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Quarks & Co
Sendung vom 25. März 2003
Die Geschichte des Insulins
Noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts glich die Diagnose "zuckerkrank" einem Todesurteil. Vor allem Kinder waren davon betroffen. Bis dahin wusste man nur, dass im Körper der Kranken zu viel Zucker vorhanden war - denn selbst der Urin schmeckte süß. Also ließ man die Kinder hungern, um den Zuckergehalt zu senken. Das war die einzige Therapie damals. Damit wurde das Leben zwar verlängert, aber auch das Leiden. Geheilt wurde auf diese Weise niemand - kein Erwachsener und kein Kind.
Mehrere Forscher arbeiteten damals daran, die Zuckerkrankheit zu heilen. Einige stellten einen Zusammenhang zwischen dieser Krankheit und der Bauchspeicheldrüse her: Hunde, denen sie die Bauchspeicheldrüse entfernt hatten, entwickelten Diabetes. Trotzdem gelang es keinem Forscher, ein Gegenmittel zu finden. Denn noch kannte niemand den Stoff, der den Zuckerkranken fehlt und bei Gesunden in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Schließlich führte der junge Arzt Frederick Banting zusammen mit seinen Kollegen Charles Best und James Collip das entscheidende Experiment durch: Sie stellten aus den Bauchspeicheldrüsen von Hunden einen Extrakt her und behandelten damit einen Versuchshund mit Diabetes: Der Hund erholte sich. Wenige Monate später, im Januar 1922, behandelten sie den ersten Menschen - mit Erfolg: Das Insulin war entdeckt! Verschiedene Firmen begannen daraufhin, Insulin aus den Bauchspeicheldrüsen von Tieren zu produzieren. Das war die Rettung: Kein Mensch musste mehr an der Zuckerkrankheit sterben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen erste Probleme auf: Die Bevölkerung wuchs und Diabetes nahm zu. Mitte der 70er Jahre rechneten Studien hoch, dass schon etwa 20 Jahre später das Insulin nicht mehr für alle DiabetikerInnen reichen würde. Immerhin brauchte man für eine/n DiabetikerIn die Bauchspeicheldrüsen von rund 100 Schweinen pro Jahr. Dazu kam ein anderes Problem: Das tierische Insulin unterscheidet sich in einigen wenigen Bestandteilen vom menschlichen Insulin und etwa 5 % der DiabetikerInnen reagierten allergisch darauf. Ob die Allergien allerdings tatsächlich auf das tierische Insulin zurückzuführen waren oder vielleicht von den Trägerstoffen ausgelöst wurden, weiß man bis heute nicht. Diese Probleme ließen die Wissenschaftler weiter forschen.
Ende der 70er stellten einige Forscher in den USA ein
Lösungsmodell vor:
Bakterien sollten menschliches Insulin
produzieren. Dazu haben sie in die Erbsubstanz der
Darmbakterien Escherichia coli das menschliche
Gen für Insulin eingepflanzt. Und zwar
so, dass dieses Gen an bakterielle
DNA gekoppelt war. Auf dieser bakteriellen
DNA befinden sich bestimmte Kontrollabschnitte. Sie bestimmen, wie
oft die bakteriellen Enzyme das Insulin-Gen ablesen und in das
Eiweiß - in diesem Fall in das Hormon
Insulin - übersetzen sollen. Die Bakterien produzieren auf
diese Weise Insulin, das genauso aussieht wie menschliches Insulin.
Es war das erste gentechnisch produzierte Medikament, das zur
Behandlung einer Krankheit eingesetzt wurde.
Allerdings wurden auch hier wieder skeptische Stimmen laut: Einige
PatientInnen hatten bei der Umstellung von tierischem auf
menschliches Insulin Probleme. Sie gerieten so schnell und
unbemerkt in einen unterzuckerten Zustand, dass sie ins Koma
fielen. Bei DiabetikerInnen, die von Anfang an dieses
"menschliche" Insulin bekamen, traten diese Symptome
nicht häufiger auf als bei tierischem Insulin.
1982 wurde Insulin als erstes gentechnisch produziertes Medikament
in den USA zugelassen. Seit Ende der 90er Jahre wird menschliches
Insulin auch in Deutschland produziert. Weltweit gibt es kaum noch
tierisches Insulin auf dem Markt. Das Insulin machte damals den
Anfang. Inzwischen werden mit dieser Technik - der Gentechnik -
viele medizinische Wirkstoffe produziert. Allein in Deutschland
sind es bereits über 100.
Tanja Winkler
Stand: 25.03.2003
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