpfeln, Aprikosen, Trauben, Schokolade und Rotwein. Der Vorteil des Tees: Man kann ihn in großen Mengen ohne Kalorien und Alkohol zu sich nehmen.

Es gibt über 1.000 Verbindungen, die zu den Flavonoiden zählen. Etwa 50-100 davon vermuten Experten in den unterschiedlichen Teesorten.

Wie wirken Flavonoide

Foto: Skizze, Lipoproteine
Im Blut könnte der grüne Tee die Oxidation der Lipoproteine verhindern und so die Gefäße schützen.

Die wohl wichtigste Eigenschaft der Flavonoide ist ihre so genannte antioxidative Wirkung. Sie verhindern, dass für StichwortOxidation empfindliche Stoffe durch freie Radikale zerstört werden. Flavonoide schützen diese Stoffe, indem sie die freien Radikale abfangen.

Jedes einzelne Flavonoid hat eine andere Wirksamkeit. Deshalb unterscheiden sich die einzelnen Teesorten je nach Flavonoidmuster auch in ihrer potentiellen Wirksamkeit.

Im Körper könnten die Flavonoide an mehreren Stellen helfen: Zum Beispiel könnten sie die für die Gefäße so gefährliche Oxidation einiger StichwortLipoproteine verhindern. Wenn sie durch Radikale oxidiert werden, führt das am Ende zur Verengung oder gar Verstopfung der Gefäße.

Auch Krebs entsteht zum Teil durch unkontrollierte Oxidation, z. B. des Erbgutes.

Ist also die antioxidative "Kraft" der Flavonoide der Schlüssel für die Gesundheit der Teetrinker?

Flavonoide im Menschen

Grafik: Veränderung im Urin; Diagrammdarstellung
Nach dem Genuss von Tee steigt im Urin die antioxidative Aktivität...

Bis heute gibt es jedoch keinen Beweis dafür, dass die Flavonoide aus grünem Tee überhaupt ins Blut über- gehen. Die Hinweise auf eine Heilwirkung stammen fast alle aus Reagenzglas-, Zellkultur- oder Tierversuchen - Versuche dazu mit Menschen gibt es bislang nicht. Und nicht selten wurden bei den Versuchen unnatürlich große Flavonoidmengen eingesetzt.

Grafik: Veränderung im Blut; Diagrammdarstellung
...im Blut verändert sie sich dagegen nicht

Eine kleine Studie aus Jena zeigt das Dilemma: Proban- den haben einen halben Liter normal aufgebrühten grünen Tee getrunken und mussten in regelmäßigen Abständen Blut- und Urinproben abgeben. Das Ergebnis: Im Urin fanden die Jenaer Forscher die antioxidative Wirkung der Flavonoide wieder. Im Blut hingegen nicht. Was geschieht also mit den Polyphenolen im mensch- lichen Körper? Wie und wo werden sie aufgenommen? Wie werden sie verändert? Wie abgebaut? All diese Fragen sind noch offen und die heilende Wirkung von schwarzem und grünem Tee ist weiterhin nicht bewiesen.

Ist Schwarzer Tee schlechter?

Immer mehr Experten gehen davon aus, dass der schwarze Tee ähnliche Eigenschaften hat wie der grüne. Auch in ihm sind antioxidativ wirkende Flavonoide enthalten, allerdings andere als im grünen Tee. Das liegt an der StichwortFermentation: Durch sie verbinden sich einige Flavonoide miteinander. Erst im Körper werden diese Verbindungen zum Teil wieder gelöst, so dass letztlich mit dem schwarzen Tee die gleichen Flavonoide wie mit grünem Tee in unsere Körper gelangen.

Stichwörter

1 Grüner Star
Die richtige Bezeichnung für die umgangssprachlich "Grüner Star" genannte Krankheit ist Glaukom. So nennt man eine Gruppe von Krankheiten, bei denen der Druck im Auge anomal ansteigt. Dadurch schränkt sich das Gesichtsfeld immer mehr ein und die Sehfähigkeit lässt nach. Zurück zum Absatz
2 Polyphenole
Polyphenole sind sekundäre Pflanzenstoffe, die in verschiedene einzelne Stoffklassen unterteilt werden. Zu den Polyphenolen gehören zum Beispiel die Flavonoide. Sie sind im Grünen Tee, in der Weinrebe oder in Olivenblättern enthalten. Auch die roten oder blauen Pflanzenfarbstoffe von Früchten, die Anthocyane, gehören zu den Polyphenolen. Zurück zum Absatz
3 Catechine
Catechine gehören zur Gruppe der Flavonoide. Sie werden manchmal auch als Tee-Polyphenole bezeichnet, weil sie besonders reichlich im grünen Tee vorkommen. Catechinen werden als besonders gesundheitsförderlich eingestuft: So haben sie zum Beispiel starke antioxidative Fähigkeiten gegenüber freien Radikalen. Zurück zum Absatz
4 Oxidation
Oxidation benennt ursprünglich die chemische Vereinigung von Elementen mit Sauerstoff. So ist zum Beispiel das Rosten von Eisen eine Oxidation. Verallgemeinert bezeichnet man damit chemische Prozesse unter Abgabe von Elektronen. Zurück zum Absatz
5 Lipoproteine
Lipoproteine sind kugelförmige Partikel mit einem wasserunlöslichen Kern, der aus Lipiden besteht, und einer wasserlöslichen Hülle aus Proteinen sowie Phospholipiden und Cholesterin. Sie dienen den wasserunlöslichen Lipiden als Transportmittel in wässrigen Systemen wie Blutkreislauf und Lymphsystem. Zurück zum Absatz
6 Fermentation

Fermentation bezeichnet den Prozess einer biochemischen Stoffumwandlung durch Mikroorganismen oder Enzyme. Die Fermentation wird zur Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln ( z. B. Bier, Wein, Backhefen, Essig, Joghurt) genutzt, aber auch zur Gewinnung von Medikamenten (z. B. Penicillin). Einige Lebens-  bzw.  Genussmittel, wie Tabak, Tee und Kaffee, werden zum Zwecke der Aromaentwicklung fermentiert.

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Angela Bode

Stand: 10.12.2002


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