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Die wilden Vorfahren des Huhns

  • SendeterminDienstag, 22. April 2003, 21.00 - 21.45 Uhr .
Grafik: Verbreitungskarte der 5 Unterarten
Die Heimat der Bankivahühner: ein gewaltiges Areal.

Nackt, braungebrannt und knusprig liegt es auf unserem Teller: das Haushuhn. Wir züchten es um seiner Eier willen oder eben wegen seines mageren, weißen Fleisches. Aber wie lange gibt es unser Haushuhn eigentlich schon? Wann wurde es domestiziert, von wem und zu welchem Zweck? Zur Beantwortung dieser Fragen machen wir uns auf die Suche nach den wilden Vorfahren des Haushuhns.

Die Suche führt uns nach Südostasien. Hier lebt das rote Kammhuhn oder Bankivahuhn - ein Wildhuhn, das unserem modernen Haushuhn sehr ähnlich ist. Doch es existieren fünf verschiedene Unterarten des Bankivahuhns, die in einem riesigen Verbreitungsgebiet von Westindien bis Südchina und Indonesien vorkommen. Von welcher dieser Unterarten aber stammt nun unser Haushuhn ab?

Haushühner im Industal

Foto: Größenvergleich der Hühnerknochen
Der Vergleich der Knochen beweist: Das Haushuhn ist größer als seine wilden Verwandten.

Noch in den 80er Jahren schien diese Frage geklärt. Man vermutete, unser Haushuhn stamme von der indischen Unterart des roten Kammhuhns ab, dessen wissenschaftlicher Name Gallus gallus murghi lautet. Es ist von allen fünf Unterarten die zahmste und deswegen leicht zu domestizieren. Im pakistanischen Industal, in den Ausgrabungsstätten einer fast 5.000 Jahre alten Hochkultur, hatten Forscher Beweise dafür aufgespürt: Siegel und Statuetten dieser Kultur zeigten das Haushuhn - vor allem beim Tierkampf. Außerdem waren die Hühnerknochen, die sie fanden, größer als die der Wildarten. Auch das war ein Beweis dafür, dass das Huhn schon domestiziert gewesen sein musste, denn der Mensch selektierte gezielt die größeren Tiere für seine Hühnerhaltung. Je kräftiger die Hühner waren, desto besser eigneten sie sich für den Hahnenkampf und zum Verzehr.

Rätselhafte Funde in China

Doch dann stieß man in Nordchina auf noch ältere Haushuhnknochen: Fast 8.000 Jahre waren sie alt. Allerdings gehörten diese Knochenfundstellen nicht zum Verbreitungsgebiet der Wildhühner. Dort, wo man die Haushuhnknochen fand, gab es zu keiner Zeit wildlebende Hühner. Das Huhn muss also schon vor über 8.000 Jahren an anderer Stelle gezähmt worden sein. Erst danach ist es als bereits domestiziertes Haustier nach China importiert worden. Das Huhn gehört damit zu den ältesten Haustieren überhaupt.

Die Genetik enttarnt das Ur-Huhn

Foto: Das Cochinchina-Kammhuhn
Die Cochinchina-Unterart des Bankivahuhns erkennt man an den weißen Ohrlappen.

Um das Rätsel zu lösen, bemühte man die Gentechnik: Man verglich das aus den Knochen gewonnene Erbmaterial eines modernen Haushuhns mit den genetischen Codes der fünf bekannten Unterarten. Dabei stellte sich heraus: Die größte genetische Ähnlichkeit hat unser Haushuhn mit der stattlichsten Unterart des roten Kammhuhns, dem Cochinchina-Kammhuhn, lateinisch Gallus gallus gallus. Es ist vor allem in Vietnam und Thailand beheimatet. In dieser Region Südostasiens müssen Menschen also die ersten Hühner als Haustiere gehalten haben. Funde, die dies belegen, gibt es bislang jedoch nicht.

Prestigeobjekt und Kulttier

Grafik: Wege nach Europa mit roten Pfeilen gekennzeichnet
Vom äußersten Zipfel Südostasiens aus trat das Haushuhn seinen Siegeszug über die Welt an.

Von hier aus gelangte das Haushuhn über zwei Wege nach Europa. Sowohl Knochenfunde als auch alte Darstellungen belegen das. Weg Nr. 1 führte über das Industal und Persien in den Mittelmeerraum, während das Haushuhn auf dem Weg Nr. 2 über China und Russland nach Osteuropa eingeführt wurde. Spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr.  kam das Huhn nach Griechenland, wo es hauptsächlich für den StichwortHahnenkampf benutzt wurde. Die Griechen nannten das Huhn auch "persischer Vogel" - eine Bezeichnung, die auf seine Herkunft hinweist. Durch griechische Kolonien an der Küste Italiens lernten die Römer das Huhn kennen - und lieben: Zahlreiche Knochenfunde in Luxusvillen und Offiziersunterkünften belegen, dass Geflügelfleisch vor allem bei wohlhabenden Menschen begehrt war. Außerdem glaubten die Römer an die hellseherischen Kräfte der Hühner: Aus ihrem Fressverhalten deutete man den Ausgang großer Schlachten voraus.

Vom Dschungel in die Legebatterie

Von da an war die Erfolgsgeschichte des Haushuhns nicht mehr aufzuhalten. Im ersten Jahrhundert v. Chr. war das Haushuhn schon über weite Teile Europas verbreitet. Oft hatte das Huhn kultische Bedeutung: Das Geflügelfleisch als Grabbeigabe sollte den Toten als Wegzehrung dienen. Doch im Laufe des Mittelalters wurde der Nahrungsaspekt immer wichtiger. Durch StichwortKreuzungen entstanden bis heute 150 verschiedene Rassen. Ernsthafte Zuchtbemühungen, die  z. B. gezielt Lege- und Mast-Rassen trennten, kamen erst im 19. Jahrhundert auf. Die Idee der Geflügelfarmen entstand sogar erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Heute haben diese Hybridrassen die ursprünglichen Rassen von den Höfen verdrängt. Durch ständiges Wegnehmen der Eier wurde die Fruchtbarkeit erhöht und die Brutlust verringert. Während das rote Kammhuhn maximal 36 Eier pro Jahr legt, schaffen Legebatteriehühner bis zu 270 Eier im Jahr!

Stichwörter

1 Hahnenkampf
Der oft mit Wetten verbundene Kampf zweier Hähne, der häufig durch eiserne Sporen in seiner Grausamkeit noch gesteigert wird. Vielerorts verboten, erfreut sich der Hahnenkampf in Südamerika, Südostasien und auch in Teilen Südeuropas nach wie vor großer Begeisterung. Zurück zum Absatz
2 Kreuzungen
Gezielte Paarung von Individuen. Durch die Kreuzung versucht der Mensch gewünschte körperliche Merkmale von Tieren und Pflanzen zu verstärken, beispielsweise die Legeleistung von Hühnern oder die Traubenmenge von Weinreben. Zurück zum Absatz
:

Silvio Wenzel

Stand: 16.05.2007


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